»Zur Verantwortung?« Hobson erbleichte und hielt sich an dem gesammelten Thackeray-Gin fest. »Wo … wofür denn?«
Jakob sog ernst an seiner Zigarre und ließ den Rauch durch die Nase quirlen. Dann nahm er einen Schluck stark mit Whiskey versetztes Coca-Cola zu sich. Schließlich sagte er sorgenvolclass="underline" »Du bist doch auch verantwortlich für historisch wichtige Stätten, Peter, wie?«
»Ich bin für alles Kulturelle verantwortlich … auch für historisch wichtige Stätten … Warum? … Was ist denn?«
»Etwas Unwiederbringliches, ein nicht mehr gutzumachender Verlust eines historischen Gebäudes steht zu erwarten«, sagte Jakob hart. Manchmal muß man hart sein.
»Unwieder … Jesus Christ, wovon redest du, Jake?« Hobsons Hand, die bei Thackeray Halt gesucht hatte, glitt bebend über alle möglichen Gesammelten Werke und krallte sich endlich um die von Schiller. Die Attrappen schwankten wie im Sturm. Aber der Schiller-Likör hielt stand.
»Ich rede von dem Gebäude in Waldtrudering, in dem Heinrich Himmler einst seine Versuche gemacht hat, deutsche Überhühner zu züchten. Du weißt natürlich von diesem Gebäude?«
»Von … Ich … Natürlich weiß ich von diesem Gebäude! Was ist mit dem, Jake?«
Natürlich hast du keine Ahnung, du Trottel, lieber, kleiner, dachte Jakob, da kann ich ganz beruhigt sein mit noch ein wenig mehr Verwegenheit (Chuzpe würde mein Freund Mojshe Faynberg das nennen. Wo der jetzt wohl ist und was er macht? Und seine Kameraden? Und … und … der Hase!). Keine Zeit, sentimental zu werden, dachte Jakob, doch ein wenig erschüttert durch die Erinnerung an Julia, den so sanften Hasen, und fuhr markig fort: »Das Gebäude, der ganze Himmler-Hof, steht unter Denkmalschutz und darf nicht beschädigt werden!« Dieser völlig frei erfundenen Behauptung fügte Jakob sicherheitshalber hinzu: »Sagte mir General Clark. Darum sollte ich ihn ja auch übernehmen – nicht den General Clark, den Himmler-Hof – und dafür verantwortlich sein, daß da alles erhalten bleibt.« (So was hat Clark nie gesagt, aber ich sage es, und der Trottel glaubt es, und ab diesem Augenblick steht der Himmler-Hof unter Denkmalschutz!) »Damit zukünftige Generationen, aber zunächst die Lebenden im Zuge der Re-education diese Stätte der Teufelei besichtigen können.«
»Wieso Stätte der Teufelei …« Und wenn sie mir den Generalmajor wieder wegnehmen, weil ich von nichts eine Ahnung habe? dachte Hobson in Panikstimmung. Diese verfluchten Hunde! Alle wollen sie meinen Posten! »Stätte der Teufelei, Peter, meine ich so: Du weißt doch von Himmlers Rassenwahn. Vom deutschen Übermenschen, den er züchten wollte auf diesen ›Lebensborn‹-Farmen, auf denen ausgesuchte blonde SS-Männer mit ausgesuchten deutschen blonden Mädchen – ich brauche nicht weiterzusprechen.«
»Nei-nein …«
»Darum der Denkmalschutz, Peter! Hier zeigt sich die diabolische Parallele: Deutsche Überhühner – deutsche Übermenschen!«
»Verstehe …«
»Und nun stell dir vor: Der Hof ist gerammelt voll mit Flüchtlingen, die natürlich in kürzester Zeit alles demolieren werden.«
»Augenblicklich gebe ich Befehl, daß dieser Hof zu räumen ist!«
»Aber das wäre unmenschlich, Peter.«
»Wieso, Jake?«
»Es sind nur Mädchen und Kinder und Frauen und Großmütter da, kein einziger Mann! Keine Kohlen! Die Kälte! Kaum etwas zu essen! Nein, nein«, sagte Jakob, die Beine von sich streckend und wieder an der Zigarre ziehend, »so geht das nicht, Peter! So nicht! Wir sind ja schließlich keine Faschisten, nicht wahr? Dieses Quartier des Satans muß für künftige Generationen erhalten bleiben – zur Mahnung und Belehrung. Eine Unterbringung von Menschen, und noch dazu von so vielen, wäre das Ende. Eine Unterbringung von Hühnern – unter meiner beständigen Aufsicht, versteht sich – hingegen bedeutete die Gewißheit, daß alles erhalten und nichts beschädigt wird. Im Gegenteil, dieser historisch wichtige Bau wird sorgsam konserviert.«
»Ja, aber du sagst doch selber, daß man Frauen und Kinder nicht rausschmeißen kann, ohne so barbarisch zu handeln, wie die Nazis gehandelt haben.«
»Sage ich ja, Peter.« Zug aus der Zigarre.
»Was soll ich aber dann um Himmels willen unternehmen?«
Jakob beugte sich vor, streifte die Aschenkrone von seiner Zigarre und erläuterte dem Generalmajor Peter Milhouse Hobson, was dieser unternehmen sollte.
38
Am 14. Januar 1947, er kam traurig und kalt, fuhr eine große olivfarbene Limousine des Hauptquartiers der US-Streitkräfte in Heidelberg in den Hof des Gutes NIBELUNGENTREUE am Tegernsee ein. Der Limousine entstiegen ein Generalmajor und zwei magere Zivilisten, von denen der eine unter einem krachneuen Mantel schreiend bunte PX-Kleidung trug, der andere, kleinere, unter einem ebenfalls krachneuen Mantel einen alten Anzug, der an seinem Körper schlotterte.
Ein Weapons-Carrier war der Limousine gefolgt und stoppte nun gleichfalls. Sechs amerikanische MPs sprangen in den Schnee. Derartiges Treiben weckte die Neugier der Herren, die in dem großen, protzigen Hauptgebäude wohnten. Sie sahen durch die Fenster des Erdgeschosses, und noch ehe Jakob an der Haustür hätte klingeln können, wurde diese schon von einem blonden Jüngling aufgerissen, der Haltung annahm, während er, an Jakob gewandt, sagte: »Guten Tag, meine Herren, Sie wünschen?«
»Wir möchten den Hausherrn sprechen«, sagte Jakob freundlich. Hinter dem ersten blonden Jüngling waren zwei weitere aufgetaucht, gleichfalls blond, bildschön und stramm.
»Selbstverständlich«, antwortete der Knabe im lockigen Haar bei der Tür, immer noch in tadellos militärischer Haltung. »Wen darf ich Herrn von Herresheim melden?«
»Sie können … Das machen wir schon selber«, sagte Jakob, schob den Jüngling beiseite und schritt, gefolgt von seinen Freunden, ins Haus.
»Oh«, jammerte der Knabe, »jetzt haben Sie mir aber weh getan! Warum sind Sie so böse zu mir?« Dann lachte er schelmisch und rief seinen beiden seidenweichen Freunden zu: »Nehmt euch in acht, das ist ein ganz Wilder!«
Die beiden Knaben kicherten, als Jakob an ihnen vorüberschritt. Der aber dachte: Aha, das sind also wohl die Nibelungen.
Aus einer sehr großen holzgetäfelten Halle trat ein Hüne von Mann, sehr gut gekleidet, sehr gut genährt, mit unmutig gehobenen Augenbrauen.
»What’s going on here?« erkundigte er sich in akzentfreiem Englisch.
»Herr von Herresheim, wenn ich nicht irre«, sagte Jakob. Wenzel hatte sich, während Jakob in Heidelberg war, informiert.
»Der bin ich. Und Sie?«
»Jakob Formann.«
»Nie gehört.«
»Jetzt wissen Sie’s.«
»Wenn Sie mir hier frech kommen, Sie Lümmel … good afternoon, Major General, Sir … dann können Sie was erleben!« Jakob und die anderen sahen in der großen Halle zahlreiche weitere vollgefressene und gutgekleidete Herren sowie einen vierten blonden Jüngling, der strammstand. Von den vollgefressenen Herren waren die meisten betrunken, drei schliefen auf schönen Diwans.
Die Unterhaltung lief englisch weiter.
»Kann ich was erleben?« erkundigte sich Jakob.
»Das werden Sie schon sehen! Bitte, setzen Sie sich, Major General, setzen Sie sich doch, um Himmels willen!« Hobson blieb stehen. »Was ist denn los hier?« staunte Herr von Herresheim. »Ist etwas geschehen? Das müßte ich doch wissen! Der Kommandeur des Amerikanischen Hauptquartiers für Bayern in Bad Tölz hätte mich sofort verständigt. Schließlich bin ich sein engster Mitarbeiter auf deutscher Seite. Der tut nichts, ohne sich mit mir zu beraten …«
»Ja, ja«, sagte Jakob. Er sah sich in der Halle mit den herrlichen barocken Möbeln, echten Teppichen und Gobelins, kristallenen Lüstern und kostbaren Gemälden um. »Hübsch haben Sie’s hier, Herr Wehrwirtschaftsführer, sehr hübsch! Sie sind ein kultivierter Mensch. Sieht man sofort. Ihre Saufbrüder und die süßen Knaben … wie im alten Rom! Und gebildet sind Sie! Sie sprechen vier Sprachen, habe ich gehört!«