Er saß neben seiner Gattin auf einer zartgeschwungenen Recamière, im Salon seines Luxusappartements im HÔTEL DES CINQ CONTINENTS in Paris. Große Bodenvasen voller roter Rosen verstellten den Weg. Es roch wie in einer Gärtnerei oder einer Aussegnungshalle. Rechts von Jakob saß der Handelsattaché Amadeo Juarez, links von ihm sein alter Schulfreund Franzl Arnusch. Jakob küßte Mrs. Fletcher in den Nacken. Sie schnurrte wie eine Katze.
»Schnell noch zum Geschäftlichen«, sagte Franzl. Damit überreichte er Jakob den Diplomatenkoffer aus dem Linzer PX. (Der Hase! Ich muß unbedingt zu ihm, dachte Jakob. Aber nicht jetzt. Erst habe ich noch andere Sachen zu erledigen.) Der vom Alliierten Kontrollrat für das befreite Österreich eingesetzte Devisenfahnder öffnete den Koffer. Liebliche grüne Notenbündel erblickte Jakob.
»Bittschön«, sagte der Franzl. »Das wären also fünfzig Prozent vom Dollar-Gegenwert für die belgischen Francs, die du diesem Rouvier abgenommen hast. Keine hunderttausend Dollar, nur rund achtzigtausend, denn beim Rückwechseln hier haben natürlich die Pariser Schieber wieder verdienen müssen, klar.«
»Klar«, sagte Jakob. »Ihr wart aber ganz schön fleißig, Kinder!«
»Gleich nachdem Amadeo zu mir gekommen ist, sind wir los zu den Schiebern. Zu allen, die ich kenne. Einer oder zwei hätten nie so viel Dollar flüssig gehabt. Trotzdem sind fast hundertfünfzigtausend Dollar in deinem Diplomatenkoffer, denn wir haben uns erlaubt, das Nadelgeld, das du dir privat in Antwerpen verdient hast, auch schon einzuwechseln. Damit wäre das Geschäfterl gelaufen.«
»Franzl, mein Bester, du mußt mir einen Gefallen tun, und zwar schnell!«
»Gerne, mein Lieber. Was soll’s denn sein?«
Jakob gab seinem Schulfreund eine Liste mit siebenundfünfzig Adressen in Deutschland und zweitausendachthundertfünfzig Dollar.
»Überweise bitte das Geld sofort an Rubi. Er soll fünfmal siebenundfünfzig CARE-Pakete kaufen und sie an diese Adressen schicken. Natürlich mit erfundenen Absendern.«
»Was sind denn das für Leute?«
»Verwandte von Freunden«, sagte Jakob kurz und gedachte dankbar der Kriegsgefangenen im Antwerpener Hafen.
»Mach’ ich noch heute«, versprach der Arnusch Franzl.
»Ich danke auch schön«, sagte Jakob.
»Wir danken dir«, sagten Laureen und der Franzl im Chor.
»Wofür eigentlich?«
Franzl wies auf die Bodenvasen. »Na, für deine Ideen mit dem l’Amour-Schmäh! Der hat vielleicht hingehauen. Ihr zwei seid das Stadtgespräch! Die Liebenden von Paris! Jetzt müßt ihr allerdings schleunigst verschwinden, Amadeo und ich können bleiben. Ich muß sogar. Hab’ noch was zu erledigen. Wie es so geht im menschlichen Leben.«
»Wir verreisen, Franzl«, sagte Laureen mit ihrer tiefen, rauchigen Stimme und kraulte Jakobs Nacken. (Sie hatte ihn auf der Gare du Nord abgeholt und dabei ein Theater aufgeführt wie noch nie. Auch in der Hotelhalle.)
»Möglichst weit fort, Boß!« sagte Franzl.
»Ich denke, wir gehen an die Côte d’Azur«, sagte Laureen. »Da ist jetzt keine Saison, alle die ordinären Touristen sind noch nicht da, man hat Cannes und Antibes und Monte ganz für sich allein. Gefällt dir ›Eden Roc‹ und das ›Hôtel du Cap‹ auf Cap d’Antibes, Liebling? Ach, entschuldige, du kennst sie ja noch gar nicht.« Sie küßte Jakob leidenschaftlich. »Jetzt wirst du das alles kennenlernen, zusammen mit mir!«
»Hm.«
»Ich möchte, daß wir wirklich heiraten! Du bist der Mann meines Lebens, Jakob – ich empfinde keine Scheu, das vor unseren Freunden auszusprechen.«
»Wie wunderbar von dir.«
»Zwei Schlafwagenplätze im ›Train bleu‹ für heute abend habe ich schon bestellt, Darling.«
»Das ist sehr, sehr lieb, Laureen«, sagte Jakob. Abrupt erhob er sich jetzt. »Wenn ihr mich bitte entschuldigt – ich habe noch etwas zu erledigen.«
56
An diesem Vormittag kaufte ein gewisser Mr. Jerome Howard Fletcher in der Rue de la Paix einen sehr schönen Smaragdring von ungewöhnlicher Reinheit. Der sehr schöne Smaragdring kostete fünfunddreißigtausend Dollar. Ich habe schon immer viel zu große Trinkgelder gegeben, dachte Jakob.
Als er den Ring dann Laureen überreichte, begann diese fassungslos zu weinen.
»Das … das ist das erstemal in meinem Leben, daß ein Mann mir etwas schenkt!« stammelte sie.
»Na, einer muß ja mal anfangen«, erwiderte er freundlich.
Sie sprang ihn an wie eine wilde Bestie. Er kippte fast um. Zwei Minuten später lagen sie im Bett.
Vier Stunden lang waren sie tätig. Am Ende der vierten Stunde sah Jakob auf seine Armbanduhr. Sehr zärtlich. Denn mit dem Arm, an dem sich die Uhr befand, hielt er Laureens Kopf umschlungen. Verflucht, dachte Jakob, schon so spät? Jetzt muß aber Schluß sein, ich versäume ja sonst noch alle Anschlüsse! Wie kriege ich Laureen zum Einpennen? Ach, ich weiß schon, wie ich Laureen zum Einpennen kriege. Er ging ans Werk.
Laureen begann heftig zu keuchen.
»Was soll denn das? Was ist denn das?«
»In China nennt man es die ›Schlittenfahrt‹.«
»Oh … das … das ist verrückt … das halte ich nicht aus! … Weiter, mach weiter! … Wer hat dir das beigebracht, du Wüstling?«
»Mein Kindermädchen.«
Nach dem Ende der ›Schlittenfahrt‹ rutschte Laureen zur Seite und schlief vor Erschöpfung von einer Sekunde zur andern ein. Na also, ich hab’s ja gewußt, dachte Jakob. Seine Kraftreserven, wir sagten es bereits, waren unerschöpflich.
Punkt 8 Uhr abends schrillte das Telefon neben dem Bett, Laureen brummte, wälzte sich, erwachte mühevoll, nahm mit zitternder Hand den Hörer ab.
»Es ist zwanzig Uhr, Mrs. Fletcher. Ihr Herr Gemahl hat uns einen Weckauftrag gegeben«, flötete eine Telefonistin.
»Weck …« Laureen ließ den Hörer in die Gabel fallen. Sie stierte entsetzt auf die Kissen. Sie lag allein im Bett.
»Jerome!«
Sie konnte schreien, soviel sie wollte – Jakob blieb verschwunden. Mit ihm sein Geld und alle seine Anzüge und alle seine Koffer …
Etwa um diese Zeit erreichte der CD-Bentley des unfaßbar häßlichen argentinischen Handelsattachés Amadeo Juarez die französisch-deutsche Grenze vor Strasbourg. Hier stieg Jakob aus. Als Jerome Howard Fletcher fuhr er mit allen seinen Koffern bis auf einen über die Grenze. Die Polizisten und Zöllner hatten nichts zu beanstanden.
Auf deutschem Boden zeigte Jakob dann die ›Travel-orders‹, die der liebe Josef Mader für ihn gefälscht hatte und – endlich wieder einmal – seinen richtigen Paß. Alle Papiere waren auf einen gewissen Jakob Formann ausgestellt.
In Kehl, der ersten Station hinter der Grenze, stand ein Bentley mit CD-Nummer vor dem Bahnhof. Der argentinische Handelsattaché wartete schon ein Weilchen. Er gab Jakob nun auch noch den Diplomatenkoffer mit rund hunderttausend Dollar. Die Herren nahmen voneinander Abschied.
»Ich würde ja mit Ihnen warten«, sagte der Handelsattaché, »aber ich muß schleunigst zurück nach Paris.«
»Warum die Eile?«
»Yvonne hat eine jüngere Schwester. Die lebt in Le Havre. Heute ist sie nach Paris zu Besuch gekommen. Yvonne sagt, daß ihre Schwester fast noch besser … und daß wir zu dritt … Muß ich weitersprechen?«
»Absolut nicht«, sagte Jakob. »Viel Glück, Amadeo. Bleiben Sie ein braver Mensch.« Er sah dem Bentley nach, der davonschoß. Und dabei ist der Kerl der häßlichste Mann, den ich je gesehen habe. Also, darauf kommt’s nicht an! Nun will ich mir aber selbst auch etwas Gutes gönnen. Verdient habe ich es. Und gesehnt habe ich mich schon eine Ewigkeit danach …
Eine kleine Anfrage beim nächsten Polizisten genügte, dann wußte Jakob, wo in Kehl der Schwarzmarkt blühte. Daselbst erwarb er gutes, würziges Graubrot und fünf Schweineschmalz-Konserven. Auf einer Parkbank öffnete Jakob eine Büchse und genehmigte sich mehrere Portionen seiner Lieblingsmahlzeit. Ach ja, dachte er glücklich, so schmeckt das eben. Endlich wieder Schmalzbrot nach diesem ganzen verfluchten Dreck – Austern und Hummer und Langusten und Filet Wellington und Froschschenkel und Birnen auf Eis mit heißer Schokoladensauce, die er hatte hinunterwürgen müssen in den letzten Tagen. Und das war amerikanisches Schmalz! Da waren genügend Zwiebeln drin! Ach, und Grieben! Solche Grieben hatte Jakob noch nie gegessen! Die vier anderen Konserven bekommt der Josef, mein lieber Fälscher in München, dachte er, über sich selbst gerührt. Der hat sie verdient. Für derartig gute Arbeit! Kauend erreichte er den Bahnhof und erwartete ohne Unruhe das Eintreffen des ›Orient-Expreß‹, der ihn nach München zurückbringen sollte.