»Fünf!« Herr von Herresheim straffte sich. »Und wer sind Sie, und wer ist der kleine Mickrige? Dolmetscher? Brauche ich nicht! Kann mich mit dem Major General direkt unterhalten. Und die MPs dürfen gefälligst draußen warten. Die trampeln mir ja den ganzen Schneedreck auf die Teppiche.«
»Die MPs bleiben hier«, sagte Major General Hobson mit erhobener Stimme. Wieder einmal war seine Stunde gekommen.
»Warum?«
»Um Sie und Ihre Freunde abzuholen.«
»Mit welchem Recht?«
»Wir haben in den Fahndungslisten nachgesehen.« Hobsons Augen glänzten. Er warf Jakob einen dankbaren Blick zu.
Jakob brüllte deutsch: »Ortsgruppenleiter Steininger!«
Einer der Männer, die sanft geschlafen hatten, fuhr hoch, stolperte über die eigenen Beine und stand dann zitternd stramm.
»Hier!«
»Ortsgruppenleiter Wieser!« brüllte Jakob.
Ein zweiter Mann sprang auf. Er jammerte: »Ich habe stets nur meine Pflicht getan … nur meine Pflicht!«
»Ortsgruppenleiter Falter!« brüllte Wenzel.
Ein weiterer Trunkenbold erhob sich mühsam.
»Na, Väterchen?« sagte Jakob.
»Einen Moment, ja?« Herr von Herresheim hatte sich erholt. »Sie haben sich hier gründlich geirrt, äh … Wie war der Name?«
»Formann.«
»Ach was. Mit Ihnen spreche ich doch überhaupt nicht, Sie … Sie Kreatur! Und mit dieser halben Portion neben Ihnen auch nicht! Halten Sie’s Maul, Mann, oder ich lasse Sie verhaften! Nun hören Sie einmal gut zu, Major General, Sir. Bevor Sie den Fehler Ihres Lebens begehen und sich Ihre Karriere versauen …«
»Karriere versauen …« Hobson wurde schon wieder unsicher. Flehentlich blickte er zu Jakob, als wollte er sagen: In was hast du mich da hineingeritten?
»Jawohl, Karriere versauen, Sir!«
»Hören Sie mal, Herresheim …«
»Sie halten das Maul, oder Sie kriegen einen Tritt in den Hintern, daß Sie bis Bad Tölz fliegen!«
Die blonden Knaben kicherten. Das Wort ›Hintern‹ hatte vollauf genügt, sie zu erheitern. Sie waren leicht zu erheitern.
Herr von Herresheim legte sprachgewaltig in fließendem Englisch los: »Sie wissen nicht, wer vor Ihnen steht, Major General! Sie meinen vielleicht, es hat in Deutschland keinen Widerstand gegen die Hitler-Verbrecher gegeben, wie? Nur Yes-men, was? Haben Sie eine Ahnung, wie viele mutige Männer im Dunkeln gegen Hitler gearbeitet haben, gegen diese Bestie, gegen diesen Mörder …«
»Ich glaube, Sie werden gleich einen Tritt in den Hintern kriegen«, sagte Wenzel.
Der von Herresheim begann zu toben.
»Was erlauben Sie sich, Sie Kommunist, Sie Verbrecher!«
»Kommunist … Verbrecher …« Hobson bewegte verloren die Beine hin und her. Ei weh, dachte Jakob. Wenn dieser alte Nazi so weitermacht, kippt mir mein Freund Hobson um. Der ist doch so dämlich, daß er sich von allem und jedem beeinflussen läßt. Der glaubt in einer Viertelstunde dem Drecks-Nazi und nicht mehr mir!
Dennoch durchströmte ihn ein angenehmes, warmes Gefühl. Ein anderer Mann hätte Blut und Wasser geschwitzt bei diesem Unternehmen ›Nibelungentreue‹ – nicht so Jakob Formann. Er hat niemals, auch nicht in weit gefährlicheren Situationen, Blut und Wasser geschwitzt wie normale Menschen, obwohl es ihm von nun an bestimmt war, immer wieder gleichsam über einen eben noch fußbreiten Grat vorwärtszuschreiten, rechts und links gähnende Abgründe. Immer wieder ist er denn auch mal abgerutscht, manchmal gefallen. Jeder andere wäre zerschmettert liegengeblieben. Nicht so Jakob. Er hat sich stets im letzten Augenblick gefangen. Das erwähnte selig-wärmende Gefühl hat er noch oft in solchen Momenten empfunden. Schlimmstenfalls schüttelte er sich wie ein Hund und kletterte sodann frohgemut wieder empor zum Licht, hinauf zu seinem messerrückenscharfen Grat …
Indessen hatte der von Herresheim weiter auf den armen Hobson eingeredet – in akzentfreiem Englisch. Erschüttert über die eigene Größe beteuerte er, schon während des Krieges für die Alliierten gearbeitet zu haben. »Vorräte habe ich angelegt, unter akuter Lebensgefahr, für den großen Tag der Erhebung gegen Hitler! Die mir erteilten Befehle habe ich nicht nur nicht befolgt, sondern ich habe sie – immer unter Todesgefahr, Sie wissen ja nicht, Sie können sich ja nicht vorstellen, wie das zuging in diesem Verbrecherstaat! – ich habe diese Befehle sabotiert! Meine Fabriken im Warthegau haben nicht funktioniert! Ich habe mein Soll nicht an Berlin geliefert! Ich habe mit den Polen gemeinsame Sache gemacht …«
Hobson sah zum Erbarmen aus.
»Gemeinsame Sache gemacht!« Jakob lachte heiser. »Ausgebeutet bis zum Krepieren haben Sie die Polen! Die Produktion haben Sie – jedenfalls zum Teil – versteckt und gehortet, um nach dem Zusammenbruch damit Ihre dreckigen Geschäfte machen zu können!«
»Mann, noch ein Wort, und ich bringe Sie ins …!« schrie der Wehrwirtschaftsführer, deutsch diesmal.
»Sehen Sie, da ist er schon wieder, der gute alte Ton.« Jakob wandte sich an Hobson. »Glaub diesem Mistkerl nicht, Peter, um Himmels willen!«
»Ja, aber … aber der Kommandant in Tölz hat ihm doch vertraut!«
»Stimmt«, ließ sich jetzt der ›mickrige‹ Freund Wenzel vernehmen, »dem hat dieser Herresheim Dokumente, Bestätigungen von Geretteten, Dankschreiben vorgelegt …«
»Die samt und sonders gefälscht waren!« setzte Jakob hinzu.
»Ich bringe Sie …«
»Jajaja, das haben Sie schon mal gesagt. Ich habe euren Dreckskrieg mitmachen müssen. Der Major General nicht! Ich kenne euch Brüder! Der Major General und der Kommandant in Bad Tölz, die kennen euch nicht! Sie können Englisch und Französisch! Das ist Ihre Stärke! Deshalb hat der Kommandant in Tölz Sie hierhergesetzt!« Immer wohliger und wärmer wurde es Jakob. »Weil Sie ihm eingeredet haben, Sie sind ein Wirtschaftsfachmann, und Sie werden alles tun, um in Bayern die Wirtschaft anzukurbeln – so war’s doch!«
»Genau so! Und ich schufte und plage mich Tag und Nacht!« tobte der von Herresheim. »Ich komme kaum zum Schlafen! Meine Gesundheit geht vor die Hunde! Und das alles, damit das Vaterland neu erstehe!«
»Genauso habe ich mir das vorgestellt, Sie Schuft …«
»Haben Sie Schuft gesagt?«
»Habe ich gesagt, ja!«
»Major General, ich, der ich für Ihre Army arbeite, bitte Sie, mich gegen die Infamie dieser Kreatur in Schutz zu nehmen!«
»Halt’s Maul, du Scheißkerl!«
»Jake, vielleicht sollten wir … vielleicht hast du dich geirrt … und Mister Herresheim ist wirklich ein Widerstandskämpfer …«
»Ich irre mich nicht! Widerstandskämpfer! Peter, ich beschwöre dich: Hör auf mich, sonst bist du deine Stellung los! Was glaubst du, was passiert, wenn ich mit General Clay rede …«
»O Gott, ist das alles furchtbar! Wär’ ich doch in Heidelberg geblieben …«
»… und ihm von dem Drecksack hier berichte und von den lieben Ortsgruppenleitern und den Bubis, die er sich hergeholt hat, um eine schöne warme Gesellschaft zu haben …« Jakob schrie jetzt, denn er sah, daß nicht nur Hobson, sondern auch die MPs unsicher geworden waren. »… und um sich vollzufressen und vollzusaufen und die ganze Army lächerlich zu machen!« (Jetzt ist mir herrlich warm!)
»Haben Sie General Clay gesagt?« fragte der von Herresheim, plötzlich sehr bleich.
»Habe ich, ja. Das ist ein Freund von mir. General Clark auch. Governor van Wagoner auch!«
»Der auch …« Wehrwirtschaftsführer von Herresheim mußte sich gegen die Wand lehnen. Er atmete schwer. Na also, du Hund, dachte Jakob. Der von Herresheim sagte zu Hobson: »Erlauben Sie, daß ich zwei Minuten unter vier Augen mit diesem … Herrn rede, Major General? Das Ganze scheint mir in der Tat ein gewaltiges Mißverständnis zu sein, an dem dieser … Herr … hrm … allerdings wohl … unschuldig ist.«
»Reden Sie … reden Sie mit ihm … mein Gott, wir sind doch übers Meer gekommen, damit hier endlich wieder Gerechtigkeit herrscht …«, stammelte der unglückliche Peter Milhouse Hobson.