»Der wird dafür bezahlt, der Schreiber!« brüllte Jakob.
»In Kairo warst du mit ihr! In Indien! In Portugal! In Spanien! In Italien! Überall, wo du deine Geschäfte machst! Allen deinen Partnern und deinen Gegnern hast du sie präsentiert wie das Huhn, das goldene Eier legt! Jawohl, Gegnern habe ich gesagt! Du hast eine Menge, und es werden immer mehr, je erfolgreicher du wirst! Richtige Feinde hast du! Die warten nur darauf, dir das Messer in die Rippen zu rennen! Gib dir nur Blößen! Gib nur, gib nur! Renn selber in ihr Messer! Du glaubst, du bist der einzige reiche Mann auf der Welt? Trottel, verfluchter! Dein Riesenimperium ist bisher so geschmiert gelaufen, weil du immer über genügend Bargeld verfügt hast und alle anderen schnellstens austricksen konntest!«
»Das kann ich immer noch!«
»Wer’s glaubt, wird selig! Mann, diese Natascha, die melkt dich vielleicht!«
»Ich verbitte mir diesen ekelhaften Ausdruck!«
Misaras nahm einen Zettel, setzte eine Brille auf (keiner wird jünger) und las vor: »In England einen Bentley! In Polen nur eine kleine Privatjagd samt Forellenzucht, lächerliche fünfhundert Hektar! Einen Privatjet in Deutschland! Schmuck für – ich habe dich überwachen lassen, lüg nicht, die Summe stimmt! – für siebenundzwanzig Millionen Dollar!«
»Na und, sind’s deine Millionen?«
»Ein Chalet in Gstaad! Unterbrich mich nicht! Eine Lebensversicherung, nur auf sie! Ein Bankkonto, ich weiß, was draufliegt, ich sage es nicht, sonst kotze ich noch, mir wird schon totenübel, wenn ich bloß dran denke, daß sie allein zeichnungsberechtigt ist! Goldbarren die Hülle und die Fülle! Gingen gerade noch rein in einen großen Safe der Bank in der Züricher Bahnhofstraße!«
»Eine Frau braucht Sicherheit, George! Wenn mir etwas zustößt …«
»Ja, ja, Sicherheit braucht sie natürlich, die verfluchte Schneppe!«
Dann hatte er wieder eine weg. Er schlug wieder zurück. Jakob setzte sich wieder auf den Boden. Diesmal milderte ein Smyrna den Aufprall. »Sie ist keine verfluchte was du gesagt hast!«
»Klar ist sie eine was ich gesagt habe! Die hat doch schon den armen Corbett ausgenommen wie eine Weihnachtsgans!«
»Hast du armer Corbett gesagt?«
»Habe ich, ja!«
»Und warum, bitte? Dieser Lump, der uns ruinieren wollte, bestreiken ließ, die Buden abbrennen wollte und uns fast den Hals gebrochen hat?«
»Ihretwegen doch, Mensch!« Misaras haute auf den Tisch. »Doch alles nur ihretwegen! Die hat ihn genauso ausgenommen, wie sie jetzt dich ausnimmt! Der hat doch die Hypotheken auf seine Villa nicht zum Spaß gebraucht! Und auch diese Streikgeschichte war ein Verzweiflungsakt! Corbett mußte einfach mehr, viel mehr verkaufen, um seine Schulden zahlen zu können! Das ist ein ganz ausgekochtes Luder, deine Natascha! Sie ist schuld an allem, was Corbett getan hat!«
»Tut der Corbett dir vielleicht auch noch leid?«
»Von Herzen, Jake, von Herzen! Der ist ein Opfer dieser Natascha! Du wirst auch ein Opfer dieser Natascha werden! Die hat das von der Frau Mama gelernt! Die Frau Mama war nämlich nach Graz ganz groß in West-Berlin im Geschäft, habe ich eruiert!«
»Lüge!«
Misaras konsultierte nur seinen Zettel.
»Ein Chalet in Gstaad hast du gekauft! Eine Villa in Beverly Hills! Ein Schloß am Starnberger See hast du schon! Warum hast du dem Miststück in Gstaad und Beverly Hills Häuser gekauft, Mensch? Warum braucht sie zwei Luxuswohnsitze?«
»Die habe ich nicht ihr gekauft, sondern mir!«
»Ja, aber sie wohnt drin! Sie hat dich gezwungen, die Häuser zu kaufen!«
»Überhaupt nicht gezwungen! Ich habe es ganz von selbst getan!«
»Willst du mir dann bitte um alles in der Welt erklären, warum du derart viele Protz-Häuser brauchst!«
»Weil ich«, belehrte ihn Jakob (so sehr hatte er sich inzwischen dank Nataschas ständigen Lobpreisungen geändert, daß er ihre ewigen Redereien zu seinen eigenen gemacht hatte und auch noch glaubte, was er sagte), »ein großer Mann bin, ein ganz großer Mann.« Er sagte es sehr ernst. »Ich habe natürlich ein halbes Dutzend Wohnungen in der Welt. Ich habe Jahresappartements in den besten Hotels von London, Tokio, New York, Rio de Janeiro und London! Jetzt ist mein Besitz auf Cap d’Antibes fertig geworden. Schau mich nicht so an!« Jakob wurde tragisch. »Da schuftet man und schuftet, da gibt man Tausenden und Abertausenden Heim und Arbeit, da ist man einer der wirklich großen Wirtschaftsführer dieser Zeit und tut Gutes, Gutes, Gutes, wo und wie man nur kann – und selbst darf man sich gar nichts gönnen, wie, nur zu Tode schuften darf man sich, was? Einsam ist man und allein.« Jakob zerfloß in Selbstmitleid. Ach, unerbittlich geht das Leben mit Multimillionären um! Unseres Freundes ganzer Jammer brach aus ihm heraus. »Du, ausgerechnet du, der du mein Freund sein willst, machst mir Vorwürfe? Das hätte ich niemals von dir erwartet!«
Misaras wurde rasend vor Zorn.
»Du hast wohl völlig vergessen, wie das war, als du damals zu diesem blöden Fliegerhorst in Hörsching gekommen bist, was? Nix zu fressen! Nix zum Anziehen! Gut, du hast Glück gehabt …«
»Glück hat nur der Tüchtige«, erklärte Jakob feierlich.
»Ach, leck mich doch … Wie viele Tüchtige haben kein Glück! Glück, Glück, Glück hast du gehabt, und ich und der Wenzel und der Karl und wir alle. Aber damit kann jeden Moment Schluß sein! Oder glaubst du, daß das ewig so weitergeht?«
»Warum soll es denn nicht so weitergehen?« fragte Jakob, ehrlich erstaunt. Der Gedanke, daß es einmal einen Rückschlag geben könnte, war ihm noch nie gekommen.
»Jake, du weißt, wie gerne ich dich habe! Eben darum mache ich mir doch solche Sorgen um dich!«
»Um mich muß sich keiner Sorgen machen«, äußerte Jakob.
Das brachte Misaras erneut in Wut. »Quatsch! Um jeden Menschen muß man sich Sorgen machen! Und bei dir am meisten wegen diesem Luder! Die Mama in Berlin eine Luxusnutte, das Töchterchen natürlich im Internat!«
»Gott sei Dank im Internat«, sagte Jakob Formann, »und Gott sei Dank in einem hervorragenden. Natascha spricht vier Sprachen fließend, sie hat Manieren – dir gewünscht, mir auch! –, überallhin kann ich sie mitnehmen!«
Misaras zerrte an seinem Brillenbügel und las mit bebender Stimme wieder von seinem Zettel ab: »Drei Nerzmäntel für die Dame mit den vier Sprachen und den glänzenden Manieren, dir und mir gewünscht, ja? Zwei Chinchillas! Einen Ozelot! Drei Breitschwänze! Einen Jaguar! Mann, dich sollte man ja unter Kuratel stellen! Aktien von den größten internationalen Industrieunternehmen, damit die Lady nur noch mit dem kleinen Scherchen die kleinen Couponchen abschneiden muß immer, wenn die Zeit gekommen ist, sich für die Zettelchen Geld geben zu las …«
»George!«
»Ich bin noch nicht fertig!«
»Doch, du bist fertig. Ich weiß selber sehr gut, was ich diesem Himmelswesen geschenkt habe. Du hältst das Maul, verstanden?«
Jakob sprach gepreßt, und sein Gesichtsausdruck war so erschreckend, daß Misaras ihn stumm anstarrte. Mit unserem armen Freund war etwas passiert in diesem letzten halben Jahr, das Misaras nicht wußte, das niemand wußte: Er hatte erlebt, was er noch nie zuvor erlebt hatte, nämlich daß eine Frau sich ihm nicht sofort liebend hingab!
Das hatte ihn seelisch umgehauen! Und er hatte sich in diese Haltung verrannt: Ich habe noch jede ins Bett gekriegt, die ich wollte! Das soll doch mit dem Teufel zugehen, wenn ich diese Natascha nicht auch ins Bett kriege! Doch es dauert eben ein bißchen! Ja – das ist ein ebenso irritierendes wie kribbelndes Gefühl. Geld! Was ist schon Geld? Ich habe es massig! Aber wir wollen doch einmal sehen, ob ich diese Natascha nicht zu einer Schlittenfahrt, zu einer Chinesischen, bekomme, verflucht und zugenäht!
»Ich meine ja bloß!« jammerte Misaras. »Ich will doch nur dein Bestes, Jake! Wir alle sind voller Sorge, ich und der Wenzel und der Jurij, ja, da staunst du, wie? Der hat mir geschrieben, wie viele Pelzmäntel du in der Sowjetunion für diese Natascha gekauft hast. Hast du denn die Scheiße vergessen, in der du nach dem Krieg gesteckt hast? Kannst du dich nicht mehr erinnern daran, wie schwer du hast schuften müssen, um das alles aufzubauen, was dir heute gehört? Soll es in Bruch gehen wegen einer kleinen dreckigen …«