»Hahaha, Herr Hölzlwimmer.«
»Alle diese Nazis machen jetzt natürlich gemeinsame Sache mit den Russen! Was glauben Sie, was da vorbereitet wird in der Sowjetzone? Was glauben Sie, was da bald losgehen wird? Die Amis sind ja so harmlos! Die werden’s erst mitkriegen, wenn’s schon fünf vor zwölf ist! Und dann müssen wir unsern Mann stehen, Herr Formann! Wir! Vertrauen gegen Vertrauen! Demokratie verdient nur der, der sie mit allen Kräften verteidigt!«
»Schön haben Sie das gesagt, Herr Hölzlwimmer.«
»Meine Ansicht eben! Verlaß auf mich, Herr Formann! Bei mir …« – mir sagt diese schleimige Sau! dachte Jakob verblüfft – »… werden die Kerle lernen, was Demokratie ist! Und wenn es täglich bis Mitternacht dauert!« Jakob sah Wenzel fragend an. Der sagte ernst: »Herr Hölzlwimmer veranstaltet regelmäßige Abendkurse für die Belegschaft. Über Rechte und Pflichten des einzelnen in der Demokratie!«
»Lobenswert, lobenswert«, murmelte Jakob, während er dachte: Vor drei Jährchen hast du bestimmt noch Abendkurse über Wesen und Ziele der Deutschen Arbeitsfront gehalten.
»Herr Hölzlwimmer ist auch sonst unermüdlich«, sagte Wenzel. »Er hat da eine Erfindung gemacht, die sich sehen lassen kann.«
Hölzlwimmer errötete. »In ein paar Monaten legen die Hühner, nicht wahr, und dann wird die Sache vonnöten sein.«
»Was für eine Sache?«
»Komm mal mit in mein Büro«, sagte Wenzel.
»Gerne. Der Krach und die Piepserei hier … Wieviel Tierchen haben wir denn?«
»Achtundzwanzigtausend in fünf Hallen, Herr Formann!« meldete Hölzlwimmer stramm. »Alle gesund und munter! Werden hervorragende Ware legen. Und eben deshalb habe ich nachts wach gelegen und mir den Kopf zerbrochen und … Wollen wir nun ins Büro von Herrn Prill gehen?«
58
Jakob stockte der Atem.
Da stand Hölzlwimmers Erfindung, als Modell gebastelt, auf Wenzels Arbeitstisch. Er hatte sie aus dem Schrank geholt.
»Das Modell haben Sie auch gemacht, Herr Hölzlwimmer?«
»In den Nachtstunden, jawohl! Erlauben Sie, daß ich die Sache kurz erkläre, Herr Formann. Unter allen Legebatterien befinden sich laufende Bänder. Hier, sehen Sie, und hier und hier … Die Eier der Hühner fallen direkt auf diese Förderbänder. Die sind geschützt gegen jeden fremden Zugriff. Kann also nichts geklaut werden von dem Gesindel. Weiches Material, vielleicht Leinenbänder, damit den Eiern nichts passiert. Und hier, sehen Sie, treffen sich die Bänder! Sammelstelle! Die ist, sehen Sie, durch verschiedene Sicherungsvorkehrungen nur durch den Stamm des Führungsstabes zu betreten!«
Jakob holte Luft.
»Ein Ding, wie?« fragte Wenzel.
»Mein Kompliment, Herr Hölzlwimmer.«
»Nur meine Pflicht. In der Sammelstelle gleiten die Eier dann in einen Apparat, der eigentlich sehr einfach ist. Zählwerk. Schiene mit Transportantrieb. An ihrem Ende gabelt sie sich, ein Ei wird durch mechanische Türchen nach links, eines nach rechts geleitet. Und hier geht es wieder ins Freie, zur Abfüllstelle.«
»Aber wieso teilen Sie die Ei …« Jakob hatte gefragt. Jakob hatte sich selbst unterbrochen. Denn Jakob hatte verstanden. »Donnerwetter!«
»Was?« fragte Wenzel strahlend, während Hölzlwimmer stramm dastand, mit blauen Demokraten-Augen. Da war kein Falsch in ihnen. »Die Produktion wird halbiert, ohne daß jemand außer uns das merkt! Bei so vielen Eiern … Wir haben eben keinen größeren Ertrag! Wird so schon groß genug sein.«
Jakob brachte kein Wort heraus.
»Nennen wir die einen fünfzig Prozent weiße und die anderen fünfzig Prozent schwarze Eier«, schlug Hölzlwimmer vor. »Die weißen liefern wir …« – wir hat der Kerl gesagt, dachte Jakob! – »an die zuständigen Erfassungsstellen und so weiter ab, die schwarzen verteilen wir selber.«
»Wir selber …« Jakob sah Wenzel an. »Die kommen auf den Schwarzen Markt. Weißt du, daß du da zehn- bis zwölfmal soviel bekommst?«
»Es ist keine Frage der Bereicherung«, sagte Hölzlwimmer. »Ich habe übrigens als Dank für meine Erfindung von Herrn Prill eine Beteiligung erhalten.«
»Beteiligung?«
»Ist schon okay, Jakob«, sagte der Halbjurist Prill. »Wir haben einen Vertrag mit Herrn Hölzlwimmer. Er stellt uns auch Transportkolonnen und zuverlässiges Personal und sorgt dafür, daß wir bei unseren Lieferungen niemals belästigt werden.«
»Wie … wie wollen Sie das denn machen, Herr Hölzlwimmer?«
»Kameraden von früher! Sitzen hier und in Bayreuth und in München bei der Polizei. Baue diese Organisation gerade auf. Kameraden, treu wie Gold! Herr Prill sagt, Sie haben einen prima Fälscher?« Moment, Moment, das geht mir alles viel zu schnell! dachte Jakob und sagte: »Ja, habe ich.«
»Sehr gut. Kriegt auch seine Eier. Liefert uns Fahrbefehle und falsche Papiere.«
»Falsche Papiere wofür?«
»Na, für die Autos. Sind doch lauter geklaute.«
»Sie haben schon Autos geklaut?«
»Noch nicht«, sagte Hölzlwimmer. »Gibt ja noch keine Eier. Ich gehe da Schritt um Schritt vor. Alles nach genauem Zeitplan. Die Chauffeure suche ich persönlich. Kenne mich im Frankfurter Raum besser aus als Sie, meine Herren. Nummerntafeln machen wir selber. Meine Kameraden bei der Polizei kriegen auch ihren Rebbach – äh, Anteil – und geben stets rechtzeitig bevorstehende Razzien bekannt.«
»Na, hab’ ich den richtigen Mann ausgesucht, Jakob?« fragte Wenzel.
Jakob stand immer noch mit offenem Mund da.
»Man hat seine Verantwortung«, sagte der Funktionär bescheiden. »Bedenken Sie, Herr Formann: Wenn Sie alle Eier abliefern – welch Mißbrauch würde da getrieben! Wie würden die staatlichen und halbstaatlichen Stellen da schieben! Glauben Sie mir, ich spreche aus Erfahrung! Ist das im Sinne unserer jungen Demokratie? Niemals, sage ich! Gemeinnutz geht vor Eigennutz!«
»Sage ich auch!« Wenzel grinste.
»Im Sinne unserer jungen Demokratie, die man pflegen und hegen muß wie ein zartes Pflänzlein, ist es, daß die Eier möglichst weit gestreut werden, daß praktisch jeder sie erwerben kann – ohne Dirigismus und Bürokratismus. Den lehnen wir ab!«
»Entschieden«, sagte Wenzel.
»Es ist nur eine Frage der Investitionen. Diese Abfüllmaschine muß natürlich erst gebaut werden. Auch für die beiden anderen Höfe. Die Autos werden Geld kosten. Die Polizeibehörden desgleichen. Die Verteiler …«
Jakob dachte erschüttert: Wo alles schiebt, kann ich’s allein nicht lassen! (Woraus man sieht, daß seine Bemühungen um Bildung bereits erste Früchte getragen hatten, sofern hier nicht sein gutes Gedächtnis mitspielte, denn des Don Carlos’ »Wo alles liebt, kann Carl allein nicht hassen« war vielleicht von der Schulzeit her bei dem so liebebedürftigen Jakob hängengeblieben.) Jakob sagte: »Geld ist da. Dollars. So viel Sie brauchen, meine Herren.«
59
Die Tür war versperrt.
Jakob klopfte. Niemand antwortete. Jakob klopfte nochmals. Nichts. Jakob schüttelte die Klinke. Ganz leicht. Da hatte er schon die Tür in der Hand. Sie entglitt ihm und stürzte ins Dunkel. Wasser platschte. Wieso Wasser? dachte Jakob erstaunt. Diese Tür, dachte er, die ist aber morsch, so etwas! Finster ist es auch noch vollkommen. Die Leuchtziffern seiner Fliegeruhr (auf dem Schwarzen Markt erstanden) zeigten 6 Uhr 58.
Er trat zwei Schritte vorwärts.
Und stürzte in eisigkaltes Wasser. Aber wieso? rätselte er, während er nach Luft schnappte. Wieso Wasser, eisigkaltes? Im nächsten Moment flammte eine schwache elektrische Lampe auf. Sie stand auf einem Nachttischchen. Das Nachttischchen stand auf einem Steg. Wiederum im nächsten Moment (man kommt und kommt nicht zum Überlegen, dachte Jakob) ertönte ein gellender Schrei. Er fuhr herum. Hinter ihm war noch jemand in das eiskalte Wasser gestürzt. Eine junge Frau. Eine sehr aufregende junge Frau, stellte Jakob im Schein der Nachttischlampe fest. (In diser Hinsicht war Jakob ganz besonders schnell.) Eine der aufregendsten Frauen, die er in seinem Leben gesehen hatte. Die Dame ging unter, tauchte wieder auf und schrie um Hilfe. Jakob kraulte zu ihr und nahm sie in die Arme. Eijeijeijeijei! Einen Apparat hatte die Dame – so was von Brüsten! Wenn ich schreiben könnte – ein Buch könnte ich schreiben über diese Brüste. Besonders jetzt, wo sie im eiskalten Wasser ganz hart werden und … und die Dame nur ein Nachthemd anhat, das natürlich völlig durchweicht ist, so daß ich alles sehe, wenn ich an der Dame runtersehe. Er sah runter. Junge, Junge, also über den Rest könnte ich drei Fortsetzungsbände schreiben. Am liebsten würde ich sofort, im eiskalten Wasser … Wie war noch der Vers? ›Die Ente sprach zum Enterich: Im kalten Wasser steht er nicht‹ … Und im übrigen stellt man sich erst einmal vor, wenn man gut erzogen ist, nicht wahr?