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Jakobs Herz klopfte heftig. So viel Massel gibt’s doch nicht, dachte er und fragte: »Wie heißt denn der Herr?«

»Genosse Peter Hohlweg.«

Gütiger Josef Wissarionowitsch, hab Dank, dachte Jakob und gab dem Foto des Vaters aller Werktätigen einen langen Blick.

»Genosse Hohlweg wird sich schnellstens mit Karlshorst, dem Sitz der Sowjetischen Militäradministration für Deutschland, in Verbindung setzen, und wenn wir von dort die Erlaubnis haben, kann das Geschäft über die Bühne gehen, Herr Formann. Sie sind Kapitalist, aber ein progressiv denkender Kapitalist. Nicht einer von den Finanzhyänen und Revanchisten, die nur an ihre Profite und an den nächsten Krieg denken.«

»Auch von Ihnen bin ich auf das angenehmste überrascht, Herr Klahr.«

»Ich bin doch das Schreckgespenst hier! Weil keiner mich wirklich kennt! Aber das wird sich ändern, Herr Formann, seien Sie beruhigt!«

»Da bin ich beruhigt. Unser Geschäft könnte ein Meilenstein sein!«

»Da haben Sie recht!« Klahrs Euphorie verschwand plötzlich. »Wenn Sie mich nicht bescheißen!«

»Entschuldigen Sie, diesen Ausdruck kann ich nicht hinnehmen. Vergessen wir das Ganze, Herr Klahr. Guten Tag.« Jakob ging zur Tür.

Klahr rannte ihm nach und hielt ihn fest. »Nicht doch, nicht doch, Herr Formann! Ich hab’ doch bloß Spaß gemacht!«

»Solche Späße mag ich nicht.«

»Verdammt, aber Sie verstehen doch, daß wir uns absichern müssen! Gut, Sie sind ein anständiger Mensch – aber wer weiß, was für andere Schweine uns da reinlegen wollen? Wie soll denn der Transport überhaupt vor sich gehen?«

»Per Bahn. Die Eier nach Berlin, Demokratischer Sektor, die Verbindungsstücke von Niesky auf möglichst kurzem Weg in den Westen.«

»Aber zuerst müssen die Eier geliefert werden!«

»Selbstverständlich. Erst die Eier und dann die Verbindungsstücke.«

»Eine halbe Million Eier … Wie viele Waggons brauchen Sie denn da?« Jakob zog einen Zettel aus der Tasche.

»Kann ich Ihnen ganz genau sagen. Habe mich erkundigt.«

»Wo?«

Es gelang Jakob, völlig ernst zu erwidern: »Beim ›Landesverband Hessen des Eier-, Geflügel-, Wild- und Honiggroßhandels‹!«

»Aber die haben doch überhaupt keine Eier, kein Geflügel, kein Wild und keinen Honig!«

»Das nicht, aber eine Dienststelle haben sie. Eine Dienststelle haben sie in Deutschland immer«, sagte Jakob. »Die Zahlen, die ich Ihnen nenne, stammen noch aus einer Zeit, in der es all das, was es jetzt nicht gibt, gegeben hat. Die Eier, hat man mir gesagt, werden in Kisten – nicht in Kartons! – verpackt. Holzwolle dazwischen. In einen Eisenbahnwaggon gehen vierhundert Kisten. In jede Kiste gehen dreihundertsechzig Eier. Das sind pro Waggon einhundertvierundvierzigtausend Eier. Wenn wir also vier Waggons nehmen, dann bringen wir – hier bitte, ich habe es ausgerechnet – sogar fünfhundertfünfundsiebzigtausend Eier rein! Fünfhundertfünfundsiebzigtausend, das ist mehr als eine halbe Million! Das ist mein Zeichen für Frieden und Völkerfreundschaft!«

67

Es folgte eine Woche, in welcher der Funktionär Ignaz Hölzlwimmer auf Inspektionsreise geschickt worden war. Zum Himmler-Hof und zu der Hühnerfarm nahe Bayreuth. Von Jakob persönlich. Hölzlwimmer weinte vor Rührung. »Diese Ehre! Werde mich ihrer würdig erweisen, Herr Formann. Vertrauensstellung ist mir heilig! Können sich auf mich verlassen …«

Endlich hatten sie ihn draußen.

»You do something for me«, sang Frankie-Boy …

Folgten vier Nächte, in denen Jakob und Wenzel so hart schufteten wie noch nie im Leben. Es galt, viermal vierhundert Kisten zu laden. So etwas ist kein Honiglecken. Kisten hatten sie genug. Holzwolle auch. Pin-up-Fotos, die gewagtesten, die es zur Zeit gab, hatte Jakob in riesigen Mengen herangebracht. Es konnte einem ganz flau werden bei dem vieltausendfachen Anblick von Beinen, Busen und Popos.

Im Dunkel der Nacht füllten die Herren Formann und Prill Kiste um Kiste. Auf etwas eigenwillige Art. Zuunterst kam Holzwolle. Sehr viel Holzwolle. Darüber kamen Pin-ups. Sehr viele Pin-ups. Über diese wieder Holzwolle. Sodann, voreinander durch Holzwolle geschützt, eine Lage Eier. Neun Stück. Dann – trotz Wenzel Prills anfänglichem Protest – wieder Holzwolle. Und dann noch einmal eine Lage mit neun Eiern und wieder einmal Holzwolle. Deckel drauf, zugenagelt! Auf den Deckel eingebrannt: VORSICHT! OBEN! NICHT STÜRZEN! ZERBRECHLICH! Statt dreihundertsechzig Eiern befanden sich in jeder Kiste somit nur achtzehn. Wenzel hatte überhaupt nur eine Lage, also neun Eier laden wollen, doch Jakob hatte rundweg abgelehnt.

Also packten die beiden Herren von 18 Uhr bis um 6 Uhr am nächsten Morgen, schichteten, hämmerten Deckel fest, brannten die schwarzen Warnstempel ein. Zuletzt spürten sie ihre Knochen nicht mehr. Die Kisten wurden von ahnungslosen GIs auf US-Army-LKWs, die der Provost Marshal in Frankfurt (Jakob unterhielt die besten Beziehungen zu ihm) gestellt hatte, an den Güterbahnhof gefahren. Jakob persönlich überwachte ihre Verladung in vier bereitstehende Waggons. (Hier spielten bereits Maders Papiere eine Rolle. Eines davon wies den Provost Marshal Frankfurt im Namen von General Clay an, vier Güterwaggons für ein Interzonengeschäft bereitstellen zu lassen.)

Dann kam der gefährlichste Moment: die Inspektion der Kisten durch Stephan Klahr. Sie geschah in den Abendstunden und im Schein elektrischer Taschenlampen. Jakob stemmte eine Kiste auf – Klahr sah eine Lage Eier, nickte, und die Kiste wurde wieder vernagelt.

Das ging sechsmal so. Beim siebenten Mal begann der mißtrauische Klahr die erste Lage Eier abzuheben.

»Mal sehen, was drunter ist«, sagte er und lachte scheppernd. »Wir sind nämlich nicht dämlich, klar?«

»Klar, Herr Klahr«, sagte Jakob, während dieser, zufrieden, eine zweite Lage Eier unter der ersten entdeckte.

Jakob sah Prill, der mitgekommen war, bedeutsam an.

Wenzel senkte schuldbewußt das Haupt.

Der Funktionär betrachtete aufmerksam die zweite Lage Eier.

»Na, dann ist ja alles in Ordnung«, sagte er.

»So schnell geht das nicht, Herr Klahr! Das müssen Sie mir schriftlich bestätigen. Achtmal! Tja, der Papierkrieg! Wenn ich bitten darf …«

Der KP-Funktionär bestätigte gern den Inhalt der vier Waggons achtmal durch seine Unterschrift. Funktionäre bestätigen immer gern. Sie sind immer für Korrektheit, und natürlich hatte Genosse Klahr auch ein Stempelkissen und den Stempel des KP-Landesverbandes Hessen dabei. Also noch achtmal ein Stempel auf acht Papiere!

Zuletzt wurden die vier Waggons plombiert und schon am nächsten Tag an einen Interzonenzug angehängt, der nach West-Berlin fuhr. Jakob und Wenzel fuhren mit. In West-Berlin wurden die vier Waggons abgekoppelt. Eine Lok der Reichsbahn (Jakob staunte: Ausgerechnet hier, im Demokratischen Sektor, gab’s noch eine Deutsche Reichsbahn!) brachte sie über die Sektorengrenze auf das riesige Gelände des Güterbahnhofs zwischen Schlesischem Bahnhof und Warschauer Brücke. Daselbst verteilte Jakob an einige Herren überreichlich amerikanische Lebensmittel und Zigaretten. Die Herren ließen die vier plombierten Waggons daraufhin auf ein ganz entlegenes Nebengleis rangieren. Der Lokomotivführer und der Heizer äußerten ihre Absicht, in den Westen abzuhauen, und taten das auch zu der gleichen Zeit, da Jakob Formann, begleitet von Wenzel Prill, sich gerade im Gespräch mit dem sowjetischen Major Assimow im Hauptquartier der Sowjetischen Militäradministration in Berlin-Karlshorst befand. Ebenfalls anwesend war der Freund des hessischen KP-Häuptlings Klahr, der Chef der Abteilung Interzonenhandel in der Deutschen Verwaltung für Handel und Versorgung, Genosse Peter Hohlweg – vor vier Jährchen noch einer der gefürchtetsten Nazis in einem großen Flugzeugwerk nahe Berlin.

68

Die Anwesenheit eines Dolmetschers (in welcher Eigenschaft Wenzel mitgekommen war) erübrigte sich, denn Major Assimow sprach sehr gut deutsch. Er überreichte Jakob alle nötigen Papiere für den Empfang der Verbindungsstücke in Niesky sowie Rückfahrbefehle via Berlin-Helmstedt mit den Worten: »Ich bin glücklich, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben, Herr Formann. Männer wie Sie und der Genosse Hohlweg zeigen deutlich, daß mit gutem Willen von beiden Seiten eine Koexistenz zwischen zwei verschiedenen Systemen durchaus möglich ist, wie es der große Genosse Stalin immer wieder betont.«