Und dann war es auch soweit. Allerdings nicht gerade genauso, wie Jakob es erwartet hatte. Nataschas Schlafgemach mußte auf ihren Wunsch zunächst von Jakob verdunkelt werden. Absolut alle Fenster dicht! Mein Gott, dachte er erschauernd, natürlich will sich dieses Zauberwesen nicht nackt vor mir zeigen. Herrlich! So etwas habe ich noch nie gehabt! Ich bin begeistert.
Er war dann schon weniger begeistert, als er sich, nach eigener Entkleidung, durch die Finsternis auf das unsichtbare Bett vortastete, in welchem Natascha bereits ruhte, und sich dabei mehrmals schmerzhaft an Möbeln stieß, einmal an einer als besonders empfindlich bekannten Stelle. Auch sonst gestaltete sich dieses erste Treffen anders, als Jakob erhofft hatte.
»Was soll denn das?« fragte die Dame seines Herzens eisig, als er zu einer Chinesischen Schlittenfahrt ansetzte. »Geh sofort weg da!«
»Verzeih, Geliebte …« Er kroch wieder auf gleiche Höhe und küßte sie zart. Natascha küßte ihn noch zarter.
Sie flüsterte: »Bitte, tu mir nicht weh. Sei ganz vorsichtig, Jake. Und ganz zärtlich.«
Das erschütterte unseren Jakob.
Natascha hatte also überhaupt noch keine Erfahrung! Mit Corbett war niemals etwas Intimes gewesen, hatte sie ihm geschworen. Und ansonsten gab es nur zwei Jugendlieben. Also mußte er natürlich zärtlich sein und ganz, ganz vorsichtig, klar! Er war es.
Der Traum von einer Frau lag in der Finsternis da wie eine Marmorstatue, gab keinen Laut von sich, fragte jedoch schon nach recht kurzer Zeit: »Würdest du dich beeilen, Liebling?«
Also beeilte er sich.
Und stellte anschließend gramvoll fest: »Aber du kannst doch nichts davon gehabt haben!«
»Das macht nichts, Liebster. Wenn es nur dir gutgetan hat«, antwortete die Göttin.
Mit einem Wort: eine versaute Nummer.
Aber das dachte Jakob natürlich nicht. Der dachte: Diese schlummernde Schönheit muß ich halt erst zu wahrer Leidenschaft und wilder Gier erwecken …
Der Bau war von der lieben Claudia Contessa della Cattacasa, dem braven Mädel, überwacht worden. Die hatte da wirklich etwas geleistet und sich halb zu Tode geschuftet in diesen Jahren, da sie unablässig hinter allen Arbeitern her sein mußte, denn diese zeigten eine Neigung, nicht zum vereinbarten Termin zu erscheinen, in Bistros zu verschwinden oder andere Arbeiten nebenbei anzunehmen.
Claudia und Natascha haßten sich natürlich auf Anhieb. Sie ließen deshalb keine Begegnung (und wenn es zehnmal am Tag geschah) verstreichen, ohne sich zu umarmen, auf die Wangen zu küssen und einander ›Darling‹, ›Chérie‹ oder ›Bellissima‹ zu nennen.
Schlichten Sinnes und eben in seiner Irrsinns-Phase fragte Jakob beide Damen auch noch einzeln, was sie von der anderen hielten. Er bekam nur höchst Erbauliches zu hören. Das freute ihn. Er hatte gehofft, daß die beiden Damen sich verstehen würden. Er sah gerne glückliche Menschen um sich, die lachten und zärtlich miteinander waren. Das alles präsentierte sich nun seinen Blicken. Daß die Damen keinen heftigeren Drang verspürten, als einander umzubringen – das entging unserem Freund.
An einen strammen Dreier mit Natascha war nicht zu denken – das hätte der verliebte Jakob niemals gewagt vorzuschlagen, ach, auch nur anzudeuten! Seine wundervolle Prinzessin wußte sicherlich überhaupt nicht, was so eine richtige Partouze war, und hätte sich sogleich mit Abscheu von dannen gemacht. Gerade jetzt, wo sie Jakob immerhin schon gestattete, sie hie und da – leider schlummerte ihre Leidenschaft noch immer! – zu flirten, wenn er gerade wieder einmal ein paar Millionen für sie ausgegeben hatte.
Ich erwecke sie, ich erwecke sie! dachte Jakob in diesen Monaten immer öfter frohgemut (indessen sein Barvermögen dahinschmolz), und wenn ich erst einmal eine richtige Chinesische Schlittenfahrt mit Natascha gemacht haben werde … hei!
Am 16. Juli 1962 saß er mit Claudia – Natascha war mit der Jacht (zum erstenmal kam die aus dem Hafen raus, hipp, hipp, hurra!) nach Korsika gefahren – im Prunksaal der Prunkvilla. Jetzt konnte das Fest steigen! Das Fest der Feste! Das Fest, welches das Ende aller Feste hier an der Côte sein würde! Die Erfüllung des Schwurs war da, den er nach dem Desaster bei Sir Alexander in der Nacht des 25. Juni 1957 in einer Kneipe der Altstadt von Nizza vor seinem Freund und Kriegskameraden, Chauffeur und Vertrauten Otto Radtke getan hatte: »Und ich sage dir, Otto, hier baue ich denen jetzt ein Ding hin, da wird ihnen das Lachen über mich vergehen! Die Augen aus dem Kopf werden ihnen fallen, den Lackaffen und ihren angemalten Weibern! Betteln, mit erhobenen Händen werden sie flehen, einmal eingeladen zu werden von mir, Otto!«
Nun, Claudia, das brave Mädel, hatte es tatsächlich so weit gebracht, daß so manch einer wirklich um eine Einladung zu dem großen Fest bettelte, das Jakob am 2. August 1962 zu geben entschlossen war.
Einhundertzwanzig Gäste standen auf der Liste, die er nun mit Claudia studierte. Da wimmelte es nur so von Ministern, Aristokraten, Wirtschaftskapitänen, Konzernmagnaten, Wissenschaftlern, Schriftstellern (aber nur feinen!), weltberühmten Namen! Jakobs Unterlippe bebte vor Ergriffenheit, als er las, wer da alles kam. Mein Gott, wirklich die GANZ, GANZ GROSSEN dieser Erde!
»Savarallo mit Gemahlin … Wer ist das, liebste Claudia?«
»Der Fleischkönig Südamerikas, Jakob. Ach ja, ehe ich es vergesse. Das ganze Personal ist von mir getestet und engagiert worden. Ich habe einen griechischen Chefkoch genommen.«
»Ausgezeichnet, ich danke dir, Claudia. Mit einem französischen Koch kann man ja nicht leben … Giorgio Terulli und Gemahlin … Wer sind die?«
»Er ist Chef der italienischen Historischen Sammlungen …«
»Und hier … Sir Derrick Blossom mit Gemahlin?«
»Einer von den Big Five.«
»Von den Big was?«
»Weißt du nicht, wer die Big Five sind?«
»Nein. Oder ja, natürlich. Es fällt mir nur eben nicht ein. Wer sind die Big Feif?«
»Die fünf größten Bankiers Englands. Sir Derrick ist einer von ihnen.«
»Oh … Und er kommt wirklich?«
»Er hat sogar herzlich gebeten, eingeladen zu werden, das heißt, seine Frau hat das getan, er konnte ja schlecht, nicht wahr? Ich habe übrigens eine ganz genaue Tischordnung gemacht.«
»Sehr schön.«
»Ich kenne doch alle diese Leute. Du kannst ganz beruhigt sein: Jeder von den hundertundzwanzig sitzt richtig! Das hat mich allein eine Woche Zeit zum Hin- und Herdenken gekostet!«
»Claudia! Laß dich umarmen! Laß dich küssen, meine Süße!« Er war ein weng erstaunt, als sie sich nicht ließ.
»Was ist denn? Hast du was gegen mich?«
»Überhaupt nichts. Es ist nur wegen Natascha …«
»Was, Natascha?«
»Du liebst sie, diese wunderbare Frau«, sagte die Contessa ironisch, doch Ironie war zu allen Zeiten an unseren Jakob verschwendet. »Du liebst sie doch so sehr. Da darfst du doch keine andere küssen!«
»Ach, du bist aber eine so alte Freundin …«
»Wahre Liebe verträgt keine Kompromisse, Jakob.«
»Hrm … gewiß … Du hast natürlich recht, Claudia«, sagte Jakob ergriffen. Dann zog er eine Grimasse.
»Was hast du? Zahnweh?«
Jakob wurde verlegen. »Das hast du alles großartig gemacht, Claudia! Nie werde ich dir genug danken können! Jeden Wunsch erfülle ich dir …«
»Kannst du dir das denn noch leisten?«
»Was soll denn das heißen?«
»Na ja, ich meine, du hast größere Ausgaben in letzter Zeit gehabt …« Er lachte herzlich.
»Ach, Claudia! Das hat dir der Misaras erzählt, was? Der macht sich Sorgen, daß ich pleite gehe bloß wegen der paar kleinen Geschenke für Natascha, der Trottel, der liebe!«
Und sanft rauschte der Wind in den Palmen, in den Eukalyptus-, Zitronen- und Orangenbäumen und in den Kiefern vor dem offenen Fenster …
»Dann bin ich ja beruhigt. Ich werde mir schon noch etwas wünschen, Jakob. Und was wünschst du dir noch?«
»Ich … ja … aber du darfst nicht lachen … Ich habe einen Wunsch, einen ganz großen …«
»Welchen denn? So sag doch, Jakob!«
»Den Violetten«, sagte er.