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»Dann den Bauch!«

»Hm.«

»Warten Sie! Dann die Schenkel! Zuletzt hat Gloria nur noch ein winziges Höschen an. Und dann … dann …« Die Stimme versagte Rouvier. Röchelnd holte er Atem, »…aber Sie müssen höllisch aufpassen, damit Sie den Moment nicht versäumen!«

»Welchen Moment?«

»In dem Gloria das winzige Höschen abstreift. Wie gesagt, es geht um Bruchteile von Sekunden! Doch wenn Sie Glück haben, sehen Sie sogar …«

»Aha.«

»Unfaßbar, wie? Danach geht natürlich sofort das Licht aus.«

»Natürlich.«

»Aber dieser Sekundenbruchteil! Eine weitere Steigerung ist unmöglich! Wird es niemals geben! Nie! Sie müssen selbstverständlich ungeheuer konzentriert sein! Ich habe es fünfmal in der ganzen Zeit geschafft, die … ihre … na also, ich habe sie in der ganzen Zeit fünfmal gesehen!«

»Was heißt das, ›in der ganzen Zeit‹?«

»Na, in drei Monaten zirka! Solange Gloria auftritt!«

»Da sind Sie jeden Abend in die ›Chatte noire‹ gegangen?«

»Jeden Abend! Also nach dem Essen hole ich Sie ab, wir gehen in die ›Chatte noire‹ und sehen Gloria und vielleicht auch ihre …«

»Ja, und vielleicht auch ihre«, sagte Jakob und dachte: Nicht zu fassen! Und das ist der gefährlichste Schieber Belgiens!

48

Am Spätnachmittag rief der exemplarisch häßliche Handelsattaché an. »Endlich«, sagte Jakob erbost. »Warum nicht früher?«

»Ich habe gestern in meinem Hotel ein Zimmermädchen kennengelernt, Señor Cortez … Claire … So etwas Süßes, so etwas Aufregendes habe ich noch nie erlebt …« Und so etwas Teures vermutlich auch nicht, dachte Jakob. »… Claire hatte ab Mitternacht frei … da bin ich zu ihr gegangen und …«

»Zum Teufel, ja!« Jetzt habe ich schon zwei Sexual-Irre.

»Sie müssen entschuldigen, ich bin erst vor einer halben Stunde aufgewacht!«

»Sie fahren nach Paris zurück. Sofort. Wir treffen uns Punkt zwanzig Uhr in der Mitte der kleinen Rue de Loxum. Die liegt bei der Kathedrale Saint-Michel …«

»Sie kennen sich ja gut aus in Brüssel!«

»Wie in meiner Hosentasche«, sagte Jakob. Er hatte einen Stadtplan und einen Besichtigungsführer vor sich liegen. »Diese gotische Kathedrale gehört zu den schönsten Europas …«

Juarez kam zum Treff in der kurzen, sehr schlecht beleuchteten Rue de Loxum zwanzig Minuten zu spät.

Jakob war wütend: »Zwanzig Uhr habe ich gesagt!«

»Entschuldigen Sie, aber Claire hat noch immer frei …«

»Sie wollen doch nicht sagen, daß Sie schon wieder …?«

»Sie kennen Claire nicht … Ein Vulkan … Mittendrin sah ich auf meine Armbanduhr …«

»Na und?«

»Mein ausgeprägtes Pflichtgefühl hat mich hochgerissen. Coitus interruptus. Ich könnte Sie umbringen, Monsieur!«

»Und ich Sie! Reißen Sie sich nicht hoch, reißen Sie sich zusammen! Hier!« Jakob reichte dem Attaché seinen Diplomatenkoffer in den Bentley. Diplomatenkoffer, dachte er dabei, hin und her gezerrt zwischen Wut und Sentimentalität, Diplomatenkoffer, Hase, liebe Julia, wie es ihr wohl geht? Ach, Donner wird schon auf sie aufpassen. Trotzdem – ich muß Julia unbedingt so schnell wie möglich wiedersehen, ich benehme mich ja wie ein Schwein.

»Da sind belgische Francs drin«, sagte Jakob. »Sie fahren sofort nach Paris und geben den Koffer Laureen. Die wird sich umgehend mit Monsieur Arnusch in Verbindung setzen. Der wird die Francs schnellstens wieder in Dollar wechseln und telegrafisch auf mein New Yorker Konto überweisen. Kapiert?«

»Ja doch.« Der Attaché würgte.

»Was haben Sie?«

»Claire … Wenn sie mich jetzt betrügt …«

»Einen Mann wie Sie? Juarez! Ich bitte Sie! Ich würde Sie nie betrügen können!«

»Nei-nein?«

»Nein! Außerdem kommen Sie ja gleich zurück!«

»Ja-ha, das natürlich … Mein Gott, wenn Sie wüßten, wie sehr ich dieses Mädchen liebe!«

Es ist zum Verrücktwerden …

»Fahren Sie los!« schnauzte Jakob energisch, aber sehr leise. »Und in Paris vergessen sie nicht, Laureen zu sagen, daß ich sie unendlich liebe – und das sagen Sie, wie verabredet, so laut wie möglich und dann, wenn möglichst viele Leute zuhören!«

»Werde ich tun. So schnell ist noch kein Mann aus Paris wieder zurück in Brüssel gewesen!« erklärte Juarez und fuhr, gedeckt durch seine diplomatische Immunität, auf kreischenden Pneus los.

Jakob holte tief Luft.

Jetzt läuft also der Trick, dachte er. Gott steh uns bei! Bisher und bis auf weiteres arbeiten wir mit Verlust. Denn die Francs muß der Franzl bei Pariser Devisenschiebern ja wieder in Dollar wechseln, um sie nach New York überweisen zu können, und bei diesem Umwechseln verliert er natürlich. Trotzdem! Wenn alles gutgeht, schwimmen wir bald in Geld. In anständigem Geld. Wo ist die Hasenpfote? Fest drücken! Ach, meine Eier …

Jakob stand fünf Minuten reglos in der sehr düsteren Rue de Loxum und träumte mit offenen Augen von Millionen Eiern. Es war ein wunderbarer Traum – nach dem Alptraum mit den Herren Bach Wilder, Don Sartre, Giovanni Schönberg & Co. Dann schrak er auf. Um 11 Uhr holte ihn doch dieser Adonis von einem Devisenschieber im Hotel ab, um mit ihm zu Gloria Cadillac zu fahren, in der Hoffnung, vielleicht noch einmal die ihre zu erblicken.

49

Um 23 Uhr 57 hatte Robert Rouvier sie dann tatsächlich ein sechstes Mal erblickt. Jakob hatte überhaupt nichts erblickt, weil der Kerl, der vor ihm saß, aufgesprungen war. Rouvier fühlte sich einem Herzanfall nahe. Er konnte erst nach ein paar Minuten wieder sprechen und auch da nur keuchend: »Es war mir … noch einmal … vergönnt … Sie … Sie haben mir … Glück gebracht …«

Ich werde dir noch viel mehr Glück bringen, dachte Jakob.

Eine halbe Stunde später saß dann Gloria Cadillac, rothaarig, grünäugig, in einem ungemein dekolletierten Abendkleid an ihrem Tisch. Die Herrschaften tranken Champagner (Jakob trank ›Perrier‹). Rouvier sprach stotternd, er konnte sich nicht beruhigen. Der eine stottert, der andere bumst sich weich im Hirn – welch ein Vergnügen, dachte Jakob. Ein Glück, daß ich nicht bin wie jene.

Englisch spricht diese Cadillac. Wenn das eine Amerikanerin ist, bin ich ein Argentinier. Rouvier entschuldigte sich errötend für einen Moment. Die Erregung hatte sich ihm (unter anderem) auf die Blase geschlagen. Er werde gleich wieder da sein, sagte er.

»Schur, sanni-boi, schur«, sagte Gloria. Danach gab sie Jakob bekannt, daß sie seit ihrem ersten Auftreten jeden Abend nach ihrer Darbietung an diesem Tisch sitze und mit dem ›sanni-boi‹ Champagner trinke.

»Satsch ä neis män!«

Jakob riskierte es. In väterlichem Tonfall erkundigte er sich: »Woher in den Staaten kommen Sie denn?«

Sie musterte ihn und warf den Kopf zurück: »Ju hef notissed it, hef ju?«

»Yes, my dear …«

»Du ju spik Schermen?«

»Yes. My Kindermädchen was from Austria. Vienna.«

Im nächsten Moment hatte ihm Gloria derart auf den Rücken gehauen, daß das ›Perrier‹ in dem Glas, das er gerade zum Mund führte, drei Tische weit sprühte. »Aus Wean war dei Kindermadl? Da leckst mi am Oasch! Der Señor hat von aner Weanerin Deitsch g’lernt!«

»Was anderes too.«

»Was denn noch?«

»She has me … hrm … deflauert, when I was elf …«

Gloria konnte es nicht fassen.

»Entjungfert! Mit elfe! Jetzt gibst mir aba a Busserl!«

Er gab ihr ein ordentliches und ausgiebiges.

»Du, des derf aba kana erfahrn, vastehst? Dir hab i’s gsagt, weil i einfach Vatraun hab’ zu dir!«

»Kein Wort will ever come over my Lippe«, versprach er guttural. »Und wie heißen du really?«

»Woditschka Reserl.«

»And why du nennen dir Gloria Cadillac und machen auf Amerikanerin?«

»Heast, du hast ’leicht a Ahnung, wie’s zugeht in Wean! Nix zum Fressen! Nix zum Heizen! Trümma, Trümma, Trümma. Und die Besatzungsmächte, die viere! Was die aufführn! Des kann se ana aus Argentinien einfach net vorstellen, was für a armseliges Leben mir ham, mir Östarreicha!«