Im Annoncenteil fand er dies:
ÖFFENTLICHE DANKSAGUNG
Endlich, nach genau 13 Jahren seelischer und materieller Not und beruflicher Nachteile, wurde der ›Dank des Vaterlands‹ Wirklichkeit! Nach über dreijähriger russischer Kriegsgefangenschaft habe ich heute DM 540,– sog. Heimkehrerentschädigung erhalten. Das entspricht einer Entschädigung
von pro Tag = 48 Pfennig
Dafür spreche ich meinem Vaterlande und dem Ausgleichsamt für die unbürokratische Bearbeitung meinen Dank aus.
Den jetzigen Soldaten empfehle ich, beizeiten eine Kriegsgefangenen-Versicherung abzuschließen für den Fall, daß der ›Dank des Vaterlandes‹ noch schmaler wird oder ganz ausbleibt.
Nass, Bezirksförster, Fürstenau
Gerade nachdem Jakob das gelesen hatte, öffnete sich eine Tür, und heraus ins Vorzimmer trat ein Hüne von Mann, elegant, blond und blauäugig. Wohlgenährt, gesund und kräftig. Er hielt eine Mappe.
»Hallo, mein lieber Herr Formann«, sprach der Hüne fröhlich und schlug Jakob krachend auf die Schulter.
Unser Freund plumpste in einen Sessel. Er fühlte sich einer Ohnmacht nahe, es wurde ihm schwarz vor den Augen, dann ermannte er sich und rief: »Herresschwein, Sie Heim …, ich meine: Herresheim, Sie Schwein, was tun denn Sie hier?«
»Aber, aber, Herr Formann, um Himmels willen, wie sprechen Sie denn?« entrüstete sich die Rotblonde (mittlerer Güteklasse).
»Lassen Sie nur, Jutta«, sagte der von Herresheim milde lächelnd. »Es ist nur die Wiedersehensfreude. Wir sind alte Bekannte. Hier, lieber Freund, bringe ich Ihnen alle Papiere, die Sie für Ihr Entwicklungshilfeprojekt benötigen.« Er drückte die Mappe Jakob in die linke Hand und schüttelte dem Erschütterten, der mit total blödsinnigem Gesichtsausdruck dasaß, markig die Rechte mit der eigenen Rechten.
»Wie kommen Sie hierher?« erkundigte sich Jakob endlich, leicht lallend.
Der von Herresheim lächelte väterlich und blickte stumm die Rotblonde (mittlerer Güteklasse) namens Jutta an.
»Herr von Herresheim ist der Persönliche Referent des Herrn Vorstands der Abteilung römisch sechs«, sagte die Jutta.
»Nun, also dann: Glück auf«, sagte der von Herresheim herzlich.
Jakob erhob sich mit der festen Absicht, dem Kerl in die ölig grinsende Fresse zu schlagen. Doch er glitt dabei aus und wäre gefallen, hätte der von Herresheim ihn nicht behutsam und schnell in seinen starken Armen aufgefangen.
»Hoppla«, sagte der von Herresheim. »Ja, ja, dieser Teppich rutscht immer, ich weiß. Also dann auf Wiedersehen, mein Lieber.«
Jakob raffte sich zu einer neuen Attacke auf, da traten wie durch Zufall zwei sehr breitschultrige Herren in den Empfangsraum und musterten ihn nachdenklich.
»Servus!« sagte Jakob Formann und machte, daß er fortkam.
Am Nachmittag des gleichen Tages wurde dann im Innenministerium Vivaldi gespielt, und Jakob erhielt das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband für ›Besondere Verdienste um den Wiederaufbau der Bundesrepublik Deutschland‹. Der Orden war, wie schon der Name besagt, zu tragen am Großen Bande, der goldene Bruststern links.
Während das Kammerorchester sich durch das Vivaldi-Konzert für Viola d’amore, Violoncello, Flöte, Oboe und Fagott arbeitete und Jakob neben Hohen Herren des Ministeriums Platz genommen hatte, sagte der Innenminister der Bundesrepublik Deutschland zu ihm: »Wundervoll, dieser Vivaldi, nicht wahr?«
Jakob nickte nur. Er konnte vor Wut nicht reden.
»Einer der großen Musiker seiner Zeit«, sagte der Minister. »Johann Sebastian Bach hat einige seiner Werke bearbeitet und ist von Vivaldi nachhaltig beeinflußt worden. Dieses Konzert haben wir eigens für Sie ausgesucht, mein lieber Herr Formann …«
8
Also ist der Hund, der Herresheim, die Treppe hinaufgeflogen, dachte Jakob. Er dachte drei Tage lang nichts anderes, dann wandte er sich in seinem maßlosen Zorn an das bekannte deutsche Nachrichtenmagazin. Von jetzt an wird es kritisch, schöne Leserin, geistreicher Leser, denn der Redakteur, den das Nachrichtenmagazin daraufhin in Bonn beim Innenministerium Auskunft heischen hieß, ist tot. Einem Ondit zufolge, und wir wiederholen ausdrücklich: einem Ondit zufolge, sagte ein Beamter des Ministeriums dem verblichenen Redakteur in schönstem Kölsch: »Isch weiß jar nich, wat dä Herr Formann will. Mehr als dat Jroße Bundesverdienstkreuz kann er nisch kriejen. Is dä Herr von Herresheim noch Persönlicher Referent im Amt für Seefahrt? Nein! Im VDU ist er, ich bitte Sie! Dä Herr Bundeskanzler hat ooch ’ne Persönliche Referenten, den Herrn Doktor Globke, ja, ja, den mit den Nürnberger Jesetzen, nicha, und dä Herr Bundeskanzler hat jesagt: ›Auf den Mann kan isch nich verzichten!‹ Bitte, is dä Herr Doktor Globke also jeblieben. Damit muß sich dä Herr Formann abfinden, dat man bei uns in der Bundesrepublik auf manche Männer eben nich verzichten kann. Wenn ihm dat nicht paßt, kann er ja in’n Osten jehn, zu dä Zoffjets! Is doch überhaupt Österreicher, nicha?«
9
»Telefon, für dich«, sagte Arnusch Franzl zu Jakob, am Abend des Tages, an dem diesem das Große Bundesverdienstkreuz verliehen worden war. Wenn er sich in Bonn befand, wohnte Jakob immer bei seinem Freund. Die beiden hatten in der prunkvollen Halle gesessen und ferngesehen – eine Unterhaltungssendung, betitelt ›Hotel Victoria‹, mit dem singenden, charmanten, schwyzerdütsch sprechenden Vico Torriani.
»Wer ist dran?«
»Düsseldorf. Ein Blumengeschäft. Was weiß ich.« Der Franzl wälzte sich. Jakob nahm den Hörer und nannte seinen Namen.
»Herr Formann, verzeihen Sie die späte Störung, aber wir haben bis jetzt Nachforschungen angestellt und glauben, daß wir Sie gleich benachrichtigen müssen.«
»Was ist los?« fragte Jakob, dieweilen der Franzl freundlicherweise den Tonregler des Fernsehers zurückdrehte.
»Sie haben am Vormittag angerufen und uns einen Auftrag gegeben. Drei Dutzend Sonja-Rosen an Frau Julia Martens, Düsseldorf, Graf-Adolf-Straße 312.«
»Ja, und?«
»Es tut uns leid, Herr Formann, eine Frau Martens wohnt dort nicht.«
Jakobs Schläfennarbe zuckte.
»Unsinn! Ich habe sie doch selber dort besucht!«
»Wann?«
»Vor …« O Gott, ist das peinlich. O Gott, ist das eine Gemeinheit von mir gegen den guten Hasen! »… vor zwölf Jahren.«
»Ja, da hat sie vielleicht dort gewohnt, aber jetzt …«
»Was sagt der Hausmeister?«
»Der weiß von nichts.«
»Wieso weiß der von nichts?«
»Weil er neu ist. Der, der früher da war, ist gestorben. In dem Haus hat sich überhaupt viel geändert. Wirklich, es tut uns leid, Herr Formann, aber wir konnten die Blumen nicht liefern.«
»Das Telefonbuch! Ist das vielleicht auch verstorben?« regte Jakob sich auf.
»Frau Martens steht auch nicht im neuen Telefonbuch, Herr Formann!«
»Haben Sie eines in der Nähe?«
»Ja.«
»Schauen Sie einmal nach unter JULIA-MODELLE, bitte …«
»Einen Moment, Herr Formann, bitte.«
»Ich warte«, sagte Jakob, schwer beunruhigt.
»Der Hase verschwunden?« erkundigte sich der Arnusch Franzl vor dem Fernsehapparat. Vico Torriani und viele hübsche Mädchen präsentierten auf dem Bildschirm soeben ein grandioses Finale.
»Ja«, antwortete Jakob nervös. »Ich meine nein … Das heißt, natürlich meine ich ja … Er ist …«
»… im Hotel Vic-to-ri-a!« dröhnten Torriani und der Mädchen-Chor. Der Arnusch Franzl hatte den Tonregler wieder aufgedreht.
»Bist du wahnsinnig geworden?« Jakob sprang vor Schreck richtig ein wenig in die Höhe.
»Entschuldige … Ich hab’ den Torriani so gerne, und da, siehst du, jetzt ist seine Show vorüber. Du kannst einem aber auch jede Freude verderben!« Wütend knipste der Fette das Gerät aus.
»Ich? Wieso ich? Was kann ich dafür, wenn mittendrin das Telefon … Ja? Ja, liebes Fräulein? Sie haben JULIA-MODELLE? – Sie haben JULIA-MODELLE nicht? … JULIA-MODELLE stehen auch nicht im Telefonbuch? Aber das ist doch … aber das gibt es doch … da muß ich selber runterkommen und nachschauen. Die Rosen behalten Sie vorläufig … Nein, haben Sie keine Angst, bezahlen tu ich sie ja auf alle Fälle! Und recht vielen Dank, Fräulein …«