Da … Das stim … stimmte –
Verzeihung, Damen und Herren. Aber wenn man längere Zeit so schreibt, wie Schreiber sprach, kann einem so etwas schon passieren.
Also noch einmaclass="underline" Das stimmte! Die Konkurrenz schlief weiß Gott nicht. Wort- und Bildreporter aus dem In- und Ausland waren da und ackerten schwer – einundzwanzig insgesamt. Das Zweite Deutsche Fernsehen in Zusammenarbeit mit dem O.R.T.F., dem französischen Staatsfernsehen, ließ riesige Scheinwerfer die Szene erhellen. Die Scheinwerfer standen auf hohen Stativen. Es gab Podeste für die schweren Mitchell-Kameras, und es gab Männer mit Schulter-Aufnahmegeräten, die sich durch das Gewühl drängten, einen Lichtträger mit Akkutasche hinter sich. Kabel lagen überall herum. Ein paar Damen und Herren bester Qualität waren schon über sie gestolpert, eine dicke Fürstin aus dem Morgenlande war lang hingeschlagen. Aber niemand zeigte sich böse oder verärgert. Alle, alle hatten nur einen Wunsch: auch fotografiert zu werden!
Schreiber hörte, saufend, ins Mikrofon reportierend, mit Senkmann vorwärtsstapfend, einen amerikanischen Kollegen zu einem anderen Fotografen sagen: »Mensch, der Marlon ist ganz unruhig, weil ich ihn nicht schieße. Ich merk’ schon die ganze Zeit, wie der Brando wartet, daß ich zu ihm komme. Aber den lass’ ich heute am ausgestreckten Arm verhungern. Kein Wort. Kein Bild. Der Marlon kann nicht erwarten, daß wir ununterbrochen was von ihm bringen!«
Der Kollege sinnierte: »Wenn wir nicht wären, gäb’ es die da alle und das ganze Fest überhaupt nicht.«
»Da hast du recht«, sprach sein Freund. »Kein Mensch wüßte ja etwas davon!«
Es war ein heißer Tag gewesen, es war eine heiße Nacht – die Scheinwerfer machten sie noch heißer. Glänzend von Schweiß, Perlen und edlem Gestein, eingepfercht in der Menge, so durchlitten die Großen dieser Erde diese Nacht der Nächte.
21
»Was ist das für eine Sauerei? Wieso ist der Violette noch nicht da?« flüsterte Jakob Formann der Contessa della Cattacasa zu, die schräg hinter ihm stand. Neben ihm stand, grell angestrahlt, Natascha Ashley, welche die Dame des Hauses spielte. Alle drei posierten – wie einstens Sir Alexander – auf einer Terrasse vor dem CHÂTEAU NATASCHA und begrüßten ununterbrochen neue Gäste, deren Namen eine sehr saure Claudia dem Hausherrn Jakob zeitgerecht ins Ohr flüsterte. Sie war sehr sauer und hatte verheulte Augen, weil die schwierige Tischordnung, die sie eine Woche harte Arbeit gekostet hatte, von ihrer Intimfeindin Natascha nicht akzeptiert worden war. Dieselbe hatte in letzter Minute alles umgeschmissen und eine völlig neue Tischordnung (mit kleinen Täfelchen vor jedem Platz) aufgestellt. Wenn nun auch alles nicht mehr so harmonisch zueinander paßte, wie Claudia es sich ausgerechnet hatte – Natascha saß an der Tête der mittleren der drei Tafeln, und das war die Hauptsache. Für sie!
Da steht diese aufgetakelte Nutte, die Jakob sein ganzes Geld abnimmt, und das ist also der Dank, den ich kriege, dachte die Contessa erbittert. »Ich habe etwas gefragt, Claudia!« flüsterte Jakob gereizt über die Schulter. »Wo steckt der Violette?«
»Die ›Mirage‹ ist noch im Anflug auf Nizza … Achtung, Graf und Gräfin Hunzlinga …«
»Küß d’Hand, liebste Gräfin, meine Verehrung, Graf«, sprach Jakob. Natascha neigte nur hoheitsvoll lächelnd den Kopf und ließ sich die Hand abschlecken von den Herren. Claudia machte das wütend. Jakob empfand es als Zeichen von unvergleichlichem Format.
»… die Maschine mußte eine Gewitterfront durchfliegen und bekam dadurch Zeitverlust … Achtung, Jakob, Lord und Lady Crossham …«
»Lady Crossham … Lord Crossham … Thank you ever so much for coming …«
»… aber sie muß in einer Viertelstunde in Nizza landen. Von dort kommt dann Tantchen mit dem Hochwürdigen Protonotar in einem Hubschrauber direkt hier herüber, hat mir der Nizza-Tower eben am Telefon gesagt. Der Hubschrauber wird da drüben auf der großen Wiese landen … Achtung, Seine Exzellenz, Botschafter Agrippolus und Gemahlin …«
»Your Excellency … dearest Madam … Thank you ever so much for coming …«
Jakob trug einen weißen Smoking, ein blaues Seidenhemd und eine rote Fliege. Das Jackenrevers reichte für die Ordensspangen, die er besaß, nun nicht mehr aus. Die Spangen und Sterne bedeckten die linke Brustseite. Noch ein paar mehr und er hätte wie ein sowjetischer General gewirkt. Das Große Bundesverdienstkreuz trug er schon gar nicht mehr. Dafür, weil es prächtiger war, die breite feuerrote Schärpe zum Großen Silbernen Stern des Ordensmarschalls ›Signum Fidëi‹, jenes Sterns, den er der Edlen für sündhaft teures Geld abgekauft hatte im Verlauf einer brutalen Erpressung: Titel und Orden gegen einen Violetten aus Rom. Er hatte sie mit seiner ›Mirage‹ losgeschickt. Die normalen ›Mirages‹ waren französische Düsenjagdflugzeuge. Jakob hatte es geschafft, daß man ihm eine ›Mirage‹ für den zivilen Gebrauch gebaut und verkauft hatte.
»Professor Doktor Heidesheim und Gemahlin …«, flüsterte die saure Claudia, die immer saurer wurde, je länger sich Natascha im Scheinwerferlicht fotografieren ließ.
»Küß d’Hand, Gnädigste, guten Abend, verehrter Herr Professor. Ich danke Ihnen herzlich dafür, daß Sie gekommen sind …«
Natascha trug ein Grün-Gold-Lamé-Kleid, grün eingefärbte Straußenfedern um den tiefen Ausschnitt sowie hinten an der Schleppe des Kleides und grüne Seidenschuhe. Grün alles deshalb, weil Natascha nur Smaragdschmuck zeigte – Ring, Ohrringe, Bracelet und Armband. Aber das waren Dinger! Das gab es alles nur einmal auf der Welt, hatte man Jakob bei ›Cartier‹ gesagt. Den Preis gab es auch nur einmal …
»Dear Madam, dear Mister Secretary of State, thank you ever so much for coming …«
Gewitterfront durchflogen. Scheibenkleister! Faule Ausrede! Die Edle ist einfach unpünktlich gewesen. Weiß Gott, wo sie herumgeschlampt hat. Und der Violette sollte als erster da sein. Das Haus einsegnen. Das habe ich mir so schön vorgestellt. Jetzt saufen sie schon und verdrecken mir alles und wandern durchs Haus, wie soll’s da noch gesegnet werden? Das wird eine schmutzige Segnerei! Bei dem Geld, das ich für den Violetten ausgegeben habe! Eine Gemeinheit so etwas! Die blonde, rosige Claudia mit den verheulten Kulleraugen und den Brustwarzen, die einfach überall durchstachen, trug ein türkisfarbenes Paillettenkleid und herrlichen Türkisschmuck. Habe ich ihr auch gekauft, dachte Jakob, während er immer wütender wurde über die Verspätung des Violetten. (Aber wie es da drinnen aussieht, geht niemanden was an. Lächeln, lächeln, immer weiter nur lächeln!)