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Mit Terror greifen Polit-Rocker auch in die Auseinandersetzungen für und gegen die Kernenergie ein. (Der Bau des Kernkraftwerks Brockdorf wird daraufhin auf Gerichtsbeschluß eingestellt.)

In den durch die Watergate-Affäre (1972–74, Sturz Nixons) erschütterten USA, die am 30. April 1975 Vietnam endgültig geräumt haben (die letzten GIs mußten auf den Flugplätzen von Saigon um ihr Leben rennen), folgt auf den Präsidenten Gerald Ford (Republikaner) der Erdnußfarmer und Demokrat Jimmy Carter. – am 9. September 1976 stirbt Mao Tse-tung.

Die am 3. Juli 1977 in Helsinki eröffnete Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE, Fortsetzung 1977 in Belgrad) soll vor allem Entspannung zwischen Ost und West bringen. Doch bleibt es angesichts nur bescheidener Erfolge und nicht weniger Rückschläge beim Hoffen. Von Truppenreduzierung und Abrüstung ist entgegen feierlichen Konferenzerklärungen in Wien weit und breit nichts zu merken.

Die KSZE hat in vielen Ländern des »Sozialistischen Lagers« eine lebhafte Bürgerrechtsbewegung zur Folge (Ausbürgerungen aus der UdSSR – z.B. Aleksander Solschenizyn: »Archipel GULAG« – und der DDR – z.B. Liedermacher Wolf Biermann – oder Totalisolation – z.B. Altkommunist Professor Robert Havemann). Von einem »Prager Frühling« kann keine Rede sein – er endete im August 1968 mit dem Einmarsch der Panzer des Warschauer Pakts. Ob der »Eurokommunismus« (insbesondere Italien und Frankreich) ernstgemeint ist oder nur Taktik, bleibt abzuwarten. In der DDR gibt es keine Selbstmorde mehr. 1970 weist die Statistik auf 100 000 Einwohner noch 30,5 Selbstmorde und 0,5 Todesfälle durch »sonstige Gewalteinwirkung« aus – in der BR 19,8 bzw. 3,1. Seit 1972 (noch zu Walter Ulbrichts Zeit, er starb 1973) meldet die Statistik 0,0 Selbstmorde, in diesem Jahr dann allerdings 32,7 Todesfälle durch »sonstige Gewalteinwirkung«.

In der BR, aber auch im Ausland, wird erbittert diskutiert, ob der Ausschluß erklärter Gegner des Grundgesetzes vom öffentlichen Dienst ein »Berufsverbot« sei (DKP 42 000 Mitglieder, Kommunistischer Bund Westdeutschlands weit über 2500, KPD 7000, KPD/Marxisten-Leninisten angeblich 1000, NPD 15 000 – zum Vergleich SPD 1 000 000, CDU und CSU 850 000. FDP 78 000).

Von 1950 bis 1976 hat die BR an (staatlicher und privater) Entwicklungshilfe 107 550 000 000,– DM geleistet. Die Dritte und Vierte Welt hungert weiter. In Uganda ist seit 1971 Idi Amin Diktator. Ende 1976 wird Angola dank sowjetischer Militärberater und kubanischer Truppen Volksrepublik. Die Weißen in Südwestafrika, Rhodesien und Südafrika (wo man starr an der Politik der Apartheid festhält) bereiten sich auf den Endkampf vor. Im Nahen Osten herrscht seit dem Jom-Kippur-Krieg Oktober 1973 zwischen Israel und den arabischen Staaten »Waffenstillstand« mit Gewehr bei Fuß.

Während in Nordirland katholische und protestantische Frauen sich gegen den Wahnsinn des Bürgerkrieges wehren, erheben sich, als späte Erbinnen der Suffragetten von 1913 (man denke an die entsprechende Folge der britischen Fernsehserie »Das Haus am Eaton Place«!) und motiviert durch »Women’s Lib« in USA, die Feministinnen der BR unter Alice Schwarzer (Zeitung »Emma«).

In der BR gibt es 877 328 Studenten, »Schulreform«-, »Hochschulreform«- und »Numerus-clausus«-Chaos, 18 000 Jugendliche ohne Ausbildungsstelle, 1 060 000 Arbeitslose und 1 800 000 Gastarbeiter sowie einen Schaden von 5 000 000 000 DM durch Wirtschaftskriminalität.

Die 1957 eingeführte »Dynamische Rente« ist und bleibt gefährdet.

Bei den Olympischen Spielen in Montreal lassen die Sportler der UdSSR und der DDR alle anderen weit hinter sich.

Die amerikanische Raumsonde »Viking I« sendet präzise Fotos von der Oberfläche des Planeten Mars.

In Seveso (Italien) gibt es eine Giftkatastrophe.

Pablo Picasso starb am 8. April 1973. Jetzt, 1976, hüllt »Verpackungskünstler« Christo in Kalifornien 40 Kilometer Zaun in Plastikfolie – ein Anblick, der verzweifelt an den Gitterzaun der DDR gegen die BR erinnert: Walter de Maria sucht nach einer Borstelle für sein »Denkloch«.

Erfolgreiche Bücher sind in der BR u.a.: Carl Friedrich von Weizsäcker (Physiker, Philosoph, Friedensforscher und Direktor des Max-Planck-Instituts zur Erforschung der Lebensbedingungen in der wissenschaftlich-technischen Welt [gegr. 1969]: »Wege in der Gefahr – Eine Studie über Wirtschaft, Gesellschaft und Kriegsverhütung«; Saul Bellow: »Humboldts Vermächtnis«; Ephraim Kishon: »In Sachen Kain und Abel«; Reiner Kunze (früher DDR): »Die wunderbaren Jahre«; Hoimar von Ditfurth: »Der Geist fiel nicht vom Himmel«; Erica Jong: »Angst vorm Fliegen«; Curd Jürgens: »… und kein bißchen weise.«

Von Filmen seien genannt: »Lina Braake« (BR): »Sommergäste« (BR); »Von Angesicht zu Angesicht« (Schweden); »Einer flog über das Kuckucksnest« (USA); »Der weiße Hai« (USA); »Taxidriver« (USA).

Gesungen wurden, neben Karnevals-Schunkelweisen, des Bundespräsidenten Walter Scheel Lieblingslied »Hoch auf dem gelben Wagen«, vor allem »Theo, wir fahr’n nach Lodz«, »Mein Gott, Walter«, und »Wenn du denkst, du denkst ..«.

Was bleibt? Zwischen Nostalgie und Terror das große Unbehagen an der Leistungs-, Konsum-, Wegwerf- und Wohlfahrtsgesellschaft mit ihrer Freizeit-, Fernseh- und Fußballkultur. Blickt man allerdings in die rustikal renovierten Gaststätten und sieht den wacker Schmausenden zu, erfreut man sich am Anblick der Urlauber in Mallorca oder auf den Bahamas, staunt man über den Kraftaufwand der Politiker bei ihren Reden, dann ruft man wohl trotz aller Bedenken:

HURRA – WIR LEBEN NOCH!

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1966

Weil ein Nagel verlorenging,

ging ein Eisen verloren.

Weil ein Eisen verlorenging,

ging ein Huf verloren.

Weil ein Huf verlorenging,

ging ein Pferd verloren.

Weil ein Pferd verlorenging,

ging ein Reiter verloren.

Weil ein Reiter verlorenging,

ging eine Botschaft verloren.

Weil eine Botschaft verlorenging,

ging ein ganzes Königreich verloren.

Und alles nur, weil ein Nagel verlorenging.

 

ABRAHAM LINCOLN (1809–1865)

1

»I … Im … Immer wenn d … du glaubst, e … es ge … geht nicht me … mehr, k … ko … kommt ein m … mildtätiger M … Mord daher«, hatte Klaus Mario Schreiber am 6. November 1957 gesagt. Am 27. April 1961 sagte er es wieder.

Wegen der Hartnäckigkeit, mit der Schreiber an diesem seinem Diktum festhielt, hatte Jakob Formann die Grundsteinlegung eines Plastikwerkes bei Tokio vorzeitig abbrechen und nach München zurückfliegen müssen. Er flog zu dieser Zeit ununterbrochen von einem Krisenherd seines Imperiums zum andern. Diesmal gab es in München Ärger. Großen Ärger. Die gesamte Redaktionsleitung, allen voran Frau Dr. Ingeborg Malthus, hatte den Aufstand geprobt, der schon seit Jahren fällig war: den Aufstand gegen den von allen am heftigsten benötigten und am heftigsten befehdeten Klaus Mario Schreiber.

Das Jakob nach Japan übermittelte Ultimatum besagte: Entweder alle verantwortlichen Redakteure legen sofort die Arbeit nieder – oder Klaus Mario Schreiber wird sofort gefeuert. Niemand der Verantwortlichen in der Redaktion (Auflage zu dieser Zeit wöchentlich 1,7 Millionen Exemplare) war willens, sich die Eigenmächtigkeiten, die Frechheiten, den Zynismus, das Saufen und den Dünkel Schreibers noch länger gefallen zu lassen. Also entweder oder!

Direkt vom Flughafen Riem hatte Chauffeur Otto seinen Chef Jakob Formann in das imposante OKAY-Verlagshaus gefahren. Da saß er nun in dem großen Konferenzsaal mit seinen Mahagoni-Paneelen, an der Spitze eines langen Tisches, und alle Verantwortlichen saßen zu seinen Seiten, viele, die schon dabeigewesen waren, als man noch in einer halbzerstörten Wohnung an der Lindwurmstraße, die nur durch eine Leiter zu erreichen gewesen war, die erste Nummer von OKAY (in der RM-Zeit!) produziert hatte, und dazu viele später Hinzugekommene.