Claudia flüsterte wieder: »Sir Derrick Blossom und Gemahlin. Lady Cordine …«
»Good evening, Sir Derrick, thank you ever so much for coming, you too, dear Lady Cordine …« Jakob stockte der Atem.
»Hallo, Jake«, sagte Lady Cordine.
»Oh, ihr kennt euch?« fragte Sir Derrick lächelnd.
»Es ist schon lange her, aber ich habe dich nie vergessen, Jake«, behauptete Lady Cordine. »Du mich doch auch nicht, Jake, wie?«
»Wie hätte ich dich jemals vergessen können!« stammelte Jakob. Erde, tu dich auf und verschlinge mich!
Die Erde tat sich nicht auf und verschlang ihn nicht.
»Gleich nach dem Krieg haben wir einander kennengelernt, weißt du, Derrick«, plauderte Lady Cordine.
»Oh …«
»Ich sehe, es ist dir wohl ergangen seitdem«, sprach Lady Cordine. Lady Cordine aber war niemand anderes als der Werwolf, präziser: die Werwölfin aus Wien, richtiger Name: Hilde Korn, mit der Jakob (damals Jerome Howard Fletcher, liebender Ehegemahl von Laureen Fletcher) später dann in Paris gewesen war und daselbst und in Belgien das Ding mit dem impotenten Devisenschieber Rouvier gedreht hatte, bis er Werwolf, sprich Werwölfin, sprich Hilde, sprich Laureen dann, ogottogottogott, schmählich im HÔTEL DES CINQ CONTINENTS nach einer Chinesischen Schlittenfahrt verlassen hatte, heimlich, still und leise. Das war sie also, die Werwölfin, die ihm ewige Rache geschworen hatte, damals, 1947. Ewige Rache! Und der Herr Gemahl der Werwölfin a.D. ist also einer der fünf größten Bankiers von England. Der Abend fängt lustig an, dachte Jakob Formann. Sehr lustig …
22
Ach, er sollte noch viel lustiger werden!
Obwohl alles mit so viel Umsicht geplant war von der guten und treuen Claudia, die nun buchstäblich im Schatten der strahlenden Schönheit Natascha Ashley stand. Dieser Natascha, die von Journalisten der ganzen Welt bereits seit langem als Jakob Formanns ›ständige Begleiterin‹ bezeichnet und von Fotografen in der ganzen Welt Hunderte Male abgelichtet worden war.
Die brave Claudia hatte für eine Sicherheitstruppe gesorgt – zwanzig als Einzelkämpfer ausgebildete Gentlemen, bei deren Anblick keiner auf die Idee kam, daß sie, wenn nötig, jeden Augenblick aus der Hüfte schießen konnten. Jakob hatte Claudia eigens darum gebeten: »Es müssen die besten sein, die du kriegen kannst! Lauter Nullnullsieben! Ich für mich brauche keinen einzigen Nullnullsieben und werde niemals einen brauchen, aber meine Gäste müssen absolut geschützt sein …«
Außer der 007-Truppe sorgten für die Sicherheit rund um das Cap noch sechs Boote der französischen Wasserpolizei. Ruhig lagen sie da. Nur ab und zu blinkten Lichtzeichen auf. Die riesigen alten Bäume waren von hinten mit Scheinwerfern angeleuchtet, einerseits des märchenhaften Effektes wegen, andererseits um zu verhindern, daß Neugierige dort hinaufkletterten. Eine weise Maßnahme – vier Kerle hatten die 007-Herren schon vor Beginn der Feierlichkeiten aus Palmenkronen heruntergeholt und sie direkt der Polizei übergeben, da man, obwohl alle vier es natürlich beteuerten, nicht mit Gewißheit glauben durfte, daß sie wirklich nur neugierig und sonst nichts waren. Vieles sprach dafür, denn außerhalb des hohen Parkzaunes drängten sich die Menschen. Der ganze Zaun war mit großen Bastmatten abgedeckt worden. Aber von den Leuten draußen hatten viele sich Leitern mitgebracht und sie an den Zaun gelegt, um über die Bastmatten hinweg einen Blick auf das Fest des Jahrzehnts zu haben. Polizei war gerufen worden und hatte die Leute vertrieben, das gemeine Volk, das hier nichts zu suchen hatte! Seither standen Polizisten rund um das Gelände Wache. Sie gehörten wahrlich nicht zu den Großen dieser Erde, und sie machten vermutlich so ihre bösen Bemerkungen, wenngleich der idealistisch soziale Sozialdemokrat Jakob Formann (verschüttet und fast vergraben war er das noch geblieben!) Diener mit kalten Platten, Freßkörben und vielen Rotweinflaschen zu ihnen hinausgeschickt hatte.
Bei Sir Alexanders Fest hatte es eine Tanzfläche gegeben.
Haha!
Jakob hatte deren drei!
Drei, jede so groß wie die eine bei Sir Alexander!
Und auf einer jeden von ihnen spielte – abwechselnd natürlich, nicht alle auf einmal! – eine berühmte Band: Modern Jazz die erste, Rhythm and Soul die zweite (aber auch Operetten und Musical-Hits bis Gershwin, Cole Porter und Roger and Hammerstein), mexikanische Weisen die dritte. Jakob hatte die Kapellen einfliegen lassen – jede halt so an die fünfzehn Mann. Im Augenblick waren die Rhythm & Soul-Boys dran mit ›Smoke get’s in your eyes …‹
Um hundertprozentig vorzubeugen, hatte Jakob alle drei Orchesterchefs darauf vereidigt, ein einziges, ganz bestimmtes Lied unter keinen Umständen und in keiner Arrangierung erklingen zu lassen.
Am hinteren Rand des mittleren Podiums wehten von hohen weißen Masten achtundzwanzig angestrahlte Fahnen – so viele Nationen, beziehungsweise ihre bedeutendsten Vertreter, waren Jakobs Gäste. Er hatte sie alle entweder mit eigenen Maschinen oder mit LUFTHANSA-Flugzeugen herbeigeholt. Ausnahmslos LUFTHANSA-Maschinen waren es, das hübsche, charmante und freundliche Fräulein Brigitte Hartmann vom LUFTHANSA-Schalter im Flughafen Nizza hatte sämtliche Buchungen gemacht und dafür gesorgt, daß alles reibungslos ging. Jakob hatte allen seinen Mitarbeitern Anweisung gegeben, auf ihren Reisen nur noch LUFTHANSA-Maschinen zu benutzen, denn, so sagte er bei einer Zusammenkunft seiner engsten Freunde in Frankfurt: »Etwas Besseres als die LUFTHANSA gibt es nicht. Die Freundlichkeit, die menschliche Wärme, das vorzügliche Service an Bord, die Liebenswürdigkeit der Stewards und der hübschen Stewardessen, die fliegerische Sicherheit und Pünktlichkeit – das macht der LUFTHANSA wohl keine andere Gesellschaft nach.«
Um seine mehr als einhundertzwanzig Gäste standesgemäß unterzubringen, hatte Jakob im HÔTEL DU CAP auf Eden Roc Zimmer gemietet – einen Katzensprung entfernt. Damit auch alle die schönsten Zimmer und den besten Service bekamen, hatte er das Hotel einfach für die ganze Saison gemietet …
›Lady, be good‹, spielte das zweite Orchester nun.
»Signore Giorgio Terulli und Signora Maria«, flüsterte Claudia Jakob ins Ohr.
Ein gutaussehender, glutäugiger Italiener (Chef der italienischen Historischen Sammlungen, erinnerte Jakob sich) stand vor ihm und zeigte sein prachtvolles Gebiß in einem freundlichen Lächeln.
»Good evening, Sir, good evening, Madam«, sagte Jakob zum vierundneunzigsten Mal, dem Hübschen die Hand schüttelnd, »thank you ever so much for coming.« Dann wandte er sich seitlich, um Signora Terulli die Hand zu küssen, und wieder einmal begann die Narbe an seiner Schläfe stürmisch zu pochen.
Nein!
Nein und nein und nein!
Das gibt es nicht. Das ist unmöglich. Das kann nicht wahr sein.
Jakob kannte auch die Signora Maria Terulli! Er kannte sie in- und auswendig, und inwendig sozusagen besonders gut. Es handelte sich – Schreck, laß nach! – um niemand anderen als um das Woditschka Reserl, das unter dem Namen Gloria Cadillac im Brüsseler Nachtlokal ›Chatte noire‹ vor fünfzehn Jahren gestrippt hatte in einer Weise, daß der Schieber Rouvier fast einen Herzanfall bekam jedesmal, wenn sie am Ende ihrer Darbietung für Sekundenbruchteile, bevor das Licht auf der Bühne erlosch, alles zeigte.
Das Woditschka Reserl aus Wien …
Die mit dem ungeheuerlichen Dialekt.
Die mit dem ungeheuerlichen Sex-Appetit.
Die mit dem unglaublichen Ottakring-Amerikanisch. (»Schur, sanny-boi, schur …«)
Die hat den Chef der italienischen Historischen Sammlungen geheiratet? dachte Jakob, sie bebend betrachtend. Dieses kleine, süße Ferkel? Die war damals aber doch rothaarig? Jetzt ist sie erblondet. Sehr stark erblondet. Die Haare trägt sie wie eine Madonna. Schlicht, voll größter Würde und Einfachheit ist sie gekleidet, die Woditschka-Reserl-Madonna.