»Gestotter! Als ob das nicht vollkommen gleichgültig wäre! Auch Demosthenes hat gestottert!«
»U … Und besoffen bi … bin ich auch …«
»Was, glauben Sie, hat Goethe getrunken?«
Klaus Mario Schreiber musterte die türkisgewandete Contessa erfreut.
»Da … Das ist wahr. A … Aber wieso ke … kennen Sie wirklich meinen Na … Namen?«
»Herr Schreiber, jeder Mensch kennt Ihren Namen, seit Sie ES MUSS NICHT IMMER HUMMER SEIN geschrieben haben!«
Der Trunkenbold belebte sich.
»Ist da … das wirklich so, Ma … Mademoiselle …«
»Contessa della Cattacasa. Bitte sagen Sie Claudia zu mir.«
»N … N … Nur wenn Sie M … M … Ma … Mario zu mir sagen!« Schreiber geriet in Erregung. »Sie ha … haben de … den HUMMER g … gelesen, Claudia?«
»Gelesen?« Sie funkelte ihn an. »Verschlungen! Und mich halbtot gelacht! Die ganze Welt wird sich halbtot lachen, wenn das erst als Buch herauskommt!«
»Die … Dieser Mi … Mist als Buch? Ich w … weiß nicht! Ich ha … habe andere, ernste B … Bücher geschrieben, die alle n … nicht ge … gegangen sind. Z … Zum Beispiel …«
»Ich brauche keine Beispiele, Mario«, sagte Claudia, und jetzt stand sie so nahe vor ihm, daß er ihren Atem spürte. »Ich habe alle Ihre Bücher gelesen. Ich habe sie alle großartig gefunden. Sie heißen nicht nur Schreiber. Sie sind wirklich ein Schreiber, ein unerhört begabter Schreiber. Aber die Leute wollen lachen in dieser miesen Zeit, glauben Sie’s mir. Und darum prophezeie ich Ihnen, daß Sie mit dem HUMMER Ihren Durchbruch haben werden! In zwanzig, in fünfundzwanzig Sprachen wird der übersetzt werden!«
Schreiber mußte dreimal ansetzen, bevor er überhaupt einen Ton herausbrachte. »D … Da … Das glauben Sie w … wirklich?«
»Davon bin ich felsenfest überzeugt!«
»Cl … Clau … Claudia, Sie sind m … mir so sy … sympathisch!«
Der Mensch ist komisch. In einer einzigen Sekunde kippte Claudias Wut über Jakob und Natascha in Liebe für den stotternden, verpickelten und besoffenen Klaus Mario Schreiber um.
»Küß mich«, stöhnte die Contessa della Cattacasa, die es bisher eigentlich stets lieber mit Frauen trieb. »Küß mich! Beiß mich! Küß mich, Mario! Bitte! Ich bin verrückt nach dir! Na, nun tu’s schon!«
»W … Wenn’s weiter nichts ist«, sagte Klaus Mario Schreiber und tat es. Mit Lullerchen …
In dem Moment, da sie stöhnend ihre Körper aneinander zu reiben begannen, erloschen alle Lichter.
28
Und im nächsten Moment setzte wüste Musik ein!
Und im übernächsten kam die Plattform des mittleren Podiums schnell emporgefahren. Scheinwerfer, angebracht auf dem Dach des CHÂTEAU NATASCHA, flammten auf, ihre Strahlen irrten durch die Dunkelheit, sammelten sich schließlich allesamt auf dem hochgefahrenen Podium.
Ein wilder Schrei aus fünfzehn Mädchenstimmen erscholl. Die Mädchen hatten schwarzes, blondes und rotes Haar. Es wäre falsch, zu sagen, daß sie splitternackt waren. Das ›splitter‹ gehört weg. Sie hatten an einer bestimmten Stelle Herzchen angeklebt. Und sie begannen sich in atemberaubender, unfaßbar erotischer Weise zu winden, zu krümmen, zu drehen.
Es war ganz still geworden unter Jakobs Gästen.
Verflucht, dachte unser Freund. Stundenlang habe ich mit Claudia gestritten. Sie hat mir eine Tempeltänzerinnentruppe aus Bali samt der Hohepriesterin angeboten, ich habe unbedingt die ›Crazy Horse‹-Girls haben wollen. Ich habe mich durchgesetzt. Da sind nun meine Girls. Nein, das habe ich aber nicht gewußt, daß die sich so aufführen werden! Das ist ja entsetzlich! Das ist ja eine Katastrophe! Hätte ich doch bloß auf die liebe Claudia gehört und die Tempeltänzerinnen aus Bali samt Hohepriesterin genommen!
An einem der Tische war die Edle aufgesprungen.
»Das ist obszön!« schrie sie.
Kaum jemand hörte es, die Musik war zu laut. Jemand zog die Edle auf ihren Sessel zurück. Wenige Augenblicke danach starrte sie plötzlich fasziniert zum Podium hin, auf dem fünfzehn Girls, eines schöner als das andere, tanzten, allein, miteinander, sich räkelten, streckten, einander liebkosten, umarmten.
Maria Terulli, einstmals das Woditschka Reserl aus Wien-Ottakring und späterhin Belgiens Stripperin Nr. 1, nunmehr Religionslehrerin, die ihren Frieden in Gott gefunden hatte, saß mit offenem Mund da. Sie sagte, und nacktes Entsetzen stand ihr ins Gesicht geschrieben, zu Jakob: »Sind Sie denn wahnsinnig geworden, Herr Formann? Das ist ja ekelerregend! Das ist ja die reine Pornographie! Und so etwas wagen Sie in Anwesenheit Seiner Hochwürdigsten Exzellenz …«
Jakob zitterte in den Schuhen.
»Kommen Sie, Hochwürdigste Exzellenz, ich bitte Sie für Herrn Formann um Verzeihung. Vergeben Sie ihm, wenn Sie können. Und möge auch der Allmächtige ihm vergeben.« Das Reserl erhob sich und nahm eine Hand des Violetten. »Ich führe Sie zum Hubschrauber, Hochwür …«
Aus. Alles aus, dachte Jakob wieder einmal, und spürte angenehme Wärme in sich aufsteigen.
Dann erlebte er eine Überraschung.
Der Violette strich sanft über die Hand der frommen Ex-Stripperin, indessen die fünfzehn ›Crazy Horse‹-Girls in einer Reihe, Unterleib vorgestemmt, über die Podiumsfläche auf das Publikum zumarschiert kamen. »Nicht doch, liebe Tochter«, sagte der Violette, sich behaglich in seinen Sessel zurücklehnend. (Schmatzte der? grübelte Jakob fasziniert.) »Setzen Sie sich wieder. Das ist wirklich eine gelungene Überraschung, lieber Sohn.« Und er tätschelte Jakobs Hand. »Sie haben ein großes Herz! Die Villa auf dem Pincio wird Ihnen gefallen. Und was soll Ihre Erregung, liebe Tochter? Dem Reinen ist alles rein!«
29
Eine halbe Stunde später, nachdem die ›Crazy Horse‹-Girls unter dem donnernden Applaus aller Anwesenden (auch des Violetten) in der Tiefe versunken waren, begann dann das Feuerwerk.
Es wurde das größte Feuerwerk, das es jemals an der Côte d’Azur gegeben hatte. Die Raketen wurden abgeschossen von kleinen Spezialschiffen, die auf dem Meer vor dem Hafen lagen. Der Anblick war überwältigend, und die ›Aaaahhhs!‹ und ›Ooooohhhs!‹ der Gäste fanden kein Ende. Immer neue Feuerbilder zauberten die Pyrotechniker an den blauschwarzen Himmel.
In einem Gebüsch, nahe der Putte, war Klaus Mario Schreiber beim wechselnden Schein der Leuchtfarben sehr glücklich mit Claudia Contessa della Cattacasa, und sie war es mit ihm. So einen Mann, sagte sie, habe sie noch nie erlebt. Sie war nun wieder Männern zugetan. Und dieser Schreiber, der war, wenn man wollte, sofort auch eine süße kleine Lesbierin!
Und Orchideen an den Himmel gezaubert! Und Blumenarrangements! Und Sternenregen! Und Feuergarben! Und pfeifende Lichtpunkte, die hoch, hoch oben explodierten und riesige farbige Leuchtpunktgebilde schufen, welche langsam ins Meer rieselten. Und …
Eine Hand legte sich auf Jakobs Schulter.
Verärgert fuhr er herum.
Einer der Maîtres de Maison stand hinter ihm, neigte sich – das Feuerwerk machte gerade einen Riesenkrach – dicht an Jakobs Ohr und schrie: »Ich bitte um Verzeihung, Monsieur Formann, Sie werden ganz dringend am Telefon verlangt!«
Automatisch betrachtete Jakob sein Hosentürl. Er hatte da so seine Erinnerungen. Und wenn ihn nun jemand hereinlegen wollte …
Nein, alles in Ordnung mit dem Hosentürl.
»Wer will mich sprechen?«
»Eine Madame Herta Jaschke aus Murnau, Monsieur …«
Jakob fuhr auf und raste, ohne sich bei seinem illustren violetten Nachbarn zu entschuldigen, ins Haus.
Jaschke! Jaschke! Die Herta ist dem Jaschke seine Frau! Was ist passiert, um Himmels willen?
Er erreichte einen Salon, sah dort einen Hörer neben dem Telefon liegen und riß ihn ans Ohr.
»Hier Jakob! Was ist los, Herta?«
Durch ein Fenster sah er das Feuerwerk. Grün. Blau. Rot.
Eine schluchzende Stimme ertönte: »Gott sei Dank, daß ich dich erreiche, Jakob! Sie haben es in den Abendnachrichten im Fernsehen durchgegeben …«