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Dann blieb es wieder lange Zeit still.

Jakob war beklommen. Wenzel war beklommen. Wenzel weniger. Der sprach endlich wieder.

»Dieser Kerl, der uns in letzter Minute fast noch alles versaut hat, war das wirklich dein Ausbilder?«

»Ja, war er«, sagte Jakob.

Er fügte, in Gedanken versunken, hinzu: »Auch so einer von den Funktionären, wie du sie auf unsern Hühnerfarmen dreimal gefunden hast, Wenzel. Und auch so einer wie dieser KP-Boß Klahr in Frankfurt und wie dieser Oberbonze Hohlweg in Berlin. Funktionäre gibt’s überall. Und die funktionieren immer und überall.«

»Da hast du recht. Immer und überall. Dein Ausbilder und der Hohlweg, die beide gestern noch sich aufopfernd dem geliebten Führer Adolf gedient haben, dienen jetzt sich aufopfernd dem geliebten Führer Stalin. Unsere Funktionäre im Westen, die gestern noch dem geliebten Führer gedient haben, dienen heute opferwillig uns, die wir von der Sonne der amerikanischen Besatzungsmacht beschienen werden. Ein Funktionär sein, verstehst du, Jakob, das ist eine Lebenshaltung, die weitgehend unabhängig ist von Parteien und von Weltanschauungen.«

»Ist schon richtig. Aber paß auf, Wenzel«, sagte Jakob, »ich war doch auch noch auf der Farm in Bayreuth und auf dem ehemaligen Himmler-Hof und hab’ mir angeschaut, wie es da zugeht und was du dort für Typen eingesetzt hast.«

»Den Kleinhaupt und den Zerensky.« Wenzel nickte trübe. »Wir werden die nicht mehr sehen, die Herren. Wenn sie uns erst aus dem Zug holen …«

»Du sollst die Fresse halten, Mensch! Du machst mich noch ganz verrückt mit deiner Scheißangst! Hör zu, wenn ich mit dir rede! Den Kleinhaupt und den Zerensky habe ich mir angeschaut.«

»Ja, hast du schon mal gesagt. Und?«

»Und dabei ist mir was Komisches aufgefallen. Der Kerl da in Frankfurt, der Hölzlwimmer, der betreibt seine Schiebungen ganz offen und ohne Geheimnistuerei. Die beiden anderen, der Zerensky und der Kleinhaupt – also so was von Getue, daß niemand wissen darf, was sie vorhaben oder wie sie die Polizei bestechen! Wieso sind diese beiden so ganz anders als dein Hölzlwimmer?«

»Das kann ich dir erklären, Jakob«, sagte Wenzel. »Als Psychologe, nicht als Jurist! Die zwei in Bayern sind schwarz und katholisch – im Moment! Mein Hölzlwimmer, der ist gottlos und ein Roter. Auch nur im Moment natürlich!«

»Das verstehe ich nicht.«

»Du wirst es gleich verstehen. Schau: Schieben und raffen und bescheißen tun diese Typen alle! Egal, ob schwarz und katholisch oder gottlos und rot – und dazwischen alle Schattierungen, die du dir denken kannst. Jedoch«, sagte Wenzel bedeutungsvoll, » ein Unterschied besteht – wir erleben es im Winzigen, wir werden es aber auch noch im Gigantischen erleben, das prophezeie ich dir! Also: Der Unterschied, der auch dir aufgefallen ist, hat verschiedene Gründe, zum Beispiel religiöse …«

»Ach so, du meinst also, die Katholen haben ein schlechtes Gewissen?«

»Na klar: Die denken doch, man weiß nix Gewisses – es könnt’ ja sein, daß es doch eine Hölle gibt und ein Fegefeuer, nicht wahr … Ich möcht’ also eher sagen, sie sind tabugehemmt.«

»Sie sind was?«

»Der Zug!«

»Was, der Zug?«

»Der Zug fährt langsamer! Merkst du es nicht! Die haben uns, Jakob, die haben uns!«

»Einen Dreck haben sie uns! Das ist eine Baustelle, kannst du das vielleicht noch sehen? Na also. Mensch, wenn du nicht endlich damit aufhörst, kriegst du ein paar gefeuert … Was heißt das, tabugehemmt?«

»Daß ich es dir erklär’: Ein Tabu ist etwas, das nicht verletzt werden darf, grob gesprochen. Die Schwarzen machen sich – symbolisch – noch immer in die Hosen, wenn sie betrügen, warum, sie sind religiös und glauben an ihre Tabus, an den lieben Gott. Und ans Fegefeuer und an die Hölle. Deshalb tun sie es also heimlich! Da haben es die Roten leichter! Die glauben den ganzen Salami aus der Bibel von vornherein nicht, und deshalb können sie auch ohne Angst vor einer Tabuverletzung frisch, fröhlich und frei öffentlich bescheißen! Aber tun tun sie’s natürlich beide!«

Nach einer langen Pause murmelte Jakob erschüttert: »Und ich bin um kein Haar besser. Ich habe auch beschissen! Und wie! Arme Leute, kleine Leute!«

»Jakob, wenn du jetzt zu spinnen anfängst, kriegst du ein paar von mir gefeuert! Wir gehen ja schon beide auf dem Zahnfleisch!«

So lief das weiter. Vor Berlin hielt der Zug. Wenzel sprang auf.

»Jetzt sind wir in der Falle! Raus, ich will raus hier! Raus!«

»Du bleibst da!«

»Bis sie uns holen, ja? Nicht ums Verrecken!«

»Halt’s Maul, ich flehe dich an, halt’s Maul! Mit deinem blödsinnigen Geschrei machst du ja noch die Iwans mißtrauisch!«

»Das ist mir scheißegal, ich …« Weiter kam Wenzel nicht, denn Jakob hatte ihn mit einem gezielten Faustschlag zu Boden gestreckt. Als er wieder zu sich kam, erhielt er einen neuen Hieb. Nach einer halben Stunde setzte sich der Zug wieder in Bewegung.

»Was war das?«

»Keine Ahnung.«

»Warum sind wir stehengeblieben?«

»Ich sage dir doch, keine Ahnung, Trottel!«

Hinter Berlin überkam es dann Jakob wieder. Den Kopf in die Hände gestützt, murmelte er erstickt: »Eine halbe Million versprochen … und was haben wir geliefert? Ganze fünfundzwanzigtausendneunhundertundzwanzig Stück! Wir sind ja noch viel schlimmer als diese Funktionäre, Wenzel!«

»Ach, leck mich doch …«

»Du bist ein Zyniker. Dir ist alles egal! Mir nicht! Ich muß an die vielen Eier denken, die jetzt keiner von den armen Leuten hier kriegt. Besonders die Kinder! Die haben vielleicht noch nie ein Ei gesehen! Und hätten sie es sehen können, ihre Augen hätten geleuchtet … Glückliche Kinder, Wenzel … glückliche Kinder! Was können die kleinen Würmer für den ganzen Scheißkrieg? Und ich habe sie betrogen … betrogen … und sie sehen weiter kein Ei …«

»Ich werde noch wahnsinnig!« behauptete Wenzel brüllend. »Ich springe aus dem fahrenden Zug, wenn du nicht aufhörst, Jakob!«

»Das muß ich eben mit mir ganz allein abmachen«, murmelte Jakob gebrochen, »du hast kein Herz im Leib.«

»Ja, ja, ja! Mach’s bitte mit dir allein ab! Und halt die Schnauze!«

Jakob hielt die Schnauze, in unglückliches Grübeln versunken. Das nächste Mal konnte sie Wenzel nicht halten. Er schrie und wollte türmen, weil der Zug neuerlich auf freier Strecke gehalten hatte.

»Jetzt haben sie uns! Jetzt haben sie uns! Gleich kommen sie mit ihren Em-Pis …«

Also mußte Jakob ihn wieder k.o. schlagen. Tränen standen ihm in den Augen dabei. Nicht wegen seiner Roheit Wenzel gegenüber. Sondern weil er selbst so seelenlos beschissen hatte …

Jakob blieb während der ganzen Fahrt zerknirscht. Der Zug hielt noch einige Male, und Wenzel wurde noch einige Male hysterisch – mit den entsprechenden Folgen. Dann kamen sie endlich darauf, was schuld war an diesen unvermittelten Stops: Die Strecke verlief eingleisig! Das zweite Gleis war demontiert, und deshalb standen die Signale so oft auf Rot. Danach beruhigte sich Wenzel. Ein wenig. Ganz beruhigt war er erst, als kurz vor Helmstedt die sowjetische Begleitmannschaft ausgestiegen war. Jakob aber grämte sich bis Murnau – eine lange Zeit, wie man zugeben wird. Dann war ihm etwas eingefallen, und seine Miene hellte sich auf …

In Murnau wurden sie von einer großen Menschenmenge erwartet, die in Jubelrufe ausbrach. Es war gegen Abend. Bis in die Nacht hinein feierten die fröhlichen Bayern, und Jakob schwang das Tanzbein mit Frau Dr. Ingeborg Malthus. Erst gegen drei Uhr früh kamen die beiden in das Bootshaus. Diesmal fielen sie nicht ins Wasser. Diesmal zogen sie sich vorsichtig auf dem Steg aus, auf der richtigen Seite. Frau Dr. Malthus war zuerst im Bett. »Kommen Sie, Herr Formann«, flüsterte sie mit vor Erregung heiserer Stimme.

»Ich komme, gnädige Frau!« Jakob glitt neben sie. Während das Blut an seinen Schläfen zu hämmern begann, dachte er: Na schön, du hast einen Hieb, meine Liebe. Aber was ist eine Ausschüttung der Hypophyse?