»Und was die Amerikaner nicht glauben wollen«, antwortete Jakob und nickte betrübt.
»Ich hoffe, wir sehen uns wieder«, sagte der Major zum Abschied.
»Das hoffe ich auch, Genosse Major«, sagte Jakob und dachte: bloß das nicht!
In Hohlwegs Dienstwagen fuhren sie in Richtung Stalinallee zurück.
»Und die Waggons mit den Eiern, wo sind die?« fragte der Abteilungsleiter aus der Verwaltung für Handel und Versorgung.
»Auf Ihrem großen Güterbahnhof da in Berlin, Herr Hohlweg«, sagte Jakob, der wieder die angenehme Wärme in sich aufsteigen fühlte wie stets, wenn er sich in Gefahr befand. »Am besten, Sie setzen sich mit der Erfassungsstelle für Eier und Eierprodukte in Verbindung.«
»Wieso mit der Erfassungsstelle?«
»Na, die haben wir doch benachrichtigt.«
»Blödsinn! Ich habe über die Eier zu bestimmen!« schimpfte Hohlweg los. »Erfassungsstelle! Die reißen sich doch nur alles unter den Nagel! Das sind doch absolut unzuverlässige Subjekte!«
»Entschuldigen Sie, Herr Hohlweg, aber ist das wirklich wahr?«
»Was, was, was?«
»Daß es bei Ihnen in wichtigen Stellungen unzuverlässige Subjekte gibt?«
»Hrm … äh …«
»Bitte?«
»Sie haben mich falsch verstanden, Herr Formann! Natürlich sind hier alle Funktionäre von hervorragender Tüchtigkeit und Ehrlichkeit! Es ist nur … es gibt nur … eben weil alle so diensteifrig sind! … andauernd Mißverständnisse, verstehen Sie?«
»Verstehe.«
»Na, da muß ich sehen, was ich machen kann. Wir von der Deutschen Verwaltung für Handel und Versorgung müssen eben versuchen, schneller zu sein als die Erfassungsstelle! Denn die Eier gehören zu uns, nur zu uns, verstehen Sie!«
»Ich verstehe. Und verzeihen Sie. Ich konnte nicht ahnen … Auf den Papieren des Genossen Klahr aus Frankfurt stand …«
»Der Genosse Klahr ist ein Trott … ist völlig überarbeitet, der hat sich geirrt, der liebe Genosse Stephan, hrm!«
Jakob war entzückt. Er warf Wenzel einen Blick zu. Der Hohlweg mit seinen Kumpanen will natürlich ein paar tausend Eier abstauben, besagte der Blick. Besagte des weiteren: Natürlich haben wir keine Erfassungsstelle für Eier und Eierprodukte verständigt. Das wird jetzt – toi, toi, toi! – ein wunderbares Durcheinander geben!
69
Von Berlin fuhren die beiden Freunde, in den Brieftaschen hübsche Papiere in deutscher und russischer Sprache, über Lübben und Cottbus bis Horka. Dort mußten sie umsteigen, um nach Niesky zu gelangen. Jakob pfiff sich eins. Wenzel flehte ihn an, mit dem Pfeifen aufzuhören.
»Warum? Seit wann stört dich mein Pfeifen?«
»Mensch, Jakob, bist du von allen guten Geistern verlassen? Wenn die die vier Waggons finden und die Kisten aufmachen, und wir sind noch in der Zone, dann bleiben wir ein Leben lang hier! Wegen Wirtschaftsverbrechen! Wirtschaftssabotage! Darauf gibt’s ›Lebenslänglich‹! Weißt du das nicht?«
»Natürlich weiß ich das. Vielleicht auch die Rübe ab. Bei uns sehr wahrscheinlich«, sagte Jakob und pfiff weiter. Sie standen auf dem Gang. Wenzel stöhnte so laut, daß er das Rattern des Zuges übertönte. Ein Mann, der in einiger Entfernung von ihnen stand, sah sie grübelnd an. Jakob schenkte ihm ein sonniges Lächeln. »Mein Freund fühlt sich nicht ganz wohl«, schrie er. »Geht gleich vorüber. Der hat zuviel gegessen!« Und zu Wenzel sprach Jakob, sehr leise, diese Worte: »Wenn du mit mir weiterarbeiten willst, darfst du dir nicht immer gleich in die Hosen scheißen, mein Lieber.«
70
Jakob Formann sagte: »Bitte, übersetze dem Herrn Major, daß ich ihm im Namen aller armen Menschen Westdeutschlands danke.«
Wenzel Prill übersetzte.
Der sowjetische Major Kotikow, der hinter seinem Schreibtisch saß (auch hier natürlich wieder unter einer Fotografie des Genossen Stalin), sprach: »Bitte, Herr Prill, sagen Sie Herrn Formann, daß ich ihm stellvertretend für die deutschen Menschen in der Demokratischen Zone Deutschlands für seine Gabe danke und ihm mit Vergnügen das erbetene Material für die armen Menschen Westdeutschlands übergebe.«
Wenzel übersetzte. (Der Wenzel hat eine widerwärtige Art, andauernd auf die Uhr zu schauen und sich nervös am Kopf zu kratzen, dachte Jakob. Wovor hat der bloß Angst? Vor dieser dämlichen Sowjetischen Militäradministration und davor, daß unsere vier Wagen mit den sehr wenigen Eiern gefunden werden? Der hat ja keine Zivilcourage! Der Major muß doch mißtrauisch werden!)
Doch der Major wurde nicht mißtrauisch. Er hatte ein großes, sentimentales russisches Herz und eine große, gütige russische Seele und liebte es, armen Menschen zu helfen. Ihm unterstand der Güterbahnhof von Niesky, der jedem Gebildeten bekannten Kreisstadt der Oberlausitz. Seine Dienststelle befand sich im ersten Stock des Bahnhofsgebäudes. Jakob sah aus einem Fenster, das zum Teil zugenagelt war, über das Bahngelände und hinüber zu den Werkshallen von Christoph und Unmack. In Niesky hatte es eine Fahrzeugbau-, Maschinen-, Glas-, Holz- und Elektroindustrie gegeben. Es gab also entsprechend viel zu demontieren und abzutransportieren, insbesondere natürlich die Maschinen und das Material der Firma Christoph und Unmack! Da sind wir gerade noch rechtzeitig gekommen, dachte Jakob, denn er sah auf den Gleisen mehrere Güterzüge, die beladen wurden. Rotarmisten unter Gewehr bewachten die Arbeiter. Die Lokomotiven aller Züge standen in Richtung Osten. Eine Lok fuhr gerade hin und her, bis sie schließlich Fahrtrichtung West hatte und vier Waggons angekoppelt wurden. Zwei offene Waggons waren randvoll mit Verbindungsstücken für Jaschkes Fertighäuser gefüllt, auf zwei weiteren standen, mit Planen zugedeckt, die Stanzmaschinen, die der Major in seiner übergroßen Güte (und auf Anweisung der Militäradministration) dazugegeben hatte.
Mein Zug! dachte Jakob Formann, angenehm durchwärmt. Er dachte des weiteren: Erstens hat der Fälscher Josef Mader wieder einmal bewiesen, daß er ein Genie ist. Zweitens sind der Wenzel und ich Genies (aber ich hau ihm doch eines hinter die Hörner, wenn er das mit dem Auf-die-Uhr-Sehen nicht läßt, der Trottel!). Drittens sind sie bei der Sowjetischen Militäradministration genauso blöde wie die bei der Amerikanischen Militärregierung und wahrscheinlich so dämlich wie jede andere Militärverwaltung auf der Welt auch!
Major Kotikow war ein pflichtbewußter Mensch. Der hatte selbstverständlich in Karlshorst zurückgerufen, als die beiden Herren hier auftauchten, um sicherzugehen, daß sie keine Schwindler waren. Karlshorst hatte ihn absolut beruhigt. Woraus eindeutig hervorging, daß man auf jenem endlos weiten Güterbahnhof in Berlin die vier Waggons mit den viel zu wenigen Eiern noch nicht gefunden hatte. Es war wirklich ein abgelegenes Gleis, auf dem die standen …
Die Tür ging auf. Zwei Männer kamen herein, ein sowjetischer Feldwebel und ein deutscher Zivilist. Der deutsche Zivilist beachtete Jakob zuerst gar nicht.
Er sagte zu seinem Begleiter: »Übersetzen Sie bitte dem Genossen Major, daß der Zug in Richtung Mücka-Hoyerswerda in einer Stunde abfahrbereit sein wird. Meine Männer haben bis an den Rand des Zusammenbruchs ge …« Den Satz sprach er nicht zu Ende, denn da hatte er Jakob erblickt. Und dieser ihn.
Nein, also so was, dachte Jakob. Das ist ja heiter! Der Zivilist, der da vor mir steht, untersetzt, stiernackig, mit einer Totschlägerfresse im roten Gesicht – das ist doch niemand anderer als der Unteroffizier Bohrer, Adolf Bohrer, der mich bei der Ausbildung halbtot geschliffen hat, der verfluchte Hund! Durch die tiefen Pfützen auf dem Kasernenhof hat er mich robben lassen, bis ich von oben bis unten vollgesaugt war! Ein besonderer Liebhaber von ›Maskenbällen‹ war er: Hopp, hopp! In drei Minuten im Dienstanzug angetreten … Und uns dann gehetzt … Im Arbeitsanzug angetreten … weggetreten … Im Ausgehanzug mit Mantel umgeschnallt angetreten … Singen unter der Gasmaske … Mit der Zahnbürste hat er mich den Stubenboden scheuern lassen. Alles Zeug hat er aus unseren Spinden gerissen, weil sie angeblich unordentlich waren! Stundenlang hat der Schuft uns Betten bauen lassen, weil wir alles angeblich zu schlampig gemacht hatten! Mein Gott, so sehr gehofft habe ich, daß es diese Sau an der Front erwischt. Nix! Hier muß ich ihn wiedertreffen. Von allen Orten hier! Und ausgerechnet jetzt!