»Da ist was dran …«, sagte der Schlußredakteur beeindruckt.
»Und o … ob da was dran ist! Das wäre eins! Das zweite wäre die Langeweile im Blatt. Es ka … kann den Menschen noch so dreckig gehen – immer werden sie sich für Menschen interessieren, denen es noch dreckiger geht! Für Verbrechen, Unglücke, Katastrophen.«
»Wir wollen kein Revolverblatt …«, begann der Textchef, aber Schreiber unterbrach ihn: »Wir wo … wollen eine große Illustrierte – oder? Wir wo … wollen Meinungen und Informationen vermitteln. Aber nicht so, wie es hier geschieht. Nicht gleich so! Wir brauchen – im Moment! – was sen … sensationell Kri … Kriminelles. Und was sensationell Me … Medizinisches – wird sich ja noch was finden bei drei Diensten!«
»Nur so weiter«, sagte der Textchef Dr. Drissen.
»Weiter … D … Der Roman! Der Ro … Roman, den Sie au … ausgewählt haben, ist literarisch ungeheuer wertvoll. Es wird ihn nur kein Mensch, der so viele Sorgen hat, wie wir alle jetzt, le … lesen. Jetzt brauchen wir etwas, das den Menschen zeigt: A … Andere saßen auch schon mal in der Schei … Verzeihung, Frau Doktor. Und sind herausgekrabbelt. Etwas Optimistisches! N … Nicht mä … märchenhaft, unglaubwürdig optimistisch! Sondern so, daß jeder es glaubt, mi … mitgeht und sagt, ja so war das, das hätte so sein können, hoffentlich kommen die armen Leute wieder raus aus dem Dreck, ver … verstehen Sie?«
»So einen Roman gibt’s nicht!«
»Und o … ob es so einen Roman gibt! Es ist überhaupt der Roman, de … der als e … erster in Ihrer Z … Zeitschrift erscheinen muß. Der Mann, der ihn geschrieben hat, der hat immer fürs Volk geschrieben. Er heißt Hans Fallada. Und der Roman, an de … den ich denke, heißt KLEINER MANN, WAS NUN?«
»Herrgott, das ist ein Titel! Für uns alle jetzt«, sagte Jakob begeistert.
»D … Das war schon da … damals, um 1930, ein Ti … Titel für alle, Herr Formann!«
»Aber Fallada ist doch vor kurzem gestorben«, sagte der Textchef. Und fügte gehässig hinzu: »In der Ost-Berliner Charité. An den Folgen von lebenslangem Alkoholmißbrauch.«
»Und die Re … Rechte an seinen B … Büchern liegen beim R … Ro … Rowohlt-Verlag«, sagte Schreiber, die Attacke ignorierend.
»Der gibt sie uns doch nie …«
»Der gi … gibt sie uns ja, wenn ich darum bitte.«
»Wieso Sie?«
»Weil mein Verleger und Ro … Rowohlt Freunde sind«, sagte Schreiber.
»Sie haben Bücher geschrieben?«
»We … Wenn Sie verzeihen, ja.«
»Noch nie was davon gehört.«
»Wenn Sie was da … davon gehört hätten, säße ich ni … nicht hier.«
»Ja, also wenn Sie glauben …«, begann Frau Dr. Malthus.
»Ich glaube ni … nicht, ich weiß«, sagte Schreiber. Und dann sagte er eine Stunde lang, was er noch zu sagen hatte. Zuletzt war die Whiskyflasche zu drei Vierteln leer, und zu drei Vierteln stimmten die Anwesenden auch Schreibers Ansichten zu.
»Aber wer soll das alles schreiben und umschreiben?«
»Ich«, sagte Schreiber schlicht.
»Sie? Mit all dem werden Sie doch nie rechtzeitig fertig! Wir müssen ganz, ganz schnell raus mit der ersten Nummer!«
»Ich we … werde noch mit v … viel mehr fertig«, sagte Schreiber. »Ich stottere so hu … hurtig, wie ich schrei … eibe. Ich wollte, ich hätte was Anständiges gelernt. Aber ich hab’ fünf Jahre lang Leute um … umbringen müssen, die ich nie ge … gesehen hatte, die ich nicht ka … kannte, bloß damit nicht sie mich um … umbringen … Gi … gibt auch noch ein paar sehr gute Romane von Erich Maria Remarque, im E … Ex … na! Exil geschrieben. Und einen H … Ho … Holländer, Jan de Hartog heißt er … Über den Textteil von OKAY ma … machen Sie sich keine Sorgen, Herr Doktor Drissen! We … wenn Sie nur ein bißchen auf mich hören, wird alles ge … gehen wie geschmiert.«
»Was haben Sie da gesagt?« fragte Frau Dr. Malthus. »ORCHIDEE heißt unsere Illustrierte!«
»Da … Das ist kein Name für eine Illustrierte! Herr F … Fo … Formann und i … ich haben uns auf OKAY geeinigt«, sagte Schreiber. Zum ersten und letzten Mal in ihrem Leben sagte Frau Dr. Ingeborg Malthus ›du‹ zu ihrem Verleger, Partner und Bettgenossen.
Sie sagte: »Du verdammtes Schwein.«
Danach erlitt sie einen Schwächeanfall und glitt vom Stuhl.
79
Als sie zu sich kam, hatte sie das Gefühl, ersticken zu müssen. Schreiber kniete neben ihr und flößte ihr Whisky ein. Frau Dr. Malthus spie einen Mundvoll aus.
»Mein Go … Gott, die … diese Verschwendung«, sagte Schreiber erschüttert.
Anschließend gab es dann eine Abstimmung. Demokratisch, nicht geheim. Jeder sagte offen seine Meinung zu dem neuen Titel.
Die offene demokratische Abstimmung ergab achtundzwanzig Stimmen dafür und eine dagegen. Die eine Gegenstimme stammte von Frau Dr. Ingeborg Malthus.
»Bevor ich zustimme, bringe ich mich lieber um!« rief sie.
»Okay«, sagte Jakob angeregt.
Der UP-Fernschreiber begann zu rattern.
Schreiber schlenderte hin.
»Ah, was Neues von den No … No … Nonnen«, sagte er.
In der Nähe von Athen hatte die Polizei vor einer Woche ein Nonnenkloster ausgehoben und festgestellt, daß in diesem zahlreiche Kinder unter grausamen Umständen getötet worden waren. Der UP-Fernschreiber tickerte weitere Informationen.
»Da … Das ist noch etwas, das wir ei … einführen so … sollten«, sagte Schreiber. »Mi … Mit so vielen Nachrichtendiensten … Wir haben mehr Platz als die Tageszeitungen. Wir kö … könnten jede Woche so eine Se … Se … Sensationsgeschichte, egal, wo … wo in der Welt sie sich zutrug, bringen.«
»Wir brauchen fast drei Wochen zur Produktion einer Nummer! Da sind wir doch längst nicht mehr aktuell!« rief der Layouter.
»Sind wir doch. Wann ist A … Andruck?« fragte Schreiber.
»Jeden Dienstag um Mitternacht.«
»D … Dann k … können wir noch eine S … Sensationsgeschichte vom Di … Dienstag bringen!«
»Nie! Die Dienste kommen in Englisch … in riesigen Mengen … Das muß doch bebildert werden!«
»Fotos gibt’s allerdings schon früher«, sagte der Chef der Bildredaktion.
»Da hören Sie’s! Eine lange Ge … Geschichte mu … muß das immer werden. Z … Zw … Zwölf … Spa … Spa … Spalten mindestens!«
»Zwölf Spalten … Das sind sechsunddreißig Manuskriptseiten! Wer soll denn die schreiben von Dienstag früh bis Dienstag mittag – denn am Nachmittag muß das Zeug ja schon gesetzt werden, damit wir es in der Nacht imprimieren und zum Druck geben können! Einen Menschen, der so schnell und dabei auch noch gut schreibt, einen solchen Menschen gibt’s ja überhaupt nicht!«
»A … Aber ja do … doch«, sagte Schreiber.
»Wo ist er?«
»Er steht vor Ihnen«, sagte Jakob und zeigte auf Klaus Mario Schreiber.
»Vo … Vorausgesetzt, ich kriege W … W … Whisky.«
»Sie kriegen ihn.«
»Na schön«, sagte der Säufer, »da … dann also an die A … Arbeit! I … Ich schreibe zuerst das um, was blei … bleibt. Dann sind Sie so gut, Herr D … Do … Doktor Drissen, und kü … kümmern sich um ein paar Herren – ich gebe Ihnen die Adressen. Die H … Herren haben Interessantes zu berichten. I … Ich schreib’s d … dann zusammen. Ro … Rowohlt ru … rufe ich s … sofort an, damit der Fa … Fallada gesetzt werden kann. Später brauchen wir die M … Maschinen für aktuellste Beiträge – ich bin dafür, mit den No … No … Nonnen anzufangen bei diesem aktuellen Sensationsdienst – nennen wir ihn ›H … Hinter den K … Kulissen‹! Werden noch ein, zwei Tage vergehen, bis die Polizei du … durch ist und wir be … bessere Fotos haben und die ganze Geschichte kennen. ›Hi … Hinter den Kulissen‹ wäre immer die Vorschlagzeile. Da … dann käme der Haupttitel. Was halten Sie von ›Die teuflischen No … No … Nonnen‹?«