»Auf den Tisch des Hauses, Herr Regierungsrat«, sagte Jakob. Verflucht, jetzt habe ich noch ganze zweitausend Dollar. Aber ich weiß, es wird nun bald ein Wunder geschehen …
Schneidewind erhob sich schwankend, ging schwankend zur Tür und sperrte ab. Schwankend kam er zurück und ließ sich in den Sessel fallen.
»Ha … ha … ha …«
»Herr Regierungsrat?«
»Ha … haben Sie die Dollars bei sich?«
»Selbstredend, Herr Regierungsrat.«
»Also worauf warten Sie dann noch, Mann?« schrie Schneidewind, wiederum schneidend. »Die besten Abnehmer finden Sie in der Winterstraße. Jede Razzia wird Ihnen oder einem Mann, den Sie mir nennen, vierundzwanzig Stunden vorher bekanntgegeben. Los, los, los, Mann, wollen Sie gefälligst die sechstausend Dollar auf den Tisch blättern!«
»Aber bittschön, freilich«, sagte Jakob und begann zu blättern.
83
Eine halbe Stunde später bereits fand er sich in der Winterstraße, die Regierungsrat Schneidewind ihm als Schwarzmarkt-Umschlagplatz so sehr empfohlen hatte, in Verhandlungen mit drei ›Verteilern‹ und einem ›Grossisten‹. Die drei Probe-Eier wurden angekratzt, leicht beklopft, zwei roh ausgetrunken von Spezialisten, auf deren Urteil sich der dritte Schwarzhändler (der ›Grossist‹) blind verließ. Die Spezialisten waren begeistert.
»Erste Wahl«, sagte der eine. Da heulten schon Sirenen. Sehr laut. Sehr nahe. Die MPs auf ihren Jeeps und Trucks hatten die Sirenen erst sehr spät eingeschaltet. Praktisch erst, als die Winterstraße vorne und hinten abgeriegelt war und kein Mensch mehr entweichen konnte. (Nebengassen gibt es hier nicht, ausnahmsweise auch keine Ruinengrundstücke, die verfluchten Häuser sind alle stehengeblieben, dachte Jakob erbittert.) Und deutsche Polizei war auf einmal auch da.
Panik kam auf, Geschrei, Gejammer, Fluchen in einem Dutzend Sprachen. Ein kurzer (von vornherein sinnloser, weshalb Jakob auch nicht an ihm teilnahm) Kampf folgte. Die MPs brüllten ununterbrochen, die deutschen Polizisten droschen wacker drein. Jakob setzte sich still auf den Bordstein, legte das eine ihm verbliebene Ei sorgsam zurück in die Watte des Diplomatenkoffers und wirkte klein wie ein Yorkshire-Hündchen. (Die haben sehr oft auch nur eines.) Er dachte: Der Schneidewind hat mich schön hereingelegt! Ein bulliger MP riß ihn hoch. Das letzte, was Jakob sah, waren seine Gesprächspartner, die eben von MPs festgenommen wurden.
»Ich muß schon sehr bitten«, sagte Jakob indigniert.
Der MP schrie ihn an: »Mak snell in truck, you no-good blackmarketeering-bastard, you!«
»Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie sich einer weniger schmutzigen Ausdrucksweise bedienten«, sagte Jakob dem fassungslosen Militärpolizisten in bestem King’s English. Dann schritt er zu einem der Laster, mit denen die Schieber und Schwarzhändler abtransportiert wurden, und zwei Minuten später raste sein Truck los. Eine Viertelstunde später erreichten sie das Gefängnis im Gebäude des Provost Marshal. Es war ein großes Gefängnis, aber zu klein für die vielen Festgenommenen. Sie saßen, bei offenen Zellentüren, dicht gedrängt überall auf dem Boden, auch auf den Gängen, und Jakob bekam die gleichen pestilenzartigen Gerüche in die Nase wie in dem Zug, der ihn nach Nürnberg gebracht hatte. Erbsen, dachte er, nix zu fressen gibt’s – offenbar nur noch Erbsen! Samt Würmern!
84
Der amerikanische Offizier, der Jakob vernahm, war ein Brüller. Die Füße, in braunen Combat-Schuhen, hatte er auf seinen Schreibtisch gelegt. Vor den Schuhen sah Jakob den geöffneten Diplomatenkoffer. Darin, in Watte gebettet, das Probe-Ei. Bitternis überkam ihn. Es gab keine zweite Sitzgelegenheit im Büro. Lieutenant John Crawford verhörte seine Häftlinge immer so – er ließ sie stehen. (Psychologische Kriegführung, er hatte eine Menge Bücher darüber gelesen. Man könnte sagen: zu viele.)
»Sie sind also geständig?« brüllte Crawford.
»Zu was?« fragte Jakob, englisch.
»Schwarzmarkthandel mit einem Ei! Schwerer Verstoß gegen Gesetz Nummer 432 der Militärregierung, Absatz k.«
»Dürfte ich das Gesetz vielleicht einmal lesen?«
»Kerl, wenn Sie mir frech kommen, lasse ich Sie sofort …«
»Nicht frech. Ich möchte nur wissen, ob das Gesetz auf mich zutrifft. Sonst gebe ich Ihnen am Ende die falsche Antwort, Lieutenant. Und dann komme ich auch noch wegen Meineid dran. Oder ich belaste mich sinnlos.«
»Sie sind auf jeden Fall belastet!«
»Das ist noch lange nicht heraus. Ei ist nämlich durchaus nicht Ei.«
»Was soll die Frechheit? Wollen Sie mir jetzt einen Vortrag über die verschiedenen Sorten von Eiern …«
»Nur über die verschiedene Herkunft, Lieutenant. Sehen Sie, es gibt deutsche Eier von deutschen Hennen. Dann gibt es amerikanische Eier von amerikanischen Hennen, die aus amerikanischen Eiern geschlüpft sind, jedoch von den Amerikanern an Deutsche übergeben wurden. Diese würde ich als deutsche Eier bezeichnen. In meinem Falle wäre das so. Und ich denke doch, daß es einem Bewohner Deutschlands freisteht, sein eigenes deutsches Ei … auch wenn es sich um eine Schenkung handelt und insbesondere, wenn er im Besitz der entsprechenden Unterlagen ist …«
»Shut up!«
»Wenn ich um den Paragraphen bitten dürfte, Lieutenant.«
Lange Pause.
Dann fragte Crawford lauernd: »Sie haben amerikanische Schenkungspapiere?«
»Nein.«
»Aha!«
»Ich trage sie doch nicht immer mit mir herum. Was stellen Sie sich vor?«
»Wo sind die Papiere dann, verflucht?«
»In Waldtrudering. Auf dem Hof von Heinrich Himmler.«
»Um Gottes willen.« Die langen Beine mit den Combat-Schuhen verschwanden vom Schreibtisch. Crawford sprang auf. Zu Tode erschrocken wich er gegen die Tür zurück. »Ein Wahnsinniger! Ich muß sofort den Arzt …«
»Nein, Crawford«, sagte Jakob freundlich. »Müssen Sie nicht. Ich würde sagen, Sie müssen jetzt überhaupt nichts. Jedenfalls nichts, was Sie wollen. Sondern was ich will.«
»You goddamned Kraut …«
»Das ist keine Art, sich auszudrücken. Sie haben ja keine Ahnung, wer ich bin! Wenn Sie eine Ahnung hätten, fielen Sie auf der Stelle um, Mann! Ich habe früher beim Hörsching Airfield, Austria, gearbeitet. Es gab da eine beklagenswerte Affäre, über die ich mich zu schweigen verpflichtet habe, weil der Vertreter des Provost Marshal in Linz mich flehentlich darum ersucht und mir amerikanische Eier zum Geschenk gemacht hat.«
»Wie viele?«
»Vierzigtausend …«
»Vierviervier …«
»Das war erst der Anfang. Governor van Wagoner in München hat dann im Auftrag der Generale Clay und Clark weitere sechsundsechzigtausend Eier über den Atlantik für mich einfliegen lassen …«
»Sechsundsechs …« Crawford schwankte zu seinem Sessel zurück und fiel schwer hinein. »Aus einer Irrenanstalt entsprungen, Formann?«
»Nein, Crawford.«
»Simulant, was?«
»Auch nicht, Crawford. Bevor Sie einen Herzklaps kriegen, würde ich empfehlen, sofort meinen lieben Freund Murray van Wagoner, den amerikanischen Militärgouverneur für Bayern, anzurufen.«
»Der ist Ihr lie … lie … lieber Freund?«
»Ja. Er wird Ihnen die ganze Geschichte erklären. Beeilen Sie sich. Ich muß heute noch nach München zurück, und es geht nur noch ein Zug um neunzehn Uhr. Wenn ich den versäume, wenn sich bis dahin nicht alles aufgeklärt hat, und das sagen Sie bitte meinem Freund Murray, wenn ich also bis neunzehn Uhr nicht völlig rehabilitiert und auf freiem Fuß bin, dann werde ich auspacken, verlassen Sie sich drauf. Was ich zu sagen habe, ist top secret. Ich habe versprochen, es für mich zu behalten. Falls man mich allerdings weiter derart behandelt, sehe ich mich an mein Wort nicht länger gebunden und werde reden. Ich habe eine Illustrierte. Die heißt OKAY. Kein Begriff? Ah, ja, doch? Sehen Sie! Ich habe den besten Schreiber. Wenn der meine Geschichte schreibt und die nächste OKAY rauskommt, Crawford, dann wird die ganze Welt über Amerika lachen, dann haben Sie Ihr Gesicht für alle Zeiten verloren, dann sitzt in vierzehn Tagen ein Russe auf Ihrem Platz, weil man Sie aus Europa hinausgelacht hat – oder, was wahrscheinlicher ist, weil Sie sich selber zu einer zweiten Invasion entschlossen haben: zur Invasion Amerikas! Ich sehe direkt schon die Schlagzeilen vor mit: Amerikaner in Amerika gelandet!«