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»Warum sind Sie denn so traurig?« fragte Jakob. »Freuen Sie sich doch! Ich bringe Ihnen Leute, ich habe Dollars, wir können sofort anfangen mit dem Bauen!«

»Eben nicht, verflucht.«

»Warum, Herr Ingenieur?«

»Alles habe ich mit den letzten Zügen noch rechtzeitig in den Westen schicken lassen. Ich war selber in Niesky dabei und habe aufgepaßt. Holz, Aluminium, Spanplatten, Eternitplatten … dann alles hier gelagert …«

»Na, hurra doch!«

»Nix hurra doch!«

»Warum nix hurra doch?«

»Weil eines nicht da ist.«

»Was?«

»Die Verbindungsstücke der einzelnen Bauelemente.«

»Die Verbindungsstücke sind nicht da?« wiederholte Jakob idiotisch und dementsprechend langsam.

»Nein, leider! Ich habe das Verladen in die Waggons selber überwacht! Aber kurz vor der Abfahrt der Waggons bin ich nach Berlin befohlen worden. Die Russen waren schon sehr nahe. Und da haben die Trottel in Niesky vergessen, die Waggons mit den Verbindungsstücken an die Züge zu hängen. Ohne die Verbindungsstücke ist nichts zu machen. Es ist ja doch alles genormt und zugepaßt auf den Millimeter.«

»Die Verbindungsstücke sind also noch in Niesky?« fragte Jakob nach einer Pause, die er benötigt hatte, um seine Fassung wiederzugewinnen. Das war in der Tat ein Schicksalsschlag. Jakob fühlte die ihm schon bekannte angenehme Wärme in sich aufsteigen. (Paradoxes Symptom in akuten Fällen seiner Rasiermesserschneiden-Existenz.)

»Sage ich doch, Herr Formann! Wissen Sie, wo Niesky liegt? Weit hinter Dresden! Gar nicht weit von Görlitz! Also ganz, ganz hinten in der Sowjetischen Zone! Und das ist noch nicht alles!«

»Noch nicht alles?«

»Nein! Ich habe immer noch Verbindung mit Christoph und Unmack, wissen Sie. Halten Sie sich fest, Herr Formann: In den letzten Wochen haben die Russen damit begonnen, Christoph und Unmack zu demontieren. Alles, was da noch an Fertigbauhäusern und Bauteilen liegt, aber wirklich alles, wird verladen. Ab in die Sowjetunion! Natürlich, die brauchen in der Sowjetunion auch dringend Häuser, man kann es ihnen nicht übelnehmen!

Aber damit ist für uns Sense. Gleich zweimal Sense! In kurzer Zeit werden die Verbindungsteile nicht mehr in Niesky liegen. Und selbst wenn sie dort liegenbleiben – es kommt doch kein Mensch aus dem Westen so weit in den Osten hinein und holt das Zeug heraus!«

Die junge Frau Jaschke wurde plötzlich von einem Weinkrampf geschüttelt.

Jakob erhob sich hastig.

»Trocknen Sie Ihre Tränen, Frau Jaschke! Und Sie, Herr Ingenieur« (verflucht, ist meine Hose noch feucht!), »trommeln bitte geeignete Leute zusammen und suchen geeignete Werkhallen. Es wird Sonderzuteilungen geben, mehr Essen, mehr Marken, mehr Heizmaterial, für alle …«

»Für … für wen alle?«

»Na, für alle, die die Fertighäuser bauen.«

»Aber die kann doch keiner bauen! Die Verbindungsstücke sind in Niesky …«

»Ja, ja, ja«, unterbrach ihn Jakob Formann. »Das haben Sie mir schon einmal gesagt, Herr Ingenieur. Entschuldigen Sie, wenn ich so schnell aufbreche. Ich bin in ein, zwei Wochen wieder da. Grüß Gott …«

Fassungslos schaute Herr Jaschke dem Davoneilenden nach und murmelte: »Verflucht, sprach Max, und schiß sich in die Hose!«

64

»Herr Hölzlwimmer, Sie haben mir einmal erzählt, daß diese ehemalige Flugzeugfabrik hier bei Frankfurt nur Zweig eines großen Werkes … Mann Gottes, vor mir brauchen Sie doch nicht strammzustehen!« sagte Jakob, schwer irritiert.

Ignaz Hölzlwimmer stand eisern weiter stramm.

»Zucht und Ordnung, Herr Formann! Sie sind der Boß. Man weiß, was sich gehört. Nicht das Gesindel draußen natürlich. Aber ein Mann wie ich!«

Jakob seufzte.

»Na schön, Herr Hölzlwimmer …« Jakob und Wenzel Prill saßen in Prills Baracke auf der Hühnerfarm nahe Frankfurt am Main. Draußen tönten zu ununterbrochenem Gegacker Lieder von Frank Sinatra. Im Moment sang der gerade ›A foggy day in London town …‹ Der Betrieb lief auf Hochtouren. »… also das hier ist nur Zweig eines großen Werkes in der Nähe von Berlin gewesen?«

»Jawoll, ja! Stimmt. Bin immer wieder nach Berlin zitiert worden.«

»Warum?«

»Intrigen! Gemeinheiten! Verleumdungen! Der Mann hat mich gehaßt wie die Pest. Habe ich doch schon erzählt!«

»Erzählen Sie’s noch mal!«

»Jawoll, ja! Ist ein ganz hohes Tier da oben gewesen, in der Verwaltung. Ganz hohes Tier auch bei der Arbeitsfront. Was mich diese Sau gepiesackt und bedroht hat – ich habe immer um mein Leben gezittert, Herr Formann, so hat der mich bedroht, dieser Hohlweg.«

»Hohlweg hat er geheißen, richtig.«

»Peter Hohlweg, ja! Das Werk ist ausgebombt, natürlich. Aber der Hohlweg, ich habe Ihnen ja schon erzählt, was der inzwischen drüben für eine phantastische Karriere gemacht hat! In der Deutschen Verwaltung für Handel und Versorgung. Das ist die zentrale Verwaltung, ich hab’s schon mal gesagt, Herr Formann, für Versorgung, Herr Formann!«

»Ja, das habe ich gehört.«

»Nicht zu verwechseln mit den verschiedenen Erfassungsstellen für einzelne Lebensmittel! Ist ein kompliziertes System, wissen Sie. Aber die Zentralverwaltung erfaßt alles, was mit Versorgung zu tun hat, also mit dem Fressen!«

»Hübsche Bürokratie, was?«

»Ja. Und eine Stelle kommt mit der andern ins Gedränge. Und ein Bonze haßt den andern … Hohlweg!« Hölzlwimmer lachte, der ersten Silbe dieses Namens entsprechend. »Das ist vielleicht ein charakterloses Schwein, das kann ich Ihnen nur flüstern, Herr Formann!«

»Wieso?«

»Habe natürlich meine Informationen …«

»Natürlich. Und?«

»Na ja, und dieses Mistvieh, dieser Hohlweg, gestern Nazi, heute Kommunist, also der hat sich an die neuen Herren rangeschmissen, daß man nur stundenlang kotzen kann, Herr Formann!«

Genau wie über dich, dachte Jakob und fragte: »Was heißt das: Hat sich rangeschmissen? Wie schmeißt er sich ran?«

»Na, aus Moskau sind doch nach Kriegsende die Männer der ersten Stunde gekommen, nicht wahr? Der Spitzbart Ulbricht und so weiter …«

»My blue heaven …«, sang Frankie-Boy nun, auf daß die Hennen angeregt wurden und noch mehr legten.

»Und?«

»Und bei denen hat er sich sofort unentbehrlich gemacht, erzählen mir Freunde, die aus Berlin kommen. Raus aus dem einen Arsch, rein in den andern!«

Genau wie du, dachte Jakob und sagte: »Hohes Tier in der Zentralverwaltung …?«

»Eines der höchsten!«

»Bedeutender Funktionär«, sagte Wenzel Prill und sah Jakob mit ernster Miene an.

»Kann man wohl sagen!« Hölzlwimmer stand noch strammer. »Ein paar von seinen Freunden haben in den Westen gemacht und sind jetzt hier die Bosse von der KPD!«

»Aha«, sagte Jakob ausdruckslos.

»Persönlich kenne ich nur einen in Frankfurt. Leitet den Landesverband Hessen. Stephan Klahr. Mit a-ha.«

»Aha.«

»Lassen Sie bloß die Finger von dem Kerl! Das ist auch so ein Scheißer wie der Hohlweg! Wie kommen Sie überhaupt auf das ganze Thema?«

»Ach, da hetzen die Kommunisten und nennen mich einen beschissenen kapitalistischen Ausbeuter und drohen mit Sabotage. Nehmen Sie es nicht ernst, Herr Hölzlwimmer.«

»So was kann man gar nicht ernst genug nehmen, Herr Formann! Werde sofort Werkschutzgruppen aufstellen. Empfehle das auch für unsere« – (unsere!) – »anderen Höfe!« Hölzlwimmer war aufgeregt.

»Okay, Herr Hölzlwimmer. Ich vertraue Ihnen … wie immer«, sagte jetzt Wenzel Prill. Ganz lässig sagte er es. »Danke. Weggetreten!«

Der Funktionär Hölzlwimmer grüßte militärisch, machte auf dem Hacken kehrt und verließ die Baracke.

»So«, sagte Jakob. »Das klappt ja wie geschmiert. Jetzt kennen wir die Namen. Mit diesem Klahr rede ich allein, Wenzel. Du kannst dich schon mal um die Zugverbindung kümmern. Dann müssen wir runter nach München, zu unserem Fälscherfreund Mader.«