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»Formann, Sie müdes Arschloch! Was tun denn Sie hier?« schrie der Unteroffizier a.D. Adolf Bohrer, indessen ihm noch mehr Blut in seinen Schweineschädel schoß.

Jakob machte sein dümmstes Gesicht und sah den Brüllenden erstaunt an. »Was will der Mann? Warum schreit er?« fragte Major Kotikow den nervösen Wenzel auf russisch.

»Keine Ahnung«, sagte der und fragte Jakob auf deutsch: »Was ist mit diesem Scheißer los? Was will er denn von dir?«

»Ich habe keine Ahnung, was der will«, antwortete Jakob sanft. »Ich habe den Kerl nie im Leben gesehen.«

»Nie im Leben gesehen?« tobte Bohrer wiederum los. »Du wirst dich gleich an mich erinnern, du traurige Vogelscheuche!«

»Ich fürchte, es besteht Grund zur Besorgnis«, äußerte Jakob, und Mitleid trat in seine Augen. »Tck, tck, tck. Das scheint doch ein schwerer Fall zu sein. Ist er in ärztlicher Behandlung?«

All das übersetzte Wenzel dem Major Kotikow. Der Leuteschinder a.D. Bohrer lief schwarz-weiß-rot im Gesicht an. Auf seinem Stiernacken sträubte sich jedes einzelne blonde Härchen. »Kerl, ich bringe dich vors Kriegsgericht! Das ist ein Spion, Genosse Major! Ein amerikanischer Spion! Ich kenne das Schwein! Los, los, los, übersetzen Sie, Mann!« schrie Bohrer den Feldwebel an. »Ich kenne ihn! Ich war sein Ausbilder!«

»Wo?« fragte der russische Feldwebel irritiert.

»In der Wehrmacht natürlich, Sie Rindvieh!« Bohrers Stimme kippte. Er keuchte.

Der Feldwebel übersetzte. Wenzel übersetzte. Eine Übersetzung jagte die andere.

»Schlimm, schlimm«, sagte Jakob zuletzt erschüttert (und mit dem intensiven Gefühl innerer Wärme). »Das ist ein akuter Anfall. Da muß sofort ein Arzt her.«

Übersetzung zurück. Major Kotikow nickte erschrocken. »Gospodin Formann hat recht«, sagte er russisch, dann rief er ins Telefon: » Wache! Sanitäter! Doktor! Hier tobt einer!«

»Du Sau!« brüllte Unteroffizier Bohrer wie von Sinnen und drang rasend vor Zorn auf Jakob ein. Der hob gelangweilt ein Knie. Bohrer rannte in dasselbe hinein. Das Knie war hart, wie Knie eben sind, und Bohrer traf sich selbst an seiner empfindlichsten Stelle. Er stieß einen ersten und gleich darauf einen zweiten Schrei aus, denn Major Kotikow hatte ebenfalls eingegriffen und Bohrer wuchtig in den Hintern getreten.

Eine solche Attacke von hinten und von vorn erschwerte dem Unteroffizier a.D. der Deutschen Wehrmacht sel. das rasche Umkippen. Er kippte langsam, man kann sagen, er glitt zu Boden und hielt dabei die eine Hand auf das, was ihm vorne weh tat, und die andere Hand auf das, was ihm hinten weh tat. Er rollte über den Boden hin und her, und zwischen Wehlauten ließ er diese Worte vernehmen: »Spion … abknallen … Verbrecher … Mistvieh, verrecken sollst du … Genosse Stalin …«

Als er das herausgebracht hatte, fielen sämtliche Anwesenden über den Unteroffizier a.D. Adolf Bohrer her. Schließlich hatte er den Vater aller Werktätigen aufs gröblichste beleidigt, und es waren zwei Russen im Raum. Jakob und Wenzel aber konnten einen derart schweren Insult des sowjetischen Weisesten Führers und Generalissimus schon aus Gründen des Selbsterhaltungstriebes nicht hinnehmen. Sie machten mit.

Auf flog die Tür.

Rotarmisten stürzten herein. Sie drängten alle anderen beiseite und nahmen sich Bohrers an, bis er bewußtlos war. Dann erschien eine Ärztin, mit ihr zwei breitschultrige Herren in weißen Pflegerjacken. Jetzt kam Bohrer wieder zu sich. Aber da hatte er schon eine Zwangsjacke an, die Enden der Ärmel waren zusammengebunden, und mit sanfter Gewalt geleiteten die beiden Pfleger den Herrn Unteroffizier a.D. Bohrer, der schon wieder brüllte, hinaus. Die Ärztin – sie war in Uniform – sprach russisch mit dem Major. Wenzel übersetzte ins Deutsche und zurück ins Russische, was Jakob gesagt hatte: »Ich fürchte sehr, die Frau Doktor hat recht. Dies ist ein gemeingefährlicher Fall von Tobsucht.«

Die Ärztin meinte auch, sie halte das für eine schwere manische Exaltation. Sie habe die sofortige Einweisung in das nächste Lazarett veranlaßt. Draußen hörte man Bohrer noch immer brüllen.

»Wohl ein Verlorener, sagt die Frau Doktor«, übersetzte Wenzel Prill. »Als Ärztin darf man niemals verloren sagen«, äußerte Jakob Formann. (Mariandjosef, ist die hübsch! Wenn ich jetzt Zeit hätte …) »Auch für ärgste Fälle gibt es noch Hoffnung. Wir in Westdeutschland haben erstaunliche Erfolge mit Elektroschocks erzielt.«

Wenzel übersetzte das für alle Anwesenden ins Russische zurück, während Jakob nonchalant eine Hand in die Hosentasche steckte. Gute, alte Hasenpfote …

Die hübsche Ärztin, so übersetzte Wenzel für Jakob, sei auch der Meinung, daß man es nur noch mit Elektroschocks versuchen könne. Jakob nickte.

Elektroschocks … Kameraden, dachte er, Freunde, die der Hund geschunden hat, wie er mich geschunden hat, besonders du, kleiner Swoboda Karli, der du beim fröhlichen Soldatenliedergesang unter der Gasmaske – »Und nun, meine Herren, Dauerlauf marsch, marsch!« – an Herzversagen gestorben bist, und du, Tschuppek Heinrich, der du dich umgebracht hast, weil du die Quälereien von diesem Schwein nicht mehr ertragen hast, und du, Flackerl Thomas, der du abgehauen und erwischt und vor ein Kriegsgericht gekommen und erschossen worden bist wegen Fahnenflucht – euch alle, hoffe ich, habe ich gerächt.

Und mich selber auch.

Elektroschocks …

71

Um 17 Uhr 45 fuhr der Zug mit den Verbindungsstücken und den Stanzmaschinen ab. Die sowjetische Begleitmannschaft grüßte den Major Kotikow, der zur Rampe gekommen war. Die milde Gabe sollte ohne Aufenthalt gen Westen gebracht werden. An der Grenze zur Amerikanischen Zone war die sowjetische Begleitmannschaft durch amerikanische zu ersetzen.

In einem der Bremserhäuschen saßen Jakob und Wenzel, beide dick vermummelt, denn es war immer noch hübsch kalt, lange Zeit stumm dicht beieinander.

Dann sah Wenzel auf seine Uhr.

»Himmelherrgottnocheinmal, laß das sein!« sagte Jakob ärgerlich. »Du machst mich noch wahnsinnig mit deinem Schiß!«

»Mensch, wir fahren über Berlin zurück! Wenn die inzwischen die vier Waggons gefunden haben, bleiben wir in Berlin! In Ost-Berlin!«

»Die haben die Waggons noch nicht gefunden!«

»Sagt wer?«

»Ich!«

»Sehr beruhigend.«

»Ach, halt doch dein Maul.«

»Was machst denn du für ein Gesicht? Ist dir nicht auch mies?«

»Ja. Mächtig.«

»Warum?«

»Wir haben die armen Hunde doch beschissen. Es sind in jeder Kiste doch bloß achtzehn Eier, nicht dreihundertsechzig.«

»Und deshalb ist dir mies? Versteh’ ich nicht.«

»Es ist doch eine Sauerei, die wir da gemacht haben mit den Leuten. Aber du hast eben kein Gewissen.«

»Und du hast eines, ja?«

»Ja, leider.«

»Darum hast du dir ja die ganze Geschichte ausgedacht! Das hab’ ich gern! Zuerst andere bescheißen und dann sich selber.«

»Du sollst dein ungewaschenes Maul …«

»Wenn die nur für fünf Groschen Verstand haben, müssen sie die Waggons schon gefun …«

»Halt’s Maul, Wenzel, verflucht!«