»Aha.«
Mevrouw erhob sich. »Sie wollen die Dollars sofort nach Übernahme durch meine Freunde?«
»Ihre Freunde, Mevrouw, wer ist das?«
»Belgische Polizisten. Die bewachen den Frachtbahnhof, auf dem der Waggon stehen wird.«
»Aha.«
»Es sind natürlich auch amerikanische Posten da. Die werde ich abzulenken wissen, seien Sie beruhigt.«
»Da bin ich ganz beruhigt, Mevrouw.«
»Abtransportieren müssen wir die Dinger in Salatkörben.«
»Salatkörben, eh, hrm?«
»Im Französischen werden die ›Grünen Minnas‹ charmanterweise ›paniers de salade‹ genannt!«
»Wirklich charmant …!«
»Ich werde jetzt schnell telefonieren und alles vorbereiten. Auch meine Knaben muß ich verständigen.«
»Ihre Knaben?«
»Süße Kinderchen. Die helfen mir immer in solchen Fällen. Es sind auch Mädchen darunter. Die Eltern werden von mir natürlich entschädigt.«
»Natürlich.«
»Alle Soldaten – und ganz besonders die Amerikaner – sind doch so kinderliebend, nicht wahr?«
»So ist es, Mevrouw.«
»Ich habe Sie bereits gefragt: Sie benötigen die Dollars sofort, nachdem die Kinderchen und die Polizisten den Waggon geleert haben?«
»Wenn ich darum bitten dürfte, Mevrouw. Sagen wir bis spätestens zwei Uhr nachts. Dann muß ich nämlich abreisen.«
»Es wird klappen, Mijnheer. Auf meine Polizisten ist Verlaß. Die einzigen, auf die man sich in dieser Gangsterstadt noch verlassen kann. Während ich mich umhöre, wollen Sie nicht vielleicht eine kleine Distraktion? … Nein, nein, die Freude müssen Sie mir machen! Wer soll’s denn sein? Was hätten Sie denn gerne? Europäisch, afrikanisch …
»Chinesisch, wenn es nicht zu unverschämt ist, Mevrouw. Chinesisch habe ich noch nie.«
»Aber gerne. Yün-Sin, komm her!« Ein zierliches Geschöpf trat heran. »Yün-Sin heißt Pfirsichblüte, Monsieur. Pfirsichblüte, der Herr will dir die Ehre erweisen. Zeige ihm deine Spezialität, die ›Schlittenfahrt‹!«
»Gewiß, Mevrouw«, zwitscherte Pfirsichblüte englisch mit Piepsstimme. Sie kreuzte die Arme über der bloßen Brust und verbeugte sich tief vor Jakob. »Edlel Tai-Pan, dalf ich bitten, mil zu folgen?« Mit wackelndem Popo ging sie vor Jakob her, die Treppe empor, die zu den Zimmern führte. Die anderen Mädchen nahmen keine Notiz davon.
»Kennt eine von euch eine Sowjetrepublik mit acht Buchstaben?« fragte die Mulattin, die Kreuzworträtsel löste.
Um 1 Uhr 30 war alles vorbei.
Jakob saß im Büro der Dame Willemsen und ließ sich fünfundzwanzigtausend Dollar vorzählen. Der Steuerberater und der reiche Fabrikant hatten ihr unter die Arme gegriffen. Die Kondome waren bereits über die ganze Stadt verteilt. Reizende Kinder hatten die Plomben des von Radtke mit einem verabredeten Zeichen (es stand in deutscher Sprache da: ICH LIEBE DICH) versehenen Waggons aufgebrochen und die Kartons zu zwei ›Salatkörben‹ getragen, die unentwegt an- und abfuhren.
Es war zu keinerlei Zwischenfall gekommen. Mevrouw Willemsen hatte Damen aus den Etablissements ›Zum heißen Trichter‹, ›Zur flotten Hendrikje‹ und ›Zum roten Stiefel‹ um Mitarbeit gebeten. Die Damen leisteten ganze Arbeit in den Wachbaracken der amerikanischen Posten, die schon vor Anlaufen der Aktion nicht mehr stehen konnten – entweder infolge Suffs oder Erschöpfung oder von beidem. So waren denn alle zufrieden … Jakob, der mitgezählt hatte, steckte die fünfundzwanzigtausend Dollar ein und küßte Mevrouw Willemsen die Würstchenfinger.
»Es war mir ein Vergnügen, Mijnheer«, sprach Madame.
Schon eine halbe Stunde später hatte Jakob Antwerpen in seinem Mietwagen verlassen und fuhr durch eine Winternacht Brüssel entgegen. Es schneite. Jakob fühlte sich sehr wohl. Fünfundzwanzigtausend Dollar sind besser als in die hohle Hand, dachte er. Und jetzt weiß ich, was eine ›Schlittenfahrt‹ ist, Junge, Junge. Sollten wir unseren nächsten Krieg China erklären, melde ich mich freiwillig!
53
»Maître«, sagte Señor Miguel Santiago Cortez am Nachmittag darauf, nicht die Spur ermüdet, gebadet, rasiert, frisch und munter, »wie Ihnen Monsieur Rouvier schon am Telefon erzählt hat, werde ich in Belgien ein Industrieunternehmen erwerben. Der Vertrag zwischen mir und den bisherigen Besitzern sieht vor, daß von der Kaufsumme zweihunderttausend Dollar bar in belgischen Francs bezahlt werden. Ich erlaube mir also, Monsieur Rouvier, meinem Bevollmächtigten für Belgien – ich bin nämlich dauernd unterwegs –, einen Scheck über zweihunderttausend Dollar zu übergeben. Er gibt mir dafür den Gegenwert in belgischen Francs. Das alles wollen wir in einem von Ihnen beglaubigten Vertrag festhalten …«
Maître Jean-Louis Labisse – sein Büro befand sich in dem altehrwürdigen Gebäude 42, Boulevard Leopold II. – war einer der feinsten und angesehensten Notare Brüssels. Das hatte Jakob schon am Vormittag von Rouvier erfahren, als sie miteinander telefonierten, nachdem ihm bei seiner Rückkehr ins PLAZA eine von der Telefonistin aufgenommene Nachricht übergeben worden war: ›Bitte rufen Sie mich gleich an. Herzlichst Rouvier.‹
Also hatte Jakob den Schieber angerufen.
Der guten Ordnung halber (wie Rouvier sagte) berichtete der Schieber zuerst, seine amerikanische Bank habe ihm mitgeteilt, daß die beiden Schecks zu je fünftausend Dollar, die Jakob ihm gegen belgische Francs gegeben hatte, bereits gutgeschrieben seien.
Damit habe ich endgültig sein Vertrauen gewonnen, dachte Jakob und sagte: »Das freut mich! Und sonst?«
Rouvier druckste eine Weile herum. Dann konnte er nicht länger an sich halten: »Hatten Sie Erfolg auf Ihrer Reise, Señor Cortez?«
»Ach ja, doch, doch, ich bin recht zufrieden«, ließ sich Jakob vernehmen. »Ich habe da was sehr Hübsches gefunden.«
»Oh!« Ein leises Keuchen Rouviers war zu hören. Dann stammelte er Unzusammenhängendes. Er brachte einfach nicht heraus, was er sagen wollte. »Ich will es Ihnen leichter machen, Rouvier«, sagte Jakob väterlich. »Sie haben mir seinerzeit gesagt, daß Sie gerne groß mit mir ins Geschäft kommen wollten …«
»Ja … und?«
»Sehen Sie, ich werde dauernd in der Welt herumgejagt, ich brauche deshalb einen Bevollmächtigten für Belgien. Ich habe noch keinen. Jetzt brauche ich ihn nötiger denn je, weil ich fort muß. Aber da habe ich nun das Ding hier am Hals. Wenn Sie also Zeit und Lust hätten …«
Rouvier stotterte vor Aufregung: »Bi … bi … bin in zehn Minuten bei Ihnen im Hotel, Señor!«
Er war binnen acht Minuten da, wie Jakob zufrieden feststellte. Sie setzten eine Bevollmächtigungserklärung des Señor Miguel Santiago Cortez für Monsieur Robert Rouvier, betreffend das Gebiet Belgien, auf.
»Nun brauchen wir noch einen Notar für das Geld«, sagte Jakob.
»Ich würde Maître Jean-Louis Labisse empfehlen, Señor. Er ist einer der feinsten und angesehensten Notare Brüssels …«
Zwei Stunden später saßen die beiden dann vor dem vornehmen alten Herrn mit dem Silberhaar, und Jakob sprach die Worte, die wir schon niedergeschrieben haben.
Der vornehme alte Herr mit dem Silberhaar rief eine ungemein hübsche Sekretärin herein. Ich könnte schon wieder, dachte Jakob. Diese ›Schlittenfahrt‹ … Aus! Seriös, Jakob, seriös jetzt!
Es wurde ein äußerst präziser Vertrag aufgesetzt, der alle Rechte und Pflichten Rouviers sowie die damit zusammenhängenden finanziellen Fragen genauestens klärte. Monsieur Rouvier wies sich mit einer belgischen Identitätskarte, Jakob mit dem argentinischen Reisepaß auf den Namen Cortez aus. Die ungemein hübsche Sekretärin tippte den Vertrag sogleich mit mehreren Kopien. Danach stempelte der vornehme alte Maître Labisse sämtliche Seiten des Vertrages, versah sie mit seinen Initialen und beglaubigte zum Schluß alles mit eigener Unterschrift und Siegel. Der Platz für den Namen des Industrieunternehmens, das Señor Cortez erwerben wollte, war freigelassen worden, denn dieser, so sagte er, hatte sich verpflichtet, den Namen bis nach Abschluß des Vertrages geheimzuhalten.
Der ebenso bildschöne wie impotente Rouvier wuchtete einen Koffer hoch und zählte belgische Franc-Noten auf den Schreibtisch, die dem Gegenwert von zweihunderttausend Dollar entsprachen. Es war ein hübscher Montblanc aus Papier, der da zuletzt aufragte, als Rouvier seinem Partner Jakob auf die Schulter schlug und mit hinreißend verlegenem Lächeln sagte: »Den Koffer schenke ich Ihnen!«