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Er löste sich und sagte zu der sonst so Tristen, nunmehr Bebenden: »Heute um fünf machst du hier Schluß. Dann fängt das lange Wochenende an. Wir werden es zusammen verbringen. Ich warte im East Potomac Park. Vor dem Jefferson Memorial. Um sechs.«

»Sie haben ja den Verstand verloren!«

»O nein, Darling. Der alte Sack muß zu seiner Cindy! Sonst läßt sie ihn hochgehen! Ich weiß, du bist seine Freundin. Aber die nächsten drei Tage und vier Nächte bist du frei. Und an die wirst du denken – dein Leben lang!«

»Wenn Sie nicht sofort verschwinden, schreie ich um Hilfe!«

»Ich verschwinde schon. Also dann bis sechs!«

»Niemals, Mister Formann«, sagte die platinblonde Jill erbittert, »werde ich um sechs Uhr da sein! Niemals!«

88

Sie war schon um Viertel vor sechs da.

Um Viertel vor sieben war sie mit Jakob in ihrer Wohnung.

Um Viertel vor acht stöhnte sie: »Mein Gott, vorhin wäre ich fast gestorben!« Sie lag nackt auf ihrem breiten Bett. Er kauerte nackt vor ihr. Sie hatten eine ›Chinesische Schlittenfahrt‹ hinter sich. (Ich muß ihr gleich einen guten Eindruck von mir vermitteln, hatte Jakob gedacht.) Nun rauchten beide eine Abregungszigarette. Brüste hat diese Jill, dachte Jakob. Und einen Popo! Und Marlene-Beine. Diese unwahrscheinlichen Marlene-Beine! Wenn ich die Dame noch lange anschaue …

Er drückte seine Zigarette aus, sie die ihre.

»Oh, Jake«, stöhnte Jill, als sie ihn wiederum entgegennahm.

»Oh, Darling«, sagte er, sie zärtlich dabei küssend. (Ich weiß immer noch nicht, wie sie mit dem Nachnamen heißt. Zustände sind das!)

Zwei Stunden später wußte er es dann. Sie saßen, beide äußerst spärlich bekleidet, bei Tisch und stärkten sich. Jill Bennett besaß ein Apartment in einer Wohnwabe der ›Down-town‹, 126, Huston Street, Apt. 1546. Die Down-town von Washington war das typische Geschäftsviertel aller amerikanischen Städte – mit einem Unterschied: Die Hochhäuser durften nicht mehr als dreizehn Stockwerke haben. Jills Apartment lag im dreizehnten. Von der kleinen Terrasse sah man über die Stadt und den Potomac-Fluß. Unten im Hause war ein Drugstore. Jakob hatte eine Riesenbestellung aufgegeben, und die war geliefert worden. Jill und er waren entschlossen, das Apartment in den nächsten drei Tagen nicht zu verlassen. Aber schließlich mußten sie auch bei Kräften bleiben. Also hatte Jakob Kräftigendes en masse bestellt. Dazu Champagner. Champagner, hatte Jakob gefunden, hilft immer. Er lockert die Zunge. Nicht seine eigene. Die seiner Partner, meistens seiner Partnerinnen. Er selbst trank eisern Coca-Cola.

So lebten sie denn selig und in Freuden im Apt. 1546. Am Abend des Nationalfeiertages, nach bereits längerer inniger Bekanntschaft mit Jakob und zwei weiteren Schlittenfahrten, äußerte Jill, sie sei so glücklich wie noch nie im Leben, aber sie könne kein Glied mehr regen. Jede Bewegung schmerze sie. Nicht so Jakob. Der wäre gerne mit einem Rad durch Washington gesaust, um fit zu bleiben. Das ging nicht. Er sah es ein. Statt dessen bewunderte er das Riesenfeuerwerk anläßlich des 4. Juli. Danach wurde ganz Washington mit Musik aus Lautsprecherwagen berieselt. Danach küßte Jakob Jills Hand. Innen. Danach begann Jill bitterlich zu weinen.

Er streichelte sie zart. Es half nichts. Er streichelte geduldig weiter und forschte dezent: »Warum weinst du, Liebling?«

»Wei … wei … weil du doch gleich wieder wegfliegst, Jake …«

Er preßte sie an sich und bedeckte ihr tränennasses Gesicht mit Küssen.

»Hier in Washington hatte ich das größte Erlebnis meines Lebens.«

»Wa … as für ein Erlebnis?«

»Dich.«

»Ach, Ja … ake, Ja … ake, Ja … ake! Du bist doch auch meines! Nimm mich mit! Ich gehe mit dir nach Deutschland. Ich gehe überallhin, wo du hingehst! Ich schwöre, ich werde dir eine gute Frau sein …« Er zuckte zusammen. »… keine Angst … du mußt mich nicht heiraten … Nur bei dir sein will ich, bei dir sein …«

»Jill, sei vernünftig, bitte. Es reißt mir ja selbst das Herz aus dem Leibe, daß ich dich verlassen muß. Aber meine Fabriken, meine Illustrierte, die vielen Menschen, für die ich zu sorgen habe …« (Und jetzt, pathetisch:) »Ich werde wohl immer alleinbleiben müssen …«

»O … oooh!« Neues Aufschluchzen. (Hoffentlich protestieren die Nachbarn nicht wieder, dachte Jakob nervös. Bei der zweiten Schlittenfahrt hat so ein Sauhund an die Wand neben Jills Bett geklopft. Zugegeben, sie lärmte ein wenig sehr … Ich muß zur Sache kommen.)

Er kam. »Senator Connelly hat mich – mich, der ich nur das Beste für ihn und dieses Land will! – zutiefst beleidigt. Das kann ein Mann wie ich sich nicht bieten lassen!«

»Mein Gott, Jake, sprich nicht so! Bob hat es gewiß nicht so gemeint …«

»Wer?«

»Bob … Robert … der Senator …« Das Schluchzen wurde sehr laut. »O Gott, was wirst du jetzt bloß von mir denken?«

Das pflegen die Mädchen in Deutschland nachher auch immer zu sagen, dachte Jakob und sagte, wobei er Jills Haar und darunterliegende Körperpartien streichelte: »Denken? Was für ein Unsinn! Es war mir vom ersten Moment an klar, daß du seine Geliebte bist!«

»Sprich nicht so!« (Sehr schrill! Die Nachbarn!)

»Leise, Jill, leise! Ich meine … daß euch eine innige Beziehung verbindet. Oder stimmt das nicht?«

»Wenn du wüßtest, wie schwer das oft für mich ist!«

»Nicht doch. Warum denn?«

»Jake! Er ist dreiundsechzig! Ich bin achtundzwanzig!«

»Das ist allerdings schlimm, mein Kind. Aber wenn es so schwer für dich ist, warum um alles in der Welt verläßt du ihn dann nicht?«

»Ver … lassen?«

»Ein Mädchen mit deinem Aussehen! Ein Mädchen mit deiner Intelligenz!«

Sie sah ihn aus riesengroßen blauen Augen an. Die Unterlippe bebte. »Ja, hast du es denn noch nicht bemerkt, Liebster?«

»Was, Schatz?«

»Daß ich doof bin!«

»Daß du was bist?« Er sah sie entgeistert an. Rot und blau und grün wurde ihr Gesicht. (Ein neues Feuerwerk war losgegangen. Die folgende Konversation wurde unter dauernden Blitzen, Farbenspielen und krachenden Detonationen geführt.)

»Doof! Doof! Doof wie ein Ei! Ich bin das, was man hier die ›doofe Blonde‹ nennt! Und das hast du nicht gemerkt?«

»Nein!«

»Du willst mir nur etwas Liebes sagen!« Immer reden lassen jetzt, dachte Jakob, dem eine Idee gekommen war. Nicht widersprechen oder unterbrechen. Immer lassen. Aus der armen Jill brach es heraus: »Deshalb bleibe ich ja bei Bob … entschuldige, bei dem Senator … Weißt du, wie schwer es ist, einen gutbezahlten Job zu bekommen in dieser Stadt, wenn man doof ist? Überall hatte ich es schon versucht, sogar im Pentagon, im Verteidigungsministerium. Da wird es nicht so auffallen, habe ich gedacht … Hast du ein Taschentuch?« Er reichte es ihr. Sie blies hinein, daß es donnerte. »Es ist aufgefallen! Sogar im Pentagon! Dann … dann lief mir Bob über den Weg … Verknallte sich in mich … Ich wurde seine Chefsekretärin …

Natürlich habe ich mir dann auch seine Liebe gefallen lassen müssen! Kannst du dir das denn nicht vorstellen? Du … du darfst Bob nicht böse sein! Er ist es auch nicht!«

»Nein. Er hat mich aus lauter Jux und Tollerei angebrüllt und hinausgeworfen, wie?«

»Er – mein Gott –, er ist eben auch kein Geistesriese! Das liegt in der Familie …« Weiß der Himmel, dachte Jakob, indem er sich an den Sohn in Wien erinnerte. »… und dazu jähzornig! Sonst ist er der gütigste Mensch von der Welt. Nur eben ein wenig tralala und jähzornig. Furchtbar manchmal! Aber … aber daran ist nicht er schuld …«