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»Hervorragend«, wagte Jakob zu sagen.

»Ganz hervorragend, Mister Fletcher.« Der Attaché betupfte sich mit seiner Serviette die Lippen. »Ich esse nur Belons. Niemals die spanischen.«

»Ich auch«, sagte Laureen. »Die spanischen verdaut man schwer, sie sind so fett.«

»Absolut richtig, Darling«, sagte Jakob und küßte Laureens Hand.

»Igitt! Nicht doch, Schatz! Deine Lippen und deine Hand sind doch jetzt auch fett.«

»Würde ich spanische essen, wären sie noch fetter«, gab Jakob von sich und lachte schallend. Na schön, dachte er, keiner lacht mit. Großer Gott, noch sechs Stück von dem Schlabberzeug. Ob ich nicht einfach aufstehe und weggehe, zurück zu Wenzel, zum Hof des Herrn Reichsführers Himmler? Er stand nicht auf. Er schluckte heldenmütig weiter. Kellner brachten silberne Schalen voller Wasser, auf dem große Zitronenstücke schwammen. Jakob versuchte munter Konversation zu machen. »Hier in Paris, Señor Juarez, können wir uns in der Öffentlichkeit treffen. Können ausgehen wie heute und vergnügt …« Uah! Wieder eine, runter damit! »… sein wie heute. Alte gute Freunde … hrm.« (Und ich übergebe mich doch noch. Das habe ich wirklich nicht gewußt, daß alle feinen, reichen Leute pervers sind.) »Wenn wir uns jedoch jetzt in Belgien sehen, kennen wir uns nicht, sind wir uns absolut fremd. Fremder als fremd. Sie verstehen, mein Lieber?« Noch fünf.

»Ich verstehe, Mister Fletcher.«

»Iß deine Austern, Liebling«, flötete Laureen. »Oder sind sie nicht in Ordnung? Du machst so ein … gequältes Gesicht. Warte, ich winke dem Maître. Er soll dir sofort neun neue brin …« Verdammter Scheiß! Noch einmal alles von vorne! Jakob ließ Laureen nicht aussprechen.

»Das sind die besten Austern, die ich je gegessen habe, ich bitte dich, Darling!« Und die fünfte. Dafür hätte ich das EK 1 verdient! Ääääh, das ist einfach zu widerlich! Jakobs Hände bebten, als er die nächste Auster zum Munde führte. Er schabte sie aus der harten Schale, hob das Gäbelchen – und blitzschnell rutschte die Auster davon, talwärts. Eijeijeijei! Jakob stockte der Atem. Wenn das jemand gesehen hat …

Es hatte niemand gesehen, nicht einmal Laureen und Juarez. In der ›Sheherazade‹ brannten nur Kerzen, es war sehr schummrig hier. Zum Glück. Wo ist das Zeug bloß hin? überlegte Jakob besorgt. Unauffällig tastete er über sein Knie. Da war das Zeug nicht. Unauffällig tastete er mit den Lackschuhen über den Boden unter dem Tisch und trat auf etwas Glitschiges. Seligkeit erfüllte ihn. Da war das Zeug! Zwischen seinen Smokinghosenbeinen unter den Tisch gesaust. Und niemand hatte es bemerkt. Jakob war plötzlich bester Laune. Wenn das so einfach ging!

Es ging so einfach. Die restlichen Austern ließ Jakob dezent auf die gleiche Weise unter den Tisch sausen, eine nach der andern. Er plauderte sogar dazu. Ich bin eben doch ein Weltmann! Wie’s da unten aussieht, geht niemanden was an. Ich hätte keine einzige mehr runtergebracht. Ums Verrecken nicht! Aber so … So war Jakob zugleich mit Laureen und dem Attaché fertig.

Die beiden prosteten einander mit Wodka zu. Jakobs ›Perrier‹ war noch nicht gekommen. Er wollte nicht unhöflich sein, hob die Fingerschale, die vor ihm stand, sprach sanft lächelnd »Na sdarowje« und trank die halbe Schale aus, bevor er Laureens erschrecktes »Aber Jerome!« wahrnahm.

»Was gibt’s denn, Darling?«

»Was machst du da, Sweetheart?«

»Das siehst du doch«, sagte Jakob. Er sah auch den verwunderten Blick des Attachés, sah, wie Gäste an den Nebentischen ihn verblüfft-spöttisch betrachteten. »Das mach’ ich immer so. Zitronenwasser nach Austern. Die liegen mir sonst zu schwer im Magen. Ihr trinkt Wodka. Ich mein Zitronenwasser.«

»Um Gottes willen, Jerome«, flüsterte Laureen, »stell sofort die Schale hin!«

»Aber warum?«

»Aus der trinkt man nicht!«

»Wozu stehen die Dinger denn dann aber da? Was macht man denn damit?«

»Damit wäscht man sich die Fingerspitzen«, flüsterte Laureen.

Jakob gelang es, ein schallendes Gelächter zu produzieren, obwohl er sich fühlte, als wären mindestens fünf der neun Belons nicht mehr gut gewesen. Die Narbe an seiner Schläfe pochte heftig.

»Hahaha!« lachte Jakob. »Recht geschieht mir! Wer blöd fragt, bekommt blöde Antworten!« Immer noch lachte niemand. Jakob winkte dem Getränkekellner, der eilends herbeischoß.

»Monsieur?«

»Wodka«, sagte Jakob, mit lebenslangen Gewohnheiten brechend. »Einen großen Wodka! Du verstehn?«

»Oui, Monsieur, s’il vous plaît«, sagte der Sommelier unbewegten Gesichts.

Jetzt starrten alle Menschen Jakob an. So ein Scheißlokal, dachte der. Scheißaustern. Scheißfingerschale. Scheißscheißscheiß!

Im nächsten Moment streifte Laureen unachtsam ihr goldenes Feuerzeug fort. Jakob erbleichte. Schnell wollte er sich bücken, denn das Feuerzeug war … war … war unter den Tisch gefallen. Mit einem so seltsamen Geräusch. Als ob … O Gott!

Jakob war nicht schnell genug. Der Maître d’Hotel war schneller. Er bückte sich, tastete kurz, dann erhob er sich, dunkelrot im Gesicht. Bohrer, so hieß beim Barras der ärgste Schinder, als ich Rekrut war, dachte Jakob. Adolf Bohrer. Auf mich hat der es besonders abgesehen gehabt. Herrgott, was habe ich unter diesem Bohrer gelitten. Der hat mich zusammengebrüllt und was gepiesackt, daß ich gedacht habe, ich überlebe es nicht, und nach der Brüllerei hat er mich dann mit einem vor Wut dunkelroten Gesicht angestarrt, daß ich immer gehofft habe, es trifft ihn der Schlag. Der Kellner da, der Laureens Feuerzeug aus dem Schlabberhaufen zwischen meinen Füßen herausgefischt hat, der ist doppelt so dunkelrot! O verflucht, wenn den jetzt der Schlag trifft! Oder wenn er mir eine in die Fresse haut! Richtig reingepatscht in die Austernversammlung ist er. Wie er jetzt das Feuerzeug und seine Hand an der Hose trockenwischt! Wie heißen diese Viecher mit dem grauenvollen Blick, an dem die Leute gestorben sind?

Basilisken!

Jakob schenkte dem Basilisken ein unbeschwertes, heiteres Knabenlächeln. Das Basilisken-Rot wurde noch um eine Spur dunkler.

»Voilà, Madame …«, würgte der Kellner mit Mühe hervor. Dann stürzte er davon. Ich glaube, ich werde wohl nicht mehr in die ›Sheherazade‹ kommen, überlegte Jakob.

44

Sie kehrten sehr spät ins HOTEL DES CINQ CONTINENTS zurück.

Amadeo Juarez fuhr sie hin – in einem schwarzen Bentley, der eine CD-Nummer hatte. Er begleitete Mrs. und Mr. Fletcher noch in die Halle. Zwei Pagen schleppten die Rosen. Alles strahlte das Liebespaar an. Na schön, die Fingerschale, dachte Jakob. Ach leckt mich doch … Aber der Human touch! Der funktioniert! Wie die hier alle Laureen und mich angaffen – die Portiers, die Gäste! Gegen unsere Liebe ist die von dieser Rita Dingsbums und ihrem Kerl, mir fällt der Name nicht ein, ein Dreck!