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Laureen mußte die Augen schließen. Sie kniete jetzt vor ihm, der Häkchenverschluß und der Reißverschluß waren wieder ganz aufgegangen, bis zum Höschen hinunter.

»Erleuchtung«, stammelte sie.

»Was, Erleuchtung?«

»Hast du gehabt. Du hast eine Erleuchtung gehabt! Du warst weg von einem Moment zum andern … und geredet hast du wie im Schlaf … aber jetzt bist du wieder wach, ja?«

»Vollkommen. Dein Reißverschluß ist offen.«

»Deiner auch, Liebling.«

Sie schloß seinen. Er schloß ihren.

»Wir müssen uns beeilen«, sagte er wieder mit normaler Stimme. »Wir können den Handelsattaché nicht warten lassen.«

»Bist du auch bestimmt sicher, daß alles wieder okay mit dir ist?«

»Bestimmt.« Er lachte. »Muß ein richtiger Filmriß gewesen sein! Ich habe ja auch ganz schön was geleistet vorher, wie?«

»Das hast du, mein Schatz!« sagte Laureen.

Und dann lachten beide.

Paulus hat, wie alle großen Propheten und Religionsphilosophen unserer Welt, seine Erleuchtung schwer und qualvoll durchlitten. Danach war er ein anderer Mensch. Jakobs Erleuchtung war weder qualvoll noch schwer. Sie war gleich einem Traum gewesen, in dem man mit einem Male die Wahrheit über die Menschen und die Welt in blendender Klarheit erkennt – um schon im Augenblick des Erwachens nicht die winzigste Spur einer Erinnerung an das Erkannte zu haben. Nicht einmal eine Minute lang hatte Jakob – fürwahr ein seltenes Phänomen, wie uns die erwähnten psychiatrischen Zelebritäten bestätigen – den Schlaf der Wahrheit geschlafen. Und gleich danach alles vergessen, was er in ihm erkannt hatte. So also regelt sich diese Welt von selbst. Was dabei herauskommt, sollte eigentlich jeder sehen können. Für jene, die es trotzdem nicht sehen können, ist dieses Buch geschrieben.

43

Das Foto zeigte das Gesicht eines Herrn mit edlem Aristokratenkopf, vollem schwarzem Haar und großen feurigen Augen. Das Foto lag auf der Damastdecke eines Tisches. Der Tisch war einer der besten des Lokals. Das Lokal war das berühmte russische Feinschmeckerrestaurant ›Sheherazade‹. Das Restaurant ›Sheherazade‹ liegt in der Rue de Liège. Ein normales Menü in der ›Sheherazade‹ kostete damals etwa dreimal soviel, wie ein französischer Staatssekretär im Monat verdiente. Der Franc war nicht derart wertlos wie die Deutsche Reichsmark, denn die Franzosen hatten ja den Krieg gewonnen, aber viel mehr wert war er auch nicht! Hatte man Dollars, dann konnte man in Dollars bezahlen!

Der im Augenblick sehr menschenscheue Franzl Arnusch, der in Laureens Wohnung in Neuilly geblieben war, hatte einige Dollars vorgeschossen. Sie genügten für ein phantastisches Abendessen zu dritt.

Fünf Geiger, die von Tisch zu Tisch gingen, spielten schwermütige russische Weisen für ein fast ausschließlich amerikanisches Publikum. Und das war ungemein zahlungsfähig. Ein Amerikaner, der anno 1947 einen Scheck über nur dreißig Dollar hergab, erhielt dafür – durch gefällige Vermittlung der Herren Schieber – eine Summe französische Francs, die normalerweise der Kaufkraft von einhundertfünfzig Dollars entsprach. Die Amerikaner empfahlen einander die Schieber, denn natürlich dachte keiner von ihnen daran, seine Dollars bei der Banque de France einzuwechseln, die nur den Tageskurs zahlte.

»Einen Ami, der so blöd ist, daß er das macht, den gibt’s nicht«, hatte der Arnusch gesagt. Und auf dieser einfachen Erkenntnis basierte der ganze Plan, der nun Wirklichkeit werden sollte.

»Er heißt Robert Rouvier. Die Adresse und die Telefonnummer des Schweinehunds stehen auf der Rückseite des Fotos, Sir«, sagte der argentinische Handelsattaché Amadeo Juarez.

»Der sieht aber gar nicht aus wie ein Schweinehund«, sagte Jakob. »Wenn ich eine Frau wäre – in den täte ich mich verknallen.«

»Das tun die Frauen ja auch ununterbrochen«, sagte Juarez, ein plumper Mann von solcher Häßlichkeit, daß sie bereits faszinierte: Halbglatze, bleiches, rundes Gesicht, Schnüffelnase und Mäusezähnchen, die sich hinter den wulstigen Lippen eines schiefen Mundes verbargen: Das ist Amadeo Juarez, der Wüstling, der Frauenheld, der pathologische Rammler, dachte Jakob. Extrawünsche hat er vermutlich auch. So was geht natürlich ins Geld! Und der Schöne, der auf dem Foto, der gar nicht aussah wie ein Schweinehund, sondern wie ein barmherziger Samariter, dieser Robert Rouvier, dieser bedenkenlose Schieber und Schuft – so etwas an Charme und männlicher Schönheit hatte Jakob noch nicht gesehen. Dieses Lächeln! Diese Zähne!

»Ich weiß, was Sie denken, Sir«, sagte der Handelsattaché, Speichel versprühend. ’n Sprachfehler hat er auch noch, dachte Jakob. »Man muß nicht aussehen wie ein Schweinehund, um einer zu sein. Das gilt für den da ebenso wie für mich … Schon gut …! Es ist lieb von Ihnen, daß Sie widersprechen wollen, aber ich weiß, wie ich ausschaue! Und ich bin keiner! Der da hingegen …« Flink wie ein Taschenspieler legte Amadeo Juarez eine Reihe anderer Fotos auf den Tisch. »Die schickt Ihnen Monsieur Arnusch. Sie sehen die beiden Landsitze dieses Schweinehunds Rouvier, ein Schloß, das ihm gehört, sein Stadtpalais – und hier wäre eine kleine Auswahl seiner Opfer. Der und der und der hier haben sich in den letzten Monaten das Leben genommen, nachdem Rouvier ihnen alles andere genommen hatte.« Weitere Fotos. »Das hier sind Kopien der Abschiedsbriefe, die von der Polizei gefunden und an alle Devisenfahnder weitergegeben wurden – also auch an Monsieur Arnusch. Monsieur Rouvier ist ein ungemein gerissener Schweinehund. Die Polizei, die Fahnder, sie können ihm nichts nachweisen. Niemals! Man lasse ihn so weitermachen – noch ein, zwei Jahre –, und ganz Belgien wird im Eimer sein!«

»Da hörst du es, Darling«, sagte Laureen.

Die fünf Geiger spielten das Lied von Stenka Rasin.

»Ich sehe jetzt zweifelsfrei, daß es sich um eine zutiefst moralische und gerechte Sache handelt, die wir erledigen müssen – schon im Gedenken an die unglücklichen Toten.« Jakob unterbrach sich, erstens, um Laureen die Hand zu küssen, zweitens, weil gerade die Vorspeise – große Belon-Austern – serviert wurde. »Vielen Dank, Towaristsch«, sagte Jakob freundlich und auf russisch zu dem Kellner, der – wie alle seine Kollegen und die Musiker – eine Russenbluse trug. In der Sowjetunion war Jakob lange genug gewesen, um ein wenig von der Landessprache zu erlernen. Zu dem Getränkekellner, der mit einer Flasche eisgekühltem Wodka bereitstand, sagte er, ebenfalls auf russisch: »Mir keinen Wodka, bitte, mir ein ›Perrier‹!«

»Bedaure, Monsieur«, sagte der Kellner auf französisch, »ich habe Sie nicht verstanden.«

»Ich auch nicht. Wir können nicht Russisch«, sagte der Sommelier, gleichfalls auf französisch.

Jakob sagte auf englisch: »Ich verstehe nicht Französisch.«

Der Handelsattaché sprang ein: »Erlauben Sie …« und übersetzte zum einen Jakobs Wünsche auf französisch und zum andern die Antworten der Kellner auf englisch.

Die Kellner nickten erfreut. Sie waren beide noch jung und russische Prinzen. So erläuterte nun der Handelsattaché. Ihre Großväter waren klapprige alte Fürsten und fuhren klapprige alte Taxis. Viele russische Blaublüter hatten, wie der abgrundhäßliche Amadeo Juarez erzählte, nach 1917 Mütterchen Rußland verlassen und waren vor allem nach Paris gegangen. Ihre Enkel wollten nicht mehr Russisch lernen.

»Ich kann mir’s ganz gut vorstellen, daß es den Alten zu Hause nicht mehr gefallen hat«, sagte Jakob. Er hatte so seine Erfahrungen. »Bitte, bitte, beginnen Sie zu essen!« Jakob unterbrach sich und lächelte gewinnend. Noch nie im Leben hatte er Austern gegessen und also keine Ahnung, wie man das anfing. Er mußte es nachmachen. Er machte es nach. Einmal sah er dabei zu Laureen hinüber, einmal zu Juarez. Mit einem Gäbelchen fing es an. Natürlich erwischte Jakob zunächst die größte Gabel, die vor ihm lag. Laureen hustete. Jakob blinzelte, legte die größte Gabel zurück und nahm die kleinste. (»Da wird eine Menge Besteck um deinen Teller liegen, Schatz«, hatte Laureen im Hotel noch gesagt. »Der Fall ist ganz einfach, du arbeitest dich von außen nach innen.«) Haha, und jetzt habe ich gedacht, von innen nach außen! Na ja, dachte Jakob, außer Laureen hat’s niemand gemerkt. Er nahm eine Austernhälfte zur Hand wie seine Tischnachbarn, träufelte wie diese Zitrone darauf (der Attaché roch auch noch intensiv an dem Zeug, bevor er träufelte, aber das erschien unserm Freund etwas überspannt), sodann schälte Jakob, aufmerksam alle Bewegungen seiner Begleiter nachahmend, das schlabbrige grau-bräunliche Zeug aus der harten Schale, hob Schale und Schlabbriges zum Munde und glaubte, sich übergeben zu müssen. Rotz mit schlechtem Fischgeschmack! Er unterdrückte mühsam seinen Ekel und schluckte das Zeug. Und was das kostet! dachte er. Weit, weit entfernt glitt, ein Schatten nur, Josef Mader, der Fälscher, Schmalzbrot essend, vorbei. Was hätte Jakob jetzt für ein Schmalzbrot gegeben! Aber: Nimm dich zusammen! sagte er zu sich selbst. Du führst Krieg. Du willst ihn gewinnen. Gegen diese ganze verfluchte Welt. Da heißt es auch Opfer bringen und Austern essen. Die zweite, o Gott. Neun hat jeder von uns bestellt. Runter damit! Bleiben immer noch sieben.