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Um alles in der Welt, was ist da wieder passiert?

Damals in Brüssel habe ich aber doch ganz anders geheißen? Wenn das Reserl das jetzt sagt! Wenn die sich jetzt an damals erinnert – an alles, was wir getrieben haben in der Rue du Canal, bevor sie nach Rom abgefahren ist. Wenn …

Aus. Alles ist aus. Gleich wird das Reserl sagen: »Jessesmarandjosef, halt’s mi fest, i scheiß mi an, des is ja der Miguel … der Sennjohr Miguel Santiago Cortez!«

23

»Guten Abend«, sagte das Woditschka Reserl alias Gloria Cadillac, nunmehr Signora Maria Terulli, in feinstem Hochdeutsch. »Ich bin glücklich, hier sein zu dürfen, liebe gnädige Frau, lieber Herr Formann. Möge Gott der Allmächtige Sie behüten und beschützen in Ihrem neuen Heim und mit Ihnen sein auf allen Ihren Wegen. Ja, ja, mein Mann und ich sprechen deutsch!« Sie redete feierlich, und da war kein Falsch, kein Ich-verrat-dich-schon-nicht-Blick in ihren Augen. Klar und fest sah sie Jakob an. Der dachte: Die kann doch nicht alles vergessen haben, das gibt es doch nicht.

Das Reserl hatte alles vergessen, so etwas gibt es eben doch.

Ihr fast allzu schöner Mann sprach, ebenfalls in bestem Deutsch: »Meine geliebte Maria empfiehlt alle Menschen der Gnade und Güte Gottes. Bevor ich sie kennenlernte, war sie Schauspielerin. Doch dann erschien dieser Beruf ihr hohl und leer. Sie wollte ihrem Leben einen Sinn geben.«

»Sinn geben …«, lallte Jakob blödsinnig.

»Gewiß, Herr Formann«, sagte die Woditschka-Reserl-Madonna ernst. »Ich habe mich schon immer für Religions- und Glaubensfragen interessiert. So legte ich denn in Rom nach langem Studium die Prüfung als Religionslehrerin ab …« Jetzt trifft mich der Schlag, dachte Jakob und sein Schädel schmerzte, so sehr pochte die Narbe. Religionslehrerin ist sie geworden, dieses muntere Vögelein! »… und gebe seither Unterricht. Sie können sich nicht vorstellen, welch innerer Friede, welche Ausgeglichenheit, welch göttliche Ruhe mir das schenkt, Herr Formann, wenn ich …« Ihre weiteren Worte waren nicht mehr zu verstehen, denn rapide schwoll das Dröhnen eines Hubschrauber-Rotors an, der sich aus dem Nachthimmel herabsenkte.

Scheinwerfer flammten auf. Taghell erleuchteten sie ein großes Stück der riesigen Wiese. Die Kameras aller Fotografen und Fernsehteams waren jetzt auf dieses Stück Wiese gerichtet, wo langsam, sicher und federnd ein Hubschrauber landete. Der Pilot kletterte ins Freie. Er half einer Dame, die Jakob gut kannte (es handelte sich um die Edle) und einem beleibten Herrn in violettem Gewand, der einen flachen Hut auf dem Kopf trug.

»Ein Bischof …? Ein hoher Prälat …?« hörte Jakob ringsum flüstern. Der Rotor stand. Plötzlich herrschte Totenstille.

Der Violette war gekommen.

Er tat drei unsichere Schritte im blendenden Licht der Scheinwerfer. Dann krachte er auf die Nase.

Aufschrei!

Der Violette war über einen kindkopfgroßen Globus aus Marmor gestolpert, der da als besondere Attraktion mitten auf der Wiese stand. Kontinente und Weltmeere waren in diesen Globus gemeißelt, er ruhte auf einem niedrigen Sockel und drehte sich langsam. Zu ihm gehörte ein Läutwerk, das in regelmäßigen Abständen einen Bimmelton hören ließ. Auf den vier Seiten des Sockels stand in vier Sprachen:

JEDESMAL, WENN DIESE GLOCKE ERTÖNT,

WIRD IRGENDWO AUF DIESER WELT

EIN KIND GEBOREN!

Dort, wo das auf Russisch stand, war der Violette zu Fall gekommen. Jakob raste über die Wiese. Von allen Seiten eilten Gäste herbei.

Jakob versuchte den Violetten aufzurichten. Es ging nicht. Er schaffte es – so sportgestählt er auch war – nicht allein. Der Violette war ein sehr korpulenter Herr. Mit Hilfe eines Lords, eines Botschafters und eines Nobelpreisträgers brachte Jakob seinen prominentesten Gast wieder auf die Beine. Er stammelte in Panik: »Hochwürdigste Exzellenz … Exzellenz … Haben Exzellenz sich verletzt? Ich bin untröstlich, Exzellenz! Tut etwas weh? Ist etwas verstaucht? Dieser verfluch … Pardon, dieser dumme Globus! Ich werde sofort einen Arzt …«

»Das erübrigt sich, mein Sohn«, sprach der Violette und wischte Wiesenerde von der Soutane. »Alles ist in Ordnung.« Er hob die Hand. Jakob neigte sich tief über die Hand, er ging dabei halb in die Knie. Er zitterte vor Aufregung am ganzen Leib, als er stammelte: »Gott zum Gruß, Hochwürdigste Exzellenz, Gott zum Gruß! Ich danke für die unendliche Ehre, die Exzellenz mir mit Ihrem Erscheinen erweisen …«

Von weitem sah Klaus Mario Schreiber der Akrobatik seines Chefs zu, hielt sich an seinem Whiskyglas fest und murmelte erschüttert: »Ge … gelobt sei Jesus Christus …«

24

»Herr Jesus, in Demut treten wir in dieses Haus. Laßt mit uns kommen ewiges Glück, göttlichen Segen, lichte Freude, fruchtbare Liebe und immerwährendes Heil …«

Also sprach der Violette in der Marmorhalle des CHÂTEAU NATASCHA, dieses einzigartigen Bauwerks an der Côte d’Azur, zwischen Menton und Marseille gab es nicht seinesgleichen.

Vor dem Violetten stand ein mit einer Damastdecke bedeckter Tisch, darauf befanden sich ein Kreuz und zwei Leuchter mit Kerzen, ferner ein Weihwasserkessel. Diese Gegenstände hatte der Violette mit Jakobs ›Mirage‹ aus Rom mitgebracht. Normalerweise, dachte Jakob, ist so ein Violetter immer von einer ganzen Horde Helfern umgeben. Bei mir ist er ganz allein. Nicht mal zwei kleine Minestronen hat er dabei. Alles macht er allein. Eine ganz besondere Ehre für mich. Nun schwenkte der Violette den Kessel, während er salbungsvoll weitersprach …

»… aller Andrang böser Geister bleibe diesem Orte fern. Engel des Friedens seien zugegen, und alle Zwietracht verlasse dieses Haus …«

Bei jenen Worten sah Claudia besonders giftig zu Natascha hinüber und murmelte leise ein paar Worte. Die Halle war gestopft voller Gäste. Tausende von Kerzen brannten an riesigen Lüstern. Manche der Großen dieser Erde beteten mit. Am inbrünstigsten betete die kniende Signora Maria Terulli mit, vordem Stripperin Gloria Cadillac, vordem Woditschka Reserl aus Wien-Ottakring.

»… laß mächtig sein, o Herr, Deinen heiligen Namen über uns und segne unser Tun …«

Sehr viele, die in der Halle keinen Platz mehr gefunden hatten, standen draußen auf der Terrasse im Freien, manche unten im Park. Es war entsetzlich heiß, nun klickten die Verschlüsse der Fotoapparate, nun surrten die Fernseh-Kameras, nun blendeten Scheinwerfer hier.

Das Woditschka Reserl ist gutmütig, dachte Jakob. Aber diese Lady Cordine, einstmals Hilde Korn, später dann Laureen Fletcher und weiß Gott wie viele weitere Namen noch, diese damals so gar nicht wölfische Werwölfin, mit der zusammen ich dann den großen Beschiß in Devisen gemacht habe, diese Bestie Lady Cordine, nunmehr Gattin eines der fünf größten Bankiers Großbritanniens, die sieht mich immer weiter mit ihrem Eiszapfenblick an, das halte ich nicht aus, das habe ich nicht verdient! Oder habe ich doch? Ach was, ich schau einfach nicht mehr hin!

»… heilige unseren demütigen Eingang«, sprach der nette, fette Violette, den Kessel schwingend. (Die Hitze hier und dieser Geruch nach Weihrauch – hoffentlich übergibt sich keiner! dachte Jakob. Er setzt einem schon zu, der Geruch. Mir nicht. Ich habe einen Magen, der kann alles vertragen. Aber da sehe ich ein paar Damen, die sind so komisch blaß, manche grünlich. Ob die Einsegnung noch lange dauert? Das ist ja alles ganz phantastisch, und keiner von den Säcken hier hat sich noch einen Violetten zum Segnen seines Hauses geholt, aber wenn da jetzt eine [oder mehrere] loszureihern beginnen – dem Marmorboden macht’s ja nichts. Nur stehen wir so gedrängt. Und da kriegen es die anderen dann womöglich ins Genick. Nun mach schon, Exzellenz, mach zu!)

»… der Du heilig und gütig bist und mit dem Vater und dem Heiligen Geiste bleibest von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen …«

Na Gott sei Dank, dachte Jakob, ist ja unerträglich hier. Das Hemd, durchgeschwitzt, klebt mir am Leibe. Jetzt ist aber Schluß.

Falsch gedacht!

Der Violette fuhr (ihm lief auch der Schweiß über das freundliche, runde, rosige Antlitz) mit erhobener Stimme fort: »Lasset uns beten und flehen zu unserem Herrn Jesus Christus …«