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»Hören Sie, lieber Monsieur Rouvier, es ist eigentlich für den Moment nur eine Gefälligkeit, um die ich Sie bitten möchte«, sagte Jakob zu dem Brüsseler Monsterschieber. Der saß ihm in dem prachtvollen Salon von Jakobs Appartement im Hotel PLAZA gegenüber, rank, schlank, glänzend gekleidet, griechisch edle Gesichtszüge, exotische feuchte Glutaugen mit langen Wimpern.

»Was immer ich für Sie tun kann, Señor Cortez … es ist mir eine Ehre und Freude, Sie persönlich kennenzu …«

»Mir auch. Ich bin erst gestern angekommen, verstehen Sie.« Mit einer weiten Armbewegung umrundete Jakob den Salon solcherart, daß der Schreibtisch und die vielen Aktienofferten und Industriekataloge dem Schieber ins Auge stechen mußten (und stachen). »Ich denke, ich werde hier in ein solides Unternehmen … äh, einsteigen. Für den Moment brauche ich etwas Kleingeld. Haha. Sie verstehen? Könnten Sie mir – reiner Freundschaftsdienst von Ihnen, ich weiß, das bringt Ihnen nichts ein, aber wie gesagt, ich bin eben erst angekommen –, könnten Sie mir wohl ein paar Dollar wechseln?«

»Mit Freuden, Señor Cortez. Wieviel darf’s denn sein?«

»Ach, nur ein Klacks. Sagen wir, vielleicht fünftausend?«

Der traumhaft schöne Rouvier sprach mit Betonung: »Ich wechsle Beträge in jeder Höhe, Señor Cortez. Auch in der höchsten. Ich stehe Tag und Nacht zu Ihrer Verfügung, wenn Sie … ich meine, wenn Sie später mehr …«

»Ja, natürlich, gewiß. Ich muß Ihnen aber einen Scheck geben – auf eines meiner amerikanischen Konten.«

»Den akzeptiere ich mit Vergnügen, Señor Cortez, mit Vergnügen!«

»Lassen Sie mal sehen … Ja, mein Spesenkonto werde ich nehmen, denke ich. ›Guaranty Trust‹ in New York. Hier, der letzte Auszug, sehen Sie. Es sind nur noch jämmerliche Hunderttausend drauf. Schauen Sie sich den Auszug an. Damit Sie nicht denken, ich will Sie reinlegen.« Dankbar gedachte Jakob an dieser Stelle des Franzl Arnusch und seines finanziellen Schnellsiederkurses, der ihm via Laureen zuteil geworden war. Er selbst hatte bis dahin nicht einmal den Unterschied zwischen einem Wechsel und einem Scheck gekannt.

»Nein, also wirklich nicht, Señor Cortez«, sagte Rouvier.

»Ich bestehe aber darauf!« sagte Jakob.

»Sie machen sich lustig über mich! Sie sind mir doch für jeden Betrag gut! Ich weigere mich ganz einfach, den Auszug anzusehen«, sagte Rouvier und sah ihn sich ganz genau an.

Mittlerweile schrieb Jakob zügig einen Scheck auf das ihm von Serge Rubinstein eröffnete Konto aus. Natürlich unterzeichnete er mit ›Miguel S. Cortez‹. Den Scheck reichte er Rouvier. »So, bitte. Sie schicken den … äh, Scheck natürlich per Luftpost. Vielleicht dazu noch Expreß. Dann sind Ihnen die Dollars in vier Tagen auf Ihrem Konto gutgeschrieben. Sie haben doch ein Konto in Amerika?«

»Selbstverständlich, Señor Cortez. Wie sollte ich sonst arbeiten?« Rouvier holte eine Brieftasche hervor und zählte Jakob den Schwarzmarktgegenwert von fünftausend Dollar in belgischen Francs auf den Tisch. Jakob stand gelassen daneben, eine Hand in der Hosentasche. Die Hand hielt die vertrocknete alte Hasenpfote.

»So, bitte. Und … Sie vergessen mich ganz bestimmt nicht … ich meine später, wenn Sie mehr brauchen für das belgische Unternehmen?«

»Ich vergesse Sie ganz bestimmt nicht, Monsieur Rouvier«, sagte Jakob und dachte: Worauf du dich verlassen kannst!

»Ich danke Ihnen, Señor Cortez! Ich danke Ihnen! Kann ich im Moment sonst noch etwas für Sie tun?«

Jakob erinnerte sich.

»Ja, Monsieur Rouvier. Sie können mir erklären, was Flamen und was Wallonen sind. Ich weiß, das klingt ungebildet, aber wir Argentinier …«

»Ich bitte Sie! Sie wissen, wann der Wiener Kongreß stattfand?«

»Selbstverständlich.« Selbstverständlich wußte Jakob das nicht, aber zum Glück sprach Rouvier fließend weiter.

»Sie haben doch den Film mit dem Fritsch und der Harvey gesehen ›Der Kongreß tanzt‹? Dieser Kongreß, 1815, diente der Neugestaltung Europas nach den Napoleonischen Kriegen. Den Vorsitz führte der österreichische Staatskanzler Fürst Metternich.«

»Der österreichische Staatskanzler Metternich«, echote Jakob. Ich hab’ doch gewußt, da kommt was heraus, womit man was anfangen kann. Und natürlich hat ein Wiener seine Finger dabei im Spiel gehabt.

»Sehen Sie, ursprünglich gehörte das ganze Gebiet hier zu den südlichen Niederlanden. Auf dem Wiener Kongreß wollten die Franzosen das Gebiet schlucken. Die Briten – immer konträr, immer konträr! – wollten das Gegenteiclass="underline" Sie wollten, daß die südlichen und nördlichen Niederlande wieder zusammengeführt wurden. Typisch österreichische Lösung: Das auch nicht, aber ein neuer Staat mit Namen Belgien!«

»Ja, aber die Wall …«

»Moment! In diesem Belgien hatte man also zwei verschiedene Volksstämme zusammengeschmissen. Die Wallonen und die …«

»… Flamen.«

»Richtig! Na ja, und die beiden konnten einander nie leiden. Etwa so wie Preußen und Bayern. Schlimmer! Weil sie zwei ganz verschiedene Sprachen sprechen – Französisch die Wallonen und so etwas wie Holländisch die Flamen. Und weil – so behaupten wenigstens die Wallonen! – die Flamen in industrieller und jeder anderen Hinsicht bevorzugt wurden, wuchs und wuchs der Abscheu voreinander, bis zum heutigen Tag.« Rouvier lachte heiter.

»Warum lachen Sie so, Monsieur Rouvier?«

»Der Abscheu ging so weit, Señor Cortez, daß es im Krieg eine wallonische und eine flämische Waffen-SS für den Herrn Hitler gegeben hat! Hahaha!«

»Hahaha! Sie sind flämischer Abstammung, Monsieur Rouvier?«

»Natürlich! Mein Name – so französisch er sich anhört – ist gut flämisch. Man sollte ihn Ruwihr aussprechen. Die Wallonen sitzen mehr im Süden Belgiens. Brüssel ist altflämisches Gebiet, aber französisiert. Und wann immer es geht, gibt’s Krach zwischen den beiden Sprach- und Volksgruppen.«

»Ich interessiere mich sehr für fremde Sitten und Gebräuche …«

»Wenn dem so ist … äh … hm … hätte ich noch einen Vorschlag zu machen, Señor Cortez …«

»Und zwar, Monsieur Rouvier?«

Der Glutäugige trat näher. Seine Augen wurden schmal. Um Himmels willen, dachte Jakob und drückte die Hasenpfote wie ein Verrückter, es wird jetzt doch nicht noch etwas schiefgehen …

»Was machen Sie heute abend, Señor Cortez?«

»Heute …« Gott sei Dank! »…abend? Nichts!«

»Dann erlauben Sie, daß ich Sie zum Essen einlade. Und anschließend gehen wir in die ›Chatte noire‹!«

Mit so feinen Leuten zum Essen gehen, das ist mir zu gefährlich, dachte Jakob in Erinnerung an das Austern-Desaster und sagte: »Ich nehme abends nur eine Kleinigkeit zu mir. Aber wenn Sie mich dann abholen wollen?«

Rouvier strahlte.

»Wunderbar! Sagen wir um elf? Das ist nämlich etwas absolut Sensationelles! Noch nie dagewesen! Phantastisch, Señor Cortez! Einmalig in der Welt!«

»Wovon reden Sie, Monsieur Rouvier?«

»Von Gloria Cadillac! Die tritt in der ›Chatte noire‹ auf!« Rouviers Stimme steigerte sich zu flüsternder Ekstase: »Striptease, Señor Cortez! Sie wissen vielleicht nicht, was das ist, ›Striptease‹, es kommt aus Amerika und stellt den absoluten Höhepunkt aller erotischen …«

»Ich weiß, was Striptease ist, Monsieur Rouvier«, sagte Jakob und dachte an ein verdrecktes Lokal in Linz und eine fette Schönheitstänzerin mit schmutzigen Schleiern und ebensolchen Fußsohlen.

»Sie wissen es nicht, Señor Cortez! Das hat die Welt noch nie gesehen! Stellen Sie sich vor: Diese Amerikanerin, diese Gloria Cadillac, zieht sich aus … ganz, ganz langsam … Sie sehen … einfach alles … vollkommen freie Brüste! Vollkommen freie Brüste, habe ich gesagt, Señor Cortez!«

»Hab’s gehört, Monsieur Rouvier!«