»Franzl, du bist wirklich mein bester Freund!« rief Jakob bewegt aus. »Ich muß dir endlich einmal zeigen, wie dankbar ich dir bin für alles, was du für mich tust!«
»Ach, hör schon auf …« Der dicke Arnusch Franzl zierte sich. »Ist doch selbstverständlich, mein Bester!«
»Gar nicht selbstverständlich! Ich will dir auch einmal eine Freude machen. Hast du einen Wunsch? Na! Sag schon! Ist erfüllt, der Wunsch, was immer es ist!«
»Weißt du, ich hätte gern … Nein, das geht nicht …« Der Franzl machte auf verschämt.
»Bei Jakob Formann geht alles! Was hättest du also gern? Raus damit!«
»Du zwingst mich, es zu sagen …!«
»Ich zwinge dich, na klar, mein Lieber! Also, was hättest du gerne?«
»Eine Bank«, sagte der Arnusch Franzl.
»Eine was?«
»Du weißt doch, daß ich mich mein Leben lang für Geld interessiert habe. Eine ganz kleine Bank nur. Nicht hier in Deutschland. Für meine Geschäfte. In Wien am besten.«
»Und das sagst du Esel mir erst jetzt?« regte Jakob sich auf.
»Tja, siehst du, mein Guter, um so eine Bank, auch eine ganz kleine, zu eröffnen, brauche ich natürlich Geld. Und ich wollte doch nicht dich, meinen besten Freund, um Geld …«
»Halt den Mund! Wieviel Geld brauchst du für die kleine Bank in Wien?« Jakob war tief gerührt ob solcher Bescheidenheit seines großen Mentors.
»Ja, hm, also …«
»Wenn du es mir nicht sagst, feuere ich dich!«
»Um Gottes willen, das ist ja Erpressung, mein Bester! Also gut, du zwingst mich: Wenn ich so fünfzig Millionen Schilling hätte, dann könnte ich meine kleine Bank in Wien aufmachen.«
»Fünfzig Millionen Schilling?« hauchte Jakob.
»Da haben wir’s! Ich hab’ gewußt, daß ich nicht davon reden soll. Jetzt bist du erschrocken, stimmt’s?«
»Ja.«
»Siehst du!«
»Aber nur über die Höhe der Summe, Franzl! Was kannst du schon mit fünfzig Millionen Schilling anfangen! Fünfundsiebzig ist das mindeste! Halt den Mund! Kein Wort! Bist du mein bester Freund oder bist du es nicht?« Jakob hatte schon nach dem Telefonhörer gegriffen, um eine seiner Banken anzurufen und die Sache in die Wege zu leiten. Der fette Arnusch Franzl stand ganz still, die Händchen über dem mächtigen Bauch gefaltet, und betrachtete Jakob ernst.
7
»Ich darf, lieber und verehrter Herr Formann, Ihnen namens und im Auftrage des Herrn Bundespräsidenten, der, wie Sie wissen, zu seinem allergrößten Bedauern verhindert ist, für Ihre Verdienste um die Bundesrepublik Deutschland das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband verleihen«, sprach der Bundesinnenminister anläßlich eines Festaktes am Nachmittag des 21. Juni 1961. Zum erstenmal im Leben hatte Jakob einen Frack anziehen müssen, und nun kennt der geneigte Leser auch den genauen Zeitpunkt, zu dem unser Freund anfing, dieses Kleidungsstück (ein Relikt – mehr: ein Fossil aus spätfeudalistisch-frühbourgeoiser Zeit wohlgemerkt!) zu hassen.
Eine illustre Gesellschaft hatte sich aus diesem Anlaß im Festsaal des Bundesinnenministeriums zusammengefunden und wurde nun Zeuge, wie Jakob Orden und Urkunde erhielt. Ein Kammerorchester spielte Vivaldi. Jakob Formann verlor zehn Worte des Dankes für die hohe Auszeichnung und machte ein beherrscht wütendes Gesicht, was keinen der Anwesenden erstaunte, denn alle Anwesenden kannten den Grund für seine üble Laune. Etwa einen Monat zuvor nämlich hatte es einen kleinen Skandal gegeben, oder eigentlich einen gar nicht so kleinen.
Das bekannte Nachrichtenmagazin der Bundesrepublik war etwa einen Monat zuvor mit einer aufsehenerregenden Titelgeschichte erschienen. Der Titel hatte ein Foto des Herrn von Herresheim gezeigt. Darunter war zu lesen gewesen: WIE LANGE NOCH?
Die Titelgeschichte beschäftigte sich mit der Tatsache, daß an wichtigen Stellen der Bundesrepublik alte Nazis saßen, und im besonderen und ausführlich wurde dabei auf Herrn von Herresheim Bezug genommen.
Vor viereinhalb Jahren hatte Jurij Blaschenko auf Jakobs Bitte hin der Bundesregierung belastendes Material über den ehemaligen Wehrwirtschaftsführer schicken lassen, der nun Persönlicher Referent des Staatssekretärs im Außenamt Seefahrt des Bundesverkehrsministeriums war und Jakob so viele Unannehmlichkeiten bereitet hatte. Das Material war gut angekommen und bei der deutschen Bundesregierung viereinhalb Jahre lang gut liegengeblieben, ohne daß das geringste geschah. Viereinhalb Jahre sind eine lange Zeit, hatte Jakob nach seiner Rückkehr aus Rostow (und BAMBIS Verlust) gedacht, und man wird ihm da wohl zustimmen.
Infolgedessen hatte er Redakteure des erwähnten Nachrichtenmagazins auf das bei der Bundesregierung selig schlummernde Material gegen Herresheim aufmerksam gemacht und die Herren, wo nötig, mit Fotokopien versehen, die ihm sein Freund Jurij in freundschaftlichster Weise zuschickte. Gleichzeitig waren PRAWDA und ISWESTIJA so liebenswürdig gewesen, in zwei großen Artikeln bekanntzugeben, wie lange Material gegen ehemalige Nazigrößen bei der Bundesrepublik in Frieden ruht.
All dies hatte den Abgeordneten zum Deutschen Bundestag, Karl Höning (SPD), veranlaßt, in dieser Sache eine Große Anfrage an die Bundesregierung zu richten.
Die Sache erregte die Mitglieder des Deutschen Bundestages ungemein, und mit einer – immerhin! – Zweidrittelmehrheit stimmten sie dafür, daß die Angelegenheit des Persönlichen Referenten des Regierungssekretärs in der Außenstelle Seefahrt Hamburg im Bundesverkehrsministerium, Herrn von Herresheim, sofort vom zuständigen Herrn Minister zu bereinigen sei.
Etwa gleichzeitig hatte Jakob Gelegenheit erhalten, sein altes Wunschvorhaben einem Ausschuß von Parlamentariern zu erläutern. Es ging um den Bau eines großen luxuriösen Fahrgastschiffes! Wie er sich die Sache denn nun vorstelle, wurde er sehr liebenswürdig gefragt.
Nicht minder liebenswürdig erwiderte Jakob, er habe schon vor Jahren erläutert, wie er sich das vorstelle, wäre aber mitsamt seiner Vorstellung abgewiesen worden, nämlich von dem Herrn von Herresheim. Er sei aber gerne bereit, den Herren des Ausschusses (Jetzt habe ich dich, Herresschwein!) die Sache noch einmal zu erläutern. Besonders liebenswürdig sprach er sodann: »Ich bin bereit, das volle wirtschaftliche Risiko für den Betrieb des Schiffes zu übernehmen. Der Bau wird etwa einhundertfünfzig Millionen kosten. Ich hoffe, daß mir aus Mitteln der öffentlichen Hand vierzig Prozent Darlehen und vierzig Prozent Wiederaufbaumittel zur Verfügung gestellt werden. Zwanzig Prozent der Bausumme bringe ich selber ein.«
Das war nur eine reine Michael-Kohlhaas-Haltung (wenn Jakob natürlich auch keine Ahnung hatte, wer Michael Kohlhaas Kleistschen Angedenkens war). 1957 hatte er noch nicht Geld genug besessen, ein Passagierlinienschiff allein zu finanzieren. 1961 besaß er es – und viel mehr! Aber es ging dem Jakob hier nicht darum, daß er die Hilfe der Bundesregierung eigentlich gar nicht mehr nötig hatte, es ging ihm darum, daß er sie 1957 nötig gehabt – und nicht bekommen hatte! Es ging ihm (wie dem Kohlhaas) nicht um das Geld, es ging ihm um die Gerechtigkeit!
Nach halbstündiger Beratung stimmte der Ausschuß den Vorstellungen Jakobs zu. (Na also, Herresschwein!)
Der von Herresheim befand sich zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr in Hamburg. Nachdem Jakob die Zustimmung zum Bau des Luxusliners und noch bevor er das Große Bundesverdienstkreuz erhalten hatte, ging er am Vormittag des 21. Juni 1961 in das Riesengebäude des Verbandes der Deutschen Unternehmer und daselbst in die Abteilung VI, um verschiedene wichtige Papiere für das Entwicklungshilfeprojekt zu holen, das er mit dem Premierminister der afrikanischen Republik Karania, Ora N’Bomba, ausgehandelt hatte. Von einer rotblonden Schönheit mittlerer Güteklasse wurde er im Zimmer des Vorstands der Abteilung VI des VDU gebeten, einen Augenblick Platz zu nehmen. Der Augenblick dauerte eine Stunde.
Jakob las eine Zeitung vom Tage aus. Er hatte Muße, sogar die Kino- und die Theaterprogramme, die Todesanzeigen und den Annoncenteil zu studieren.