»Es steht«, sagte indessen der Feldmarschall, »natürlich keinem, der hierher Geld verschoben hat, anderes im Sinn, als den Völkern der Dritten Welt zu helfen. Die Herren unterschreiben alle, bloß damit sie wieder rauskommen. Die Herren, die die Straßen und Schulen finanziert haben, den Regierungspalast, das Gefängnis, die Eisenbahnlinien, die neuen Kupfergruben und so weiter und so weiter … Nun, und weil ich große Achtung vor Ihrer Intelligenz habe – wenn auch nicht vor Ihrem Charakter, Mister Formann –, habe ich die entsprechenden Dokumente bereits schreiben lassen. Hier wären sie. Wenn Sie das einmal durchlesen wollten!«
Feldmarschall Gamba M’Gamba gab einem seiner MP-Bullen einige Blätter Papier, der gab sie weiter an Jakob und Karl Jaschke. Die beiden lasen. Ach, dachte Jakob, was wird da schon drinstehen? Daß sie uns – na also! – hier behandelt haben wie im HÔTEL DE PARIS in Monte Carlo; daß wir Staatsgäste gewesen sind, die dem großen und stolzen Volk von Karania einen Besuch abgestattet haben, um zu sehen, wie hier der demokratische Fortschritt beim Bau der von uns geschenkten Fertighausfabriken blüht und gedeiht; und daß wir dankbar sind für die Freundschaft des großen, ruhmreichen Volkes von Karania, das sich selbst hundertprozentig im Besitz seiner Produktionsmittel befindet und unabhängig von jedem Ausländer ist und stets bleiben wird.
Was tut man nicht alles, um nicht erschossen zu werden?
Jakob unterschrieb eilends. Jaschke unterschrieb eilends. Es werden wohl, dachte Jakob, alle Herren, die in diesem Sauland Geld investiert haben, eilends unterschrieben haben oder noch unterschreiben. Neger müßte man sein!
Kaum hatte Feldmarschall Gamba M’Gamba die signierten Dokumente wieder in Händen, da verwandelte er sich jählings in einen völlig anderen Menschen: Er bat Jakob und Jaschke, doch ein Bad zu nehmen, sich zu rasieren, sich die Haare schneiden und waschen zu lassen und ihm dann die Ehre zu geben, sie zu einem bescheidenen Imbiß einzuladen.
Der bescheidene Imbiß bestand aus acht Gängen und wurde in einem Lokal der Hauptstadt eingenommen, mit dem verglichen, ach, dachte Jakob verträumt, die ›Sheherazade‹ in Paris ein Dreck gewesen ist. Schwarze Herren, vollendete Kavaliere, ganz in Weiß, mit weißen Handschuhen, servierten. (Und zu Jakobs grenzenloser Beruhigung gab es persischen Kaviar die Hülle und die Fülle, jedoch keine Austern. Was angesichts der geographischen Lage Karanias und der Temperaturen dort ja eigentlich auch nicht zu erwarten gewesen war.)
»Ein wunderschönes Restaurant haben Sie hier, Exzellenz«, sagte Jakob. Gamba M’Gamba nickte verträumt.
»Einer Ihrer Landsleute.«
»Was, einer meiner Landsleute?«
»Hat es gebaut. Er hat noch vier andere solche Restaurants in Karania gebaut. Und jetzt hat er sie – genau wie Sie Ihre Fertighausfabriken – dem großen, ruhmreichen karanianischen Volk zum Geschenk gemacht.«
»Hut ab«, sagte Jakob. Also haben sie den auch erwischt, dachte er.
»Früher, unter dem verbrecherischen Regime des räudigen Hundes Ora N’Bomba«, erläuterte der Feldmarschall und Chef der Militärregierung, »haben in diesen Lokalen nur die Huren und Speichellecker des Schurken und seine Bonzen prassen dürfen. Jetzt, nachdem wir das Vaterland befreit haben, kann in unserer Demokratie jedermann aus dem Volk hier essen, soviel und so reichlich er will!«
»Entschuldigen Sie tausendmal, Exzellenz«, sagte Jakob. »Aber ist das nicht ein wenig unrealistisch?«
»Unrealistisch, wieso?« grollte Gamba M’Gamba.
»Na ja«, sagte Jakob freundlich, »ich könnt’ mir halt vorstellen, daß das Essen und Trinken hier herinnen ganz schön teuer ist und daß also so ein Wasserträger oder Ziegelschupfer oder Melonenverkäufer nicht genug Geld hat, in diesen schönen Lokalen zu essen, soviel und so reichlich er will.«
»Das ist eine vollkommen andere Sache«, sagte der Befreier des vorher so unterdrückten Volkes von Karania böse. »Schweigen Sie, weißes Schwein! Wissen Sie, was Sie sind? Ich habe es gleich gewußt! Ein Demagoge, das sind Sie!« (Was ist ein Demagoge, was hat, um Gottes willen, ein Demagoge mit Demokratie zu tun? grübelte Jakob verwirrt. Diese dämliche Edle hat mir aber auch gar nichts beigebracht.) »Sie wollen sich über Minderheiten lustig machen!«
»Das wollen wir auf keinen Fall!« beeilte sich Jaschke zu versichern.
»Und auf gar keinen Fall wollen wir uns über Mehrheiten lustig machen«, sagte Jakob eifrig.
»Bei uns«, erklärte der Feldmarschall, »sind jetzt alle Menschen gleich, verstanden?«
»Jawoll, Exzellenz, melde gehorsamst, wir haben verstanden«, antwortete Jakob zuvorkommend.
Nach dem bescheidenen Imbiß wollte es sich Seine Exzellenz nicht nehmen lassen, Jakob, Jaschke und alle Arbeiter der Fertighausfabriken zum Flughafen zu bringen und mit einer Maschine der KARANIAN AIRLINES bis Damaskus fliegen zu lassen, wo Jakobs Jet wartete. Unser Freund erlitt einen heftigen Schreck, als er aus dem Lokal hinaus in die glühende Sonne trat.
Vor dem Lokal stand ein großer Mercedes. Diesen Mercedes kannte Jakob. Den hatte er schon einmal vor der Villa des Arnusch Franzl zu Bonn am Rhein stehen sehen! Da hatte der Mercedes noch dem inzwischen erschossenen Premierminister Ora N’Bomba gehört. Der Chauffeur war ein Weißer in einer Phantasieuniform.
»Jessas, der Herr Stößlgasser!« rief Jakob, schlug die Hände zusammen und betrachtete ergriffen den stämmigen Bayern, der, die Mütze in der Hand, die Schlagtüren geöffnet hatte. »Das ist aber gelungen! Daß wir uns hier wiedersehen! Darf ich bekannt machen? Mein Mitarbeiter, Herr Jaschke – Herr Stößlgasser aus … aus …«
»Aus Ruhpolding, Herr Formann«, sagte der stämmige Bayer mit kehligen Urlauten und schüttelte Hände. Seine Exzellenz lächelte sanft.
»Daß Sie noch leben!« staunte Jakob.
»Warum soll ich denn nicht mehr leben, Herr Formann?«
»Ich meine nur … Entschuldigen Sie, das war taktlos … Aber weil Sie doch der Chauffeur von diesem … diesem …«
»Dieser Verrätersau Ora N’Bomba, meinen Herr Formann?«
»Ja, von dem sind Sie doch Chauffeur gewesen! Und ihn hat man als Feind des Volkes erschossen.«
»Vollkommen gerechterweise«, sagte der Bayer. »Das ist ein sehr böser Mensch gewesen.«
»Sehr böser Mensch gewesen«, echote Jakob. »Und … Sie selber … Sie sind dabei nicht zu Schaden gekommen …«
»In keiner Weise! Seine Exzellenz, der Herr Feldmarschall, hat mich gleich gefragt, ob ich jetzt sein Fahrer sein will. Ja, hab’ ich gesagt. No, und jetzt bin ich’s und fühl’ mich sauwohl.«
»Sau … und Sie haben kein Heimweh? Ich meine: Sie möchten nicht zurück in das schöne Ruhpolding?« erkundigte sich Jakob.
»Nicht ums Verrecken, Herr Formann.« Stößlgasser schüttelte den Quadratschädel. »Mir gefällt es hier. Hier hab’ ich meine Freiheit. Die Landschaft … die herrliche Natur … das gesunde Klima … der soziale Fortschritt! Also, ich bin ein ganz anderer Mensch, seit ich in Karania bin, Herr Formann!«
»Und niemand tut Ihnen was?«
»Was soll mir denn einer tun? Ich bin der beste Fahrer, den wo sie haben in Karania! Hier bin ich mein eigener Herr! In Ruhpolding, da hab’ ich mich totschuften müssen und den Deppen machen mit Seppelhosen und Gamsbart und Schuhplatteln und Jodeln für die saubläden Preißn. Das hier ist eine uralte Kulturnation, Herr Formann. Also, für mich gibt es nichts anderes mehr!«