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»Ich kann nichts dafür, Boß! Ich mußte Sie doch benachrichtigen! Dieser Formann ist vor ein paar Tagen hier gelandet, und er scheint was vorzuhaben.« Jakob lächelte milde. »Unsere Leute von der Gewerkschaft haben mir gemeldet, daß dreißig Arbeiter plötzlich erklären, nicht länger streiken zu wollen, weil sie den dringenden Verdacht haben, daß da ein krummes Ding gedreht wird.« Der Detektiv warf Jakob einen herzinnigen Blick zu. »Wir haben sie uns sofort vorgenommen und jedem von ihnen fünftausend zusätzlich versprochen, wenn sie das Maul halten und mit der Rederei aufhören.«

»Sie haben aber nicht aufgehört, sondern im Gegenteil den Kollegen Andeutungen gemacht, daß wer anderer ihnen was geboten hat. Sagen mir meine Leute.«

»Wenn das Ihre Leute sagen, wird’s schon stimmen, Boß.« Jetzt klang die Stimme des Anwalts Jerry Stark beleidigt. »Ich tue, was ich kann.«

»Das ist mir aber nicht genug.«

»Dann nehmen Sie sich einen anderen Anwalt, Mister Corbett!«

Na endlich hat er auch noch den Namen gesagt, dachte Jakob selig, während die tiefe Stimme tobte: »Sind Sie wahnsinnig geworden? Wie können Sie meinen Namen …«

»Tut mir leid, Boß. Aber wenn Sie mich so beleidigen …«

»Ich beleidige Sie nicht, ich stelle nur fest, daß ihr alle zusammen nicht mehr ausreicht, jetzt, wo Formann da ist …«

Die Stimme blendete aus, und die Stimme des Technikers erklang: »Wir wissen, von wo aus Corbett spricht! Die Fangschaltung in dem Sektor hat endlich funktioniert.«

»Wo ist der Mistkerl?« fragte Jakob.

»In ›Harry’s Bar‹! Santa Monica, zwanzig-vierzig Ashland Avenue«, sagte der Techniker. »Sind schon drei Streifenwagen von dem Revier dort unterwegs, um ihn hoppzunehmen. Hoffentlich redet er noch ein Weilchen.«

»Tja«, sagte Jakob.

Die Hoffnung wurde erfüllt.

Corbett redete noch zwei Weilchen. Er sagte dem Anwalt, daß man jetzt eben mit kräftigeren Mitteln vorgehen müsse.

»Heute nacht brennt die erste Fabrik von Formann ab. Machen Sie sich keine Sorgen. Sie haben damit nichts zu tun. Das habe ich schon alles vorbereitet für den Fall der Fälle. Und diesen Streikbrechern wird die Fresse poliert.«

»Hören Sie, Boß, ich muß Sie warnen. Wenn das auch noch geschieht und wenn auch nur das geringste herauskommt, sind wir wirklich im Eimer.« Jakob nickte bedächtig.

»Es kommt nie heraus! Sie sind doch überhaupt am Puma Lake und haben ein herrliches Alibi. Reißen Sie sich ein Mädchen auf heute nacht, machen Sie Tamtam, aber richtig, vielleicht einen kleinen Skandal, so etwas kann nie schaden, und bleiben Sie ein paar Tage oben. Mit diesem Formann werde ich noch Schlitten fahren.« Ach ja, dachte der belustigt, das wäre was. Vielleicht chinesisch? »Morgen nacht brennt die zweite Fabrik runter. Ist alles geplant. Wir müssen nur noch die paar Tage haben, damit Formann nicht liefern kann …«

»Und wenn er uns reinlegt?« Guter Anwalt, dachte Jakob.

»Der und uns reinlegen! Der hat doch keine Ahnung, was los ist! Der hat doch heute den ganzen Tag das Haus von seinem Freund Misaras nicht verlassen. Meine Leute passen da auf, Jerry.« Aber nicht auf den Hintereingang, die Idioten, dachte Jakob. So sind wir nämlich rausgekommen. Er hörte anschwellendes Sirenengeheul.

»Was ist denn das, Boß?«

»Ach, Scheiße, Verkehrsun …« Den Satz sprach John Albert Corbett nicht mehr zu Ende. Jakob vernahm das Fallen des Hörers, undeutliche Geräusche, dann wurde der Hörer in ›Harry’s Bar‹ wieder in die Gabel gelegt – von zarter Hand.

Jakob ließ den seinen auch fallen.

»Den hätten wir«, sagte er zu dem Detektiv. »Bleiben Sie noch einen Moment hier und passen Sie auf diesen Kerl auf, dem Mami die Mädchenkleider verpaßt hat, ich will sehen, daß uns Jerry nicht entwischt. Komm, George!« Die beiden Freunde eilten in die überfüllte Halle. Lift Nummer II kam eben heruntergeglitten. Als er sich öffnete, trat der untadelig gekleidete Anwalt Jerry Stark heraus. Im nächsten Moment war er umringt von sechs freundlichen Herren, die ihn aus der Halle hinaus und in einen der Wagen geleiteten.

Jakob eilte zurück, entbot dem kleinen Manager mit den kleinen Pornoheften einen schönen guten Abend und verließ dann mit dem letzten Detektiv das INDIAN HEAD HOTEL. Die Leute auf der Straße waren noch besoffener als die im Haus. Die Wagen hatten Mühe, wegzukommen.

Der Anwalt saß jetzt neben Jakob im Fond des Lincoln Continental. Sein Gesicht war weiß wie ein frisches Bettlaken.

Jakob betrachtete ihn staunend.

»Sie arbeiten doch in einer so gutgehenden Kanzlei. Warum machen Sie solche Sachen, Stark?«

»Wenn man Ihnen so viel Geld bieten würde …«

Ja, ich glaube, George hat recht, dachte Jakob, es gibt keine Demokratie, kein Recht, keine Völker und Staaten mehr, sondern nur noch Business und Geld, Geld, Geld …

»Aber dafür gehen Sie jetzt in den Knast«, sagte Jakob äußerlich ganz ruhig, aber innerlich voller Unruhe, denn er mußte an Worte denken, die vor vielen Jahren der Major der Roten Armee Jelena Wanderowa in Berlin-Karlshorst zu ihm gesprochen hatte – über die Zukunft des Westens (und er über die Zukunft des Ostens). »Man wird Anklage gegen Sie erheben …«

»… wegen des Vorwurfs der Mitwirkung an einem Verbrechen, wegen der unterlassenen Anzeige eines Verbrechens, wegen Mißachtung der bestehenden Gesetze des Staates California, wegen Anstiftung zu einem Verbrechen in Verbindung mit konspirativer Tätigkeit, wegen …«

»Ich sehe schon, Sie wissen Bescheid, Jerry«, sagte Jakob, indessen sie wieder nach San Bernardino hinunterkurvten – nun war es schon lange dunkel – und fuhr fort: »Und man wird auch Ihren Klienten Corbett einsperren und den Gewerkschaftsvertreter, den Sie im Auftrag Corbetts gekauft haben, und Corbett dürfte damit am Ende sein – so wie Sie, Stark, und wie der Mann von der Gewerkschaft und …« Etwas war Jakob eingefallen. Er flüsterte mit Misaras, der vor ihm saß. Dieser nickte und flüsterte mit dem Detektiv am Steuer. Der nickte auch.

Also brachten sie den Anwalt zunächst auf das für ihn zuständige Polizeirevier in der Normandie Avenue. Dort wurde Anzeige gegen ihn erstattet und er sodann ins Untersuchungsgefängnis überstellt (in welchem zu dieser Zeit Jakobs Rivale, Mister John Albert Corbett, bereits saß). Anschließend fuhren Jakob, Misaras und zwei Detektive hinaus zu dem vornehmen Stadtteil Beverly Hills. Corbett besaß da eine Villa, die ein Filmstar ihm verkauft hatte. Die Adresse lautete 1065 Coldwater Canion Drive. Jakob kannte sich hier aus, er war schon einmal dagewesen, um sich den Prunk- und Protzbau seines Fertighaus-Feindes anzuschauen. Er hatte ein Fahrrad benutzt, weil er sich ein wenig erholen wollte von der Hetzerei, in der er nun schon so lange steckte (er fuhr bekanntlich, wo immer es nur ging, mit dem Rad), und er war denn auch gleich von Polizisten angehalten und in ein sehr höfliches, aber bestimmtes Gespräch verwickelt worden. In Beverly Hills passierte das jedem, der zu Fuß ging oder mit dem Fahrrad auftauchte und Häuser betrachtete. Man möge daraus ermessen, welch feine Gegend Beverly Hills ist.

Diesmal kamen sie durch, ohne angehalten zu werden. Jakob war eingefallen, daß Corbett eine Freundin hatte. Was war das für eine? Wie weit war die in Corbetts Machenschaften eingeweiht? Was würde die schnellstens noch an Belastungsmaterial gegen ihren Geliebten verschwinden lassen? Das hatte er Misaras auf der Rückfahrt von Puma Point zugeflüstert.

Nun glitten sie in ihrem Wagen also durch diese feinste aller feinen Gegenden von Los Angeles, erreichten Corbetts Palast, wurden von einem verschreckten Pförtner, der sein Häuschen neben dem Eingang hatte, eingelassen und fuhren durch einen Palmenhain auf das Schloß in kitschig maurischem Stil zu.

Ein Diener. Noch ein Diener. Ein Butler.

Die gnädige Frau werde sogleich kommen, verhieß der Butler, der aussah wie drei englische Hocharistokraten zusammen. Er verhieß es in einer Marmorhalle, von der eine herrlich geschwungene Treppe in den ersten Stock emporführte. Unmittelbar darauf kam eine herrlich geschwungene junge Frau in einem rotseidenen Hausmantel die Treppe herabgeschritten, sich leicht in den Hüften wiegend, brünett, grünäugig, mit Schmuck behängt wie ein Weihnachtsbaum mit Glitzerzeug. Diese Dame, dachte Jakob, während er sie mit aufgerissenen Augen anstierte, hat den schönsten Busen, den süßesten Popo und die längsten Augenwimpern, die ich jemals bei einer Frau gesehen habe. (Wir aber wissen, daß Jakob bei Begegnungen mit hübschen oder gar schönen Frauen gern in Superlativen dachte – oft freilich mit Recht.) Die hohen Backenknochen – leicht slawisch sieht diese Dame aus. Und grüne Augen … grüne Augen, die in meinem Leben doch schon solche Verheerungen verursacht haben! dachte Jakob bebend.