Misaras betrachtete den Freund tief besorgt. Jetzt geht das wieder los, dachte er.
Die Detektive wiesen sich aus und erklärten den Grund ihres Besuchs. Die Traumfrau bewegte hilflos (oder war es Wurschtigkeit?) die Schultern und verzog die vollen Lippen zu einem bitteren Lächeln. Die Detektive machten sich sofort daran, den maurischen Palast zu durchsuchen. Plötzlich standen Jakob und Misaras mit der Traumfrau allein. Sie musterte beide durch halbgeschlossene Augen, eine Hand in der Hüfte, eine überlange Spitze mit Zigarette in der anderen. Jakob fühlte, wie es ihm heiß in die Lenden schoß.
»Sie müssen Mister Formann sein!« Ihre Stimme klang rauchig, tief.
»Stimmt«, sagte unser Freund mühsam.
Ich bin ja schlimmer als der Wenzel mit seinen Rothaarigen, dachte er, indessen seine Schläfennarbe zu zucken und die Hasenpfote, nein, das war ja gar nicht die Pfote – verflucht, immer diese Peinlichkeit, und die Dame schaut genau hin! – lebendig wurde.
»Ich bin Natascha Ashley«, erklärte die Dame.
Er verneigte sich und küßte ihre Hand, wie die Edle es ihm beigebracht hatte. Ohne Schwierigkeiten, denn Natascha Ashley hob ihre weiße Hand seinem Mund zart entgegen. Jakob staunte darüber, wußte er doch, daß Amerikanerinnen einen Handkuß nicht gewohnt sind und deshalb diesen, beziehungsweise den die Hand Küssenden, besonders gern mögen. Misaras hingegen fluchte stumm. Als Jakob sich aufrichtete, traf ihn etwas schmerzhaft am Kopf. Das Etwas war ein enormer tropfenförmiger Smaragd, der Natascha Ashley, an einer Platinkette, vor dem Prachtbusen baumelte. Dem Zusammenstoß, den Jakob mit seinem bekannt charmanten Lächeln parierte, folgten blitzschnell zwei Jakob-Gedanken.
Erster Gedanke: Allmächtiger im Himmel, das Ding hat mindestens neunzig Karat, wahrscheinlich hundert. Lupenrein. Inzwischen versteht Jakob Formann sich auf so was. Kostet? Also, drei Millionen Dollar sicherlich. Mindestens! Das Ding zieht die Lady ja richtig zu Boden! Die steht so herausfordernd aufrecht ja nur, damit der Klunker sie nicht umschmeißt! Zweiter Gedanke: Ich, Jakob Formann, meiner Zeit immer um zwei Schritte voraus, stehe hier vor der Geliebten dieses Lumpen Corbett, dieser Göttin mit dem phantastischen Busen und dem phantastischen Popo und den längsten Augenwimpern, die ich jemals gesehen habe, und meine Hasenpfote, die gar nicht meine Hasenpfote ist, meint es auch: Diese Göttin muß ich haben, und wenn’s mich das Leben kostet! Na, nicht gerade das Leben. Aber wenigstens einen Smaragd, der noch größer ist als dieser Brummer da.
16
Um einen Brummer zu bekommen, der noch größer war als der, den Natascha schon hatte, mußte Jakob, der wegen der Verhandlungen und Verhöre, die nun folgten, Los Angeles nicht verlassen konnte, den Chef der New Yorker Filiale von ›Cartier‹ per Flugzeug holen lassen. Der New Yorker Direktor hatte mit Paris telefoniert, und dort gab es das Trumm, das Jakob wünschte. Es kam über den Ozean und mit dem New Yorker Direktor von ›Cartier‹ nach Los Angeles. So einen Smaragd gab es kein zweites Mal in der Welt. Dafür kostete er auch dreieinhalb Millionen Dollar. (Und Jakob bekam bei ›Cartier‹ schon ›Special Prices‹!) Mit dem kleinen Angebinde suchte unser Freund die schöne Natascha auf und überreichte es ihr mit der geistvollen Bemerkung, er hoffe, sie damit ein wenig in ihrem Schmerz um den eingesperrten Lebensgefährten Corbett trösten zu können.
»Das kann ich auf keinen Fall annehmen, mein Herr«, sagte Natascha.
»Aber warum denn nicht?«
»Es ist nicht meine Art, Mister Formann. Meine Vorfahren – besonders die meiner armen Mutter – würden sich in ihren Gräbern umdrehen, wenn ich es täte.«
»Die Vorfahren Ihrer armen Mutter …«
Natascha nickte ernst.
»Meine Mutter war eine russische Aristokratin. Direkt verwandt mit den Romanoffs. 1918 verließ sie Rußland und gelangte nach langen Irrfahrten nach Graz. Das ist eine Stadt im Westen des Landes Österreich, wissen Sie. Österreich liegt südlich von Bayern und ist …«
»Ich bin Österreicher, Miß Ashley.«
»Oh, was für eine angenehme Überraschung. Dann wissen Sie also, wo Graz liegt.«
»Hrm … rrrmm …« (Gott, gib mir Kraft und Stärke!) »… ja, gewiß doch, verehrte Miß Ashley, weiß ich, wo Graz liegt. Ich war schon oft dort.«
»How charming. Sehen Sie, und mein Vater war da Offizier und Leiter der Niederlassung einer großen britischen Firma. Aus einer ganz alten englischen Adelsfamilie. Meine Mutter und er lernten einander kennen und lieben und …«
»Russisches und britisches Adelsblut also, Miß Ashley!«
»So ist es, Mister Formann.« Nataschas Busen wogte. Die Hasenpfote, die gar nicht die Hasenpfote war, desgleichen. »Und da haben Sie die Kühnheit, mir das da …« Sie wies mit einer Kinnbewegung auf den Fünfundneunzigkaräter. »… ins Haus zu bringen? Wo ist Ihre Erziehung, Mister Formann? Oder wollen Sie mich absichtlich beleidigen? Das wäre infam … Eine schutzlose Frau …« Der Busen wogte noch heftiger.
»Aber ich bitte Sie, verehrteste Miß Ashley, nichts lag mir ferner.«
»Dann nehmen Sie das Ding hier weg. Sofort! Ich will es nicht sehen.«
»Es sollte doch nur ein ganz kleiner Beweis meiner Verehrung für Sie …« Das ging so eine halbe Stunde.
Dann hatte Natascha einen Weg gefunden, Jakob in seiner Not zu helfen. »… Gott, ich will Sie schließlich auch nicht beleidigen, Mister Formann. Dieser Mensch, dieser Corbett, dem ich mich anvertraut habe, weil ich immer an die Ehrenhaftigkeit von Männern glaubte, die sich mir näherten – die sich mir zu nähern wagten –, dieser Mensch hat mich entsetzlich verletzt durch seine Untat. Und es ist ja auch sehr rührend von Ihnen, daß Sie mir diesen kleinen Trost bringen wollen. Der natürlich nie einer sein kann …«
»Natürlich nicht, Miß Ashley …« Zum ersten Mal in seinem Leben ließ Jakob Formann einen Idioten aus sich machen und merkte es gar nicht.
»… aber um Ihnen eine Freude zu bereiten, und weil Sie es doch gut gemeint haben – nun, also, ich nehme das Geschenk an.«
»Danke! Ich danke, ich danke, Miß Ashley.«
»Sie dürfen Natascha zu mir sagen.«
»Natascha …« Er fühlte heiße Erregung in sich aufsteigen – nicht die ihm schon bekannte in Gefahrensituationen (leider nicht die!). Nein, eine ganz andere, wilde, wüste und hitzige Erregung war das. Er preßte Natascha an sich und wollte sie küssen. Im nächsten Moment hatte er eine Ohrfeige weg.
»Sie sind wohl vollkommen verrückt geworden, Mister Formann«, sprach die russisch-englische Aristokratin mit eisiger Stimme.
»Verrückt, ja«, lallte er blödsinnig, »verrückt nach Ihnen, Natascha …«
»Wenn Sie noch einmal so etwas tun, müssen Sie gehen, Mister Formann!«
»Um Gottes willen … Ich will es ganz gewiß nicht mehr tun! Nur lassen Sie mich in Ihrer Nähe bleiben, Natascha, ich bitte Sie, ich bitte Sie flehentlich …«
»Es sei«, sagte die Dame.
»Und … und … und …«
»Na!«
»… und würden Sie Jake zu mir sagen?«
»Wenn es Sie glücklich macht, meinetwegen. Sie dürfen meine Hand küssen, Jake.« Er stürzte sich auf die Hand. Er preßte seine Lippen auf die Hand. Natascha entzog sie ihm sofort wieder. »Genug«, sagte sie.