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»Das heißt, was es heißt! Verschwunden! Abgereist!«

»Wohin?«

»Weiß ich nicht. Ich war in der Rue du Canal. Da hat sie ein Zimmer gemietet. Die Concierge sagte, Gloria sei heute ganz zeitig aus dem Haus gegangen. Zusammen mit einem Mann, mit dem sie gestern spät nachts gekommen sei.« Der Unglückliche schrie plötzlich: »Wer war der Hund?«

»Woher soll ich das wissen?« fragte der Hund.

»Wenn ich den je erwische, töte ich ihn mit eigener Hand, so wahr mir Gott helfe! Ach, Señor Cortez, ich bin ja so verzweifelt … Gloria weg … Und hat mich betrogen zuletzt noch …«

»Vielleicht immer schon«, gab Jakob freundlich zu bedenken.

Ein Aufstöhnen, dann: »Ich darf heute nicht allein sein! Ich bringe mich um, wenn ich heute allein bin. In der ›Chatte noire‹ tritt eine Neue auf. Bitte, gehen Sie mit mir hin!«

»Nein«, sagte Jakob entschieden. »Ich kann mir nicht jede Nacht um die Ohren schlagen. Ich hatte sehr viel zu arbeiten. Ich gehe früh schlafen. Wenn Sie wollen, kommen Sie noch schnell zu einem Apéritif vorbei. Sie wissen, ich esse abends kaum.« (Das wird auf die Dauer auch nicht ziehen, ich muß mich mal nach jemandem umhören, der mir beibringt, diesen ganzen komplizierten, sündteuren Dreck zu fressen!)

»Ich danke Ihnen, Señor. Allein hätte ich den Abend nicht überstanden.«

Als der Schieber dann eintraf, ging Jakob mit ihm in die Bar. Eine halbe Stunde lang hörte er sich geduldig Rouviers Klagelieder an, dann kam er zur Sache. »Ach ja, meine Lieber … Ich muß zwei, drei Tage in die Provinz, wegen dieses … hrm … Unternehmens. Sie verstehen …«

Rouvier vergaß a tempo sein Leid. Die feurigen Augen wurden feucht. »Ich verstehe. Noch ganz geheim die Sache, wie?«

»Ja.«

»Die böse Steuer, was?«

»Die böse Steuer, ja.«

»Hahaha.«

»Hahaha. Ich brauche noch einmal ein wenig Kleingeld … Sagen wir noch einmal fünftausend Dollar … Wenn Sie Bedenken haben, da sind drei Herren, die mir inzwischen Beträge in jeder Höhe angeboten haben. Ich wollte nur aus Freundschaft zu Ihnen nicht gleich mit anderen …«

»Das ist hochanständig, Señor Cortez! Das werde ich Ihnen nie vergessen! Andere Herren? Ach, das sind doch Schweine! Dreckige Konkurrenz. Wie heißen sie? Ach so, die haben Ihnen natürlich falsche Namen genannt, klar. Weil sie wissen, daß ich mit Ihnen arbeite! Sinnlos, mir zu sagen, wie sie sich nannten, die Schweine.«

Es ist wirklich sinnlos, dachte Jakob. Wem Gott will rechte Gunst erweisen, dem nimmt er Antworten auf sinnlose Fragen ab. Ich hätte Namen erfinden müssen, denn natürlich ist kein Mensch an mich herangetreten.

»Folgen Sie mir, bitte, auf die Toilette«, sagte Rouvier atemlos.

»Auf die …«

»Ich kann Ihnen das Geld doch nicht hier vor allen Leuten geben, Señor Cortez! Wie sähe das denn aus?«

»Ach so …«

Auf der Toilette schrieb Jakob dann einen weiteren Scheck über fünftausend Dollar aus, und Rouvier überreichte ihm den Schwarzmarktgegenwert in belgischen Francs. Damit ist die Grenze erreicht, die Rubinstein gesetzt hat, dachte Jakob, als er das Geld verstaute und sich danach die Hände wusch. Mehr Schecks darf ich nicht ausschreiben, sonst wird Rubi böse. Der ist pingelig, hat Laureen mir gesagt, daß der Arnusch Franzl ihr gesagt hat. Er begleitete den Schieber zu dessen Wagen. »Speisen Sie gut«, riet er. »Schauen Sie sich die Neue in der ›Chatte noire‹ an. Vielleicht ist sie noch besser als Gloria.«

»Es gibt nichts Besseres als Gloria«, sagte der Schieber dumpf und ließ sich hinter das Steuerrad fallen. »Wer diesem Zauberwesen einmal begegnet ist – großer Gott, hat die mich Geld gekostet … aber es war’s wert, jeden Franc war es wert – den wird sie verfolgen sein Leben lang …«

»Unsinn«, sagte Jakob und ahnte nicht, als wie wahr des Schiebers Prophezeiung sich noch erweisen sollte. »Los, los! Viel Spaß mit der Neuen! Und vor allem: Kopf hoch!« Das war ein geschmackloser Zuruf, dachte er. Den hätte ich vielleicht unterdrücken sollen. Armer Rouvier …

Jakob ging in sein Appartement, setzte sich hinter den Prachtschreibtisch und wartete geduldig. Um 20 Uhr 30 schrillte das Telefon. Der Handelsattaché meldete sich wie verabredet.

»Wir treffen uns in genau einer Stunde, um halb zehn, in der Rue du Chêne«, sagte Jakob. »Sie müssen sofort wieder nach Paris.«

Der Attaché begann zu toben: »Schon wieder? Das können Sie mit mir nicht machen! In Paris hatte ich kaum eine Stunde Zeit für Yvonne, und hier liegt Claire in meinem Bett! Ich komme nicht!«

»Und ob Sie kommen«, sagte Jakob. »Oder ich lasse Sie auffliegen! Neues Geld muß nach Paris – schleunigst. Rue du Chêne! Hinter dem Manneken Pis! Und diesmal sind Sie pünktlich!« Er schmiß den Hörer in die Gabel. Diesmal war der Attaché pünktlich. Aber er platzte fast vor Wut.

»Hier, die belgischen Francs. Sofort nach Paris zu Laureen damit. Und sofort wieder zurück. Sie müssen jetzt jederzeit einsatzbereit sein.«

»Der Teufel soll Sie holen, Sie Hund!« (Irgend jemand hat heute schon mal Hund zu mir gesagt, überlegte Jakob träumerisch und ergebnislos.) »Wenn ich Schwierigkeiten mit meiner Potenz bekomme, lasse ich Sie von ein paar Macros zusammenschlagen!« Amadeo Juarez drückte den Gashebel des laufenden Motors ganz durch. In einem Rennstart schoß der Bentley davon. Ich fürchte, der hat schon Schwierigkeiten mit seiner Potenz, dachte Jakob. Er schlief recht tief in dieser Nacht. Ottakring bleibt Ottakring.

51

»Ich werd’ verrückt! Formann! He! Jakob! Jakob Formann!« schrie der deutsche Kriegsgefangene, der mit einer Kolonne anderer Gefangener, bewacht von ein paar gelangweilten Soldaten, da am Hafen arbeitete.

Verflucht, dachte Jakob. Das kommt davon, wenn man ein feiner Mann sein und sich bilden will. Er machte kehrt und versuchte zu türmen. Der Kriegsgefangene aus der Kolonne brüllte: »Mensch, Jakob! Was hast du denn? Ich bin’s doch, der Otto Radtke! Schau mich doch an! Orel! Kannst du dich nicht mehr erinnern, wie du mich zum Verbandsplatz geschleppt hast?«

Jetzt kommt der Radtke mir mit Orel, dachte Jakob wütend. Da muß man drei Tage warten, bis die Schecks, die man ausgeschrieben hat, in New York eingetroffen und bestätigt worden sind, damit man endlich diesen Schieber richtig aufs Kreuz schmeißen kann. Da fährt man drei Tage aus Brüssel weg mit einem gemieteten Wagen – nach Gent und Ostende und Zeebrügge und natürlich auch Antwerpen, und weil man doch gar nichts weiß und kann und einem solche Sachen wie die mit der Fingerschale und den Austern passieren und man nichts von Literatur und Malerei und Geschichte versteht, eben darum will man sich bilden und geht in Museen und weiß jetzt, zum Beispiel, daß die Meister der südniederländischen Malerei van Dyck, Matsys, Teniers, Rubens und noch ein paar andere sind, die man jetzt auch kennt, und man schaut sich die Pinseleien in den Kirchen und in der Kunstakademie hier und das Rubenshaus und eine Masse anderes Zeug an (viel zu fett, diese Weiber, die der Rubens gemalt hat!), und dann steht im Stadtführer, den man sich gekauft hat, man muß unbedingt den Hafen besichtigen, neben Hamburg und Rotterdam den bedeutendsten Seehafen Europas, im Scheldebogen gelegen, auswendig lernt man das, gottverflucht, herfahren tut man, herumlaufen tut man in Schnee und Dreck, nahe ran an die Hafenbecken, weil man gesehen hat, da schuften sich arme Landserschweine ab in ihren verdreckten Uniformen, mit dem weißen PW auf dem Mantel-oder Jackenrücken. Und dann!

Natürlich kenne ich diesen Radtke, der so schreit, weil er mich erkannt hat. Als wir wieder mal eine ›Frontbegradigung‹ in Rußland vorgenommen haben, hat’s ihn erwischt, nicht sehr gefährlich, Steckschuß im rechten Schenkel, aber er hat nicht laufen können, ich hab’ ihn auf den Rücken genommen und zum Verbandsplatz geschleppt, und daran erinnert der Kerl sich, was fällt dem ein, man war und ist immer viel zu gutmütig.

Der Kerl schreit schon wieder. Mensch, halt doch deine dämliche Schnauze. Nix zu machen. Hält sie nicht. Da sind jetzt schon mindestens zwei Dutzend Kameraden aufmerksam geworden, und ein paar von den Wachtposten zeigen auch ein müdes Interesse. Mist verdammter, ich muß zum Radtke, sonst schreit der Kerl so lange, bis ganz Antwerpen zusammenläuft. Wirklich, ich könnte mir selbst in den Hintern treten. Da sieht man es wieder: Wer sich in Kultur und Bildung begibt, kommt darin um! Also jetzt nix wie zum Radtke und gezischt: »Halt’s Maul, ich flehe dich an!«