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Am unteren Ende des Tisches hockte Klaus Mario Schreiber, eine Flasche, ein Glas und einen Becher mit Eiswürfeln vor sich. Neben ihm saß der Vertriebschef. Der Vertriebschef hatte das Recht, an jeder wichtigen Sitzung der Redaktion teilzunehmen, und er war auch stimmberechtigt. Man schrieb den 2. Mai 1961. Schwüle Hitze lastete über München. Alle waren nervös, Schreiber war voll wie eine Natter und seine Akne gerade wieder einmal im Begriff zu vernarben.

»Wir fordern, daß dieser Schmierer endlich rausgeschmissen wird!« rief, in höchster Erregung, ein nun schon reichlich betagter Herr – der Textchef Dr. Walter Drissen.

»Wenn Sie diesen Unmenschen nicht auf der Stelle entlassen, gehen alle verantwortlichen Redakteure, Herr Formann, und auch ich als Chefredakteur«, sagte Frau Dr. Ingeborg Malthus, die einst in einem Bootsschuppen am Staffelsee zu Murnau nur höchst mangelhaft behaust gewesen war.

»Sie haben den Bogen überspannt, Schreiber!« schrie Textchef Drissen und ließ seinen Armstumpf auf die Tischplatte krachen. »Mit Ihnen ist es aus!«

»Langsam«, sagte Jakob, »langsam, Drissen. Das mit Ihrem Kaiser-Wilhelm-Gedächtnisärmchen tun Sie nie wieder, verstanden? Ich habe einen langen Flug hinter mir. Ich bin momentan etwas geräuschempfindlich. Was fällt Ihnen überhaupt ein, mir, dem Verleger, ein solches Ultimatum zu stellen?«

»OKAY ist kein Hurenhaus …«

»Wir sind Journalisten, keine Schmierer …«

»In der ganzen Branche sind die Eskapaden dieses ewig besoffenen Lumpen das Thema Nummer eins …«

Alle redeten durcheinander.

Jakob brachte sie mit einem Tarzan-Urlaut zum Verstummen.

Dann ließ er sich die Einzelheiten berichten, die zu dem Aufstand geführt hatten.

So kurz wie möglich:

Am 1. November 1957 war die vierundzwanzigjährige, sexuell ambivalente Nutte Rosemarie Nitribitt in ihrem mit kleinbürgerlicher Prachtentfaltung (und Abhorchgeräten) aufwartenden Appartement, Frankfurt am Main, Stiftstraße 36, erwürgt aufgefunden worden. Seither – und bis zum heutigen Tag! – hatte sich die Polizei außerstande gesehen, den Mörder zu finden. Sozusagen als erste Wirtschaftswunder-Ermordete war die Dame mittlerweile zu zeitgeschichtlichen Ehren gelangt – wie man sie früher und auf höherem sozialen Niveau etwa einer Lola Montez hatte zuteil werden lassen.

Wenige Tage nach dem Mord war von Schreiber eine Serie über Rosemarie Nitribitt gefordert worden, es war gerade kein Stoff da, der die Leser vom Stuhl riß – und bei dieser Gelegenheit hatte er den eingangs erwähnten Ausspruch getan. Zum erstenmal.

Ein Verdächtiger war damals festgenommen worden. 1961 saß er noch hinter Gittern. Inzwischen ist er längst frei. Man hat ihm keinerlei Schuld nachweisen können.

Ende April 1961 gab es wieder einmal keinerlei sensationellen Vorfall, über den zu berichten sich gelohnt hätte. Also kam Schreiber prompt mit seiner fixen Idee, über die Nitribitt schreiben zu wollen, und tat den erwähnten Ausspruch zum zweitenmal.

Als dies durchsickerte, weigerten sich Regierungsmitglieder und führende Männer der deutschen Wirtschaft entschieden, OKAY Interviews zu geben, die längst zugesagt und terminiert waren, ja, einer, dem ein Titelblatt in Farben zugedacht war (OKAY brachte nun schon Bilder in Farbe!), erklärte, er werde die Erlaubnis zur Reproduktion seines Konterfeis und in einer Auflage von 1,7 Millionen Exemplaren zurückziehen, wenn er nicht bis 18 Uhr am 3. Mai 1961 die juristisch verbindliche Zusage in Händen halte, daß die von Schreiber geplante Serie nicht erscheine.

Es war jetzt 11 Uhr 37 am 2. Mai 1961, und die Chefredakteurin hatte für alle Fälle längst ein Austauschtitelblatt vorbereiten lassen, denn die Produktion eines Farbtitels dauerte seine Zeit, und die nächste Nummer erschien in sechs Tagen.

Standpunkt der Redaktion: Wenn Schreiber gestattet wird, doch über die Nitribitt zu schreiben, hat OKAY Regierung und Wirtschaft gegen sich – mit allen Konsequenzen!

Standpunkt des Vertriebschefs: Was Schreiber da vorschwebt, ist ein Bericht, in dem der Autor alles auf den Kopf stellen wird! Das habe er ja versprochen! In der Praxis wäre das dann so: Schreiber schließt einige Dinge von vornherein als absolut unsinnig und bösartige Unterstellung aus, so etwa die Möglichkeit, eine ganze Reihe von Industriebossen habe einen Killer aus Übersee angeheuert für den Mord an einer unbequemen Mitwisserin von Rüstungsgeheimnissen, die, wie man aus anderen Fällen wisse, manche Herren im Bett auszuplaudern nicht umhin könnten. Schreiber werde das als total absurd bezeichnen – aber in aller Farbenpracht ausmalen! Folge – so meine jedenfalls Schreiber: Kein Mensch könne OKAY an den Wagen fahren!

In dieser Situation des Kampfes aller gegen Schreiber also hatte die Redaktion Jakob telefonisch gebeten, schnellstens nach München zu kommen und zu entscheiden.

»Wie haben Sie sich die Serie denn vorge …«, begann Jakob, da klingelte das Telefon, das vor ihm stand.

»Ferngespräch aus Rostow, Herr Formann, dringend«, sagte ein Mädchen aus der Telefonzentrale.

Dann war Jakobs Freund Jurij Blaschenko zu hören, atemlos: »Jakob? Wieso bist du in München? Du weißt doch, daß wir hier die Einweihung des Werks haben! Du mußt sofort …«

»Ich komme ja auch sofort!«

»Sofort ist nicht schnell genug! Uns ist eine Katastrophe passiert! Wir alle sind reif für Sibirien, wenn du nicht …«

»Eines nach dem andern, Jurij. In München geht es auch drunter und drüber. Ich rufe in einer halben Stunde zurück«, sagte Jakob und legte den Hörer in die Gabel. Ein Leben führt man … ein Leben …!

Er sah Schreiber an.

»Also bitte, Ihre Vorstellung von der Serie, aber rasch, Schreiber!«

»B … Bitte, Ch … Chef!« Schreiber hielt einen Doppelbogen Layoutpapier hoch, auf dem bereits die Text- und Bildeinteilung festgelegt war und eine gezeichnete Schrift quer über beide Seiten schrie:

OKAY-LESER JAGEN DEN MÖRDER DER NITRIBITT!

»Da … Das ist die g … größte Ge … Geschichte, d … die wir je ge … gehabt haben, Ch … Chef! U … Unsere Leser als D … Detektive! Die unfähige P … Po … Polizei! Die k … korrupte Industrie! O … OKAY-Leser reißen ihnen allen die M … Maske vom Ge … Gesicht! Be … Belohnungen z … zum A … Anreiz!«

»Sie wollen damit ein Preisausschreiben verbinden?«

»Na … Natürlich. T … Tau … Tausend Preise. V … Vom Eigenheim bi … bis zu ei … ei … einem R … Roman von mir! Ch … Chef, so etwas k … kommt nie wieder! Ha … Habe ich Ihnen nicht immer g … gut geraten? De … Denken Sie an die S … Serie gegen die N … Nazis! Wie ich dagegen wa … war von A … Anfang an! Wie a … alles in E … Erfüllung gegangen ist, wa … was ich p … pro … prophezeit habe!« (Verdammt, dachte Jakob, das Belastungsmaterial gegen diesen Herresheim, das Jurij nach Bonn geschickt hat, liegt nun auch schon seine vier Jährchen dort. Sauerei. Nichts ist passiert, überhaupt nichts! Da muß ich mal ein paar SPD-Abgeordnete mit der Nase draufstoßen. Wenn man nur nicht so herumgehetzt würde …) »S … Seit Anfang an bi … bin ich hi … hier d … der F … Feu … Feuerwehrma … mann vom Dienst! Lä … Längst zusperren hätten S … Sie Ihren L … Laden sonst k … können! Mi … Mir r … reicht es jetzt! Entweder w … wi … wir b … bringen die S … Serie oder ich k … kü … kündige!«

»Wenn die Serie gebracht wird, kündigt die gesamte Redaktion«, sagte Frau Dr. Ingeborg Malthus eisig. Textchef Dr. Drissen hob seinen Arm.

»Lassen Sie den bloß unten!« sagte Jakob, gefährlich ruhig. »Unten lassen, habe ich gesagt, sonst fliegen Sie gleich!« Der Textchef senkte gehorsam sein Ärmchen.

»Na – Kornfeld?« Jakob wandte sich an den Vertriebschef, nachdem er auf die Uhr gesehen hatte. Er mußte nach Rostow! Da war also etwas schiefgegangen, verflucht! »Nun machen Sie schon, Kornfeld!«

Oskar Kornfeld, ein sehr großer, sehr dicker Mann, sagte: »Also, ich bin der einzige, der hinter Herrn Schreiber steht, voll und ganz. Was er da bringen will, wird unsere Auflage nur so hinaufschnellen lassen! Dagegen ist der Kerl da aus der Industrie mit seinem Farbtitelbild ein Dreck! Lassen wir den! Der bringt uns keinen einzigen Leser mehr! Aber Schreibers Story … also, da wette ich, daß wir hundert- bis hundertfünfzigtausend Leser mehr kriegen!«