Da strömt jetzt die D-Mark herein! Mit den Eiern, den Häusern, mit OKAY. Weiß Gott, ich bin ein großer Mann. Die werden sich wundern, was für ein großer Mann ich noch werden werde! Die haben ja keine Ahnung. Das war doch nur der erste Sieg in meinem Krieg! Nie hätte ich gedacht, daß es so viele verdammte Kerle in den USA gibt, die mit toten Weibern schlafen wollen …
»… well, folks, here comes ›String of Pearls‹ …«
Die Tür des pompösen Wartezimmers mit den goldfarbenen Seidentapeten, in dem Jakob gewartet hatte, öffnete sich. Die ernste Sekretärin erschien.
»Bitte, kommen Sie, Mister Formann! Senator Connelly ist jetzt für Sie zu sprechen!«
Jakob erhob sich. Ihm war schwindlig. Er lächelte die Schöne an. Doch die blieb ernst. Er schwankte leicht beim Gehen. Das ist alles ein bißchen zuviel auf einmal, dachte er. Verflucht, wie Marlene Dietrich – solche Beine können nicht echt sein, also das gibt es einfach nicht!
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»Willkommen, Mister Formann!«
»Guten Tag, Senator«, sagte Jakob, während er auf den älteren Herrn hinter dem riesenhaften Schreibtisch zuschritt. Der ältere Herr war ein wenig weißhaarig (das heißt: Er hatte nur noch wenige Haare, und die waren weiß), groß, knochig, mit einem an altes Leder gemahnenden verschrumpelten Gesicht. Er trug einen goldgefaßten Zwicker und hatte zu große Ohren und zu kleine Hände.
Die Herren standen nun voreinander. Es folgte eine lange Stille. Senator Connelly musterte Jakob. Jakob musterte des Senators Riesenbüro. Eiweih, dachte er dabei, ich bin bei einem Irren gelandet!
Der Raum glich einem Museum. An den Wänden hingen Fahnen und Standarten der Deutschen Wehrmacht sel. und der SS, Gewehre, Pistolen, Hundepeitschen, Bilder von deutschen Kampf-und Jagdflugzeugen, von Reichsparteitagen und von Adolf Hitler. Auf Tischen sah Jakob flache Vitrinen mit Parteiabzeichen und Koppelschlössern und sämtlichen Orden der Nazis vom Mutterkreuz bis zum Ritterkreuz mit Eichenlaub, Schwertern und Brillanten. Ein langes Regal zeigte weitere deutsche Waffen, von der Eierhandgranate bis zum Sturmgewehr 44. Überall standen kleine Modelle von Flugzeugen der Luftwaffe, von schweren MGs, von allen möglichen Panzern, von der V 2 und anderen Raketen. Auf Bildern (oder in Miniatur) waren zahlreiche Schiffseinheiten der Deutschen Kriegsmarine, vom Einmann-U-Boot bis zur ›Bismarck‹, vertreten. Gasmasken hingen an den Wänden.
Hilf, Himmel!
»Setzen Sie sich«, sagte der Senator. Jakob plumpste in einen Sessel. Der Senator zog sich hinter den Schreibtisch zurück und betrachtete Jakob interessiert, während er geistesabwesend eine schwarze Mütze mit kleinem silbernem Totenkopf, die wohl einem hohen SS-Führer gehört hatte, streichelte.
»Phan … phan … phan …«
»Wie bitte?«
»Phantastisch!«
»Sie sind überwältigt, Mister Formann, geben Sie’s zu!«
»Ich geb’s zu, Senator, ich bin überwältigt.«
»Ja, das kann man schon sein …« Connelly nickte. Man sah ihm an, wie sehr er in seine Sammlung verliebt war. Er nickte vierzehn Sekunden lang. Jakob zählte mit. Nach vierzehn Sekunden räusperte sich Jakob heftig. So geht das nicht weiter, dachte er, time is money, und wenn ich ihn nicht sofort zur Sache bringe, reißt der alte Trottel noch den Arm hoch und singt das Horst-Wessel-Lied. Das heftige Räuspern wirkte. Connellys Blick kehrte aus weiten Fernen zurück und konzentrierte sich auf Jakob.
»Ah, hm, ja, also … Sie haben da ein Empfehlungsschreiben von Governor van Wagoner mitgebracht. Alter Freund von mir. Großartiger Bursche, wie?«
»Das kann man wohl sagen, Senator!«
»Ich soll Ihnen nach besten Kräften helfen und Sie unterstützen bei Ihren Untenehmungen, schreibt Murray. Was sind das für Unternehmungen, Mister Formann? Worum geht es denn?«
»Um Truppenunterkünfte, Senator.« (Donnerwetter, jetzt flutscht es nur so. Ich bin eben ein Masselmolch.) »Es sind die besten Truppenunterkünfte der Welt! Die Deutsche Wehrmacht hatte sie in Narvik ebenso wie in Libyen! Ich stelle sie in Deutschland her. Governor van Wagoner sagte mir, Sie seien der Mann mit den besten Beziehungen zum Pentagon, zu den Herren im Verteidigungsministerium. Traurig, traurig, das aussprechen zu müssen, Senator: Aber jetzt … die Blockade Berlins, der kalte Krieg … jetzt ist sie schon wieder vorbei, Ihre Waffenbrüderschaft mit den Russen. Wenn das so weitergeht …«
»… und es wird so weitergehen!«
»Ganz meine Meinung, Senator … dann werden Sie wohl sehr schnell sehr viele Truppenunterkünfte brauchen …«
»Es ist eine Tragödie. Da haben wir Schulter an Schulter mit den Russen Hitlerdeutschland besiegt, in einem beispiellosen Ringen – und jetzt sieht die Welt so aus! Mein Sohn ist noch drüben.«
»Wo drüben, Senator?«
»In Europe. Vienna. Bin stolz auf ihn. Braver Junge. Tapferer Junge. Er hat unter Einsatz seines Lebens einen Werwolf gestellt …«
Auch der cleverste Mann, den es gibt, hat manchmal einen totalen Blackout. Rennt blindlings in sein Verderben. Und mit Elan!
»Einen Werwolf!« jubelte Jakob auf. »In eine MP-Station hat er ihn gebracht, ja?«
»Ja. Woher wissen …«
»Moment! Und der Werwolf wurde von der MP verhaftet …«
»Stimmt, aber …«
»… und ins Gefängnis gebracht, richtig?«
»Richtig. Hören Sie, Mister Formann …«
»Aber dann kenne ich ihn doch!« Jakob strahlte. (Totaler Black-out eben. Selbst Einstein hatte so was manchmal.) »Mein Gott, ist die Welt klein! So ein hübscher Junge! Blond! Blaue Augen! Nein, so etwas! Also, wenn ich das lesen würde, ich könnte und könnte es nicht glauben! Da heißt es immer, solche Zufälle gibt es nicht! Und ob es sie gibt! Connelly … warten Sie, Senator … Lieutenant ist Ihr Sohn, stimmt’s?«
»Stimmt …«
Es entging dem Begeisterten, daß sich des Senators Augen zu Schlitzen verengten. Er jubelte weiter: »… und mit Vornamen heißt er … heißt er … Nicht verraten, ich komme sofort drauf … jetzt habe ich es schon! Robert Jackson heißt er mit Vornamen! Robert Jackson! Genau wie Sie! Genau wie Sie!«
»Genau wie ich, Mister Formann«, sagte der Senator dumpf. »Ich bin Robert Jackson Connelly senior.«
»Also nein, das ist doch wirklich …« Jakob fand keine Worte mehr vor Begeisterung.
Gräßlich langsam fragte der Senator: »Und woher wissen Sie das alles? Woher kennen Sie meinen Sohn?«
»Na, ich war doch dabei, Senator!«
»Sie … waren … dabei …?«
»Ja doch! In der MP-Station! Als Dolmetscher! Ich habe die Meldung getippt! Ich bin mit zum Landesgericht gefahren! Ihr Herr Sohn auch! Wir haben ihn noch nach Hause gebracht und …«
Eiweeh!
Jakob saß da, das Kinn war herabgefallen, so sieht ein Kretin aus.
O Gott. O lieber Himmelvater. Mir wird plötzlich heiß. So heiß wie schon lange nicht. Unangenehm heiß. Und da bin ich immer so stolz auf mein Gedächtnis … ein Gedächtnis wie ein Elefant! Von wegen! Als ich den Namen Connelly hörte – kein Funken Erinnerung. Als der alte Trottel von seinem Sohn erzählte – alles vergessen. Freudestrahlend gerühmt habe ich mich noch damit, daß ich diese männliche Jungfrau kenne.
»Nämlich … ich … das war so, Senator, wissen Sie …«, stammelte Jakob los.
Robert Jackson Connelly senior ließ eine Faust auf den Monsterschreibtisch knallen, daß zwei ›Panther‹-Panzer-Modelle (für bundesdeutsche ›Leoparden‹ war die Zeit noch nicht reif) hoch in die Luft sprangen, und ein dritter, ein ›Tiger‹, der als Briefbeschwerer diente, zu Boden krachte.
Jakob erhob sich halb.
»Liegen lassen!« schrie Senator Connelly. »Hinsetzen! Keine Bewegung, Mann! Sie waren der Dolmetscher? Antwort!«