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Sie bezahlten die Gebühren des vornehmen alten Maître Labisse und verließen das Notariat. Beim Abschied vor dem PLAZA, wohin ihn der Schieber zurückgefahren hatte, sagte Jakob, daß er nun für drei bis vier Tage nach Italien reisen müsse. Dann werde er wieder in Brüssel sein. (Er hatte keineswegs die Absicht, so bald wieder in Brüssel zu sein!)

Rouvier wünschte glückliche Wiederkehr und empfahl sich mit tiefen Verbeugungen.

Jakob saß geduldig in seinem Appartement, bis um 18 Uhr der Handelsattaché anrief. »Wir hauen ab«, sagte Jakob.

»Was, schon?«

»Ja. Alles erledigt.«

»Herrgott, und Claire hat morgen Frühdienst, und ich habe mich schon so auf morgen früh gefreut!«

»Freuen Sie sich auf Yvonne. Seien Sie um neunzehn Uhr dreißig bei der Abbaye de la Cambre in der Allée du Cloître, Ecke Avenue Emile De Mot«, sagte Jakob, einen Zeigefinger auf dem Stadtplan.

»Aber ich muß mich doch wenigstens verabschieden …«

Jakob legte einfach auf, packte seine Sachen und fuhr mit dem Lift in die Halle hinunter, um die Rechnung zu bezahlen. Der Hoteldirektor, alle Portiers und Receptionisten, die Dienst taten, bereiteten Jakob einen ergriffenen Abschied. Auch ihnen sagte er, er werde sehr bald wieder da sein. Das linderte ihren Schmerz – von den Trinkgeldern ganz zu schweigen. Jakob sah gern glückliche Menschen.

Der Taxichauffeur war Flame. (Auch in dieser Hinsicht hatte Jakob inzwischen einiges gelernt.) Unglaublich, wie einfach das alles gegangen ist, dachte er. Die menschliche Dummheit kennt keine Grenzen! Sie fuhren zur Gare du Nord. Jakob drehte sich um und blickte durch das Rückfenster. Ein schwarzer Wagen fuhr hinter ihnen her. Der Chauffeur dieses Autos und die drei anderen Herren darin sahen aus wie Catcher.

»Fahren Sie ein bißchen herum«, sagte Jakob. Vielleicht kannte die menschliche Dummheit doch Grenzen? Und dabei hatte dieser Schieber Rouvier sich so freundlich verabschiedet!

»Aber Sie wollten doch zur Gare du Nord …«

»Schauen Sie in den Rückspiegel. Der schwarze Wagen. Ich werde verfolgt.«

»Von wem?« fragte der Taxifahrer in flämisch gebrochenem Englisch.

»Von Wallonen.«

»Ah«, sagte der Taxichauffeur.

Sie fuhren zunächst zur Börse.

Das schwarze Auto mit den vier Kerlen folgte.

»Jetzt zum Justizpalast, Sir?«

»Zum … meinetwegen.«

Also fuhren sie zum Justizpalast.

Das schwarze Auto mit den vier Kerlen desgleichen, dicht hinter dem Taxi her.

Das ist aber gar nicht angenehm, dachte Jakob.

»Noch ein bißchen weiter«, sagte er.

»Zum Parc du Cinquantenaire?«

»Zum Parc du Cin … in Ordnung.«

Also fuhren sie über den Boulevard de Waterloo nordostwärts.

Der schwarze Wagen auch.

Jetzt erreichten sie den nach Norden führenden Boulevard du Régent. Der schwarze Wagen mit den vier Kerlen folgte, als wenn sie ihn mit einem unsichtbaren Seil abschleppten.

Ekelhaft, dachte Jakob, wirklich ekelhaft.

Das Taxi bog in die Rue de la Loi ein. Der schwarze Wagen auch. Also, so geht das nicht weiter, entschied Jakob.

»Halten Sie bitte da vorne bei dem Zeitungsstand!«

»Sehr wohl, Sir«, sagte der Taxichauffeur in flämischem Englisch.

Er hielt vor dem Zeitungsstand. Der schwarze Wagen hielt etwa acht Meter hinter ihm.

Jakob stieg aus, erwarb eine Ausgabe von ›La Dernière Heure‹ und trat dann in die Telefonzelle neben dem Zeitungsstand. In vier Sprachen stand hier über dem Apparat etwas auf einer Tafel. Er las ›Notruf Polizei‹ und eine dreistellige Nummer. Jakob wählte diese Nummer. Eine Männerstimme meldete sich französisch.

»Do you speak English?«

»Just a second, Sir.«

Eine andere Männerstimme fragte englisch: »Was kann ich für Sie tun, Sir?«

»Einen schönen guten Abend«, sagte Jakob. »Ich spreche aus der Telefonzelle vor dem Haus Rue de la Loi 48. Hier randaliert ein völlig betrunkener Privatchauffeur mit drei völlig betrunkenen Wageninsassen. Es ist ein Skandal. Die Kerle haben Pistolen. Jeden Moment kann ein Unglück geschehen.«

»Wie ist die Nummer des Wagens?«

Jakob verrenkte sich fast den Kopf, um das festzustellen.

»B 85 674«, sagte er dann.

»Wir kommen sofort. Bleiben Sie bei der Telefonzelle. Wir brauchen Sie als Zeugen.«

»Selbstverständlich, Wachtmeister«, sagte Jakob.

Er ging zu seinem Taxi zurück und setzte sich in den Fond.

»Wir warten noch einen Moment.«

»Okay, Sir.«

Vier Minuten später klang das Heulen einer Sirene auf. Ein Streifenwagen der Polizei kam angeschossen und bremste vor dem schwarzen Auto. Bewaffnete Polizisten sprangen heraus, zerrten vier baß erstaunte Herren mit Totschlägergesichtern ins Freie und begannen auf sie einzubrüllen. Die Herren brüllten zurück. Menschen strömten zusammen. Autos hupten. Der Abendverkehr stockte.

»Jetzt«, sagte Jakob, »fahren Sie bitte zur Gare du Nord.«

»Yes, Sir.« Der Chauffeur fuhr los und schüttelte besorgt den Kopf. »Eine Schande«, murmelte er.

»Was?« forschte Jakob.

»Diese dreckigen Wallonen. Was müssen Ausländer da für einen Eindruck von Belgien kriegen!«

»Aber ich bitte Sie«, sagte Jakob. Lieber Fürst Metternich, sei bedankt! An der Gare du Nord ging er auf ein Postamt und füllte ein Telegrammformular aus. So lautete der Text: + rubinstein associates new york stop happy birthday to you dear rubi stop cordially yours cortez +

Das war ein verabredetes Zeichen: Sobald Rubi diesen Telegrammtext in Händen hatte, löschte er das Konto des Señor Miguel Santiago Cortez. Das bedeutete natürlich, daß der Scheck über zweihunderttausend Dollar, den Jakob dem Schwindler Rouvier gegeben hatte, platzte. Aber das ist ja der Sinn der Veranstaltung, dachte Jakob. Und Rubi hat sogar noch zwanzigtausend Dollar verdient. Fünftausend weniger als ich mit meinen Präservativen.

»Normales Telegramm?« fragte das Fräulein hinter dem Schalter englisch.

»Blitz.«

»Zehnfache Gebühr! Das ist das Teuerste!«

»Manchmal, liebes Kind«, sprach Jakob Formann freundlich, »ist das Teuerste das Billigste.«

54

Sie erreichten die kurze Allée du Cloître erst um 20 Uhr 40. Der Bentley parkte bereits. Jakob stieg aus und begrüßte den Handelsattaché. Der war sauer. »Fast eine Dreiviertelstunde zu spät!«

»Tut mir leid.«

»Da hätte ich Claire noch Lebewohl sagen können.«

»Hören Sie bloß mit Ihren Weibern auf«, sagte Jakob. »Raus, helfen Sie!«

Zu dritt schleppten sie Jakobs schwere Koffer vom Taxi in den Bentley. Der Taxifahrer entschuldigte sich noch einmal für die elenden Wallonen.

»Glauben Sie, woanders geht’s besser zu?« fragte Jakob milde und stieg in den Bentley. Der Attaché fuhr los. Nach zwei Stunden hatten sie die letzte Bahnstation auf belgischem Gebiet vor der französischen Grenze erreicht. Diese letzte Station hieß Frameries. Juarez hielt.

»Geben Sie mir meinen Paß«, sagte Jakob.

Er bekam den gefälschten Paß auf den Namen Fletcher und gab Juarez dafür den echten Paß auf den Namen Miguel Santiago Cortez. Dann holten sie Jakobs Schweinslederkoffer aus dem Wagen. Der Koffer mit den belgischen Francs blieb natürlich im Wagen.

»Es geht ein Zug um zwei Uhr fünfzehn früh«, sagte Jakob, während sie gemeinsam das Gepäck über den Platz in den Wartesaal des kleinen Bahnhofs schleppten. »Sie fahren schon los nach Paris und zu Monsieur Arnusch. Es ist jetzt keine Zeit zu verlieren.«

»Und was machen Sie bis der Zug kommt?«

»Ich werde ein bißchen lesen«, sagte Jakob und zog ein schmales Buch aus der Tasche. Es war in englischer Sprache abgefaßt und trug den Titel DER SCHICKSALSKAMPF DER WALLONEN UND FLAMEN.

55

»Ach ja«, sagte Mr. Fletcher am nächsten Vormittag, träumerisch Mrs. Fletcher betrachtend, »es ist doch schön, wieder daheim zu sein.«