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Mit Rachel Carsons »Stummer Frühling« (dt. 1963) beginnt die Bewegung für den Umweltschutz.

»Gesellschaft im Überfluß« heißt das aufsehenerregende Buch des amerikanischen Wirtschaftswissenschaftlers John Kenneth Galbraith (dt. 1959). 1961 haben in der BR 2532 Aktiengesellschaften ein Grundkapital von 35,5 Milliarden DM. Die BR hat Vollbeschäftigung (1960: 270 000 Gastarbeiter. 1965: 1,2 Millionen).

Von 1950 bis 1962 ist das Bruttosozialprodukt um das Dreieinhalbfache gestiegen, man ist 1961 bei der 45-Stunden-Woche angekommen und steuert auf die 40-Stunden-Woche zu. Damals beträgt das Pro-Kopf-Jahreseinkommen in den USA 11 354 DM, in der Schweiz 6775, in der BR 5746, in der UdSSR 2967, in Indien 272. Der Sektverbrauch in der BR ist gegenüber 1950 auf das Elffache gestiegen, die Heizölproduktion hat sich gegenüber 1955 versiebenfacht.

Nach der Freßwelle (von 1948 bis 1964 sinkt der Kartoffelkonsum um zwei Drittel, der von Brot um 12 Prozent), der Bauwelle (1957 Internationale Bauausstellung in Berlin: die Hochhäuser des »Hansaviertels«) und der Textilwelle folgt die Reisewelle. Groß- und Größtmärkte mit Selbstbedienung (aus Konsumreiz wird »Konsumzwang«!) verdrängen die guten alten »Tante-Emma-Läden«. Auf 1000 Einwohner gibt es 1961 in der BR 112 Pkw, in USA 344, in der DDR 9. Schon träumt man von der »autogerechten Stadt«. – 1961 erhält die BR das erste Kernkraftwerk (Kahl, 15 000 kW Leistung).

Futurologie ist »in«: Der dicke Amerikaner Herman Kahn prophezeit teils Fürchterliches, teils Tröstliches. Man erwartet für 1978 perfekte Fremdsprachenübersetzungen aus dem Computer, für 1989 künstliches Leben und für 2000 eine Welt-Einheitssprache. (Robert Jungk hat bereits 1952 festgestellt: »Die Zukunft hat schon begonnen«). Bei den Biologen wird es ernst; 1963 diskutieren sie molekularbiologische Eingriffe in die menschliche Erbsubstanz und Manipulation von Embryonen im Sinne einer an die Nazi-Theorien und -Praktiken erinnernden »Eugenik«.

Begonnen hat die Zukunft wirklich bei der Weltraumfahrt: Am 4. Oktober 1957 piept der sowjetische »Sputnik I«. Die Schockwirkung in den USA hat die Forderung zur Folge: Amerika muß eine Nation von Mathematikern, Wissenschaftlern und Technikern werden, was zur Einführung der »New Math(ematics)« und mit ihr der Mengenlehre (bis in den letzten deutschen Kindergarten) führt. Am 1. Februar 1958 haben die USA ihren »Explorer I« am Himmel, am 3. Januar 1959 umkreist der erste Satellit (UdSSR: »Luna I«) die Erde, am 3. März 1959 folgt »Pioneer IV«, USA. Den Mond trifft am 12. September 1959 »Luna II« (UdSSR). Erster bemannter Raumflug (Gagarin, UdSSR) 12. April 1961. 16. bis 21. Juli 1969 erste Mondlandung (USA, Armstrong, Aldrin, Collins). Bis 1975 gibt es rund 5000 Forschungs-, Wetter-, Nachrichten-, Spionage- und militärische Satelliten – z.T. mit Kernreaktoren und Laserstrahl-Batterien.

Technischer Fortschritt muß nicht immer ungut sein: Seit 1957 setzt sich in der BR die Tiefkühltechnik für den Haushalt durch.

Seit 1957 gibt es das »unschädliche« Schlafmittel Contergan. Ein Jahrzehnt später beginnt ein Riesenprozeß: Contergan verursacht in den ersten Schwangerschaftsmonaten schwerste Wachstumsstörungen bei Ungeborenen, und bei Erwachsenen kommt es zu Nervenschäden. – Erster Triumph der Unmenschlichkeit einer hochtechnisierten Medizin: Christiaan Barnard transplantiert am 3. Dezember 1967 ein menschliches Herz.

Über die Jugend schreibt Helmut Schelsky 1957 sein Buch »Die skeptische Generation«. Skepsis allein prägt das Bild einer Jugend nicht, die weder die Nazivergangenheit ihrer Väter noch die Hektik des Wiederaufbaus begreifen kann und will (»Trau keinem über dreißig!«).

Protesthaltung und Umweltbedingungen lassen aus »Halbstarken« und »Rabatzbanden« erst »Gammler« (1962) werden, dann »Provos« und »Rocker« (1965). Nur vorübergehend beherrschen die Hippies als »Blumenkinder« der »Flower Power« die Szene der »Wohnkommunen« und »Happenings«. Seit Elvis »the pelvis« (»das Becken«) Presley (1954) und den Beatles (1964) werden Rock- und Beat-Festivals zu Kollektiv-Ekstasen oder Kollektiv-Aggressionen mit Totalzertrümmerung des Konzertsaals. Äußerst bedenklich ist die unaufhaltsam steigende Drogensucht (Haschisch, Meskalin, LSD und Heroin). Prophet der »Bewußtseinserweiterung« durch »psychedelische« Drogen ist der 1922 geborene Harvard-Psychologe Timothy Leary (1970 in USA zweimal zu 10 Jahren Gefängnis verurteilt, Flucht nach Algerien).

Die Jugend steht im Vordergrund aller Reformprogramme. »Alle Macht den Kindern!«, fort mit »Pression« und »Repression«! Mit Hilfe »antiautoritärer Erziehung« (nach A. S. Neill – Summerhill 1921! – und Wilhelm Reichs orgon-trächtigem »Dialektischer Materialismus und Psychoanalyse« von 1934) sollen aus Kindergärten »Kinderläden« werden. Der »Bildungsnotstand« wird ausgerufen. Die Reformprogramme für Schulen und Hochschulen aller Kategorien überschlagen sich geradezu.

Studentenproteste gegen veraltete Strukturen an den Universitäten (»Unter den Talaren der Muff von tausend Jahren!«) werden zum Anstoß für die Formation einer »Neuen Linken« als Außerparlamentarischer Opposition (APO). Die »Roten Zellen« veranstalten, immer amerikanischen Mustern folgend (insbesondere University of California in Berkeley, 1964), »gewaltlose« »Sit-in’s« und »Go-in’s«. Bei den »Diskussionen« der »Teach-in’s« wird der Gegner bereits durch Drohungen »verunsichert« und niedergeschrien. Von Toleranz ist entsprechend Herbert Marcuses »Kritik der reinen Toleranz« und dem Leninschen Prinzip der »Parteilichkeit« keine Rede mehr. Bald heißt die Parole beim »Langen Marsch durch die Institutionen«: »Subversive Aktion«, eine Zeitschrift nennt sich »Anschläge«, und es ist soweit: Es gibt Gewalt auch »gegen Sachen«: In Frankfurt brennt das erste Kaufhaus. Bei Demonstrationen fliegen Molotow-Cocktails. Und zur gleichen Zeit kommt es nun zur Gewalt auch gegen Personen: Mißliebige Professoren werden verprügelt, im Ganoven-Jargon als »Bullen« diskriminierte Polizisten niedergeschlagen. Bei der Befreiung des Kaufhausbrandstifters Andreas Baader kommt es am 14. März 1970 zum ersten Mordanschlag. (Im gleichen Jahr 1970 erhalten die Achtzehnjährigen – mit den Stimmen aller Parteien – das aktive und passive Wahlrecht, 1975 die Volljährigkeit.)

Der durch die »Pille« geförderten Enttabuisierung des Sexus (deutsches Modelclass="underline" Oswalt Kolle »Deine Frau – das unbekannte Wesen«, 1965 in »Quick«, dann als Buch und Film) folgen die ersten Wellen der von Schweden und Dänemark ausgehenden Pornoflut: Sex-Shops, Pornofilme und -leihfilme, Gruppensex, für feinere Leute »Schwarze Messen« (überhaupt wird Satanismus die große Mode – Ira Levin: »Rosemary’s Baby«. 1966), für Literaten feiert der Marquis de Sade, der größte Porno-Langweiler aller Zeiten, fröhliche Urständ (dt. 1962), auf der Bühne durch Peter Weiss’ »Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats, dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade« (1964).

Um 1960 verstärkt sich das Interesse für Parapsychologie (»Okkult-Welle«), in die man auch die Deutungsversuche für die seit den fünfziger Jahren immer wieder angeblich beobachteten »Fliegenden Untertassen = UFOs« einbezieht.