Выбрать главу

»Klaus Mario Schreiber. Also, wa … was benötigen Sie, Herr F … Fo … Formann?«

»Ich benötige einen Schreiber«, sagte Jakob.

Klaus Mario Schreiber starrte ihn brütend an.

»Ich habe hier gesessen und Ihnen zugesehen«, sprach Jakob hastig weiter.

»Sie schreiben so schnell! Und für so viele Menschen!«

»Das sind Jour … Journalisten«, erklärte der junge Mann scheu und stotternd.

»Und was wollen die von Ihnen, Herr Schreiber?«

»Na, Geschichten na … natürlich. Entsetzliche, fröhliche, drama … matische, sensationelle, erschütternde, rührende über kl … kleine Hunde und a … alte Damen, alles, was es gibt … am meisten fröhliche, optimistische. In dieser beschissenen Zeit. Die ko … kosten natürlich am m … meisten.«

»Sie … Sie verkaufen hier Geschichten?«

»Jeden Tag von drei bis acht Uhr abends«, sagte Klaus Mario Schreiber fast demütig. »Sonntag geschlossen. Wenn da … das alles war, würde ich Sie ersuchen, mich allein zu lassen. Dann ka … kann ich, bis die nächsten Kunden kommen, an meinem Roman weiterschreiben.«

»Sie schreiben einen Roman?«

»Das ist der dritte. Zwei sind schon er … er … er … – na! – erschienen.«

»Ja und? Es tut mir leid … liegt nur daran, daß ich selber kaum lese … Ich habe Ihren Namen noch nie gehört.«

»Kein Mensch hat meinen Namen je gehört. Nur die Kritiker, weil sie über meine ersten beiden Romane Hymnen geschrieben haben, und die Buchhändler. Die vom We … Weghören.«

»Wieso?«

»Die Kri … Kritiken waren g … glänzend. Aber kein A … Aas kau … kaufte die Romane. Darum habe ich ja meine Story-Börse eingerichtet. Man muß leben. Und ich bin immer so du … durstig …«

»Das habe ich gemerkt. Was ist das eigentlich, was Sie da trinken?«

Schreiber machte eine Grimasse des Ekels. »Was wird’s schon sein? Wei … Weinbrandverschnitt be … bestenfalls! Was anderes gibt’s ja nicht. Man mu … muß bereits froh sein, wenn kein Me … Methylalkohol drin ist und man blind wird. Ist mir auch schon passiert.«

»Sagen Sie, Herr Schreiber, es geht mich ja nichts an …«

»Da ha … haben Sie recht.«

»… aber warum saufen Sie so furchtbar?«

»Ö … Ö … Ödipuskomplex. Mi … Mi … Mi … Minderwertigkeitskomplex. De … Depre … Depressionskomplex über den Zustand unserer Welt. Ir … Irgendein Kom … Komplex wird’s schon sein. Wissen Sie was, ich fürchte, ich muß meine grauenvollen Komplexe ohne Rücksicht und ohne Mitleid mit mir selbst so … sofort weiter bekämpfen. Sie kön … können mir also noch ein Gl … Gläschen …«

Jakob winkte der alten Serviererin bereits.

»D … Danke.«

»Und obwohl Ihre beiden Romane so erfolglos waren, schreiben Sie einen dritten?«

»Ich w … werde auch noch einen vierten und sechsten und elften schreiben, Herr Formann. Einmal wird einer hi … hinhauen. Bis d … dahin muß ich allerdings mein Geschäft hier weiterführen.«

»Sie … hrm … Seien Sie nicht böse, bitte … Ich meine … Trinken Sie nicht ein bißchen viel?«

»Fi … finden Sie?«

»Nach dem, was ich so gesehen habe. Und das jeden Tag! Ich weiß nicht, ob Sie elf Romane schreiben werden, bis der große Erfolg kommt.«

»Sie meinen, weil ich mich vorher to … totgesoffen habe?«

»So, Herr Schreiber«, sagte die alte Serviererin und stellte ein neues Glas auf den Tisch.

»Ja, das meine ich«, sagte Jakob.

»Danke, Frau Anna. Ich lasse mich regelmäßig untersuchen, Herr Formann. Herz, Kreislauf, Le … Leber besonders – a … alles in bester Ordnung! Ich will Ihnen was verraten: Ich schreibe am besten, wenn ich be … besoffen bin. Das heißt also: Ich ka … kann immer schreiben! Tag und Nacht. Ich kann besoffen einschlafen im Bahnhofsbunker, und wenn einer mich weckt und braucht ganz schnell was Fro … Fro … Frommes oder eine bissige Satire – ich schreib’ sie sofort! Ohne Anmaßung, Herr Formann, ich wage zu sagen: Was ich nicht schreibe, das gi … gibt es nicht!«

»Okay! Engagiert«, sagte Jakob begeistert und drückte Klaus Mario Schreiber die Hand. Da habe ich ja pures Gold gefunden, dachte er.

»La … langsam, langsam«, sagte Schreiber, »was heißt: engagiert? Von wem? Von Ihnen? Gut. Wofür? Wie heißt Ihr Blatt? Oder Ihr Verlag? Oder soll ich für die lieben Klei … Kleinen Geschichten zur Er … Erbauung schreiben? Sie müssen schon ein wenig deutlicher werden.«

»Will ich gerne, Herr Schreiber. Sagen Sie: Was halten Sie von Whisky?«

»Whisky? Das Pa … Paradies auf Erden! Unerschwinglich teuer. Kann ich mir nicht leisten.«

»Aber ich«, sagte Jakob. »Scotch oder Bourbon?«

»Pfui Teufel, B … Bourbon! Scotch natürlich!«

»Okay. Also Sie kriegen Ihren Scotch. Ich akzeptiere jede Ihrer Forderungen, wenn ich sehe, daß Sie wirklich auch besoffen schreiben können – und schnell. Gut muß es natürlich auch sein.«

»Es ist gut«, sagte Schreiber bescheiden. »Sie fi … finden nichts Besseres.«

»Okay. Sie bekommen ein festes Gehalt, wir werden uns einigen. Nicht diese Einzelkunden, nicht diese Quälerei jeden Tag. Aber Sie müssen sofort anfangen!«

»Herrgott, wo?«

»Bei meiner Illustrierten.«

»Sie … Sie haben eine Ill … Illustrierte?«

»Sage ich doch.«

»Ja, aber er … erst jetzt. W … Wo ist sie denn, Ihre Illustrierte?«

»Die erste Nummer soll gerade rauskommen. Hier, bitte, wollen Sie meine Lizenz sehen?« Das kostbare Schriftstück, das er durch Vermittlung seines Freundes Generalmajor Hobson, Chef der Kulturabteilung bei der Amerikanischen Militärregierung im Hauptquartier Heidelberg, knappe vierzehn Tage nach dem Begräbnis des armen Jan Kalder erhalten hatte, trug Jakob stets bei sich.

Der Magere studierte es genau. Auf seiner hohen Stirn blühte die Akne besonders arg.

»Alles okay«, sagte Jakob beschwörend. »Ich hab’ da einen Freund in der Army. Wir haben einen Fernschreiber gekriegt – und den hat keiner sonst! – und die Nachrichtendienste von INS und AP und UP, und Fotos aus der ganzen Welt kriegen wir auch, und …«

»Orchidee.«

»Was?«

Der Schreiber tippte auf ein Wort der Urkunde. »Orchidee hei … heißt Ihre Illustrierte, steht da.«

»Ja«, sagte Jakob beklommen.

»Das ist kei … kein Name für eine Illustrierte, Herr Formann!«

»Vollkommen meine Meinung, Herr Schreiber!« Jakob lächelte selig. Er hatte ›Orchidee‹ nie leiden können.

»Also, ich bin geneigt, Ihr Angebot anzunehmen«, sagte der Magere, Schüchterne. »Unter den genannten Bedingungen. Aber nicht, wenn das Ding ›O … Orchidee‹ heißt. Ist das Ihr Einfall gewesen?«

»Nein, der meiner Chefredakteurin.«

»Dann lassen Sie sich zunächst einen anderen Namen einfallen, Herr Formann! Oder eine andere Ch … Chefredakteurin!«

»Ich hab’ schon einen!«

»Welchen?«

»Eh … verflucht, jetzt habe ich ihn wieder vergessen!«

»Vielleicht sollten Sie mal zum Arzt gehen.«

»Unsinn! Die ganzen letzten fünf Minuten hab’ ich mir gedacht, das ist der Name für meine Illustrierte. Ein kurzes Wort. Ich hab’s ein paarmal gebraucht im Gespräch mit Ihnen. O … o … o …«

»Okay?«

Jakob schlug auf den Tisch, daß das Geschirr klirrte und die alte Serviererin sogleich mit neuem Tee und neuem Schnaps angeschlurft kam.

»Okay! Das war es! OKAY – ist das ein Name für eine Illustrierte?«

»Da … das ist ein Name für eine Illustrierte, Herr Formann!«

»Okay!« Jakob lächelte selig. Ein solcher Trottel bin ich also auch nicht, dachte er. Frau Dr. Malthus nimmt sich ein bißchen viel heraus, diese elende Intellelle. (Komisch, im Bett ist sie prima.)

»So«, sagte Klaus Mario Schreiber, »und jetzt möchte ich gerne noch wissen, was Sie au … außer der Lizenz und dem Ti … Titel und den Na … Nachrichtendiensten noch haben, Herr Formann.«