»Einen recht schönen guten Morgen. Mein Name ist Jakob Formann. Küß die Hand, gnä’ Frau.«
»Sind Sie wahnsinnig geworden?« schrie die Dame.
»Aber Sie erwarten mich doch!«
»Ich … Sie?«
»Ich habe doch extra noch einen Mann vor mir her nach Murnau geschickt, der mich für heute angemeldet hat … Höpps, spucken Sie’s aus! Fest! Noch mehr!« Er klopfte der Dame auf den Rücken. Sie würgte, hustete und spuckte wieder Wasser, denn sie war kurz untergegangen. »Warum haben Sie mich auch losgelassen, Frau Jaschke? Sie sind doch die Frau des Herrn Ingenieur Karl Jaschke aus Niesky von der Firma Christoph und Unmack da in der Lausitz?«
»Nein! Bin ich nicht! Hilfe! Ein Verrückter! Lassen Sie mich augenblicklich los!« schrie die Dame.
»Wenn ich Sie loslasse, gehen Sie mir wieder unter! Also Sie sind nicht die Frau Jaschke?«
»Nein! nein! Nein!« Die Dame wurde hysterisch. Und ihre Brustwarzen wurden immer härter. »Ich heiße Malthus! Doktor Ingeborg Malthus! Die Jaschkes wohnen nebenan. Sie haben sich im Haus geirrt!«
»Jessas, das ist mir aber peinlich …«, stammelte Jakob.
»Wie kommen Sie überhaupt dazu, meine Tür einzuschlagen?«
»Nicht doch. Sie ist mir glatt aus der Hand gefallen. Ich habe geklopft. Und als ich nach langem Klopfen keine Antwort bekam …«
»Ich schlafe sehr tief …«
»Sie müssen wirklich verzeihen … Wieso … Wieso fällt man bei Ihnen gleich mit der Tür ins Wasser?«
»Weil das kein normales Haus … Sagen Sie mal, wollen Sie mir vielleicht freundlicherweise wieder aufs Trockene helfen!«
»Natürlich. Ich hab’ in der Aufregung den Kopf verloren. Kommen Sie, ich stemme Sie.« Er tat es. Wasser troff. Einen Popo hat das Weib. Allmächtiger! Und zudem kann man bei der Frau jetzt ganz genau …
Jakob, reiß dich zusammen!
Er wuchtete die Dame hoch und kletterte nach. Auf dem Steg befand sich ein Bett, ein schmaler Schrank und eine große Kleiderkiste, auf der ein Haufen Bücher lag – die länglichen Pocket-books der amerikanischen Armee. Jakob kannte sie. Natürlich hatte er niemals ein einziges gelesen.
»Nachthemd aus!« sagte er besorgt.
»Sie sind … Lassen Sie mich los! … Ich schreie! … Ich schreie! … Sie können mich doch nicht einfach ausziehen, Sie Wahnsinniger!«
»Muß sein. Sie holen sich ja sonst den Tod, und ich muß mich auch ausziehen. Es tut mir wahnsinnig leid, daß ich das muß, aber mein junges Leben …« Jakob tat, was er sagte. Danach frottierte er die Dame, die nun völlig nackt auf dem Bett lag, trocken. Sie schrie nicht. Sie fing nur an, leise zu stöhnen. Jakob frottierte fester. »Das tut gut, wie? Jetzt drehen Sie sich um! Auf den Rücken, bitte …« Sie drehte sich um. O Gott.
»Ich bin aus München hergeradelt … Keine reine Freude ist das bei diesem Wetter. Also, ich habe mich im Haus geirrt … Jetzt die Schenkel … Was sind Sie? Ärztin?«
»Journalistin … Den Unterschenkel auch, bitte.«
»Gerne, Frau Doktor. Und den … den Rest? …«
»Ich bitte darum, Herr … Wie war der Name?«
»Formann. Jakob Formann. Wieso sind Sie … Jetzt die Brust, zuerst die linke … Wieso sind Sie auch ins Wasser geflogen?«
»Weil … Nicht so fest! Zart, Herr Formann, zart …«
»Pardon …«
»Weil ich so erschrocken war, als ich aufgewacht bin und Licht gemacht habe! Und da bin ich auf der falschen Seite … die andere Brust jetzt … aus dem Bett gestiegen … Sie sehen, wenn man das tut, fällt man direkt in den Staffelsee.«
»In den was?«
»In den Staffelsee! Murnau liegt am Staffelsee. Und aus meinem Bett darf ich nur auf der anderen Seite … Uuuuuuhhh! … aussteigen … das ist ein Bootshaus, Herr Formann! Ich glaube, unter den Armen bin ich noch naß …«
»Stimmt. Wieso Bootshaus?«
»Weil es in diesem Murnau keinen anderen Platz für mich … Oh, Sie kitzeln mich! … Nicht, nicht doch! Doch, ja, ja! Weiter! … gegeben hat! Alles überfüllt mit Flüchtlingen … Danke, das Haar mache ich mir selber …«
»Bootshaus«, wiederholte Jakob. »Wo ist denn das Boot?«
»Legen Sie sich jetzt auf den Rücken! Jetzt trockne ich Sie ab! Gestohlen natürlich.«
»Natürlich … Oh … Oh … Nicht … Ich muß sonst …«
»Was, Herr Formann?«
»Nichts, Frau Doktor … Machen Sie bitte weiter so … Das war nur momentane Überreizung … Gott, tut das gut …«
»Gefällt’s Ihnen?«
»Sehr, Frau Doktor.«
»Sind Sie aber kräftig!«
»Ach, ich bin noch viel kräftiger, aber das kalte Wasser …« (›Die Ente sprach …‹)
»Daran habe ich noch gar nicht gedacht! Herr im Himmel!«
»Jetzt bitte aufhören, sonst muß ich doch noch … Was … Was machen Sie denn in Murnau am Staffelsee, Frau Doktor?«
»Eine Illustrierte.«
»Wie bitte?«
»Hören Sie schlecht?«
»Nein … Fester! Da können Sie ruhig fester! … Eine Illustrierte?«
»Ja, das ist nämlich so …«
Er packte sie.
»Nachher! Jetzt müssen wir erst sehen, daß uns warm wird«, sagte Jakob Formann.
60
Die Dame, die gegen 9 Uhr am 15. Februar 1948 eilig durch Murnau radelte, trug einen Pullover, unter dem man muskulöse Arme sah, jedoch nicht die Spur von Busen, einen schottischen Wickelrock, der oben, weil zu eng, mit einer sehr großen Sicherheitsnadel zusammengehalten wurde und unten bei jedem Tritt in die Pedale auseinanderklaffte, wodurch zwei behaarte Männerbeine zum Vorschein kamen und desgleichen ein lachsrotes Spitzenseidenhöschen. Die Herrenschuhe, welche diese Dame trug – Strümpfe hatte sie nicht –, quatschten bei jedem Tritt. Wasser tröpfelte. Die Dame hatte ein großes Bündel und einen Brotbeutel der ehemaligen Deutschen Wehrmacht auf den Gepäckträger geschnallt, war unrasiert, trug die Haare im Herrenschnitt und hatte ein freundliches Lächeln bereit für jedermann, der ihr nachstarrte, und das waren gar viele.
Auf der Hauptstraße versuchte ein amerikanischer Soldat, die Dame anzuhalten. Sie rief: »Leck mich doch am Arsch!« und sauste mit erhöhter Geschwindigkeit weiter. Endlich erreichte die Dame, keineswegs außer Atem, obwohl sie zuletzt steil bergauf gefahren war, das Anwesen des Attinger-Bauern. Im Eingang zum Hauptgebäude, vor dem eisigen Wind geschützt, wartete hier Frau Dr. Ingeborg Malthus.
»Was war?« fragte sie besorgt.
»Was soll gewesen sein?« fragte Jakob Formann, elegant ein Bein schwingend und noch einmal das lachsrote Spitzenhöschen in ganzer Pracht zeigend.
»Ich habe geglaubt, Sie kommen niemals.«
»Jakob Formann kommt immer«, erwiderte er ernst. »Wollen wir vielleicht hineingehen? Dein Höschen ist verflucht eng für mich, Ingelein.«
Sie erstarrte. »Mein Herr«, sagte sie dann mit Eisesklirren in der Stimme, »ich muß doch sehr bitten, nicht derart leutselig zu werden. Ich heiße Frau Doktor Ingeborg Malthus – und immer noch ›Sie‹ für Sie, Herr Formann!«
»Aber …«
»Aber was? Ach so! Reichlich primitiv veranlagt sind Sie, Herr Formann. Eine mehrfache Ausschüttung von Hypophysenhormon rechtfertigt in keiner Weise derart plumpe Vertraulichkeit. Ich muß doch schon sehr bitten.«
»Mehrfache was?«