»George!« Jakob schoß hoch.
Misaras winkte ab.
»Schon gut, schon gut, ich sehe, dir ist nicht zu helfen. Du hast den Verstand verloren.«
»Ich habe überhaupt nichts verloren«, sprach Jakob voll Würde und Gefühl, »aber du, George, weißt nicht, was das ist: Liebe!«
»Allmächtiger Vater im Himmel!« Misaras vergrub den Kopf in den Händen.
18
Jakob Formann kniete vor drei mal dreizehn brennenden Kerzen, die Hände über der Brust gefaltet, angetan mit einem weithin wallenden schwarzen Umhang, der nichts vom blendenden Weiß der zum Frack gehörenden Weste nebst Hemd, Kragen (oh!) und Fliege ahnen ließ. Vor ihm stand, in silbern schimmerndem Gewand, darüber ein leuchtend purpurroter Mantel, die Sehr Edle und Sehr Mächtige Frau Baronin von Lardiac, Edle Frau und Gerichtsherrin von Valtentante, erbliche Palastdame am Hofe von Jerusalem zufolge des Privilegs, verliehen der sehr ruhmreichen Familie Lardiac durch Kaiser Friedrich den Zweiten, späterhin König von Jerusalem.
Die Edle ließ gerade die flache Klinge eines mächtigen Schwertes auf Jakobs linke Schulter knallen.
»Aua!« sagte Jakob.
Die Edle sah ihn strafend an, schlug ihm auf die rechte Schulter und aufs gebeugte Haupt. Dann sprach sie: »Hiermit schlagen Wir dich, Jakob Formann, in Unserer Eigenschaft als Groß- und Heermeisterin des Hohen Christlichen Ritterordens ›Signum Fidëi‹, das heißt ›Zeichen der Treue‹, zum Ritter und zum Ordensmarschall. Erhebe dich, Ritter Jakob!« Ritter Jakob, nunmehr Marschall dieses Hohen Ordens, erhob sich. Die Edle sprach weiter: »Und verleihen dir nunmehr den Großen Silbernen Stern mit Schärpe, die Krone zum Kreuz und die Goldene Medaille für besondere Verdienste um den Hohen Ritterorden.« Die Edle steckte einen Haufen Blech an Jakobs nachthemdähnliche schwarze Oberbekleidung und setzte ihm tatsächlich eine ziemlich schwere Krone (aus [dünn] vergoldetem Zink) auf den Kopf.
Musik erklang. Irgend etwas ganz Feierliches, das Jakob natürlich nicht kannte. (Vielleicht Vivaldi?) Da muß einer hinter all diesen Vorhängen einen Plattenspieler in Gang gesetzt haben, dachte er, während er die Hand der Edlen küßte, die diese ihm fordernd entgegenstreckte. Fast rutschte ihm dabei die Krone vom Kopf.
Solcherlei geschah am 21. Juli 1962 im Großen Saal von Jakobs Schloß am Starnberger See, unweit der Haupt- und Residenzstadt München, Freistaat Bayern, um 9 Uhr 22 MEZ.
Und hatte natürlich seine Vorgeschichte.
Diese Vorgeschichte hatte sich fünf Tage zuvor abgespielt: am 16. Juli 1962, an der französischen Riviera, präziser: auf Cap d’Antibes, ganz präzise: in Jakobs Super-Prunk- und Pracht-Villa daselbst. Immerhin viereinhalb Jahre hatte es gedauert, bis sie dastand – aber es war nicht Schuld der Architekten, Handwerker und Techniker.
Es war Schuld der französischen Administration.
Administrationen pflegen im allgemeinen nicht sehr schnell zu funktionieren. Die französische Administration funktioniert in geradezu grauenerregender Weise langsam. Fast zweieinhalb Jahre waren vergangen, bevor die nicht wenigen in solchem Fall zuständigen Behörden unserem Jakob, einem Ausländer, die Genehmigung erteilt hatten, einen Kaufvertrag mit dem Besitzer, gleichfalls einem Ausländer, über den Erwerb von französischem Grund und Boden und einem Gebäude (das zu entfernen war) abzuschließen. Als erschwerend kam hinzu, daß man bei allen Ämtern in allen diesbezüglichen Akten den Namen des Eigentümers ändern mußte – um später beim richtigen Mann Lokalsteuer, Luxussteuer und sieben andere Arten von Steuern fordern zu können. Zudem verfügten Frankreichs Behörden über die Namen aller Grund- und Bodenbesitzer des Landes – also auch jener an der Côte d’Azur –, gespeichert in einem Computer der Dritten Generation.
Dieser Computer auch für die Côte d’Azur befand sich nun leider nach einem der unerschöpflichen zahllosen und stets unerfindlichen Ratschlüsse der Bürokratie nicht etwa im Süden des Landes, auch nicht in der Mitte, wunderbarerweise auch nicht in Paris, sondern im Norden, und zwar sehr hoch oben im Norden, in der Stadt Rouen, welchselbe in dem Departement Seine-Maritime liegt. Derlei geographische Pikanterien verzögerten die unbedingt nötige Änderung des Namens erheblich, vor allem deshalb, weil es sich bei Computern der Dritten Generation um äußerst sensible Gebilde handelt. Der Computer in Rouen neigte zu neurotischen Phasen, und in solchen wurde er im Laufe eines Dreivierteljahres zwar viermal mit den richtigen Daten gefüttert, verdaute diese jedoch schlecht und spie falsche aus.
Die Herren Beamten bedauerten.
Bestechungen akzeptierte man zwar freudig und mit dem Versprechen, selbstverständlich den administrativen Vorgang zu beschleunigen. Indessen waren die Herren Bestochenen, wie der Zufall so spielte, gleich nach Jakobs Geldzuwendungen in andere Departements versetzt worden, und ihre Nachfolger wußten von nichts, so daß Jakob auch die Nachfolger zu bestechen hatte. Und auch die Nachfolger waren in andere Departements versetzt worden. Frankreich besteht aus knapp hundert Departements. Jakob sah ein, daß da ein Scheißspiel mit ihm gespielt wurde.
So sehr ihm der entsetzliche Abend bei Sir Alexander auf Saint-Jean-Cap-Ferrat Löcher in die empfindsame Seele gebrannt hatte, so sehr alles in ihm nach Rache, Rache! Genugtuung, Genugtuung! schrie – es half nichts, er mußte sich gedulden. Aber die Geduld hatte sich dann gelohnt. Was da jetzt auf Cap d’Antibes stand, gab es vermutlich nicht noch einmal auf der Welt! Es war das absolute Phantasie-Schloß! Verglichen mit diesem Palast (Kosten – Grund und Boden, Bau und Installationen – insgesamt: 86 Millionen Francs) war die Klitsche des Sir Alexander da auf Saint-Jean-Cap-Ferrat nicht einmal Bewohnern von verfallenen H. L. M. ( = Sozialer Wohnungsbau)-Häusern als Heimstatt zuzumuten. Sogar einen nicht eben kleinen Hafen gab es. Und daselbst ankerte Jakobs in diesen Jahren erworbene Hochseejacht, die es wohl mit den Jachten der Herren Onassis, Niarchos et cetera aufnehmen konnte. Natascha, das Zauberwesen, hatte vollkommen recht gehabt, als sie Jakob darauf aufmerksam machte, ein Mann wie er müsse unter allen Umständen eine Jacht wie jene Reeder haben.
Es gab da eine Werft für derartige Statussymbole. Die Lieferzeiten waren natürlich lang. Die Jacht, die Natascha einzig und allein als für eines Jakob würdig befand, hatte ein arabischer Scheich bestellt.
Die Herren der Werft bedauerten, diese Jacht könne Jakob nicht kaufen. Ja, denen zeigte er es aber!
Diese Jacht könne er nicht kaufen?
Jakob kaufte die ganze Werft, feuerte die widerborstigen Herren und nahm sich danach die Jacht des arabischen Scheichs, dem er den knappen Bescheid zukommen ließ, daß der Herr noch zwei Jahre auf sein Schiff warten müsse. Was denn, was denn? Jakob hatte andere Sorgen, als sich wegen solcher Lappalien zu ärgern! Sagte auch Natascha.
Die Riesenjacht lag also jetzt, selbstverständlich auf den Namen NATASCHA getauft, in dem nicht eben kleinen Hafen vor Jakobs Superschloß auf Cap d’Antibes. Sie lag da und lag da und lag da. In See stach sie nie. Die Besatzung wurde langsam rammdösig, weil Jakob seine herrliche NATASCHA niemals benutzte, Offiziere und Matrosen aber immer an Bord hielt. Er mußte jeden Moment auslaufen können, darum! Sagte Natascha. Jakob lief nur nie aus.
So grandios war sein Schloß, daß selbst Natascha erschauerte, als sie es zum erstenmal sah. Sie sagte atemlos: »Jake, du bist wundervoll. Noch nie habe ich einen solchen Mann getroffen.« Und sah ihn mit halb geschlossenen Augen an.
Er reagierte richtig.
»Darf ich dir dein Schlafzimmer zeigen, liebste Natascha?« fragte Jakob, heiser vor Erregung. Nun ist es soweit, ich habe es ja gewußt. Genauso habe ich es erwartet!
»Du darfst, Jake«, sagte die Dame Natascha.