»Was kriege ich, bitte?«
»Die zweithöchste Stufe nächst mir. Die Stufe des Ordensmarschalls. Weil sie am teuersten ist.«
»Ich verstehe. Aber dafür bringen Sie mir bestimmt den Violetten nach Cap d’Antibes?«
»Ich bringe Ihnen dafür bestimmt meinen Vetter nach Cap d’Antibes. Bei meiner Arbeitsüberlastung. Aber bitte! Wenn Sie eine entsprechende Summe bezahlen, über die wir uns gewiß einigen werden.«
»Sicherlich, Großmeisterin Baronin«, sagte Jakob. (Ich muß so einen Violetten einfach haben! Dann platzen sämtliche Geldsäcke der Welt vor Neid, nicht nur die Säcke an der Côte!) »Arbeitsüberlastung, sagen Sie, Exzellenz. Das Geschäft blüht also?«
»Ich komme kaum nach. Sehen Sie, Herr Formann, viele deutsche Menschen von Würde, Rang und Bedeutung nennen zwar längst alle Beweismittel gehobenen Lebensstandards ihr eigen, entraten jedoch immer noch der sozialen Wertung, als Leute von Welt zu gelten. Dem schaffe ich Abhilfe bis zur Erschöpfung – da auch weit über Deutschlands Grenzen hinaus. Soweit ich sie selber nicht zum Ritter – oder zur Ritterin! – schlagen kann, weil die Herrschaften keine Zeit haben, erlauben die Regeln auch die Zusendung von Urkunde, Ordensmantel und Insignien. Ein solcher Ritterschlag per Bundespost trifft nun schon einen globalen Zusammenschluß christlich integrer Prominenz der gegenwärtig hochgestellten Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst. Allein zwölf Staatsmänner habe ich zum Ritter geschlagen«, bekannte die Edle schlicht, aber ihrer Sendung wohl bewußt. »Leider sind sie schon ermordet oder abgesetzt worden.«
»Wer denn zum Beispiel?« fragte Jakob neugierig.
»Nun, die Staatspräsidenten von Guatemala, Kuba, Panama, Chile, Venezuela, Haiti, Ägypten – Nasser-Vorgänger Nagib –, Peru, Argentinien – Ex-Regierungschef Perron –, und von Nicaragua gleich zwei Staatspräsidenten. Der große Markt liegt natürlich in Deutschland. Die deutsche Elite braucht Ritterkreuze!«
»Wahrhaftig, Baronin Großmeisterin!«
»Setzen Sie sich endlich, Sie machen mich ganz nervös.«
Jakob plumpste auf seinen Sessel zurück.
»Damit Sie vollkommen im Bilde sind, Herr Formann«, sprach die Edle.
»Wir – also ich – verleihen (auch gegen Ratenzahlung!) den Titel ›Ritter‹ mit dem Recht, das Ritterkreuz öffentlich zu tragen. Kostet dreitausend Mark. Den Ordenskomtur mit Kreuz am Band um den Hals zu tragen. Kostet neuntausend Mark. Den Ordensgeneral mit Großkreuz an der Schärpe. Und den Ordensmarschall, dazu noch den Silbernen Stern – mit der Anrede ›Exzellenz‹ – und, bei weiteren caritativen Zahlungen an mich, die Krone zum Kreuz und die Verdienstmedaille des Ordens. Hier liegt der Kostenpunkt nach Vereinbarung. Das werden Sie kriegen.«
»Was Kleineres würde auch genügen, Großmeisterin …«
»Ich denke, Sie wollen meinen Vetter aus Rom, um Ihr Haus einsegnen zu lassen, Herr Formann!«
»Ach so, ja! Natürlich! Entschuldigen Sie! Das hatte ich momentan vergessen. Also das Teuerste … nach Vereinbarung. Ich weiß, das wird mich eine Stange Geld kosten …«
»Da können Sie Ihr Leben drauf wetten.«
»… nach allem, was vorgefallen ist, aber ich bin bereit.«
»Es kommt übrigens noch eine Siegelgebühr in Höhe von zweitausend Mark für die Anfertigung des Diploms, der persönlichen Ordensinsignien und des Ordensmantels hinzu, Herr Formann.«
»Na, darüber wollen wir uns doch nicht streiten, Großmeisterin! Wann können Sie die Verleihung vornehmen? Ich meine: Wie schnell könnte es gehen, ich bin nämlich in Eile.«
»Wann soll Ihr Fest stattfinden?«
»Am zweiten August, Großmeisterin.«
»Dann ist höchste Eile geboten, Herr Formann. Ach ja, Sie können sich doch noch immer nicht anständig benehmen.« Jakob senkte beschämt das Haupt. »Darum sage ich Ihnen das Wichtigste: Mein Vetter ist mit ›Hochwürdigste Exzellenz‹ anzureden!«
»Hochwürdigste Exzellenz, jawohl …«
»Im allgemeinen genügt auch ›Exzellenz‹.«
»Jawohl, Exzellenz«, wiederholte Jakob im Tonfall eines leicht Verblödeten.
»Und wenn Sie sich von Seiner Exzellenz verabschieden, dann sagen Sie um alles in der Welt, ich flehe Sie an, nicht: Und einen Handkuß an die werte Frau Gemahlin!«
»An die werte Frau …« Der Groschen fiel, Jakob fuhr zusammen. »Niemals, Großmeisterin, niemals werde ich das tun!«
»Gut. Zahlung in bar. Schecks werden nicht angenommen.«
»Ja, ich weiß nicht, ob ich soviel bar dabei habe … Wenn wir jetzt doch auch noch persönlich vereinbaren müssen …«
»Dann also werde ich Ihnen die Weihen morgen zuteil werden lassen«, sagte die Edle. »Da können Sie inzwischen zur Bank gehen. Und nun zu der persönlichen Vereinbarung. Sie haben mir die schwerste Kränkung meines Lebens bereitet, Herr Formann …«
»Ich weiß. Und es tut mir auch unendlich leid, Großmeisterin …«
»›In unsrer Welt kann Unrecht man mit vergoldeter Hand beiseite schieben‹, sagt Hamlet.«
»Wie heißt der Herr?«
»Hamlet, Sie Unverbesserlicher! Von dem unsterblichen William Shakespeare!«
»Da kommt mir eine großartige Idee, Baronin Großmeisterin!« gab Jakob bekannt. »Könnten wir nicht auch den Herrn Shakespeare einladen, wenn er so berühmt ist!«
Die Edle lief purpurn an, beherrschte sich mit aller Kraft und gab gepreßt eine Erklärung ab.
»Ach so ist das«, murmelte Jakob danach. »Ich habe ja auch nur daran gedacht, den Herrn Shakespeare einzuladen, weil Sie gesagt haben, er ist unsterblich. Jetzt sagen Sie mir, der arme Herr ist schon sechzehnhundertsechzehn gestorben. Da dürfen Sie doch nicht sagen: unsterblich. Das bringt einen natürlich ganz durcheinander.«
»Herr Formann!«
Jakob winkte ab.
»Jajaja, ist ja schon gut. Also, dann lassen Sie uns mal beiseite schieben mit vergoldeter Hand, Großmeisterin …«
20
»Z … Zwei … Zweiter August neunzehnhundertzweiundsechzig … D … Das Fest des Ja … Jahrzehnts ha … hat begonnen«, sprach Klaus Mario Schreiber, sanft besoffen, in ein Mikrofon. Das Tonbandgerät, das dazugehörte, hing an einem Riemen über seiner Schulter und wog knappe drei Kilo. Vor dreizehn Jahren, am Ende der Blockade Berlins, hatte Schreiber noch einen Tonbandkoffer benützt, der seine zweiundzwanzig Kilogramm gewogen hatte. Vollaufen lassen hatte er sich damals noch mit ›Johnnie Walker‹-Whisky. Jetzt, dreizehn Jahre später, besoff er sich mit ›Chivas Regal‹, und im Glase befand sich sogenanntes ›Polareis‹, das scheußlich schmeckte, dafür aber sehr teuer und infolgedessen der letzte Schrei der ganz feinen Leute war. Es kam von dorther, was der Name vermuten ließ. Beim Auftauen knisterte es dauernd. Aus diesen beiden Veränderungen mag man wohl den Fortschritt der Menschheit erkennen.
Schreiber trug einen Smoking. Seine Akne war fast verschwunden, nur noch wenige Pickel verunstalteten das Gesicht. Jakob hatte ihn, den Starfotografen Senkmann, drei weitere Reporter von OKAY und drei weitere Fotografen einfliegen lassen. Sie alle wieselten nun hier herum, denn OKAY sollte ganz groß über Jakobs Fest im CHÂTEAU NATASCHA auf Cap d’Antibes berichten.
»… es ist ein … einfach phan … phantastisch, wa … was hier vor sich ge … geht«, sprach Schreiber, auf dem Sockel einer Marmorgestalt von Überlebensgröße hockend, sanft und scheu in sein Mikrofon. Er nahm einem vorbeieilenden livrierten Diener ein neues Glas Whisky von dem Silbertablett, auf dem er das leere abgestellt hatte, genehmigte sich einen großen Schluck und fuhr fort: »B … Blöd … Blödsinnige Angeberei, neureiche, besch … beschissene! Kö … Könige im Exil … Thronprä … prätendenten, … die erste Ga … Garnitur von Hollywoods Schauspieler … spielern und R … Regisseuren … die berühmtesten Sänger und Sänge … Sängerinnen der Me … Me … Met. Ma … Maler von Welt … Weltruf. T … Tänzer un … unseres Jahr … hunderts … Da, im Ge … Gespräch, l … lachend und g … gelöst … Liz Taylor und Ri … Richard Burton … mein Go … Gott, sie vergöttert ihn, er ver … vergöttert sie … Nie … Niemals we … werden die … diese bei … beiden wu … wunderbaren Menschen auseinandergehen! Nie … Niemals! … Und da … die größten Re … Reeder der Welt, die mäch … mächtigsten Ban … Bankiers, Ko … Ko … Konzernherren, die be … berühmtesten Wiss … Wissenschaftler … die Häup … Häupter der ä … ältesten A … A … Adelsgeschlechter Eu … Europas …« Wieder ein Schluck. »Ein Theater ist das! Z … Zum Kotzen! … Die … Die be … bewundertsten Frauen d … dieser Erde … Phi … Philosophen … fünf Nobelpreisträger … ach, Scheiße, i … ich habe ja die G … Gästeliste … I … Ich muß m … mich auf das Ge … Geschehen ko … ko … konzentrieren, m … mit die … diesen Leuten re … reden … Sta … Statements b … brauche i … ich … und gute F … Fotos … S … Senkmann! S … Senkmann, ko … komm he … her, du Arschloch! Jetzt m … mußt du m … mich m … mit den He … Herrschaften fo … fotografieren! U … Und rei … reiß di … dich zu … zusammen, Mensch, da … daß das an … anständige Auf … Aufnahmen we … werden! Die K … Ko … Ko … Konkurrenz schlä … schläft nicht!«