»Reg dich nicht auf, Jurij, Idioten gibt’s überall.« Jakob gähnte. »Sollen die in Moskau euch doch anderes DX 330 schicken.«
»Können Sie nicht!«
»Können sie nicht?« Jakob runzelte die Augenbrauen.
»Nicht im Moment! Haben sich völlig verausgabt – und uns völlig vergessen. Für uns sind sie lieferfähig erst wieder in drei Wochen. Und in vier Tagen kommt Towaristsch Chruschtschow!«
»Ach, du liebe Scheiße!« Jakob setzte sich auf die unterste Stufe der Gangway. In der Dunkelheit sah er, auf einem Hügel der Stadt, herrlich weiß leuchtend das Riesenwerk, angestrahlt von vielen Scheinwerfern. Sein Riesenwerk! »Ausschauen tut das Ding ja wirklich schön!« meinte er.
»Nur Betrieb aufnehmen kann es nicht«, ächzte Jurij und setzte sich neben Jakob. Dann sagte er einen sehr langen und sehr komplizierten russischen Fluch auf.
»Vollkommen meiner Ansicht«, sagte Jakob. »Und wo kriegen wir jetzt das Schweröl her?«
»Die Rumänen hätten es«, antwortete Jurij mit erstickter Stimme.
»Na also, dann nix wie her damit!«
»Leicht gesagt. Gheorghiu-Dej.«
»Was heißt hier Gheorghiu-Dej?«
»Das ist Genosse Vorsitzender des Staatsrats Sozialistische Republik Rumänien.«
»Na und?«
»Na und, fragt er!« Jurij rang die Hände. »Mit dem Kerl haben wir täglich mehr Ärger.«
»Wieso?«
»Weil er eine Politik betreibt, die sein Land mehr und mehr von Moskau entfernt. Wenn wir den Gheorghiu-Dej jetzt um Schweröl bitten, kriegt der nur einen Lachanfall!«
»Das werden wir erst mal sehen«, sagte Jakob, erhob sich und stolperte die Gangway wieder hinauf.
»Wohin willst du?« erkundigte sich Jurij alarmiert.
»Wie heißt die Hauptstadt von Rumänien?« fragte Jakob neugierig. In Geographie hatte er immer nur Pintsche gehabt.
»Bukarest, Trottel!«
»Dann will ich jetzt sofort nach Bukarest«, gab Jakob freundlich winkend bekannt.
3
Der Flughafen von Bukarest heißt Bǎneasa.
Die wichtigsten staatlichen und militärischen Behörden sind in mehreren riesigen Gebäuden auf dem Platz der Republik im Innern der Hauptstadt der Republica Socialista România untergebracht. Im rechten Winkel zu ihnen steht die Halle der Republik.
Jakobs ›Superconstellation‹ landete in den ersten Morgenstunden des 5. Mai 1961 auf dem Flughafen Bǎneasa. Besatzung und Passagier schliefen sofort tief und traumlos ein. Jakob, sportgestählt und körperlich einfach nicht zu schaffen (sowie im Besitz einer Uhr mit Läutwerk), erwachte Punkt 7 Uhr 30. Er wusch und rasierte sich an Bord, zog einen anderen Anzug an, ließ die Besatzung pennen und fuhr mit einem Taxi in die Stadt.
Um 9 Uhr 05 saß Jakob Herrn Mihail Majorescu in dessen Büro gegenüber. Majorescu war einer der höchsten Beamten im Energieministerium. Die beiden Herren kannten einander – Majorescu war einmal nach Deutschland gekommen, um sich, mit einem Stab von Spezialisten, Jakobs Plastikfabriken anzusehen. Dabei hatte er einen halblauten Seufzer ausgestoßen, der dennoch sehr wohl an Jakobs Ohr gedrungen war. In Erinnerung an diesen Seufzer gedachte Jakob nun, sein Ziel zu erreichen. Dieser Mihail sieht gut aus, dachte er, den verdienten, hochdekorierten Genossen betrachtend. Der war ein schlanker, großer Mann mit oliv getönter Gesichtsfarbe, schwarzem Schnurrbart, schwarzem Haar und stahlgrauen Augen. Über dem verdienten Genossen hing eine große Fotografie des Vorsitzenden des Rumänischen Staatsrats, Gheorghiu-Dej, an der Wand. Mit der Zeit lerne ich so wirklich die Hohen Herren der ganzen Welt kennen, dachte Jakob.
»Was kann ich für Sie tun, mein Freund?« fragte Mihail Majorescu. Er sprach (zum Glück) Deutsch und hatte sich in der Bundesrepublik sehr gut mit Jakob verstanden. Jetzt vertraute Jakob sich ihm an. Er schloß mit den Worten: »Der Zug muß aber schnellstens und mit jedem Vorrang abfahren und so viel Schweröl bringen, daß das Werk da bei Rostow mindestens für drei Wochen genug hat.«
Der schöne Mihail sagte entsetzt: »Herr Formann, ich bitte Sie – sind Sie wahnsinnig geworden? Schweröl nach der Sowjetunion? Haben Sie noch nie von den ideologischen Spannungen gehört, die zwischen unseren beiden Ländern bestehen?«
»Mein Gott, natürlich«, sagte Jakob. Und traurig: »Wenn Sie wüßten, wie gerne ich Ihnen die Freude gemacht hätte, lieber Freund Majorescu!«
»Freude?« Majorescu bekam den Blick eines abgestochenen Kalbes.
»Ja.« Jakob nickte. »In Deutschland waren Sie doch so begeistert von meinem großen Mercedes! Ich erinnere mich genau an den halblauten Seufzer, den Sie ausgestoßen haben. Damals habe ich mir selbst versprochen: Mein Freund Mihail Majorescu kriegt auch so einen großen Mercedes – als Geschenk. Bei der nächsten passenden Gelegenheit. Jetzt hätten wir so eine Gelegenheit!«
Majorescu zog an seiner Krawatte und murmelte tragisch: »Sie wissen genausogut wie ich, daß unsere Gesetze es verbieten, einen Mercedes einzuführen, Herr Formann! So etwas geht einfach nicht!«
»Nicht in einem Stück, das weiß ich wohl«, sagte Jakob.
»Was soll das heißen?«
»In vielen Stücken«, erwiderte Jakob geduldig. »In vielen Ersatzteilstücken. Ersatzteile dürfen doch importiert werden, oder?«
»Ersatzteile schon, aber …«
»Nichts aber. Es werden so viele Ersatzteile kommen, daß man daraus einen ganzen großen Mercedes zusammenbauen kann. Lauter kleine Geschenksendungen. Sie haben mir doch in Deutschland erzählt, daß Sie eine so sehr große Familie haben, über das ganze Land verstreut. Es würde jedes Mitglied rechtzeitig vor Weihnachten ein Liebesgabenpaket bekommen. Zum Heiligen Abend wäre alles da, und ein paar tüchtige Mechaniker brauchten das ganze Zeug bloß wieder zusammensetzen. Sie haben Speichel im linken Mundwinkel, Freund Majorescu, verzeihen Sie.«
Majorescu wischte das Zeichen seiner Gier fort, während Jakob an die Bedingten Reflexe des Professors Iwan Petrowitsch Pawlow dachte. Majorescu sagte: »Wie soll ich aber, wenn man mich fragt, erklären, wieso ein Zug mit Schweröl in die Sowjetunion geschickt worden ist, lieber Herr Formann? Wo bekomme ich alle nötigen Papiere her?«
»Mein Gott«, sagte Jakob. »Irren ist menschlich. Natürlich sind die Papiere bei Ihnen von jemanden – man wird ihn wohl nie finden – aus Versehen ausgestellt worden, lieber Freund. Und nach drei Wochen wird die Sowjetunion den Zug auch wieder zurückschicken. Wird dann halt sowjetisches DX 330 drin sein. Kein Mensch kann das von rumänischem unterscheiden. Es dauert bloß alles so lange auf dem Behördenweg, bis es wieder in Ordnung ist. Am besten wird es sein, falls niemand etwas bemerkt – und das nehme ich an, wenn ich mir den Betrieb in euern Behörden so betrachte –, Sie schlagen selber Alarm, lieber Freund, in, sagen wir, zwei Wochen! Das bringt Ihnen bestimmt auch noch eine Beförderung ein. Und passiert ist ja überhaupt nichts. Schweröl und Zug kommen zurück. Aber Sie haben sozialistische Wachsamkeit gezeigt, beispielhaft! Und den Mercedes – wenn er im neuen Jahr zusammengebaut ist und Sie damit herumfahren, und es stellt einer blöde Fragen – den Mercedes haben Sie von mir persönlich als Geschenk erhalten, als wir den Vertrag über den Bau eines Plastikgroßwerkes in Rumänien miteinander abgeschlossen haben, das dann schon im Entstehen sein wird.«
»Moment! Nicht so schnell! Wann haben wir zwei einen solchen Vertrag abgeschlossen, lieber Herr Formann?«
»Na, soeben, Freund Majorescu! Ich prophezeie Ihnen eine glänzende Karriere.«
»Es ist Ihnen doch klar, daß ich Sie jetzt anzeigen muß, nicht wahr? So leid es mir tut. Mit Ihnen ist es aus!«
»Vollkommen klar, Freund Majorescu. Die Zeit eilt wirklich. Wenn Sie vielleicht sofort das Nötige veranlassen wollten. Und ich meine nicht nur die lange Liste mit den Adressen Ihrer lieben Angehörigen!«
Freund Majorescu sah Jakob mit flackernden Augen etwa so lange an, wie man braucht, um bis neun zu zählen. Dann nahm er einen Telefonhörer auf, wählte und verlangte nach dem Ministerium für Grundstoffindustrie. Das Gespräch, das er führte, war kurz. Ein zweites Gespräch mit dem Ministerium für Transport und Verkehr war nicht länger. Danach sagte Majorescu zu Jakob: »Also, der Tankwagenzug wird schnellstens mit dem Schweröl gefüllt und fährt unverzüglich ab. Wann kommt Chruschtschow? Am siebten? Keine Sorge, da ist das Öl längst da! Sie haben reichlich Zeit in Rostow. Jetzt wissen Sie die Adressen meiner Verwandten. Und jetzt schließen wir einen Vertrag über den Bau eines Plastikwerks. Wir brauchen dringend eines, nebenbei.«