»Die ganze Welt braucht dringend welche, lieber Freund.«
»Das kann ich Ihnen versprechen: Sie werden einen hohen Orden der Sozialistischen Republik Rumänien bekommen!«
»Na, Sie aber auch«, sagte Jakob freundlich und dachte: So ist es schön! Im Bonzenviertel eine Villa. In der Villengarage schon bald ein großer Mercedes. In dem großen Mercedes schon bald der liebe, hochdekorierte Genosse Mihail Majorescu, im Genossen Mihail Majorescu ein Herz, und im Herzen Liebe – für die Arbeiterklasse!
»Also ganz ehrlich, ich bewundere Sie, Freund Formann. Sie sind schon ein toller Kerl!«
»Überhaupt nicht, lieber Freund Majorescu. Jakob Formann ist seiner Zeit nur immer um zwei Schritte voraus.«
4
»Ihr Täubchen«, sagte der dicke, glatzköpfige und leutselige Ministerpräsident der Sowjetunion, Nikita Chruschtschow, glühend vor Begeisterung, »also nu, ihr seht mich, wie soll ich sagen, gerührt seht ihr mich. Zu Tränen, jawohl. Das ist wirklich der phantastischste Betrieb, den ich je betreten habe, der da bei euch, ihr Täubchen, und wenn die Zeitungen heute schreiben, hier schlägt das Herz der Revolution, nu, dann ist das aber wirklich so – dank euch!« Er klatschte laut. Seine Zuhörerschaft, die sich in einer riesigen Werkhalle versammelt hatte, klatschte zurück. So machte man sich Komplimente. Es war in der Tat imponierend, dieses Plastikwerk von Rostow am Don, so in vollem Betrieb! (Seit knapp neun Stunden.) Das zischte und brodelte, daß es eine Lust war. Dank dem guten rumänischen Schweröl DX 330 lief alles wie geschmiert. Der Ausstoß an Plastikrohren für die Überlandleitungen konnte einem den Atem nehmen.
Es waren viele hohe und höchste Funktionäre mit Chruschtschow gekommen. Sie saßen auf einer mit roten Fahnen geschmückten Tribüne. Ihnen gegenüber in der Werkhalle saßen an die fünfhundert Arbeiter, Techniker, Direktoren und Funktionäre, diese nicht ganz so hoch wie die auf der Tribüne vorn (aber was nicht ist, kann ja noch werden …). Viele saßen auf Maschinen. Auch die Halle war festlich geschmückt, rot natürlich. Unmittelbar vor der Tribüne saßen Jurij Blaschenko, ein paar Chefingenieure und Jakob Formann auf rot geschmückten Sesseln.
Jurij sah immer wieder Jakob an. Er schien alles noch nicht fassen zu können. In den Ausdruck von Bewunderung mischte sich ein Ausdruck von Schmerz, glaubte Jakob festzustellen. Wieso Schmerz? überlegte er. Was hat der arme Jurij jetzt schon wieder? Vielleicht muß er daran denken, daß ich einmal in seinem Lager eingesperrt gewesen bin als Kriegsgefangener. Ein guter Kerl, dieser Jurij. Auch dieser Nikita ist ein guter Kerl. Er hat gesagt, er will mit Papst Johannes XXIII. zusammenkommen, um über alle Weltprobleme zu sprechen. Der Johannes sieht dem Nikita ähnlich wie ein Zwillingsbruder. Beide kommen aus dem Volk. Beide sind schlau. Beide sind bestimmt nicht böse. Denn beide lachen oft und gern. Beide sind dick. Und Dicke sind niemals so gefährlich wie die Dünnen, Hageren. Mir scheint, der Johannes ist ein Papst, der etwas taugt. Wenn sich diese beiden Burschen nun zusammensetzten – dann könnten wir alle vielleicht aufatmen in dieser Welt. Wer weiß? Es könnte doch sein, der Johannes tritt der Kommunistischen Partei bei, und der Nikita läßt sich katholisch taufen, und sie sehen ein, daß wir alle nur in ›Einer Einzigen Welt‹ leben und miteinander auskommen müssen, und sie lassen sich was Gutes einfallen, und uns allen ist geholfen … Bis dahin freilich, so meditierte Jakob weiter, müssen wir uns halt selber helfen …
Solchermaßen versank er tief in Träumereien.
Nikita redete noch zehn Minuten. In diesen zehn Minuten klatschten sich alle Anwesenden in Abständen wechselseitig an. Und der Boden vibrierte, so sehr auf Hochtouren arbeitete das Werk. Dann kam der Genosse Vorsitzende des Ministerrates der glorreichen Sowjetunion von der Tribüne und ging die Reihe der Chefingenieure entlang und heftete prächtige Orden an ihre stolzgeschwellten Männerbrüste. Auch Jurij bekam einen. Nach jedem Orden gab es natürlich die übliche Küsserei.
So ist es recht, dachte Jakob. Junge, Junge, was habe ich schon für Ordenverteilereien gesehen! Ihr Hohen Herren dieser Welt, beeilt euch mit dem Verteilen eurer Orden! Die Menschen werden so schnell schlecht …
Schließlich stand Nikita vor Jakob, dankte ihm bewegt und schüttelte ihm heftig die Hand. Ein Dolmetscher übersetzte Artigkeiten hin und her.
Nikita befestigte ein Riesending von Orden in der Gegend von Jakobs Leber. Er fluchte ein wenig dabei, denn es ging schwer. Es geht schwer, dachte Jakob, weil Nikita durch den Vertrag mit der rumänischen Regierung stechen muß, betreffend den Bau eines Plastikwerks, den ich in der rechten Brusttasche habe. Ich Trottel hätte den Vertrag ja auch in die andere Tasche stecken können, also wirklich!
»Erlauben Sie, Herr Ministerpräsident …« Jakob führte Nikita die dicken Händchen mit dem Orden an dem rumänischen Vertrag vorbei. »Sehen Sie, so geht’s!« Er strahlte Chruschtschow an. Via Dolmetscher ließ der ihn wissen: »Werter Herr Formann! Im Namen der Sowjetunion verleihe ich Ihnen hiermit für Ihre hervorragenden Verdienste den Großen Stern der Völkerfreundschaft Erster Klasse in Gold!«
Danach bedankte sich Jakob. Danach küßte ihn Chruschtschow auf beide Wangen. Danach wurde Chruschtschow von Jakob auf beide Wangen geküßt. Und selbstverständlich klatschten wieder alle. Der dicke Nikita warf beide Hände in die Höhe und rief: »Um im Klassenkampf zu kämpfen, meine Täubchen, versteht ihr, haben wir jetzt andere Mittel, und in dieser Hinsicht ist unser Sieg schon sicher! Wir entwickeln unsere Wirtschaft, wir erarbeiten mehr Produktion pro Kopf, und so wird bald die Zeit kommen, nu, nu, da werden wir es mit den Amerikanern ganz leicht aufnehmen können – dank, nu, solcher Männer wie Gospodin Formann!«
Jaja, dachte dieser. Immer nach dem Gießkannenprinzip. Jetzt haben die Sowjets reichlich Wasser bekommen aus meiner Gießkanne, nun müssen die Amerikaner wieder welches kriegen. Auf diese Weise – ich tu, was ich kann – wird mir weder der Osten noch der Westen übermächtig und übermütig … nu!
5
»Ssiehst du«, schluchzte BAMBI sanft lispelnd an diesem Abend im Wohnzimmer des Hauses von Jurij Blaschenko, erschüttert über sich selbst, »da kommt für jede von uns der Tag, wo ßie ßich im Sspiegel ßieht und ßagt: Gucke, Mäuschen, ßo hübsch biste ooch nich mehr!« Das gab sie den beiden Herren bekannt, die vor ihr saßen – Jakob und seinem Freund Jurij.
»Ich verstehe«, sagte Jakob.
»Was verstehst du, Jakob, mein Freund?« fragte Jurij.
»Na das, was ihr mir in der letzten halben Stunde eröffnet habt«, sagte Jakob, der nicht wußte, ob er betroffen oder erleichtert oder beides oder gar nichts sein sollte. In der letzten halben Stunde hatten ihm BAMBI und Jurij nämlich eröffnet, daß sie einander liebten, und daß BAMBI nicht mehr in den Westen zurückfliegen, sondern bei Jurij bleiben, ihn ehelichen und ihm viele Kinder schenken wollte. Aha, hatte Jakob zu Beginn dieses herausgestammelten und gelispelten Geständnisses gedacht, darum also hat der Jurij mich im Werk mit so einem Gemisch von Bewunderung und Schmerz in den Augen angesehen. Schlechtes Gewissen! Auf der anderen Seite nu, nu, habe ich ihm vor vielen Jahren seine Jelena ausgespannt. Es scheint einen Kreislauf nicht nur in der Natur zu geben.
»Und … und du bist mir nicht todböse?« erkundigte sich BAMBI.
»Was für einen Sinn hätte es, wenn ich dir todböse wäre?« fragte Jakob.