Düster war Jakobs Gemütszustand in diesem Moment, sehr düster. Normalerweise wäre ich längst Millionär, dachte er. Normalerweise! Verflucht, er schwamm in Geld – aber leider eben in wertlosem Reichsmark-Geld, das ihm zudem zwischen den Fingern zerrann, kaum daß er es eingenommen hatte.
Wenn jetzt – aber schnell! – nicht ein Wunder geschieht, dachte Jakob in dem überfüllten Abteil, trauervoll einen mageren Mann ansehend, der seiner Ansicht nach dafür verantwortlich war, daß die bestialische Luft im Abteil von Zeit zu Zeit immer noch ein bißchen bestialischer wurde, wenn das nur eine kleine Weile so weitergeht, dann kann ich zumachen mit meinen Hühnerfarmen, mit OKAY, mit der Fertighausfabrik. Denn dann bin ich pleite.
Schiere Verzweiflung bemächtigte sich des sonst so munteren Jakob. (Übrigens auch aller anderen Menschen in Deutschland, aber das war natürlich kein Trost.) Der Verzweiflung folgte Zorn. War das eine Gerechtigkeit?
Die wirklich großen Schieber wurden fetter und fetter, und ein Mann wie er, der sich halb zu Tode arbeitete (Gott ja, natürlich schob auch er – aber doch nur mit Eiern!), ein solcher Mann stand vor dem Ruin.
Erschütternd! Jakob zerfloß in Selbstmitleid. Drei Minuten lang.
Dann fühlte er, von der Hand ausgehend, welche die Hasenpfote umklammerte, die ihm schon so bekannte wohlige Wärme seinen Körper durchfluten. Der Augenblick der Depression war vorbei. Der bleiche Mann gegenüber hatte es wieder getan (verflucht und zugenäht – offenbar Erbsen!), aber Jakob sah ihn nicht, wie alle anderen im Abteil, empört, böse und strafend an. Nein, er nickte dem Furzer milde zu! Und dachte genau das, was einige Jahre zuvor Zarah Leander gesungen hatte: ›Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen!‹
In dieser Hochstimmung machte er zwei Stunden später dem Herrn Regierungsrat Bernt Schneidewind im Polizeipräsidium Nürnberg, gewinnend lächelnd, einen kleinen Vorschlag …
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»Mann!« schnarrte der Regierungsrat Bernt Schneidewind, schneidend wie sein Zuname, und schlug mit einer preußischen Faust auf einen mittelfränkischen Schreibtisch. »Mann! Von Kindesbeinen auf wurden wir erzogen zu Redlichkeit, Treue, Pflichterfüllung und Disziplin!« (Eijeijeijeijei, dachte Jakob und wäre vor Schreck über den plötzlichen Ausbruch fast von dem wackligen Stuhl gefallen, auf dem er saß. Du bist vielleicht erzogen worden zu all dem, ich nicht – jetzt verstehe ich, warum sich keiner meiner Funktionäre an dich rangetraut hat!) »Mann!« wiederholte Schneidewind ganz leise zum drittenmal, »sind Sie denn vollkommen wahnsinnig geworden, einem deutschen Beamten einen solchen Vorschlag zu machen?« Und wieder mit der Faust auf den Tisch. So haben wir’s gerne, dachte Jakob.
»Mann, Sie haben den Mut … Sie können kein Deutscher sein! Was sind Sie?«
»Österreicher.«
»Das erklärt alles! Schlappschwänze! Degeneriert! Kamerad Schnürschuh! Unfähig! Balkanesen! Lumpen und Verbrecher!«
»Wie Hitler.«
»Was?«
»Ich habe gesagt, wie Hitler. Der war auch Österreicher!«
»Der Füh … äh … der Hit … Was unterstehen Sie sich, Mann? Ich lasse Sie auf der Stelle verhaf … Natürlich, Sie haben recht …« Regierungsrat Schneidewind hatte die Kurve wieder gefunden, nachdem er eben beinahe entgleist war. Darum tobte er noch lauter: »Absolut recht haben Sie! Dieser größte Verbrecher aller Zeiten konnte nur aus Österreich kommen! Aber Sie … Sie … Sie …« Schneidewind rang nach Atem. Und wieder mit der Faust auf den Tisch! »…aber Sie wagen es, auch noch diese zynische Bemerkung zu machen! Ungeheuerlich! Kommt hier herein und will mich mit zweitausend Dollar bestechen, mich dazu bringen, meine Pflicht zu verletzen, ihn bei seinen Untaten zu unterstützen! Hat wahrhaftig die Unverschämtheit, mir zweitausend Dollar anzubieten! Natürlich lasse ich Sie auf der Stelle verhaften, Mann!«
1948 – Währungsreform und Luftbrücke
4. Januar: Dr. Johannes Semler, Direktor der Verwaltung für Wirtschaft beim Wirtschaftsrat: »Man hat uns Mais geschickt und Hühnerfutter, und wir zahlen es teuer. Geschenkt wird es uns nicht … Es wird Zeit, daß deutsche Politiker darauf verzichten, sich für diese ›Ernährungszuschüsse‹ zu bedanken.«
24. Januar: Dr. Semler durch die Militärgouverneure Clay (USA) und Robertson (GB) seines Amtes enthoben.
17. Februar: Die »Bank deutscher Länder« in Frankfurt/M. errichtet.
März: Die Papierzuteilung in der US-Zone ist so gering, daß jeder Bewohner im Durchschnitt nur alle 20 Jahre ein Buch kaufen könnte.
Mai: Die Münchner Kammerspiele müssen schließen, da acht Schauspieler infolge Unterernährung zusammengebrochen sind. Die Besatzungsmacht hat zwar Lebensmittelkartenzulagen für Künstler (»For Artists«) genehmigt – die Ämter haben aber daraufhin nur den Artisten (!) Zulagen gewährt.
14. Mai: David Ben Gurion proklamiert die Gründung des Staates Israel.
20. Juni: Währungsreform für die drei Westzonen. DM 40,- als erster »Kopfbetrag«.
23. Juni: Währungsreform für die Sowjetische Besatzungszone. Altes Bargeld wird gegen Reichs-und Rentenmark-Scheine mit aufgeklebten Spezialkupons umgetauscht (»Tapetenmark«). Kopfbetrag 70 Ostmark.
24. Juni: Sowjets beginnen die Blockade West-Berlins. Amerikanische und englische »Rosinenbomber« bilden Luftbrücke.
August: Rente eines zu 70 Prozent Kriegsbeschädigten mit Frau und vier Kindern – pro Tag und Kopf 65 Deutsche Pfennige.
1. September: Der Parlamentarische Rat als verfassunggebende Versammlung tritt in Bonn (ab 1949 »vorläufige Hauptstadt«) zusammen. Vorsitzender: Konrad Adenauer.
September: Erste Anwendung von Cortison, Mayo-Klinik, USA.
20. Oktober: Sowjetzone: HO (staatl. Handels-Organisation) als Träger des Einzelhandels.
2. Dezember: Spaltung von Groß-Berlin in Ost (SED)- und West-Berlin.
4. Dezember: In West-Berlin eröffnet Oberbürgermeister Ernst Reuter die »Freie Universität«.
9. und 10. Dezember: Vereinte Nationen (UN): Entschließung gegen Gruppen- und Massenmord (Genocid) sowie Allgemeine Deklaration der Menschenrechte.
Norbert Wiener: »Cybernetics« – Beginn der Kybernetik.
Erfindung des Transistors.
Bühne: »Kiss me Kate« (US-Musical, Cole Porter).
Schlager: »Der Theodor, der Theodor …«; »I hab’ rote Haar …«.
Wieder dieses wohlige Wärmegefühl …
Hm, dachte Jakob, indessen Schneidewind wie von Sinnen weitertobte, hm. Einen letzten Notgroschen von achttausend Dollar habe ich noch. Zweitausend habe ich diesem teutsch-preußischen Ekel angeboten. Das ist seine Reaktion. Nicht zu fassen. Ich verstehe das nicht, beim Barras habe ich doch haufenweise die nettesten und vernünftigsten Kumpels aus Preußen zu Freunden gehabt.
Schneidewind hatte den Hörer des Telefons hochgerissen und bereits eine Zahl gewählt, als Jakob werbend lächelnd sagte: »Zuwenig, ich sehe es ein, Herr Regierungsrat.« (Ich muß also mein Letztes riskieren.) »Verzeihen Sie, ein Mann wie Sie … Ich wollte Sie nicht beleidigen … Sie sind natürlich andere Summen gewöhnt … Also gut, sagen wir sechstausend.«
Herrn Schneidewind traten die Augen aus dem Kopf. Der Hörer fiel in die Gabel. Herrn Schneidewinds Mund stand offen. So stierte er Jakob eine Minute lang an. Dann krächzte er: »Bar?«