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Jakob bewunderte, was er sah. Er sah im Camp amerikanische Fahrzeuge, sowjetische Waffen, britische Uniformen und ein Jaschkesches Fertighaus, vollgefüllt mit französischem Rotwein und davor ein Doppelposten unter Gewehr. Hier haben, sinnierte unser Freund, während sein Jeep auf kreischenden Pneus um immer neue Fertighäuser Nieskyer Bauart bog, also die Großen dieser Erde Wirtschaftshilfe für ein Krisen- und Elendsgebiet geleistet. Auch ich habe mein Scherflein dazu beigetragen, kann man wohl sagen!

Jakob war indessen nicht lange deprimiert. Was denn, dachte er sogleich, die Großen haben noch viel mehr Wirtschaftshilfe geleistet und sind dabei auch auf die Schnauze gefallen! So was soll man eben – üb immer Treu und Redlichkeit – nicht machen, es geht sicherlich ins Auge, bis an dein kühles Grab … Pfui Teufel, daran will ich gar nicht denken, ich will hier wieder raus mit allen meinen Leuten, also weiche ich keinen Fingerbreit mehr und so weiter und krieche diesen verrückt gewordenen Militärs in Afrika (denen in Europa und Amerika und Rußland bin ich schon!) immer rein in den Arsch.

Das war denn auch der Grund, warum unser Freund stramm, die Hände an der Hosennaht (gelernt ist gelernt!), immer weiter vor dem Schreibtisch des glänzend-schwarzen Feldmarschalls Gamba M’Gamba mit der bunten Ordensgalerie stehen blieb, obwohl dieser ihn schon mehrfach aufgefordert hatte, sich zu setzen, und bereits ganz nervös war.

»Exzellenz«, antwortete Jakob Formann, »es gebietet mir die Ehrfurcht, daß ich stehen bleiben muß.«

»Wissen Sie, daß Sie ein weißes Schwein sind?« fragte der Chef der Militärregierung.

»Jawohl, Exzellenz, melde gehorsamst, ich weiß«, sprach Jakob und fügte sicherheitshalber hinzu: »Und von dem Karl Jaschke weiß ich es auch, und er weiß es auch, daß er ein weißes Schwein ist.«

»Weißes Schwein Formann, setzen Sie sich augenblicklich!« sagte der hochdekorierte Negerfeldmarschall. »Das ist ein Befehl, verstanden?«

»Jawoll, Exzellenz, melde gehorsamst, habe verstanden, das ist ein Be …«

Weiter kam Jakob nicht, denn zwei noch riesenhaftere (wenn auch nicht so wunderschön geschmückte) andere Neger, die mit schußbereiten Maschinenpistolen (Made in Czechoslovakian Socialistic Republic – Jakob sah’s auf den ersten Blick) den Chef der Militärregierung bewachten, hatten ihn bereits hochgehoben, über einen Sessel gehalten und fallen gelassen. Es tat verdammt weh.

Ihr verfluchten Hunde, dachte Jakob und sagte freundlich: »Ich danke auch herzlich, meine Herren!«

In gepflegter englischer Sprache erklärte nunmehr der Feldmarschall Gamba M’Gamba: »So, Sie sitzen. Gut. Ruhen Sie sich noch ein wenig aus. Nach drei Uhr nachmittags werden Sie für immer Zeit haben, sich auszuruhen.« Der Herr Feldmarschall mußte über seine Worte herzlich lachen. Die beiden Herren mit den Maschinenpistolen mußten auch lachen.

»Wieso nach drei Uhr nachmittags, Exzellenz?« forschte Jakob. »Sie sprechen übrigens ein phantastisches Englisch!« fügte er schmeichelnd hinzu.

»Ich habe in Oxford studiert.«

»Ah, Oxford«, sagte Jakob und dachte: Dieser N’Bomba ist auch in Oxford erzogen worden. Ich bin nicht in Oxford erzogen worden. Mir scheint, ich irre ab. Er räusperte sich. »Wieso ab drei Uhr nachmittags, Eure Eminenz … äh, Eure Exzellenz …«

»Weil Sie heute nachmittag um drei Uhr standrechtlich erschossen werden«, antwortete der Feldmarschall, der noch vor Lachen gluckste. »Und dieser Kerl, den Sie uns geschickt haben, dieser Jak …«

»Jaschke, Eure Exzellenz, Karl Jaschke«, stellte der sich vor, indem er sich mühsam hochrappelte. Jaschke war bereits fix und fertig.

»Und dieser Karl Jaschke – setzen! – auch. Und alle Ihre Fachkräfte auch. Unsere Revolution will Blut, braucht Blut, muß Blut haben!«

»Ja, muß sie?« fragte Jakob. Wieder eine Spätzündung. »Erschossen? Ich? Der Jaschke? Die Arbeiter?« Jakob sprang wieder auf. Schweiß brach ihm aus, die Narbe an der Schläfe zuckte, er griff nach der Hasenpfote in seiner Hosentasche.

»Hand weg!« knurrte einer der MP-Gorillas.

»Alle, jawohl«, sagte Gamba M’Gamba. »Mit Ihnen fangen wir an. Dann kommen jeden Tag andere dran, die wir hier als Geiseln festhalten.«

»Aber warum, Exzellenz?«

»Setzen, habe ich gesagt! Weil Sie und alle die anderen sich in verbrecherischer Weise an dem ruhmreichen karanianischen Volk bereichern wollten!« (Wieso ruhmreich? überlegte Jakob angestrengt. Bloß, weil sie uns jetzt zusammenknallen? Und was für andere? Ach, natürlich haben da auch andere Entwicklungshilfe geleistet. Schön vertrottelt. Also nie im Leben rühr’ ich auch nur noch einen Finger für Entwicklungshilfe. Obwohl, natürlich, die Exzellenz hat ganz recht, meinen Rebbach habe ich ja wirklich machen wollen mit dem ruhmreichen karanianischen Volk. Genauso wie die andern vermutlich.)

»Weil Sie«, donnerte der Feldmarschall weiter, »Fremdgeld in unser heiliges Vaterland gepumpt haben, um uns weiter ausbeuten zu können – wie die Weißen vor Ihnen!«

»Entschuldigen Sie, Exzellenz, davon kann keine Rede sein! Der Herr Premierminister N’Bomba ist zu uns nach Bonn gekommen und hat um Geld gebeten, und wir haben es ihm gegeben, um dem ruhmreichen Volk von Karania zu helfen und …«

»Schweigen Sie!« Die Faust des Militärregierungschefs krachte auf den Tisch. Jakob hüpfte ein wenig durch die Erschütterung des Bodens. »N’Bomba war ein Schakal, eine Hyäne, ein Verbrecher! N’Bomba hat mit dem Schicksal des karanianischen Volkes gespielt wie mit einem Ball! Er hat Geld geliehen und damit in unvorstellbarem Luxus gelebt! Wem gehörten die drei Maschinen der KARANIAN AIRLINES? Wem gehörten die zahlreichen Schlösser und Landsitze, die er sich mit dem Geld der Entwicklungshilfe bauen ließ? Sie haben ja selber in einem solchen Palast drei Tage zugebracht, Mister Formann. Ich frage Sie: Stinkt das nicht zum Himmel?«

Ja, also wenn ich an das Palastzimmer denke, wo sie uns drei Tage lang nicht rausgelassen haben und wo wir alle unsere Geschäfte auf Smyrna-Teppichen haben erledigen müssen, dann will ich dir recht geben, dachte Jakob und sagte: »Exzellenz, wie konnten wir denn ahnen, daß dieser N’Bomba …«

»Der seinen Tod tausendfach verdient hat!« donnerte der Feldmarschall.

»… der wo seinen Tod tausendfach verdient hat, weil er so mit den ihm anvertrauten Geldern …«

»Tun Sie nicht so scheinheilig, Mister Formann! Wer hat sich denn vierzig Prozent der Produktionskapazität an Fertigbauhäusern ausbedungen, na?«

»Ja, natürlich, wenn Sie es so sehen …«

»Natürlich sehe ich es so! Sie haben gemeinsame Sache gemacht mit dem Verräter N’Bomba! Wie alle anderen, die ihm Geld gegeben haben, auch!«

»Nein, nicht ›auch‹! Wir haben doch weiter Fertigbauhäuser für das arme Afrika bauen wollen, hier in Karania!« protestierte Jaschke. »Wir haben geglaubt, das ist gerecht so!«

»Der Glaube, Mister Jaschke, ist nicht der Anfang, sondern das Ende von allem Wissen, wie einer Ihrer großen Dichter gesagt hat.«

»Welcher denn?« interessierte sich Jakob.

»Johann Wolfgang von Goethe! Das kannten Sie nicht? Unfaß … na, egal! Um drei sind Sie ohnehin tot …« Wann sagt der Kerl endlich: »Wenn nicht«, überlegte Jakob, da sagte der Kerl schon: »… wenn Sie nicht augenblicklich eine Erklärung abgeben, und zwar schriftlich, daß die Fertighausfabriken dem karanianischen Volke gehören, daß Sie nichts mehr damit zu tun haben, also auch keinen Anteil an der Produktion, und wenn Sie nicht erklären, keinerlei Forderungen mehr an die Regierung von Karania zu stellen …« Der eine MP-Gorilla sagte dem Feldmarschall etwas ins Ohr. »… ach ja, und ferner, daß Sie mit größter Höflichkeit und bestens behandelt worden sind!«

»Also, das ist doch eine glatte Erpress …«, begann der Jaschke, aber Jakob hielt ihm schleunigst den Mund zu und lächelte den Lametta-Feldmarschall Gamba M’Gamba gewinnend an. »Kleiner Scherz, Exzellenz. Natürlich können Sie jederzeit eine solche Erklärung von uns bekommen. Stand uns doch nach nichts anderem der Sinn, als den Völkern der Dritten Welt zu helfen.« (Da bin ich also mächtig auf den Arsch gefallen. Neunzig Millionen im Eimer! Das kommt davon, Jakob, mein Lieber, siehst du, wenn man ein unredliches Geschäft machen will. Wer hat es sich ausgedacht? Der Arnusch Franzl, der Haderlump! Daß der ein Haderlump ist, habe ich aber schon immer gewußt. Außerdem: Habe ich nicht sofort jubelnd mitgemacht und dem Franzl fünfundsiebzig Millionen Schilling zur Gründung einer Bank in Wien geschenkt für seine Idee? Klar unterschreibe ich, bevor ich mich erschießen lasse um drei Uhr nachmittags. Ich möchte sagen, es gibt nichts, was ich nicht unterschreiben würde, damit sie mich nicht erschießen um drei Uhr nachmittags! Das Geschäft hier können wir also vergessen. Ich muß mehr aufpassen! Viele solche Geschäfte kann ich mir nicht leisten …)