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»Wen?«

»Diesen Vetter von der Edlen! Wir haben ihn im Vatikan getroffen. Ich möchte unbedingt, daß er auch zu meinem Fest kommt.«

»Du meinst: ein Bischof?«

»Was weiß ich, was er ist, jedenfalls kein Bischof, aber ein Violetter. Diese Violetten, das sind ganz hohe Tiere, habe ich gehört. Gleich neben dem Stuhl vom Heiligen Vater. Warte mal – so ähnlich wie Notar war der Titel … Claudia, die Krönung meines Lebens wäre es, wenn dieser Violette käme!«

»Jetzt dämmert’s mir. Du meinst den Protonotar, den Wirklichen Apostolischen Protonotar, den Vetter der Baronin. Um Himmels willen, wozu brauchst du den, Jakob?«

»Weil … aber, bitte, nicht lachen … Weil ich möchte, daß so ein hoher Kathole dieses Haus hier einweiht …«

»Einsegnet!«

»Oder einsegnet, ich kenne mich in diesen Fachausdrücken nicht aus!«

Claudia zog die Stirn in Falten.

»Weißt du, Jakob, so einen Violetten, den kann man nicht einfach so mieten! Diese Violetten sind selten und machen sich rar. Bist du überhaupt katholisch?«

»Technisch gesprochen.«

»Was heißt technisch gesprochen?«

»Na ja, ich bin katholisch getauft. Ich habe nie Gebrauch davon gemacht, soll das heißen, ich bin – jetzt tut’s mir wirklich leid – nie in die Kirche gegangen und habe nie gebeichtet und all das Zeug. Aber hör mal, wenn der Violette, den ich meine, doch ein Vetter von der Edlen ist, und wenn die Edle ihn nun bitten würde, zu meinem Fest zu kommen – die Edle ist natürlich auch eingeladen! –, dann besteht doch vielleicht eine Chance …«

»Die Edle wird dir was«, sagte die Contessa della Cattacasa. »Die hast du rausgeschmissen! Auf den Seychellen, als du und BAMBI gerade mitten dabei wart und wir euch gestört haben. Da hast du sie fristlos gefeuert, damals!«

»Ach du liebes Gottchen …« Jakob war erschüttert. »Und sie ist mir noch sehr böse?«

»Vermutlich, mein Lieber.«

»Wo lebt sie denn? Geht es ihr dreckig? Hoffentlich! Wenn so etwas mit Geld gutzumachen ist, an mir soll es nicht liegen!«

»Leben tut die Edle in München«, sagte Claudia. »Und dreckig gehen tut es ihr keinesfalls. Im Gegenteil. Also, so einfach mit Geld wird das nicht sein …«

19

»… höchstens mit sehr viel Geld«, sagte die Edle drei Tage später, am 20. Juli 1962, in ihrer luxuriösen Villa im Münchner Prominentenviertel Bogenhausen. Sie saß Jakob gegenüber in einem antik eingerichteten Salon und betrachtete ihren ehemaligen Zögling mit verächtlichem Gesichtsausdruck. »Ich gehöre nicht zu den obszönen Typen, die sagen, daß man Schmach, die einem angetan worden ist, nicht mit Geld abwaschen kann. Natürlich kann man, Herr Formann, natürlich, aber mit viel Geld! Für viel Geld werde ich Sie zum Ordensmarschall des Hohen Christlichen Ritterordens ›Signum Fidei‹ – das heißt auf deutsch ›Zeichen der Treue‹, ich weiß, Sie verstehen es lateinisch nicht – schlagen, dazu bin ich berechtigt. Und ich werde Ihnen auch noch das Großkreuz mit Cordon oder besser den Silbernen Stern, die Krone zum Kreuz und die Verdienstmedaille geben. Sie zum Ritter und Marschall schlagen, und Sie werden sich ›Exzellenz‹ nennen dürfen.«

»Das will ich gar nicht, Baronin! Wir haben uns da falsch verstanden! Was ich will, ist, daß Sie Ihren Herrn Vetter da in Rom bitten …«

»Das habe ich sehr gut verstanden, Herr Formann«, sprach die Edle schmallippig. »Eines nach dem andern. Erst der Ritter- und Marschallschlag, dann die Auszeichnungen des Ordens …«

»Aber ich habe doch gar keine Verdienste um den Orden …«, gab Jakob zu bedenken.

»Bevor wir miteinander fertig sind, werden Sie welche haben, Herr Formann. Und was für welche! Sonst wäre die Sache ja obszön! Wir müssen uns gleich über das Geschäftliche unterhalten. Sie bezahlen … hm … nach Vereinbarung, so wollen wir es nennen und die Summe geheimhalten, mit der Sie die mir angetane Schmach tilgen und dafür sorgen, daß ich Ihnen meinen Vetter aus Rom hole zu Ihrem Fest – das kostet Sie einiges, glauben Sie mir, sonst wäre es ein Sakrileg. Sie sind natürlich einverstanden?«

»Was bleibt mir anderes übrig?« fragte Jakob hoffnungsvoll.

»Eben«, sagte die Edle. »Und sonst geht’s gut?«

»Ich kann nicht klagen. Sie auch nicht, sehe ich, Baronin!«

»Sie dürfen Groß- und Heermeisterin zu mir sagen und Exzellenz, Herr Formann.«

»Wie sind Sie denn auf diesen Quatsch mit dem Orden und den Rittern … um Gottes willen, stellen Sie das Ding hin, ich flehe Sie an! Wie sind Sie denn Groß- und Heermeisterin und Exzellenz geworden und dazu gekommen, Leute zum Ritter zu schlagen, wollte ich sagen?«

Die Edle stellte die schwere Bronzevase, die sie auf Jakobs Kopf hatte fallen lassen wollen, mit dessen Hilfe wieder an ihren Platz.

»Ich habe mir unsere Ahnentafeln und unsere Familiengeschichte noch einmal ganz genau angesehen, Herr Formann, und dabei bin ich auf Gerardus den Enthaltsamen gestoßen, dem es Anno 1192 gefallen hat, während des Dritten Kreuzzugs einen eigenen Hausorden zu stiften – eben diesen.«

»Aha. Aber wie kommen Sie dazu …«

»Nicht unterbrechen, bitte. Die Tradition, die von jenem Gerardus dem Enthaltsamen bis zu mir führt, ist an keiner einzigen Stelle unterbrochen.«

»Inwiefern Tradition? Nicht böse werden, Exzellenz Großmeisterin! Ich glaub’s ja, es möchte mich halt nur interessieren.«

»Wohlan denn«, sprach die Edle und gab huldvoll eine Erklärung.

Der Erklärung zufolge saß der wirklich allerletzte Adelige, der sich als Nachfahre jenes Kreuzzug-Enthaltsamen bezeichnen konnte, in Mexiko …

»… und zwar so tief im Dschungel dort, daß der Postbote jedesmal einen Fluß durchschwimmen muß«, sagte die Edle.

»Na servas!«

»Er ist Bischof einer Urwaldsekte. Hier, sehen Sie!« Die Edle entrollte eine vergilbte Pergamentrolle. Jakob las oben auf dem Pergament groß: DIPLOMA. Der Text darunter war in deutscher und spanischer Sprache geschrieben. Jakob entnahm dem deutschen Text, daß der Urwald-Bischof einem Oberstleutnant a.D. Karl-Heinz Stühlchen zu Duisburg-Ruhrort 1931 den Rang eines ›Groß- und Heermeisters der Ordensprovinz Germania superior‹ verliehen hatte mit der Berechtigung, Orden, Stern, Band und Krone zu tragen, Ritter in den Hohen Orden zu erheben et cetera et cetera.

»Der arme Stühlchen ist vor einigen Jahren gestorben«, sprach die Edle.

»Er war mit mir verwandt. So erhielt ich das DIPLOMA. Und so bin ich für den in Gott Verblichenen in die Bresche gesprungen, um nunmehr Deutschlands Prominenz im Orden fest zusammenzuschließen. Wir stehen – das möchte ich ausdrücklich betonen – den Maltesern und Johannitern gleich und verfügen über sehr weitreichenden Einfluß.«

»Donnerwetter«, staunte Jakob. »Wie weit geht der denn, der Einfluß?«

»Bis zu der Berechtigung, Vorschläge bei der Besetzung von Konsulnstellen zu machen, Herr Formann.«

»Das ist ja ungeheuer! Also fast schon hohe Politik!«

»Hm. Nun ja. Wir sind ja auch nicht eben billig.«

»Das sehe ich«, sagte Jakob, sich umblickend.

»Sie wird es natürlich, aber da waren wir schon, besonders teuer zu stehen kommen. Ist ihnen das klar, Herr Formann?«

»Es ist mir klar, Baronin.«

»Sie sollen Großmeisterin oder Exzellenz zu mir sagen, Formann!«

»Es ist mir klar, Großmeisterin Exzellenz«, sagte Jakob und dachte: Ich sage dir, was du nur wünschst, ich will doch den Violetten haben!

»In den Aufnahmebedingungen jenes Gerardus des Enthaltsamen heißt es, daß in den Orden in Anerkennung caritativer Verdienste jeder erhoben werden kann, der des Lesens und Schreibens kundig ist. Ich darf voraussetzen, daß Sie das sind, Herr Formann?«

»Sie dürfen, Eure Exzellenz … Großmeisterin … Baronin.« Des Lesens und Schreibens kundig, dachte Jakob, gegen seinen Willen ergriffen. Heute klingt das natürlich blödsinnig. Zwölfhundertungerade hat das gewiß gar nicht blödsinnig geklungen. Wie viele Leute haben denn da wirklich schon lesen und schreiben können?

»In Anerkennung der Verdienste der Ordensprovinz um das deutsche Ansehen in der Welt«, sprach die Edle voll Würde, ach, soviel Würde, »ist den Rittern des Ordens nach dem neuen Ordensgesetz der Bundesrepublik Deutschland das Recht bestätigt worden, die Insignien des Grades vom Ritterkreuz über das Komturskreuz mit Krone bis zum Großen Silbernen Stern mit Cordon öffentlich zu tragen. Das kriegen Sie.«