(Genug für 3,5 Millionen Dollar! Und damals, 1961, stand der Dollar noch nicht so miserabel wie heute, da wir diese Zeilen schreiben. In seinem ganzen bisherigen Leben hätte Jakob einem weiblichen Wesen, das ihn so behandelte, eine geknallt und es aufs Kreuz gelegt. Mit Natascha schien ein neues Leben für Jakob begonnen zu haben. Diese Göttin … Wie konnte er es wagen zu erwarten, sie mit schnödem Mammon, plump und brutal noch dazu, zu kirren? Das war eine schwere Krise für Jakob, die da begonnen hatte. Jeder Mann kennt so etwas. Jeder Mann hat sich schon ähnlich idiotisch verhalten. Jeder.)
Jakob sah und hörte, wie Natascha, die Unirdische, mit zartem Ächzen in eine Recamière sank.
»Was haben Sie, um Himmels willen, verehrteste Natascha?«
»Luft …«, stöhnte diese, eine Hand an der Gurgel. »Luft! Ich ersticke! Ich kann hier nicht mehr atmen …«
Jakob rannte los und riß ein Fenster auf.
»So habe ich es nicht gemeint, Jake …«
»Wie denn?«
»Ich kann in diesem Hause nicht mehr atmen! Ich bekomme im Hause dieses Schuftes, der mich so betrogen hat, keine Luft mehr …«
»Na, mich hat der Schuft doch auch betrogen …«
»Er hat uns beide betrogen, Jake. Könnten Sie jetzt in diesem Hause noch leben?«
Jakob war erschüttert.
»Nein!« rief er. »Niemals! Und ich verstehe, was für eine Qual es für Sie sein muß, Natascha!«
»Sie verstehen es. Sie haben Verständnis. Das macht mich glücklich.«
»Wenn Sie glücklich sind, bin ich es …«
»Ach, Jake …«, flüsterte Natascha.
»Natascha?« flüsterte Jake, kniend, ihren Arm streichelnd.
»Sie sind so verständnisvoll, Jake …«
»Natascha! Natascha! Was haben Sie jetzt? Warum weinen Sie?«
»Elevado Avenue«, kam es, kaum hörbar, über ihre schönen Lippen.
»Wie bitte?« Er starrte sie an.
»Nummer siebenfünfzwo.«
»Nummer siebenfünfzwo was?«
»Ist zu verkaufen. Schon lange. Ein wunderbarer Besitz. In Beverly Hills. Gar nicht weit von hier. Das Haus doppelt so groß … Der Park doppelt so groß … Der Swimmingpool dreimal so groß … Das alles gehörte dem genialen Regisseur …« Sie nannte einen Namen, den Jakob noch nie gehört hatte. (Aber das bedeutet nichts, dachte er erschauernd, ich bin eben ein ungebildeter Bauer, immer noch.) »Wenn mir jemand helfen würde, hier fort- und dort hinzukommen … Dieser Schuft Corbett hat mir das Haus da überschrieben … Es gehört mir … Man müßte es verkaufen … Aber ich bin ja so hilflos, Jake, ich weiß ja nicht, was Geld ist, was man damit anfängt, was es bedeutet, ein ganz kleines, dummes Mädchen bin ich …«
Drei Tage später hatte Jakob Formann den Palast 752 Elevado Avenue mit Park, Swimmingpool, einfach allem, auch der kostbaren Einrichtung und den herrlichen Kunstschätzen erworben. Um lächerliche sechsundzwanzig Millionen Dollar. Natascha zog um. Sie fühlte sich etwas besser, aber natürlich war sie noch immer sehr deprimiert und schwach. Jakob durfte sie auf den Mund küssen. Kurz! Ein guter Freund halt …
»Sie sind ein Gentleman, Jake. Eine Kreatur wie Corbett hätte vielleicht die Situation ausgenützt … mehr gefordert … Sie nicht, ich weiß, Sie würden das niemals tun!«
»Niemals, Natascha«, stammelte der glückselige Trottel Jakob Formann (der bislang nie im Leben ein Trottel gewesen war), »niemals würde ich auch nur das geringste fordern, was Sie mir nicht freiwillig zu geben bereit sind … Ich liebe Sie! Das kann mir keiner verbieten! Und es wird die Zeit kommen, Natascha, glauben Sie mir, es wird eine Zeit kommen, da werden auch Sie mich lieben!«
»Ach, Jake, bitte, nicht weiter!« Sie preßte die Finger an die Schläfen.
»Ich schweige schon, Natascha. Ich kann warten. Ich kann ein Leben lang warten …«
»Sie sind so gut, Jake.«
»Ach nein, aber ich möchte es gerne sein, Natascha.«
Gleich nachdem dann die hundert roten Rosen, die Jakob bestellt hatte, abgegeben worden waren, ging er. Es war ihm blendend klar, daß er Natascha durch seine Geschenke doch immer wieder nur in Verlegenheit brachte. Und das wollte er nicht!
In den folgenden Tagen versuchte er dann, die Corbett-Villa loszuwerden. Sie war derart mit Hypotheken belastet, daß er sie lieber gleich den Banken überließ.
17
»… Corbett hat fünf Jahre bekommen, der Funktionär von der Gewerkschaft vier, die Corbett-Fabriken in El Segundo haben sie öffentlich versteigert, und damit so etwas nicht noch einmal passiert, habe ich alle erworben mit deiner Dauervollmacht, und so bleibt mir nur noch festzustellen, daß du das größte und hirnverbrannteste Arschloch bist, das mir je begegnet ist«, schloß George Misaras ungefähr ein Jahr später, am 5. Juli 1962, seinen Bericht über alles, was passiert war. Er hatte lange gesprochen, immer so lange, bis er absolut keine Luft mehr bekam. Dann holte er, wie eben jetzt, röchelnd Atem. Und schlug vor Wut auf den Tisch dabei.
»Wieso bin ich das größte und hirnverbrannteste …«, begann Jakob empört, aber George ließ ihn gar nicht zu Ende reden. »Weil du sehr bald dein ganzes Geld an diese Mistbiene verloren haben wirst, darum!« rief er lauthals.
»Georgie-Boy, du weißt, wie gerne ich dich habe, aber wenn du dieses widerliche Wort im Zusammenhang mit jenem Traumwesen noch einmal gebrauchst, vergesse ich mich!« rief Jakob.
»Traumwesen, daß ich nicht lache! Russisch-englische Aristokratin, daß ich nicht an freudlosem Gelächter ersticke!« tobte Misaras wieder los. »Ich habe mich erkundigt! Die Mutter von diesem Früchtchen war adelig und ist irgendwann einmal abgehauen, wann, weiß keiner so genau. In Graz hat sie dann rumgehurt auf Teufel komm raus – eben auch mit einem britischen Offizier, der weiß Gott kein Firmenchef und schon gar kein Aristokrat gewesen ist. Nur daß er sie angebufft hat. Und sie haben’s nicht mehr wegmachen können, es war schon zu spät. Der Papa ist übrigens abgehauen, noch vor der Geburt! Das hat sie dir nicht erzählt, dein Traumwesen, was?«
»N-nein … Und das ist auch eine gemeine Lüge!«
»Das ist keine Lüge! Der Chef unserer englischen Niederlassung ist ein Freund von mir, der hat drei Agenturen angesetzt auf die englischen Aristokraten! Aus dem Kohlenpott ist der! Nichts gegen den Kohlenpott, um Himmels willen, du weißt, ich bin ein Linker! Aber da siehst du, wie dich dein Traumwesen vom ersten Moment an belogen hat, das Biest!«
»George, sag das noch mal, und ich knall’ dir eine!«
George sagte es noch einmal.
Jakob knallte ihm eine.
»Trottel«, sagte Misaras und hielt sich die Backe, denn Jakob hatte ordentlich hingehauen, »siehst du denn nicht, wie die dir das Geld aus der Tasche zieht? Millionen und Abermillionen! Seit einem Jahr bist du jetzt mit ihr zusammen! Unzertrennlich, wie?«
»Bitte, George!«
»Was, ›bitte, George‹? Hast ihn doch Tag und Nacht drinnen bei der! Ich weiß, du warst immer ein munterer Hahn, aber jetzt rammelst du dich noch zu Tode in der Blüte deiner Jahre!«
Dann hatte er wieder eine weg. Diesmal schlug er zurück. Jakob setzte sich überrascht auf den Fußboden in Misaras’ schönem Haus an der Rossmoyne Street. Es lagen da überall herrliche Teppiche herum. Ausgerechnet dort, wo Jakob sich setzte, lag keiner. Der Schmerz schoß ihm vom Steißbein ins Hirn.
»Einen Dreck rammle ich!« ächzte Jakob. »Nimm das Wort im Zusammenhang mit diesem Gottesgeschenk nie mehr in den Mund! Glaubst du, dieser Engel ist käuflich? Ab und zu ein scheuer Kuß auf den Mund, das ist alles, was sie sich vergibt!«
Misaras sah aus wie ein sprachloser Kretin.
»Mach’s Maul zu!«
Misaras befolgte die Aufforderung nicht, sondern stammelte fassungslos: »In Jugoslawien bist du mit ihr gewesen! In Rußland! In Deutschland! In Japan! In Polen! Bei all den Plastik-Werken! Überallhin hast du sie mitgeschleift auf deiner Raserei durch die Welt! Nach Südamerika, zu unserer Niederlassung in Buenos Aires! Nach Mexiko! Nach Peking! Weil du dort auch baust! OKAY hat dauernd Fotos von ihr gebracht, und so ein armer Hund hat sich immer wieder Hymnen dazu einfallen lassen müssen!«