»Ja und?«
»Ich hab’ mir gedacht, am schwersten nachzuweisen ist es, ob du nicht vielleicht ein bissel deppert bist, ich meine, ob du nicht einen Schock oder so was gekriegt hast und man dich deshalb nicht andauernd mit einer Alarmkompanie losjagen kann, immer in die dickste Scheiße. Da habe ich also den Verrückten gespielt.«
»Wie?«
»Ich hab’ gesagt, ich bin schwerkrank und muß ununterbrochen Fieber messen. Besonders wenn ich Wache gehabt habe! Und ich habe gesagt, ich kann nicht grüßen, weil mehrere Thermometer unter meinen beiden Armen klemmen.«
»Was heißt mehrere?«
»Wie sie dann endlich meine Sachen durchsucht haben, haben sie zweiunddreißig Thermometer gefunden. In einem Lazarett hab’‘ ich mal eine größere Ladung mitgehen lassen, verstehst du?«
»Verstehe. Und?«
»Na ja, und zuletzt ist es ihnen zu blöd geworden, und sie haben mich zu einem Nervenarzt geschickt, damit der mich untersucht. Der Idiotendoktor hat mich natürlich in zwei Minuten durchschaut gehabt und kv. geschrieben, und vier Tage später war ich wieder bei einer Alarmkompanie, aber dieser Klapsmühlenheini, der hat etwas gesagt, was ich nie vergessen habe.«
»Was?«
»Er hat gesagt, daß zuletzt nur der durchkommt, der am meisten aushalten und die meisten Niederlagen einstecken kann – und nicht der, der immer wieder bloß Siege erringt! Das hat mir sehr großen Eindruck gemacht. Laß den Kopf nicht hängen, Wenzel. Es geht schon alles seinen guten Weg. Du wirst an meine Worte denken. Ich sag’ dir: Wir werden noch einmal beide ganz, ganz reiche Leute!«
»Scheiß mit Reis«, sagte Wenzel. »Wir hatten schon recht, als wir den Stanke, den Blödmann, so verdroschen haben, daß er für vierzehn Tage ins Lazarett hat gemußt, damit sie ihn wieder zusammenflicken.«
»Was war denn mit dem Stanke, Wenzel?«
»Der war in meiner Kompanie, ein Studienrat, der hat’s mit dem Leibniz gehabt und uns immer so Sprüche aufgesagt, besonders wenn ein russischer Angriff gerade vor der Tür stand.«
»Was hat er euch denn für Sprüche aufgesagt?«
»Na, von Leibniz«, sagte Wenzel. »Weißt du nicht mal, wer Leibniz war?«
»Der die Kekse erfunden hat?«
Wenzel lachte auf. »Nicht ganz, Jakob. Ich meine den berühmten deutschen Philosophen. Den hat der Stanke immer zitiert, und sein Lieblingszitat hat geheißen: ›Unsere Welt ist die beste aller möglichen Welten‹.«
»Ja«, sagte Jakob sinnend, »so was gibt’s häufiger, als man denkt, Wenzel. Ich erinnere mich an ein Arschloch im Gefangenenlager, zu dem sind viele hingegangen, weil es geheißen hat, daß er Trost spenden und alles erklären kann. Ich bin natürlich nie hingegangen, aber die Kameraden haben es mir erzählt. Sie haben ihn gebeten, ihnen zu erklären, warum das Elend und das Böse diese Welt so überschwemmen und wir so in der Scheiße sitzen. Und da hat dieser Kerl geantwortet, daß in unserer Welt alles seine Ordnung hat und gesetzmäßig ist und zum besten bestellt. Aber er hat keinen großen Erfolg gehabt, denn die Krüppel und die mit Hungerödemen und die, die der Krieg im Kopf ganz ruiniert hat, und die mit Skorbut, denen schon alle Zähne ausgefallen sind, haben ihm nicht geglaubt.«
37
»Jake! Mein Gott, Jake, wie ich mich freue, dich wiederzusehen!« Mit ausgestreckten Armen kam der Chef der Kulturabteilung der US Army Europe, Generalmajor Peter Milhouse Hobson, quer durch sein riesiges Büro auf Jakob Formann zu. Bevor Jakob es verhindern konnte, hatte ihn Hobson bereits an die Brust gedrückt und auf beide Wangen geküßt. Mit der neuen Uniform und den neuen Rangabzeichen sieht er noch vertrottelter aus, als er in Hörsching auf dem Fliegerhorst ausgesehen hat, dachte Jakob Formann selig, und er schlug Hobson krachend auf die Schulter.
»Ich freue mich auch, Peter«, sagte Jakob. Im nächsten Moment durchfuhr ihn eisiger Schrecken: Er sah, außer Wänden, die mit Theaterspielplänen beklebt waren, an einer Wand ein Bücherregal. In dem Regal standen dick, breit und in herrlichstes Leder gebunden, Bücher. Jakob sah genauer hin. Gesammelte Werke. Goldprägung. Shakespeare, Byron, Dickens …
Jakobs Blick umflorte sich, er konnte nichts mehr erkennen. Entsetzlich, dachte er bebend, der Chef der Kulturabteilung, dieser liebe Trottel, liest. Kann lesen! Ich bin verloren. Was ich vorhabe, funktioniert nie. Achgottachgottachgott …
»Setz dich, Jake, setz dich doch. Zigarette? Zigarre? Whiskey?«
»Ziga-garre und eine Co-coke, wenn’s recht ist, Peter.« Ich werde verrückt! Goethe! Ein ganzes Bord voll. Alles verloren …
»Na, aber ich genehmige mir einen kleinen. Die Wiedersehensfreude, Jake, die Wiedersehensfreude!«
»Ja-ha …«
Hobson zog drei Bände Shakespeare aus dem Regal. Jakob stand das Herz still. Will der mir jetzt ›Romeo und Julia‹ vorlesen? dachte er verzweifelt. Der Generalmajor stellte die drei Bände Shakespeare auf ein Bord. Jakob mußte die Augen schließen vor Erleichterung. Das waren ja gar keine Bücher! Das waren Attrappen! Die drei Bände Shakespeare verdeckten zwei Flaschen VAT 69. Coca-Cola gab es im Byron. Und hinter Goethe war ein veritabler niedriger Eisschrank versteckt! Der Generalmajor mixte die Drinks. Er strahlte. »Prima, wie?«
»Pri-pri-prima, Peter.«
»Geschenk vom Hauptquartier, als ich herkam. Aufmerksam, was?«
»Se-sehr aufmerksam. Gib mir ruhig auch einen Schuß Shakespeare in die Coke, Peter!«
»Here you are … Was machst du in Heidelberg, Jake?« lärmte Hobson.
»Wie bist du hergekommen?«
»Ach, das war ganz einfach, Peter. Danke sehr, ich schneide sie mir selber ab. Zuerst habe ich einen Güterwagenplatz erobert und bin nach Nürnberg gefahren. Kein Eis, bitte. Von Nürnberg dann in einem anderen Güterwagen bis Würzburg. Dort haben sie mich vier Tage lang eingesperrt …«
»Warum, um Himmels willen, Jake?«
»Großrazzia auf entsprungene SS-Männer.«
»Aber du bist doch nie SS-Mann gewesen!«
»Du weißt das und ich weiß es, Peter, aber mach das mal diesen Leuten klar!«
»Diese Idioten! Du hast doch amerikanische Papiere von höchster Stelle! General Clark, General Clay! Ja, da staunst du, daß ich das weiß, was? Ich verfolge deine Karriere aus der Ferne! Hahaha!«
»Hahaha! Die MPs haben gesagt, so mies gefälschte Papiere hätten sie noch nie gesehen.«
»Goddamnit, die hätten doch bloß Clark und Clay anzurufen brauchen!«
»Haben sie auch getan, Peter. Sind aber eben erst nach zwei Tagen daraufgekommen, daß das das einfachste ist. Und dann hat’s noch zwei Tage gedauert, bis sie telefonisch durchkamen!«
»Diese Armleuchter! Nenn mir Namen, Jake, ich werde durchgreifen! Rücksichtslos!«
»Ach, Peter! Schwachköpfe gibt’s überall. Deshalb bin ich ja auch zu dir gekommen.« Hobson nickte eifrig. »Weil sich da unten in Bayern ein paar Idioten ein Ding geleistet haben, das zum Himmel stinkt. Nur du kannst das in Ordnung bringen!«
»Was haben diese Idioten in Bayern denn angestellt?« Hobson begann vor Aufregung und Freude darüber, daß Jakob nur ihm so etwas zutraute, wieder im Zimmer hin und her zu rennen, wie seinerzeit im Tower des Fliegerhorsts Hörsching bei Linz.
»Von Würzburg an bin ich dann einen ganzen Tag getippelt«, plauderte Jakob verträumt, »und dann hab’ ich wunde Füße gehabt und mich an den Straßenrand gestellt und so mit dem Daumen gewinkt, und nach ein paar Stunden schon hat ein Laster gehalten, der ist aber nach Frankfurt gefahren, und so habe ich in Frankfurt einen anderen Güterwaggon erobert und bin bis Wiesbaden gekommen, und dann hat mich ein Schieber in seinem Chevrolet über die Autobahn bis hierher gebracht.«
»Was die Idioten in Bayern angestellt haben …«
»Hör zu, Peter, wenn du nicht sofort etwas unternimmst, wird man dich sehr bald zur Verantwortung ziehen.«