»U … U … Und die Sa … Sache ist mit der R … Rechtsabteilung lä … längst wasserdicht gemacht, Ch … Chef! Ka … Kann uns k … keiner w … wa … was anhaben!«
»Aber eine Inseratensperre wird man über uns verhängen«, schrie Dr. Drissen. (Er ließ sein Ärmchen unten.)
»Das geht nicht so leicht, Herr Doktor Drissen«, sagte der Vertriebschef. »Wer unter solchen Umständen – wenn wir doch ausdrücklich Großindustrie als Urheber des Mordes ausschließen! – jetzt Inserate zurückzieht, der steht mies da, steht obermies da! Die Leute werden sich sagen: Nanu, hat der vielleicht doch Dreck am Stecken? Außerdem haben wir schließlich die Marktwirtschaft, den freien Wettbewerb! Da ist es nicht mehr so wie seinerzeit bei der Nazi-Serie! Heute ist die Konkurrenz da! Heute muß die Industrie inserieren!«
»Was soll denn bei Ihrer Serie eigentlich herauskommen, Schreiber?«
»Na, m … mehr Le … Leser na … natürlich, h … hö … höhere A … Auflage. Sie ha … haben’s doch gehört, Ch … Chef!« Behutsam goß Schreiber sein Glas wieder voll.
»Und Sie meinen, unsere Leser finden den Mörder?«
»N … Natürlich n … n … nie! Da … Das ist do … doch auch sch … scheißegal. W … Wollen Sie den M … Mörder – oder w … wollen Sie m … mehr Auflage? Mit den The … Themen, die wir zur Z … Zeit haben, fä … fällt doch die A … Auflage, ha … habe ich recht, K … Kornfeld?«
»Herr Schreiber hat recht. Hat schon unzählige Male recht gehabt. Und immer wenn es kritisch wurde, hat er eine Serie geschrieben, die uns wieder nach oben riß. Und alle Leser sind gepackt gewesen!« assistierte Kornfeld. »Und die Auflage ist gestiegen und gestiegen, Herr Formann!«
»U … Und ich ver … verdanke die … dieser A … Arbeit hier mei … meine erste E … Ent … Entziehungskur!«
»Die hat aber nur sehr kurz vorgehalten«, bemerkte Frau Dr. Ingeborg Malthus giftig.
»Hö … Hören Sie, ich s … sage ja, ich k … kann auch g … gehen!« Schreiber wurde wütend. »D … Das ist also der D … Dank f … für mei … meine Sch … Schufterei in d … diesem I … Idi … Idiotenstall!«
»Also, das ist doch …«
»Noch ein Wort, und ich vergesse mich …«
Das Telefon läutete.
»Ruhe!« brüllte Jakob, während er den Hörer nahm.
Es war wieder Jurij Blaschenko. Diesmal weinte er: »Jakob, mein Freund, mein guter Freund, du mußt augenblicklich kommen, es ist schon wieder etwas passiert. Ich kann es am Telefon nicht sagen. Aber wenn du nicht sofort hilfst, sind wir alle verloren!«
»Nicht verzagen, Formann fragen! Ich fliege in einer halben Stunde ab.« Jakob knallte den Hörer in die Gabel. »So«, sagte er. »Und wegen einer solchen Lächerlichkeit wird Jakob Formann aus Tokio gerufen, Frau Doktor Malthus?«
»Das ist keine Lächerlichkeit, Herr Formann! Wie ich Ihnen am Telefon sagte, sind wir – der ganze Redaktionsstab – entschlossen, fristlos zu kündigen, wenn Schreibers Serie von Ihnen genehmigt wird.«
Jakob lehnte sich vor.
»Schreiber!«
»Ch … Chef?«
»Sie kennen Gott und die Welt. Wie lange dauert es, bis Sie eine neue Redaktion zusammengestellt haben – aus erstklassigen Journalisten?«
»Z … Zwei, h … höchstens d … drei T … Tage, Ch … Chef.«
»Dann tun Sie’s!« Jakob sah rund um den Tisch. »Meine Entscheidung ist gefallen. Ich lasse mich von Ihnen nicht erpressen, verstanden? Ich nehme Ihre pauschale Sofortkündigung an. Heute abend sind Ihre Schreibtische geleert. Schreibers Serie kommt in die nächste Nummer!«
»Das können Sie nicht machen!« kreischte Frau Dr. Ingeborg Malthus.
»Das kann ich sehr wohl machen! Jakob Formann ist Verleger und Besitzer der Mehrheit. Sie bekommen Ihre Abfindungen, die Rechtsabteilung wird das übernehmen. Frau Kalder, die Witwe des ersten Lizenzträgers, werden wir mit einer Lebensrente beglücken, mit einer sehr hohen! Das wär’s.« Alle saßen erstarrt. Niemand brachte ein einziges Wort hervor. »Noch eine Frage? Nein, wie ich sehe. Von heute an bin ich Alleinbesitzer von OKAY! Wem’s nicht paßt, der kann vor Gericht gehen. Erreichen wird er nichts. Die Lage ist eindeutig gegen Sie alle. Sie sind gefeuert, alle miteinander! Was wollen Sie denn noch, Schreiber, ich habe es eilig, ich muß nach Rußland fliegen!«
»Jaja. I … Ich wollte s … sagen: Da … Das ist ja se … sehr nett, Ch … Chef, da … daß Sie z … zu mi … mir halten, a … aber wollen Sie es sich n … nicht doch noch m … mal überlegen? Sind doch ganz ne … nette und ganz b … begabte K … Kerle – die m … meisten wenigstens!«
»Jakob Formann hat sich alles gründlich überlegt, Schreiber! Jakob Formann ist seiner Zeit immer um zwei Schritte voraus! Und deshalb weiß er, daß hier jetzt frisches Blut nötig ist! Also basta. In den nächsten Tagen bin ich wieder über das Kulturhaus von Rostow am Don zu erreichen. Servus …«
2
»Die Jahre in der Sowjetunion sind entweder Rekord- oder Unkrautjahre, aber alle sind historisch«, sagte Jurij Blaschenko, nunmehr – und immer noch – einer der höchsten Beamten der höchsten Planungsstelle der UdSSR, am Abend des 4. Mai 1961. Danach umarmte er seinen Freund Jakob Formann, küßte ihn (ziemlich feucht) auf beide Wangen und murmelte erschüttert: »Neunzehnhunderteinundsechzig ist ein ganz besonders historisches Jahr für mich. Für ein paar hundert Genossen. Und für Sowjetunion.«
Es bleibt mir nichts anderes übrig, dachte Jakob und küßte zurück. (Das mit dieser Wangenküsserei unter Männern ist inzwischen überall auf der Welt Mode geworden, die Sowjets haben nur damit angefangen.)
Ausgetauscht wurden die erwähnten Zärtlichkeiten auf dem Flugplatz der Stadt Rostow am Don und daselbst am Fußende der Gangway von Jakobs ›Superconstellation‹, die ihn hierhergebracht hatte.
Das sind keine nassen Küsse, das ist etwas viel Schlimmeres, dachte unser Freund und rief erschrocken: »Du weinst ja, Jurij! Um Himmels willen, warum denn?«
»Na, weil das Jahr 1961 eben ein so besonders historisches Jahr ist für mich und ein paar hundert andere und für Sowjetunion. Ab mit uns nach Kasakstan, Wüsten bewässern«, murmelte Jurij und ließ seine Tränen fließen wie’s Bächlein auf der Wiesen.
»Reg dich nicht auf!« sagte Jakob mitfühlend und klopfte Jurij auf den breiten Rücken. »Was auch immer schon wieder passiert ist, ich bin jetzt da! Nicht verzagen, Formann fragen! Was ist also schon wieder passiert?«
»DX 330«, schluchzte Jurij.
»Was DX 330?« fragte Jakob streng. Hier mußte er streng sein zu seinem Freund, sonst heulte der immer weiter, und kostbare Zeit ging verloren.
»Haben wir nicht! Und in vier Tagen wird das Werk eröffnet, und Genosse Vorsitzender Ministerrat Chruschtschow kommt. Und da soll das Werk vollen Betrieb haben. Und ohne DX 330 können wir vollen Betrieb nicht aufnehmen, können wir gar keinen Betrieb aufnehmen und jetzt sag mir bloß noch, in Kasakstan gibt es die schönsten Mädchen der Sowjetunion!« Jurij heulte jetzt nicht mehr. Er war nur noch sehr verbittert. »Weißt du, was DX 330 ist?«
Jakob streckte sich.
»Jurij, mir tun alle Knochen weh. Das war ein verflucht weiter Flug hierher. Ich bin gekommen, so schnell es gegangen ist, um dir zu helfen. Aber jetzt mach mich nicht wahnsinnig! Ich will nicht wissen, was DX 330 ist, denn das weiß ich selber! Das ist ein Schweröl, das ihr bei der Plastikproduktion braucht. Wissen will ich, wieso ihr, Himmel, Arsch und Zwirn, das auch schon wieder nicht habt!«
Jurij Blaschenko sagte gramvolclass="underline" »Weil die Zentrale Planungsstelle in Moskau es zu einem Eisenkombinat weit hinter dem Ural geschickt hat und weil die dort schon damit arbeiten. Irgendein Idiot hat wieder einmal falsch geplant.«