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x 14. maerz 1947 x 14.32 uhr x achtung x achtung x hoechste dringlichkeit x von: deutsche vopo kommissariat k 5 x an: alle volkspolizeidienststellen x fall von schwerster Wirtschaftssabotage x 1) der oesterreichische staatsbuerger jakob formann x wiederhole jakob formann x wird zur großfahndung ausgeschrieben x formann befindet sich vermutlich gegenwaertig in der bizone x er ist 27 jahre alt x ledig x 1.75 meter groß x schlank x in koerperlich guter verfassung x haare schwarz x augen schwarz x besondere kennzeichen: keine x formann ist bei betreten der sbz sofort zu verhaften und auf schnellstem weg zu ueberstellen an sowjetische militaeradministration karlshorst x ende 1 x 2) dasselbe gilt für den deutschen staatsbuerger wenzel prill x wiederhole wenzel prill, der …
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STRENG GEHEIM
VON: SOWJETISCHE MILITÄRADMINISTRATION FÜR DEUTSCHLAND AN: PARTEIVORSTAND SOZIALISTISCHE EINHEITSPARTEI DEUTSCHLANDS
BETRIFFT: WIRTSCHAFTSSABOTAGE DURCH WESTAGENTEN JAKOB FORMANN UND WENZEL PRILL SOWIE SKANDALÖSES VERSAGEN ZWEIER DEUTSCHER GENOSSEN
2. BERICHT Karlshorst, 17. März 1947
Es liegen die endgültigen Untersuchungsergebnisse zu dem im 1. Bericht geschilderten Verbrechen der US-Kreaturen Jakob Formann und Wenzel Prill vor. Fest steht nun, daß der Genosse Stephan Klahr (KP-Landesverband Hessen) auf das gröblichste fahrlässig, leichtfertig und zum Schaden der deutschen Bevölkerung gehandelt hat. Genosse Klahr gibt in beiliegender schriftlicher Selbstkritik zu, die Kisten mit den Eiern des Formann nur höchst oberflächlich geprüft und damit den Betrug überhaupt erst ermöglicht zu haben.
Der Genosse Peter Hohlweg von der Deutschen Verwaltung für Handel und Versorgung gibt in beiliegender schriftlicher Selbstkritik zu, in einer die Arbeiter-und-Bauern-Macht schädigenden Weise heimtückisch und egoistisch gehandelt zu haben. Genosse Hohlweg gesteht, mit einer Sonderkommission seiner Verwaltung die vier im Bericht 1 erwähnten Güterwaggons nach elftägiger Suche auf dem Gleis 490 des Ostbahnhofes in Berlin aufgespürt zu haben – im Wettlauf um die Zeit mit der Erfassungsstelle für Eier und Eierprodukte, welche die Waggons ebenfalls durch eine Sonderkommission suchen ließ. Nach Öffnen der Kisten stellte sich heraus, daß diese (siehe Bericht 1) jeweils nur mit zwei Lagen Eiern (18 Stück) belegt und ansonsten mit Holzwolle und pornographischen Bildern von ekelerregender Schamlosigkeit (Ursprung USA, sogenannte ›Pin-ups‹) gefüllt waren. Die Eier waren nach Einlassung des Genossen Hohlweg fast alle nicht mehr genießbar. Deshalb hat der Genosse Hohlweg (siehe seine Selbstkritik) sie angeblich sämtlich vernichten lassen, welche Behauptung bezweifelt werden muß. Das gleiche gibt der Genosse Hohlweg an, mit den Bildern von unbeschreiblicher Obszönität getan zu haben, was ebenfalls bezweifelt wird. Dem steht nämlich die Aussage des verdienten Genossen Karl Mischewski von der Erfassungsstelle für Eier und Eierprodukte gegenüber (siehe seinen beiliegenden Bericht). Nach den Angaben des Genossen Mischewski traf seine Sonderkommission unmittelbar nach jener des Genossen Hohlweg nachts bei den Waggons ein und konnte beobachten, wie die Kisten geleert wurden. Die Eier waren mitnichten schlecht geworden, sondern alle in bestem Zustand und wurden von den Mitgliedern der Sonderkommission der Deutschen Verwaltung für Handel und Versorgung, der auch der Genosse Hohlweg angehörte, im Dunkel dieser Nacht gestohlen. Das gleiche geschah mit den brechreizerregenden pornographischen Bildern.
Zwei Tage später kam es in mehreren Wohnungen von Angehörigen der Dienststelle des Genossen Hohlweg zu Orgien, die jeder Beschreibung spotten. Weibliche Genossen nahmen an diesen teil. (Siehe Bericht des Genossen Mischewski und beigefügte Fotografien eines eingeschleusten Genossen!) Die sexuellen Ausschreitungen waren nach Angabe des Genossen Ungern nicht zu überbieten. Die pornographischen Bilder wurden zuletzt versteigert und werden nun im gesamten Gebiet der SBZ heimlich gehandelt.
Nach unserer Meinung darf dieser Skandal keinesfalls weitere Kreise ziehen, weil das keinesfalls im Interesse des Aufbaus der Arbeiter-und-Bauern-Macht im Bereich der Sowjetischen Militäradministration liegt. Aus diesem Grunde ist im Einvernehmen mit den zuständigen Genossen der Sozialistischen Einheitspartei folgendes veranlaßt worden:
Spezialagenten kaufen zur Zeit die ›Pin-ups‹ auf, wo sie solche nur finden können.
Der Genosse Klahr ist sofort nach Berlin beordert worden. Nach Androhung schwerer Bestrafung im Falle eines weiteren Vergehens wurde er zum Leiter der Ausbildungsabteilung für Funktionäre in der westdeutschen Bi-Zone ernannt.
Der Genosse Hohlweg wird mit sofortiger Wirkung aus der Deutschen Verwaltung für Handel und Versorgung entlassen und nach Androhung schwerer Bestrafung im Falle eines weiteren Vergehens an die Hauptstelle Fremdwährungsverwaltung für Devisengeschäfte mit dem Ausland versetzt unter gleichzeitiger Beförderung zum Hauptstellenleiter.
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Meldung in NEUES DEUTSCHLAND, dem offiziellen Organ des Parteivorstandes der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands:
GROSSHERZIGE SPENDE EINES FREUNDES UNSERER ARBEITER-UND-BAUERN-MACHT
Die Sowjetische Militäradministration Karlshorst gibt bekannt: Aus der Bundesrepublik Deutschland sind im Demokratischen Sektor von Berlin hundertfünfzig Zentner Trockenmilchpulver und hundertfünfzig Zentner Eipulver aus Beständen der amerikanischen Armee eingetroffen. Der anonyme Absender gab in einem beigefügten Schreiben seine Solidarität mit dem Aufbau der Arbeiter-und-Bauern-Macht unter der ruhmreichen Sowjetischen Militäradministration für Deutschland bekannt und bittet, das Milchpulver und das Eipulver an Kinder zu verteilen. Dies wird die Sowjetische Militäradministration selber tun. Die exemplarische Handlung des Unbekannten bestätigt wieder einmal die Worte des Genossen Walter Ulbricht, der sagte …
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»Ach, halten Sie doch bitte einen Moment meine Tasche, lieber Herr Formann«, sagte Jan Kalder. »Da drüben ist ein Schwarzhändler mit Kirschen! Kirschen! Du lieber Gott, wann habe ich das letzte Mal Kirschen gegessen!«
Jakob nahm dem Herrn mit den glückstrahlenden Augen und heftig geröteten Backen die Tasche ab und nickte freundlich. Kalder eilte leichtfüßig über das Kopfsteinpflaster der Hauptstraße von Murnau. Es war 16 Uhr 37 am 13. Juni 1947. (Die genaue Zeit stellte später die Polizei fest.) Jakob war mit Kalder gerade aus München gekommen. Winter, Frühling, Frühsommer über hatte es noch gewährt, dann war Nachricht von der Amerikanischen Militärregierung gekommen: Herr Jan Kalder möge erscheinen und sich seine Lizenz für die Illustrierte abholen.
War das eine Aufregung gewesen! Endlich, endlich hatte man es geschafft! Frau Roxane Kalder und Frau Dr. Ingeborg Malthus waren allzu überwältigt, als daß sie den Wunsch des ebenfalls sehr aufgeregten Herrn Kalder hätten erfüllen können, ihn nach München zu begleiten. Sie fühlten sich der Reise einfach nicht gewachsen. Also hatte Jakob sich des älteren Herrn angenommen, war mit der Bahn nach München gefahren, hatte mit Herrn Kalder das Gebäude der Militärregierung aufgesucht, war Zeuge des historischen Augenblicks gewesen, in welchem ein deutschsprechender Presseoffizier Herrn Kalder die Lizenzurkunde überreicht und ihm die Hand geschüttelt hatte.
»Und nun Glück auf für Ihre ORCHIDEE!« hatte der junge Offizier gesagt. Kalder war selbst für eine Antwort zu aufgeregt gewesen.
»Vielen Dank«, hatte statt seiner Jakob geantwortet, während er dachte: ORCHIDEE als Titel für eine Illustrierte! Ich würde ja lieber verrecken, als eine Illustrierte ORCHIDEE nennen. Ach was, ist es meine Orchidee – äh, Illustrierte?
Auf der ganzen langen Rückfahrt in einem anderen Bummelzug hatte Jakob sich dann geduldig Herrn Kalders glückseliges Gestammel angehört und bei sich gedacht, daß auch ihm alles zum besten gedieh. Die Fertighausfabriken arbeiteten bereits auf vollen Touren, wenn die Familie Jaschke auch noch immer in dem Bootshaus schlief. Aber wie optimistisch und selig waren – alle – die Jaschkes und die Arbeiter!