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»Es wird Sie sicher interessieren, Mister Fletcher«, sagte der eleganteste der drei eleganten Nachtportiers des ebenso eleganten HÔTEL DES CINQ CONTINENTS in Paris zweiundsiebzig Stunden später zu Jakob Formann, der sich im Augenblick gerade Jerome Howard Fletcher nannte, »daß gestern noch Miss Rita Hayworth in diesem Appartement gewohnt hat.«
Der ›Orient-Expreß‹ hatte die Gare de l’Est um 3 Uhr 45 früh erreicht. Jetzt war es 4 Uhr 10, und der Nachtportier des HÔTEL DES CINQ CONTINENTS sah aus wie aus dem Ei gepellt.
»Die gute alte Rita«, sagte Hilde Korn, die sich des längeren schon Mrs. Laureen Fletcher nannte, wehmütig lächelnd, »ist sie noch immer mit Orson zusammen?«
»Selbstverständlich, Madame.«
»Na, so selbstverständlich ist das auch wieder nicht. Wird nicht mehr lange dauern, wie ich Rita kenne.«
»Darüber, Madame, steht mir natürlich keinesfalls ein Urteil zu. Diese herrlichen Orchideen … Ich werde mich selbst sogleich um eine Vase kümmern!« Der Nachtportier nahm Mrs. Fletcher ein wahrlich imposantes Gebilde von Cattleyen und Venusschuhen aus der zarten Hand und bedachte Mr. Fletcher mit einem Ausdruck der Wertschätzung. »Wirklich eine Pracht, Sir! Wenn die Herrschaften durstig sind … Die Direktion hat sich eine kleine Aufmerksamkeit erlaubt …« Er sah dezent zu einem Tischchen, auf dem sich ein großer Obstkorb, eine Vase voller Teerosen und eine Flasche Champagner in einem silbernen Kühler befanden. »Gläser stehen auf der Anrichte, Madame, Sir …«
Jakob befand sich zum erstenmal in seinem Leben in derartig unirdischen Gefilden. Aber das war ihm scheißegal, sonst wäre er nicht Jakob Formann gewesen.
»Oh«, sagte er (die Unterhaltung verlief englisch), »how very kind. Nur, leider, ich trinke keinen Alkohol. Wenn ich vielleicht etwas ›Preblauer‹ haben könnte …«
»›Preblauer!‹ … Aber, Sir, pardon me, das ist doch ein österreichisches Erzeugnis …«
Verdammt, aufpassen! dachte Jakob und sagte: »Ich trinke es am liebsten, und darum lasse ich es mir überallhin nachschicken. Das ist so’n Tick von mir. Den haben andere Leute auch, nicht wahr? Der König von England nimmt überallhin nur garantiert englisches Wasser für seinen Tee mit, wie?«
»Gewiß, Mister Fletcher. Um Himmels willen, das war kein Vorwurf!« Na also. »Nur – wir haben kein ›Preblauer‹.«
»Vier-Sterne-Hotel und kein ›Preblauer‹«, sagte Jakob im Tonfall der sogenannten klassischen Ironie.
»In Frankreich gibt es ›Perrier‹, Sir. Das ist auch … hrm … sehr bekömmlich und wird viel getrunken.«
»Na meinetwegen«, brummte Jakob.
»Es ist … hrm … allerdings fast halb fünf Uhr früh, Sir. Ich bin untröstlich, aber um diese Zeit ist auch in einem Hotel wie dem unsern niemand mehr … Selbstverständlich werde ich persönlich ein paar Fläschchen ›Perrier‹ für Sie besorgen«, sagte der Nachtportier und steckte die große Geldnote ein, die Jakob ihm gegeben hatte. Rückwärtsgehend entfernte er sich. Die hohe, weiß-goldene Tür des Vorraums zum Salon fiel sanft hinter ihm ins Schloß.
»Wer ist denn Rita Hayworth?« fragte Jakob. »Wer ist Orson?«
»Orson Welles ist ein weltberühmter amerikanischer Filmschauspieler. Rita Hayworth ist eine weltberühmte amerikanische Filmschauspielerin. Du willst doch nicht im Ernst behaupten, daß du von beiden noch nie gehört hast!«
»Doch«, sagte Jakob Formann, »will ich.«
Es klopfte, und drei Hausdiener brachten zwei Schrankkoffer, zwei Hutschachteln, einen selbstverständlich mit Nummernschlössern gesicherten Schmuckkoffer, Gepäck, das alles Laureen gehörte, und sodann einen Diplomaten- und fünf Schweinslederkoffer, die Jakob gehörten. Seit einer halben Stunde. Jakob schüttelte den Herren herzlich und reichlich die Hand. Die Herren wünschten angenehmen Aufenthalt und verschwanden. Kurz darauf erschien der Modejournal-Nachtportier mit einer Kristallvase für die Orchideen und einem zweiten silbernen Kühler. Darin schwammen zwischen Eisstücken vier Fläschchen ›Perrier‹. Der Gentleman entbot eine gesegnete Nachtruhe und entschwand rückwärtsschreitend.
Jakob sah sich gelangweilt in dem Riesensalon um und ging zum Fenster. Er öffnete und blickte hinaus. Das Appartement lag im vierten Stock. Jakob betrachtete die Avenue des cinq Continents. Sie war total verlassen und finster. Die Straßenbeleuchtung war abgeschaltet. Auch die Franzosen hatten sich halb zu Tode gesiegt. Es gab sehr oft Stromsperren, es gab immer noch Lebensmittelkarten, es gab einen riesigen Schwarzmarkt, und es gab sehr viele arme Leute.
»Na ja«, sagte Jakob.
»Na ja, was?« forschte Laureen, hinter seinem Rücken.
»Na ja, das wäre also die Lichterstadt an der Seine«, sagte Jakob und strich über den Kragen seines weißen Seidenhemds. Er trug einen dunkelblauen Zweireiher mit Nadelstreifen (aber ganz feinen), der ihm wie angegossen saß, obwohl er nicht eine einzige Anprobe gehabt hatte. Der Werwolf – jetzt nennen wir die Dame aber endgültig Laureen! – hatte dem Jakob anläßlich der zwei Wochen zurückliegenden Fahrt im Schlafwagen des ›Orient-Expreß‹ ordentlich Maß genommen. Sie kannte im exklusiven Faubourg-St.-Honoré einen Schneider, der es fertigbrachte, binnen kürzester Zeit Anzüge allein nach Laureens Angaben zu zaubern. Diesmal hatte er es für Jakob getan, in dessen funkelnagelneuen Schweinslederkoffern sich sieben weitere Anzüge und ein Smoking befanden. Schon zwei Wochen war Laureen mit dem Arnusch Franzl, Jakobs Schulfreund, in Paris. In Neuilly besaß sie eine ständige Wohnung. Dort hatte sie mit Franzl bis zu Jakobs Ankunft gelebt. Diese Wohnung wurde ständig von den unterschiedlichsten Mitgliedern der Organisation, die Laureen aufgezogen hatte, angelaufen und benützt.
An der Gare de l’Est hatte Laureen Jakob abgeholt. Sie hielt einen Riesenstrauß Orchideen in der Hand, den sie sich selbst gekauft hatte. Im Gewimmel der aus dem Zug Steigenden überreichte sie den Strauß Jakob, wonach sie einander so lange und leidenschaftlich küßten, daß es auf dem Bahnsteig zu Stauungen kam. (»Daß du mir ja leidenschaftlich genug bist!« hatte Jakob Laureen beim ersten Wiedertreffen eingeschärft. »Gehört alles zum Human touch! Auch im Hotel mußt du dich benehmen wie seit gestern verheiratet!«)
Auf der Gare de l’Est war Jakob sodann mit einem der fünf Koffer und seinem billigen Fiber-Koffer in die Herrentoilette gegangen. Dort hatte er sich eingeschlossen und umgekleidet. (Rasiert hatte er sich noch im Schlafwagen.) Seine schreiend bunte amerikanische PX-Kleidung aus Linz – (Ach, ist das eine Ewigkeit her! Was wohl der arme Hase macht? Ich wünsche mir so sehr, daß ich mich wieder um ihn kümmern könnte, dachte er voll Selbstmitleid, aber ich muß doch meinen Krieg gewinnen!) – hatte er sodann in dem billigen Fiber-Koffer verwahrt, nachdem er der alten Jacke alle die liebevoll von Josef Mader (dem mit den Schmalzbroten) gefälschten Dokumente und der alten Hose die glückbringende Hasenpfote entnommen hatte. Der Fiber-Koffer ruhte nun in einem Fach der Gepäckaufbewahrung. Und wenn ihn niemand herausgeholt hat, ruht er noch heute dort.
Laureens Schrankkoffer waren voller Dior-Kleider, Kostüme, Abendroben, feinster und raffiniertester Wäsche und kostbarer Schuhe. In dieser Nacht trug Laureen ein schlichtes Woll-Jersey-Kostüm (Dior), einen Nerzmantel (›Black Diamond‹), einen verwegen schief aufgesetzten Filzhut mit breiter Krempe und ausreichend Chanel No. 5.
Jakob holte noch einmal tief schlechte Stadtluft, dann zog er den Kopf zurück, schloß das Fenster und drehte sich um. Laureen trug nur noch ausreichend Chanel No. 5.
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Es war schon hell, als Mrs. Fletcher dazu kam, ihren Champagner, und Mr. Fletcher dazu kam, sein ›Perrier‹ zu trinken. Die Jungvermählten hatten es beide außerordentlich eilig und nötig gehabt, und so waren die Stunden dahingeflossen. Nachdem Mrs. Fletcher genügend Champagner und Mr. Fletcher genügend ›Perrier‹ getrunken hatten, gingen sie zunächst ins Badezimmer des Luxus-Appartements. Danach fielen sie wieder übereinander her.