Dann vernahm Jakob die Stimme seines Vertriebschefs. (Er hatte seinerzeit den Redakteuren gekündigt, den anderen Angestellten nicht.)
»Herr Formann!« jubelte der Vertriebschef. »Haben Sie denn unsere Telegramme nicht gekriegt?«
»Kein einziges. Wo habt ihr sie hingeschickt?«
»Na, ins Kulturhaus nach Rostow!«
»Da liegen sie wohl noch. Was ist los? Geht die Serie wirklich so gut?«
»Gut? Das ist überhaupt kein Ausdruck!« Kornfeld schrie jetzt. »So was war noch nie da! Zweihunderttausend Exemplare mehr nach den ersten drei Teilen! Und wir steigen und steigen!«
»Dann muß der Schreiber weiter- und weiterschreiben!«
»Das ist ja das Kreuz! Er will nur eine kurze Serie, sagt er.«
»Quatsch! Ich kenne ihn doch, den Lumpen, den versoffenen. Mehr Geld will er! Und jetzt hat er uns in der Ecke und kann uns erpressen. Er muß einfach weiterschreiben! Und wir müssen ihm mehr Geld geben!«
»Gott sei Dank, daß Sie das bewilligen, Herr Formann. Es kommt hundert- und tausendfach wieder rein! Sie wissen ja, was ich früher immer gesagt habe: ›Text, das ist der Dreck, der zwischen den Inseraten steht!‹ Ich habe mich geirrt. Jetzt, beim HUMMER, da sind die Inserate der Dreck, der zwischen dem Schreiber seiner Serie steht!«
»›Chivas‹ muß er saufen«, brummte Jakob. »Vor ein paar Jahren hat’s noch ›Johnnie Walker‹ getan. Und ganz am Anfang Weinbrandverschnitt. Mit der Bundesrepublik geht’s bergauf!«
»Toi, toi, toi, Herr Formann. Nicht verschreien!«
»Da haben Sie recht, nicht verschreien«, sagte Jakob und klopfte auf Holz. Als er sich verabschiedet und das Gespräch beendet hatte, kam der fette Arnusch Franzl in die Halle. Er strahlte.
»Du strahlst ja so, Franzl?«
»Nachricht für dich!«
»Was für eine Nachricht?«
Der Arnusch Franzl ließ sich ächzend auf eine ächzende Couch krachen. »Na, du warst doch so außer dir wegen dem Hasen … Wo der ist … Ob der sich was angetan hat … Völlig meschugge warst du, als du angekommen bist … Da habe ich mir gedacht, ich muß mich gleich selbst darum kümmern …«
»Und? Wo ist der Hase?« flüsterte Jakob.
»Gleich. Laß mich erzählen, wie ich es angefangen habe. Ich habe alle unsere Piloten verständigt. Die haben die besten Verbindungen zur Polizei auf den Flughäfen.«
»Wieso Flughäfen?«
»Mein Bester, was tut eine Frau, die gerade ihre Wohnung und ihr Geschäft verkauft und ihren Geliebten verloren hat, in ihrer Verzweiflung?«
»Na was? Red schon. Was tut sie?«
»Sie haut ab von dort, wo es passiert ist, habe ich mir gesagt. So weit wie möglich haut sie ab. Bloß an nichts mehr erinnert werden. So denke ich. So denkt jede Frau.«
»Du bist ja gar keine.«
»Aber ich kann mich in eine hineinfühlen«, erklärte der Arnusch Franzl triumphierend. »Und ich hab’ mich richtig hineingefühlt! Die haben auf allen großen Flughäfen nachgeschaut – unseren Piloten zuliebe –, wer um diese Zeit herum – August, September fünfundfünfzig – weit weggeflogen ist …«
»Sie hätte ja auch ein Schiff nehmen können.«
»Hätte sie, ja. Aber hat sie nicht. Wie es so geht im menschlichen Leben. Geflogen ist sie!« Der fette Franzl schlug auf einen Zettel, den er in einer Hand hielt. »Und zwar mit der LUFTHANSA! Erster Klasse! Von Orly aus! Am vierzehnten August 1955 um zwanzig Uhr zehn mit Flug fünfhundertundelf über London nach Los Angeles!«
»LUFTHANSA? Nach Los Angeles?«
»Sage ich doch, mein Guter.«
»Aber warum? Was macht sie in Kalifornien?«
»Das habe ich natürlich nicht rauskriegen können, mein Bester.« Jakob krachte gleichfalls auf die Couch.
»Ich werde verrückt. Nach Kalifornien«, murmelte er …
13
JUNGE NEGER!
Seid ihr das Opfer rassisch bedingter Vorurteile? Weigern sich weiße Mädchen, sich von euch nach Hause begleiten zu lassen? Als Soldaten der USA könnt ihr ins Ausland reisen! Die weißen Mädchen in Deutschland, England und Frankreich warten nur darauf, euer gesundes Lachen zu sehen! Meldet euch noch heute zur Armee!
»Sauerei so was«, sagte Jakob wütend und schlug mit der flachen Hand auf die große Annonce im Inseratenteil der Zeitung. »Den armen Jesus haben sie zuerst ins Ausland geschickt und dann daheim umgebracht, verflucht, verflucht, verflucht!«
»Hör schon auf«, sagte sein alter Freund George Misaras. »Steht also wieder nichts drin, was?«
»Nicht die Spur.«
»Hätte ich dir sagen können. Der Hase will nicht. Oder er ist schon längst woanders.«
»Fünf Detektive habe ich engagiert hier in Kalifornien!« erregte sich Jakob. »Glaubst du, ein einziger hat auch nur die Spur von einer Spur gefunden?«
»Das glaube ich dir aufs Wort, daß keiner eine Spur gefunden hat. Man wird auch keine finden. Wenn dein Hase nicht direkt in einen von deinen Detektiven reinläuft. Ich habe dir doch gesagt, in den Staaten gibt es keine Meldepflicht!«
»Scheiße, verfluchte«, schimpfte Jakob Formann und knallte die große, dicke Zeitung, ein Exemplar des LOS ANGELES INQUIRER vom Tage, dem 28. Juni 1961, auf den Frühstückstisch. Der Tisch stand in der großen Wohnhalle von George Misaras’ Haus an der Rossmoyne Street im nördlichen Stadtteil und Nobelvorort Glendale von Los Angeles. Es gab auch eine junge, sehr hübsche Mrs. Misaras. Kinder gab es nicht. Aber einen großen Park, einen Swimmingpool, wunderschöne Möbel und viele Bilder. Die Bilder kamen Jakob alle ein wenig kindisch vor, er hatte das auch gleich nach der ersten Betrachtung gesagt.
»Ich sammle Bilder der Naiven Malerei, besonders aus Jugoslawien«, hatte Misaras ihm milde lächelnd erklärt.
»Ja, dann!« hatte unser Freund erwidert und dabei verwundert gedacht: Wenn eine Malerei schon naiv ist, warum sammelt man sie dann auch noch?
Nach dem Tode von Jesus Washington Meyer und dessen Familie bei den schweren Rassenunruhen hatte Jakob seinen MP-Freund George Misaras als Leiter der Fertighausabteilung USA eingesetzt. Das heißt: Zuerst hatte er ihn, wie erinnerlich, in einem Hotel in Birmingham zusammengeschlagen, weil er glaubte, es mit einem Mitglied des ›White trash‹, des ›Weißen Abschaums‹, zu tun zu haben. Als Misaras wieder bei Sinnen war und sprechen konnte (mit schmerzendem Kiefer), hatte er Jakob erzählt, daß er gleich nach den ersten Nachrichten von den Zusammenstößen nach Alabama geeilt war, um Jesus beizustehen. (Er lebte in Chicago.) Dann hatte er gehört, daß sich auch Jakob in Birmingham befand, in einem Hotel, und war dorthin gerast, mit dem im wahrsten Sinne des Wortes niederschmetternden Erfolg, daß ihn Jakob k.o. schlug. Nein, nicht nur mit diesem Erfolg.
Nachdem die Trauerfeierlichkeiten vorüber, ihr alter Freund Jesus und dessen weiße Frau Fanny (aus Linz, Österreich) begraben und – bis auf weiteres – wieder Ruhe in Birmingham und Tuscaloosa eingekehrt waren, hatte Misaras erzählt, daß er in Chicago – seine Eltern waren bei einem Autounfall tödlich verunglückt – allein hause und eine Stelle bei einer großen Kartonagen-Firma habe, die ihn gräßlich langweile.
»Dann übernimm doch den Job von Jesus, dem armen Hund«, hatte Jakob gesagt. »Aber nicht hier! Nur weg von hier! Wir müssen alles verlagern, sämtliche Produktionsstätten.«
»South Gate«, hatte George gesagt.
»Was, South Gate?«
»South Gate, Vorort von Los Angeles. Da hat ein Onkel von mir ein großes Industriegelände gehabt. Onkel auch tot. Das Gelände gehört mir. Ich habe bis jetzt keinen gefunden, der es kaufen wollte. Dorthin könnten wir die Fabriken verlagern. South Gate liegt im südlichen Halbkreis von Los Angeles, weißt du, da, wo die Industrie sitzt. Sie sitzt auch in Compton, Inglewood und Huntington Park. Gleich anschließend kommt die Kette der Ölfelder. Die größte Raffinerie – Standard Oil Company of California – steht in El Segundo. Wenn ich gewußt hätte, wo Jesus steckt, längst hätte ich ihn dahin geholt. Aber ich habe ja keine Ahnung gehabt! Erst als die Unruhen losgingen, hat es einmal im Radio geheißen, daß Jesus da in Tuscaloosa und Birmingham arbeitet – als dein Vertreter. Aber da war es schon zu spät.«