»Über die Lizenz … Er hat heute endlich die Lizenz für eine Illustrierte bekommen. Die Lizenzerteilung war einfach zuviel für ihn, Frau Doktor.«
»Oder die Kirschen«, sagte Jakob. Kein Mensch, der diese Zeilen heute liest, vermag sich vorzustellen, was 1947 eine Tüte Kirschen bedeutete. »Es wird wohl das Zusammentreffen von beidem gewesen sein«, sagte die Ärztin.
»Aber er war kerngesund! Hatte nicht das geringste am Herzen, das weiß ich!«
»Ach«, meinte die Ärztin, während sie schon den Totenschein ausstellte, »das bedeutet gar nichts. Was glauben Sie, wie oft das gerade jetzt vorkommt, Frau Malthus. Früher starben die Menschen an Herzversagen bei zu großem Schmerz, heute sterben sie bei zu großer Freude.« Die Ärztin verstand von derlei Dingen etwas – sie war die Tochter eines bedeutenden Münchner Psychiaters.
Jan Kalder wurde drei Tage später auf dem Friedhof an der Kirche von Murnau beigesetzt. Die Trauergemeinde war klein. Bienen summten, Blumen blühten zwischen den Gräbern, und heftiger Föhn bewegte die Äste. Die Ärztin und der Attinger-Bauer stützten Frau Kalder, die fassungslos schluchzte.
»… der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln …«, sprach der evangelische Pfarrer am Grab, während der Sarg hinabgelassen wurde. Frau Kalder schwankte heftig. Der Attinger-Bauer und die Ärztin hatten alle Mühe mit der Witwe.
»… Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser …«, sprach der Geistliche.
»Und alles war umsonst«, sagte Frau Dr. Malthus, die neben Jakob stand, leise.
»… Er erquicket meine Seele; Er führet mich auf rechter Straße, um Seines Namens willen …«
»Wieso war alles umsonst?« flüsterte Jakob.
»Die Lizenz galt doch nur für Herrn Kalder!« flüsterte Frau Dr. Malthus.
»… und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück …«
»Nein«, sagte Jakob leise.
»… denn Du bist bei mir, und Dein Stab tröstet mich …«
»Was, nein?«
»Nein, es war nicht alles umsonst.«
»Was soll das heißen?«
»Ich beantrage jetzt die Lizenz.«
»… Du bereitest mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde …«
»Sie? Sie sind ja wahnsinnig! Niemals kriegen Sie eine Lizenz, niemals!«
»Wetten, daß? Ich muß nur schnell mal rauf nach Heidelberg«, sprach Jakob Formann.
»… Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein«, sprach der Pfarrer.
77
An einem milden Nachmittag im frühen September 1947 gab Jakob sein Fahrrad an der Garderobe eines Cafés im Münchner Dichter-und-Denker-Viertel Schwabing in Aufbewahrung.
»Ist Herr Kästner da?« fragte er die Dame, die Dienst tat.
»Der Herr Doktor Kästner ist immer da um diese Zeit«, antwortete sie. Jakob dankte, besah sich im Spiegel, strich das Haar zurecht, zupfte an seinem Krawattenknoten, räusperte sich energisch – er wurde nicht besser, sein Zustand. Jakob hatte Lampenfieber. Ach was, Schiß hatte er vor einer Begegnung mit Erich Kästner, dessentwegen er hierhergekommen war! Weil ihm das, was sein Textchef ihm für die erste Nummer seiner Illustrierten angeboten hatte, äußerst mißfiel und er auf der Suche nach einem Autor war, der seinem Geschmack und, davon war er überzeugt, dem des Publikums entsprach. Schon den Namen dieses großen Schriftstellers zu nennen, hatte ihn alle Mühe gekostet. Das Leben in jeder Façon machte Jakob nur lachen, aber die wahrhaft großen Menschen bescherten ihm weiche Knie und sollten das auch noch lange, lange tun.
Mut, Jakob, sagte er zu sich selbst und betrat das Etablissement, das wunderbarerweise den Krieg überlebt hatte. An etlichen Tischen wurden schwarze Geschäfte abgewickelt, an etlichen anderen führten slawisch aussehende Herren politische Streitgespräche. Dann – Jakobs Narbe an der Schläfe begann zu pochen – sah er bei einem Fenster Erich Kästner.
Es hieß, er schreibe immer in diesem Café. Und in einigen Nachtbars. Da saß er. Jakob starrte ihn an. Umklammerte die Hasenpfote. Sprach in Gedanken ein Stoßgebet. Doch die Wirkung von all dem war gleich Null. Nein, er hatte nicht den Mut, an den Tisch dieses Mannes zu treten, ihn zu stören, sein Anliegen vorzutragen. Es ging einfach nicht! Verflucht, dachte Jakob, dann muß eben morgen Frau Dr. Malthus her (sie waren immer noch eisern beim ›Sie‹, trotz eifrigen Bumsens), dann soll die mal zeigen, was sie für ein Kerl ist. Ich bin ein solcher Kerl nicht. Und überhaupt: Dieser Kästner – das ist doch auch ein Intelleller! Wenn ich ihn auch verehre. Egal. Frau Dr. Malthus muß her!
Als Jakob sich schon zum Gehen wandte, erblickte er im Hintergrund des Lokals einen Tisch, um den sich ein halbes Dutzend Herren scharte. Am Tisch saß ein schlechtgekleideter, magerer Mann mit Brille, wie Kästner Papier und Bleistift vor sich – und eine erstaunliche Anzahl leerer Schnapsgläser. Zur Zeit schrieb er. Sodann überreichte er das Geschriebene einem der Herren. Dieser legte ein paar Reichsmarkscheine auf die fleckige Marmorplatte des Tisches und winkte einer alten Kellnerin. Selbige schien ein derartiges Zeichen erwartet zu haben. Mit einem Tablett, auf dem ein gefülltes Schnapsglas stand, eilte sie herbei, kredenzte es dem Mageren, und dieser kippte das Glas. Ohne Pause nahm er sich des nächsten Herrn an. Jakob staunte. Wer war das?
»Wer ist das?« fragte er die Kellnerin. Man sah, daß ihr jeder Schritt weh tat. Arme, alte Frau, dachte Jakob. Wasser in den Füßen. Ein kaputtes Herz wahrscheinlich auch.
»Der?« Die Serviererin sah in die schummrige Ecke. »Das ist der Herr Schreiber.«
»Was macht er?«
»Na, schreiben tut er. Sie sehen’s ja.«
»Danke. Eine Portion Tee, bitte«, sagte Jakob und setzte sich an ein leeres Tischchen. Fasziniert starrte er den mageren jungen Mann an, der, über die Brille hinweg, schon die Verhandlungen mit seinem nächsten Kunden beendet hatte und bereits wieder schrieb. Noch bevor Jakob seinen aus undefinierbaren Kräutern aufgebrühten Tee bekam, bekam Herr Schreiber seinen nächsten Schnaps. Um seinen Tisch lichtete es sich.
Junge, Junge, dachte Jakob, schließlich muß es ja nicht immer Kästner sein. Wenn der Schreiber nur halb so gut schreibt, genügt es auch! Vor allem schreibt er schnell, dachte er in der nächsten halben Stunde, seinen dünnen Tee schlürfend. Noch nie im Leben habe ich einen Menschen gesehen, der so schnell schreiben kann! Ein letzter Kunde schüttelte dem erstaunlichen jungen Mann endlich dankbar die Hand, wartete anstandshalber, bis dieser den kredenzten Schnaps gekippt hatte, und empfahl sich mit einer Verbeugung.
Jetzt aber nix wie hin, dachte Jakob und eilte durchs Lokal. Der Magere sah ihn durch seine Brille kühl an. Fast schüchtern. Er hatte viele Pickel im Gesicht, sah Jakob jetzt. Das waren keine Pickel, das war eine blühende Akne, aber solches wußte Jakob natürlich nicht.
»Wa …was soll’s denn sein?« fragte er – mit einer verblüffend nüchternen Aussprache. Er zückte schon wieder den Bleistift.
»Ja, also …«, begann Jakob und wurde von der alten Serviererin unterbrochen, welche die Batterie leerer Schnapsgläser wegräumte.
»Einen … was trinken Sie da?«
»Immer da … dasselbe«, sagte der Magere. Stottern tut der auch! dachte Jakob.
»Dasselbe für den Herrn, und noch einen Tee für mich, bitte.«
»Is scho’ recht.« Die Kellnerin schlurfte davon.
»Ja, also …«, begann Jakob wieder. Verflucht, wie redet man mit Schriftstellern?
»Hö … Hören Sie, ich habe meine Zeit nicht gestoh … ho … hohlen. Was soll’s a … also sein?«
»Soll was also sein?«
»Ich mei … eine: Soll es etwas Kriminelles sein oder etwas Sensationelles oder etwas Tragisches oder etwas Sentimentales oder eine hei … heitere Begebenheit von heute?«
»Ich …«
»Von welcher Zeitung sind Sie überhaupt?«
»Von keiner …«
»Agentur?«
»M-m.«
»Magazin?«
»N-n.«
»Ausländisches Bla … Blatt?«
»Auch nicht, Herr Schreiber. Formann ist mein Name. Jakob Formann.«